Differentia

Google Street View – Zur Unterscheidung von Dokumentation und Simulation des Raumes 7

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Wer hat nicht schon die Beobachtung gemacht, dass das Auffinden des eigenen Bildes, des eigenen Namens oder sonst irgendeine Selbstidentifizierung in Massenmedien bei den Betroffenen meist größte Aufmerksamkeit bindet? Gewöhnlich wird so etwas mit dem Hinweis auf menschliche Eitelkeit abqualifiziert und als wenig relevante Verhaltensweise beiseite geschoben. Wenn man bedenkt, wie eifrig Wissenschaftler aller Fächer nach Veröffentlichung ihrer Aufsätze begierig im Zitationsindex nachschauen um zu gucken, wie oft und von wem sie zitiert wurden; wenn man darauf achtet, wie Prominente mit übertriebener Betonung mitteilen, dass sie die Klatschgeschichten, die über sie in der Regenbogenpresse zirkulieren, wegen Irrelevanz angeblich ignorieren; wenn man ferner bedenkt mit welcher Gründlichkeit Verlage Verkaufszahlen und Sendestationen Einschaltquoten analysieren und wenn man zur Kenntnis nimmt, wie Hinz und Kunz ihr Medienimage pflegen und den eigenen Namen routiniert googeln, und wenn man dann darauf schaut, wie solche weit verbreiteten Gewohnheiten trotzdem souverän unter den Teppich gekehrt und herunter gespielt werden, so kann man sich vor dem Hintergrund dieser sozialen Selbstvernebelungspraxis nur darüber wundern, wenn ein großer Teil der Bevölkerung die massenmiadale Dokumentation der eigenen Hausansicht mit Ablehnung betrachtet. Als selbstvernebelnd wird diese Praxis deshalb bezeichnet, weil es praktisch jeder macht – die Selbstidentifizierungsrecherche genauso wie das Herunterspielen dieses Tuns.
Macht man sich auf die Suche nach Erklärungen für solche Phänome wird man meist nur subjektheoretische Einschätzungen finden, die auf mehr oder weniger psychologisierende Spiegelungstheorien von Selbstwahrnehmungsweisen abzielen; irgendwie scheinen solche Verhaltensweisen durch psycho-defizitäre Konditionierungen bestimmt zu sein, die auf Annahmen über den allgemeinen narzistischen Selbstverdächtigungscharakter des modernen Subjekts angepasst sind. Dass solches Verhalten aber keineswegs einem individuellem Begehren geschuldet ist, sondern dass es sich um eine soziale Praxis handelt, die von den Menschen nicht einfach nach eigenem Gusto „gewählt“ oder „abgewählt“ werden kann, eine Praxis, die den Menschen nicht einfach durch „freien Willen“ zugänglich wird, kann unter diesen Umständen nur schwer erklärbar werden, weil immer nur das handelnde Subjekt, das aus eigenem Antrieb nach Selbstidentifizierung sucht, in jeder Hinsicht als Verursacher ausgemacht werden kann. Offensichtlich gibt es keine objektiv-notwendigen Bedingungen, die eine Verursachung außerhalb des Subjekts bereit stellen. Und die Frage lautet: warum ist das so? Die Frage lautet nicht, wie es um das genaue Wesen des Subjekts bestellt ist, sondern warum das Wesen des Subjekts – und nur dieses selbst – als Urgrund dieser sozialen Praxis betrachtet werden kann.
Um noch einmal die Plausibilität dieser Annahme zu betrachten, sei betont, dass es keine bekannte Gewalt gibt, die über das Subjekt in der Weise verfügen könnte, dass es gleichsam selbstillusionierend glaubt, aus eigenem Antrieb zu handeln, während es doch von irgendwoher dazu getrieben sein müsste. Es gibt – so könnte man sagen – keine erkennbaren sozialen Zwänge, die einem eine massenmediale Image-Beobachtung aufdrücken. Man könnte dies für Unternehmen und Parteien gelten lassen, für Politiker, Prominente, aber wie kommen Kinder und Heranwachsende dazu, „juhu – ich bin im Fernsehen“ zu jublen, wenn man nicht einfach unterstellen wollte, sie unterlägen einer vollständigen Dauermanipulation der Massenmedien, die ihnen so etwas undurchschaubar, gleichsam durch irgendwelche psychologsiche Zaubertricks beibringen könnten. Es muss also im Subjekt selbst begründet liegen. Empirisch gibt es offenbar keine alternative Betrachtungsweise. 

