Differentia

Das Qualifikationsmerkmal Weiblichkeit

Es gibt nicht sehr viele Bereiche in der Gesellschaft, in der Geschlechtlichkeit als Qualifikationsmerkmal kommuniziert wird. Bei Nachdenken darüber, welche Bereiche in Frage kommen, fällt einem sexuelle Kommunikation, Sport und Schauspielerei ein. In all diesen Fällen ist für die Kommunikation die Wahl des Geschlechts ein Inklusionskriterium, das darum immer auch ein Exklusionskriterium ist: Die sexuelle Kommunikation, egal wie sie sich ausrichtet, verlangt die Wahl eines Geschlechts, womit zugleich eine Selektion vorgenommen wird: ein Frau, die sexuellen Kontakt zu einem Mann sucht, sucht ihn nicht zu einer Frau. Dass Geschlechtlichkeit eine besondere Rolle spielt, kann man dann besonders gut erkennen, wenn die Wahl versucht das Beobachtungsschema zu stören: zum Beispiel wenn eine Frau sich für Männer interessiert, die aussehen wie Frauen. Gerade in dem Fall ist die Geschlechtlichkeit das zu Kommunizierende und nichts anderes. Ähnliches gilt auch für die Schauspielerei: Wird eine männliche Rolle mit einem Mann besetzt, dann heißt das, dass sich Frauen für diese Rolle nicht qualifizieren. Das gilt auch für den Fall, dass eine männliche Rolle mit einer Frau besetzt wird, wie dies in dem Film “Friedrich – Ein deutscher König” aus dem Jahr 2011 versucht wurde. Es geht also mit der Wahl immer darum, auch die andere Möglichkeit mitzukommunzieren, indem eben dieser Unterschied kommunziert wird. Es wird also kommunziert, dass die andere Möglichkeit nicht gewählt wurde.
Beim Sport ist es vergleichbar. Für eine Frauenmannschaft disqualifiziert sich jeder Mann. Für den Vergleich im Wettkampf wird jede Frau disqualifiziert, wenn es darum geht, Männerkraft zu vergleichen.
Ein weiterer Bereich, in dem Geschlechtlichkeit ein Qualfikationskriterium war, aber nicht mehr ist, ist der Soldatenberuf. Was hat sich geändert, das bewirkte, dass auch Frauen für den Soldatenberuf qualifizierbar sind? Das hängt vermutlich damit zusammen, dass es kein selbstverständliches Recht auf Kriegsführung mehr gibt. Soll heute ein Krieg geführt werden, dann gibt es dafür sehr komplizierte Mechanismen der Provokation und der Rechtfertigung für kriegerische Gewalt. In früheren Zeiten, also in der Zeit bis zum Ende des 1. Weltkrieges, wurde das selbstverständliche Recht eines Staates, Krieg zu führen, gar nicht in Frage gestellt. Das führte dazu, dass Staaten den Krieg nachhaltig führen mussten. Jeder Staat musste eine “zivile Rüstungsproduktion” organisieren, dazu zählte auch der Nachwuchs an Soldaten, die von Kindesbeinen an zu Soldaten erzogen wurden. Und diese Nachhaltigkeit konnte nur gewährleistet werden, wenn im Krieg Frauen verschont bleiben, weil sonst die Nachwuchsproduktion nicht gewährleistet war. Kriege werden in unserer Zeit in der Hauptsache nicht mehr geführt, um Staaten anzugreifen oder zu verteidigen, sondern um den Fortbestand der militärischen Organisation und ihrer Lieferanten zu sichern. Und aus diesem Grunde können auch Frauen und – wie in manchen afrikanischen Ländern üblich – sogar Kinder für den Soldatenberuf qualifiziert sein.

