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Tag: transzendentaler Vermeidungsirrtum

Transzendentaler Vermeidungsirrtum (nach Auskunft von Theodor W. Adorno)

Dieses kurze Video ist ein Ausschnitt aus einer längeren Rede von Theodor W. Adorno, in welchem die Möglichkeit der Utopie analysiert und erklärt wird, wie ihre Verhinderung zustande kommt.
Der transzendentale Vermeidungsirrtum besteht in der durch nichts begründeten, in einer durch keine Empirie überprüfbaren Aussage, dass alle Menschen in sich den Wunsch nach Befreiung bergen, auch dann, wenn sie darüber selbst keine Auskunft geben können. Der Gelehrte weiß also über andere etwas, das diese nicht immer über sich selbst wissen können; er kennt eine für alle gültige „Menschenwahrheit“ – Woher er sie kennt? Nun, er beschreibt sich selbst Menschen, der zur Auskunft geben kann, alles Entscheidende über sich selbst zu wissen, das darum auch für alle anderen Menschen gilt.
Ob er sich darin irrt oder nicht ist völlig egal, entscheidend ist, dass er jene Macht (hier die Staatsmacht) in Anspruch nehmen darf, um ihre dämonische Zudringlichkeit zurück zu weisen, ohne welche der Gelehrte selbst aber kaum so sprechen könnte wie er spricht. Dass dies gelingt, liegt in der Vermeidungssstruktur begründet. Wo gemäß der Subjekt/Objekt-Unterscheidung Gesellschaft als Problem zwar entdeckt, aber mit dieser nicht erklärt werden kann, wird das Problem umgangen, indem man von einer Menschenwahrheit spricht, die auch ohne ihre Aussprechbarkeit durch den Gelehrten ihre Gültigkeit hätte. Denn tatsächlich gilt für den Gelehrten, was für alle anderen auch gilt: er ist durch die Gesellschaft (in seiner Wortwahl: durch den „Angreifer“, in anderer Wortwahl: durch einen Beobachter) korrumpiert und macht seine Sache zu seiner eigenen. Aber dies darf er mit keinem Wort zugeben.

Auch dass Menschen überhaupt gar keine Möglichkeit haben, irgend etwas Entscheidendes in Fragen der Herstellung und des Fortbestands von Gesellschaft zu leisten, kommt für den kritischen Soziologen überhaupt nicht in Frage.

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Irrtum und Chaos

zurück / Fortsetzung: Weil es für Internetkommunikation, sofern Unbekannte mit Unbekannten in Kontakt kommen, ohne, dass es eine Notwendigkeit gäbe, diese Anonymität zu beseitigen, kein Risiko des Gelingens von Kommunikation gibt entstehen hoch erratische Strukturen, die Kommunikationen, wenn überhaupt, nur als Irrtumsleistungen und Chaosgeschehen zustande bringen. Auf diese Weise wird aufgrund von Informationsüberfluss eine Informationsarmut erzeugt. Wenn sich jeder für jeden jederzeit und überall ansprechbar macht, entstehen große Informationsverluste, die an keiner Stelle geordnet, strukturiert, gebündelt und beseitigt werden könnten. Tatsächlich geschieht mit jedem Versuch, eine Informationssiutation zu verbessern, genau das Gegenteil: die Informationssituation verschlechtert sich ständig.

Das steht im Gegensatz zu bekannten und gewohnten Routinen der Behandlung von Information. Die bekannte Verfahrensweise gründet auf der Maxime: Bist du schlecht informiert, dann verbessere zunächst deine Informationssituation und sorge dafür, durch Rücksichtnahme gegen andere durch Selbstdisziplinierung, dass für andere Zuverlässigkeit und Genauigkeit entstehen kann, damit auch andere bessere Möglichkeiten haben, ihre Informationssituation zu verbessern. Dies, grob gesprochen, nenne ich den modernen, transzendentalen Vermeidungsirrtum. Landläufig kennt man dies auch als zivilisatorische Disziplin der Rücksichtnahme. Wo und wie Menschen immer aufeinander treffen: bei der Arbeit, in der Freizeit, im Straßenverkehr, beim Telefonieren oder Briefeschreiben, immer gilt: zeige Rücksicht, weil nur Rücksicht gegen andere deine eigene Informationssituation stabil hält.

Das Internet unterläuft solche Strukturen. Was stattdessen entsteht ist eine beinahe vollständige Rücksichtlslosigkeit, die sich da durch ergibt, dass, gerade weil jeder für jeden abwesend ist, niemand mehr weiß, worüber andere informiert sind oder nicht, weshalb eine Rücknahme gar nicht mehr funktioniert. Worauf soll man Rücksicht nehmen? Wenn man das nicht weiß und keine Möglichkeit hat, die Informationssituation zu verbessern, dann gibt es nicht nur keine oder schlechte Möglichkeiten, das zu ändern, sondern es ist auch gar nicht notwendig. Andersherum betrachtet: wäre das notwendig, dann ging es nicht weiter. Denn was sollte dann geschehen? Was sollte man dann noch sagen?

Eine Rücksichtnahme ist deshalb gar nicht notwendig, weil erstens jeder für jeden abwesend ist, und zweitens auch deshalb, weil jeder jederzeit die Kommunkation abbrechen kann. Rücksichtnahme, so viel man sich auch Bemühen wollte, läuft streng genomen genauso ins Leere wie Rücksichtslosigkeit. Der Beweis, dass es sich so verhält, ergibt sich aus den Immunreaktionen darauf, nämlich die Empörung darüber und Appelle, die etwas aussichtsloses vorschlagen. Die Behauptung, es sei doch klar, es sei doch selbstverständlich, dass Rücksichtnahme nötig wäre und worauf Rücksicht genommen werden müsste, wird mit jeder Empörung und mit jedem Appell widerlegt. Stattdessen wird durch Empörung und Apppell selbst nur Irrtum und Chaos vergrößert, weil nämlich auch Empörung und Appell genauso rücksichtlos kommuniziert werden wie alles andere auch.

Auch aus diesem Grund wird diese Trollerei auffällig. Das Medium erzeugt diese Trollerei, und nicht rücksichtslose Menschen.

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