Wie immer, wenn man Fragen dieser Art stellt, läuft man, sobald man anfängt, darüber etwas aufzuschreiben, Gefahr, auf die Unvollständigkeit einer Komplexitätsreduktion aufmerksam gemacht zu werden, weil man ja – wie man weiß – alles auch ganz anders reduzieren könnte. Man merkt, wie irrelevant solche Einwände sind, weil sie ihre eigene Plausbilität selbstparadoxierend ignorieren. Darum sei hier, durchaus an nicht zu verhindernder Beobachtung der Selbstparadoxierung interessiert, mit der Behauptung angefangen, dass man die Antwort auf diese Frage angehen kann, wenn man bemerkt, was die Emipirie über das handelnde und verursachende Subjekt steuert. Dabei handelt es sich um die Dokumentform.

Fortsetzung

Google Street View – Zur Unterscheidung von Dokumentation und Simulation des Raumes 6

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Die Irritationen, die sich über Google Street View breit machen, würde ich in zwei Kategorien einteilen: Erstens handelt es um Einwände gegen dieses Vorhaben und zweitens um Einwände gegen diese Einwände. Die Diskussion hat damit eine parasitäre Funktion. Nach systemtheoretischer Schulmeinung hätten wir es in dieser Sache mit einer typischen Konfliktsituation zu tun, die als operative Verselbständigung von Widersprüchen durch Kommunikation entsteht. Sie entsteht, indem der Fortsetzung der Kommunikation durch Negation eine weitere Negation folgt. Einem „wir wollen nicht!“ auf der einen Seite wird ein „wir wollen dieses Nichtwollen nicht!“ entgegengesetzt. Bilden sich solchermaßen schließlich reproduzierbare Stukturen heraus, verhalten sie sich parasitär zu den Bedingungen, durch die sie möglich wurden. Sie verbauen Strategien der Lösungsfindungen und stellen die Problemreproduktionsroutinen auf Dauer. Konflikte erscheinen damit gleichsam  als Indikatoren für Entwicklungschancen, die allerdings unter das Risiko des Vollzugs von Konfliktualität gestellt werden. Diese Überlegungen können nicht ohne weiteres durch Andersartiges ersetzt werden, da jede Art von Schulmeinung (hier: „Bielefelder Schule“) auf ein spezifisches Muster der Orthodoxiebildung angewiesen sein muss, um sich etablieren zu können. Insofern ist es selbstverständlich möglich, der Schulmeinung zu widersprechen, sie zu überprüfen oder zu revidieren, aber nur unter der Voraussetzung, dass das orthodoxiebildende Muster der Argumentation erhalten, bzw. in seiner Kontingenz als unverschoben in Erscheinung tritt. Nur wenn das Muster selbstparasitierend verwendet wird, kann es es sich reproduzieren; nur, wenn es – auch durch Widerspruch – als unveränderbar in Erscheinung tritt, kann es sich verändern, weil alle manifeste Abweichung entweder aus dem Muster heraus fällt und damit nicht zu systemeigenen Operationen gezählt werden kann, oder die Abweichung wird durch das Muster überprüfbar, und kann auf diese Weise zur strukturellen Integrität des Systems beitragen.
Als das orthodoxiebildende Muster wird hier die Struktur der Dokumentform bezeichnet, die im Verhältnis zwischen beobachteten Beobachtungssysteme verwendet wird, die aber nicht als Selbstbeobachtungsmöglichkeit in Frage kommt, weil die in diesem Weblog dargereichten Analysen nicht selbst als Dokumente in Erscheinung treten. Ein Weblog ist kein Dokument, das den Identitätserfordernissen der Verwaltbarkeit wissenschaftlicher Dokumente gerecht wird. Alles, was in einem Weblog geschrieben wird, kann auch von einer Systemtheorie nicht in den Bestand abrufbaren Wissens übernommen werden, weil man den Weblog-Text auf seine Nichtmodifizierbarkeit nicht überprüfen kann. Auch wenn die Schulmeinung leugnet, von einem Bestand abrufbaren Wissens ausgehen zu können, kann sie dennoch nicht die dauerfluktuierende Sinnkomplexität von Textsimulationen, damit also die empirisch überprüfbaren Praxismodelle der Theorierealität, in ihr Muster integrieren, weil sie zur Reproduktion ihrer Anschlussfindungen keine strukturellen Anknüpfungspunkte findet, die schon wenigstens ansatzweise reproduzierbar sein müssten um Anschlussmögichkeiten zuzulassen. Was nicht geht, geht nicht. Trotz der Kontingenz aller Systemoperationen bleibt immer noch ein Rest an Eindeutigkeit, der als verlässlichlicher Teil das Ganze repräsentiert.

Fortsetzung

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