Es gibt allerdings noch einen Bereich, in welchem Geschlechtlichkeit als Qualifikationsmerkmal von besonderer Art vorkommt. Dabei handelt es sich um den Feminismus. Feminismus ist das Künststück, aus Weiblichkeit ein Qualifikationsmerkmal zu machen, ohne überzeugend angeben zu können, worin die besondere Qualifikation besteht, wenn nicht darin, Männlichkeit zu disqualifizieren. Die Bevölkerung besteht zu 50% aus Frauen, wird gesagt, und weil dies so ist, müsse Weiblichkeit ein Qualifikationskriterium sein, ohne damit Männlichkeit zu disqualifizieren. Aber was ist das besondere Qualfikationsmerkmal von Weiblichkeit, wenn nicht die Disqualifikation von Männlichkeit, wie das bei Sex, Sport und Schauspielerei ganz normal ist? Denn in diesen Fällen besteht die kommunizierte Qualifikation in der Disqualfikation der anderen Möglichkeit einer Wahl, nur aus diesem Grund kann Geschlechtlichkeit als Wahl überzeugend sein. Wenn aber, wie Feminstinnen versuchen zu argumentieren, Weiblichkeit als Qualifikationsmerkmal angeboten werden soll, ohne anzugeben, was durch diese Wahl nicht gewählt wird, dann führen diese Diskussion immer wieder in wahrscheinliche Diskussionsroutinen, die Männlichkeit eben doch als Exklusionskriterium nehmen, wenn Weiblichkeit als Inklusionkiriterium propagiert wird. Dies betrifft den akutellen Spuk um den Vorschlag von Luise F. Pusch, aus Sicherheitsgründen eine Frauenquote im Flugzeugcockpit einzuführen.
Kaum eine Feministin behauptet, dass Weiblichkeit sich durch höhere Intelligenz, bessere Zuverlässigkeit, verlässlichere Moral, größere Gesundheit oder als was immer auszeichnet. Mag es auch Feministinnen geben, die sowas glaubhaft machen wollen, dann gibt es keinen Grund, sie zu verspotten, sondern zu verarzten, wenngleich sie sich damit zugleich für jede gynäkologische Zuständigkeit disqualifizieren.
Es kommt Weiblichkeit als Qualifikationskriterium angeblich nur deshalb in Frage, weil die Hälfte aller Menschen Frauen sind, ohne anzugeben, welche besondere Qualifikation damit verbunden ist, eine Frau zu sein. Mindestens die Hälfte aller Menschen sind minderjährig, haben eine Sehschwäche oder sonst irgendein chronisches Leiden, habe eine Hautfarbe, die nicht weiß ist oder haben Bartwuchs oder braune Augen, aber in keinem dieser Fälle würde irgendwer behaupten, dies sei ein besonderes Qualfikationsmerkmal. Nur im Falle von Weiblichkeit wird dies behauptet.
Aus diesem Grunde könnte man das Anliegen der Frau Pusch ablehnen, verspotten, verhöhnen oder sich anderweitig empören. Das muss man aber nicht. Man kann auch eine intelligentere Möglichkeit wählen, nämlich: die bedingungslose Akzeptanz dieses Vorschlags und die Folgen bedenken, die es hat, wenn Weiblichkeit als Qualifkationskriterium akzeptiert würde, ohne zugleich Männlichkeit zu disqualfizieren.
Denn lässt man die Empörung beiseite, dann wird man sehr schnell bemerken, dass so etwas gar nicht geht; nicht etwa deshalb, weil Männer dann geringere Inklusionschancen hätten, was man verhindern müsse, sondern deshalb, weil nicht nur Feminstinnen weiblich sind, sondern alle anderen Frauen auch. Dass bedeutet, dass Weiblichkeit dann ein genauso  überzeugendes Qualifikationskriterium sein müsste wie Mutterschaft, Menstruation, Gebärfähigkeit, Brustkrebs oder Menopause. Warum sollte ein Frau im Vergleich mit anderen Frauen weniger qualifiziert sein nur, weil sie aufgrund ihrer Weiblichkeit Mutter ist oder aufgrund ihres Alters dies nicht werden kann? Wenn man schon irgendwelchen körperlichen Merkmalen irgendeine soziale Kompetenz zuerkennen kann, dann auch irgendwelchen anderen Merkmalen. Das zu ignorieren heißt eben nur, sich auf die immergleiche Empörungsroutine einzulassen, die einen Beobachter genauso gut auch zum Schmunzeln bringen könnte.

Eben darin besteht das Schicksal dieser Diskussion. Wenn sie sich nicht bald in Gelächter auflösen wird, dann wird sie immer dümmer.

 

Ist Wissenschaft ohne Bürokratie möglich?

Eine ernst gemeinte Frage: Wer braucht noch Professoren? Ist der Professor ein antiquiertes Konzept? Professoren sind hauptsächlich damit beschäftigt Verwaltungsarbeiten zu erledigen; und ein wichtiger Teil der Verwaltungsarbeit besteht in Routinen der Lehre, die zu einem großen Teil schon von Nachwuchswissenschaftlern in prekären Arbeitsverhältnissen geleistet wird. Auch sinken die Erwartungen ab, die sich an den Wert von akademischen Abschlüssen richten. Das Wort von den “Jodel-Diplomen” macht die Runde. Gemeint ist mit dieser Anspielung auf einen Sketch von Loriot die Einsicht, dass akademische Abschlüsse schon lange nicht mehr sehr gute Dokumente sind, die über Qualifikation Auskunft geben. Außerdem dürfte es niemanden überraschen, dass sich der Kostendruck auf die öffentlichen Haushalte auch in der Wissenschaft unvermindert bemerkbar macht.
Wenn nun sich abzeichnet, dass das Internet für Beruf und Alltag unverzichtbar ist, dann dürfte sich dies auch auswirken auf die Frage, wie Wissenschaft noch möglich ist, wenn ein bürokratischer Hindernislauf nicht mehr ausreicht, um von Qualifikationen überzeugen zu können. Will man diesen Gedanken ernst nehmen, so stellt sich die Frage, wie sich das auf die Organisation von Wissenschaft und auf die Bewertung von Ergebnissen auswirken kann. Gibt es Auswege und Alternativen für eine Wissenschaft, die auf einen gigantischen bürokratischen Apparat angewiesen ist? Dieser Frage möchte ich in einem Vortrag nachgehen.

Dieser Vorschlag für einen Vortrag wurde von der #rp15 abgelehnt. Die Gründe dafür spielen keine Rolle. Auswahlverfahren dieser Art funktionieren ob ihrer Opazität wie black boxes – die inneren Vorgänge sind komplett intransparent und man kann aufgrund der Ablehnung nichts darüber heraus finden, wie es dazu gekommen ist. Das gilt übrigens auch für den Fall der Annahme. Auch dann sind die Gründe nur schwer nachvollziehbar, aber in dem Fall will niemand gründerlicher über Gründe nachdenken, wofür es selbst wiederum keinen überzeugenden Grund gibt. Diese Opazität ist eine notwendige Folge von komplexen Organisationszusammenhängen, die ihre eigenen Zwänge erzeugen ohne erklären zu können und zu müssen, wie sie zustande kommen. So kommt man, wenn man dennoch nach irgendwelchen zuverlässigen Gründen fragen wollte, schnell zu der Vermutung, dass es sich um Ausreden handelt, weil sie ob der Spreizung ihrer Kontingenz nicht überzeugen können. Das gilt nicht nur für Unternehmen und Konzerne, sondern auch für die Organisation der Wissenschaftsbürokratie. Auch die Wissenschaftsbürokratie produziert eigentlich nur noch Zufallsergebnisse. Dass der Nachwuchs diesem Zufallgeschehen ausgesetzt ist, kann man daran erkennen, dass die Wissenschaft kein knowhow mehr produziert, um Erwartungen in Regelmäßigkeiten zu überführen. Erkennbar ist dies am Protestverhalten des Nachwuchses. Er protestiert, stattt zu erforschen wie Wissenschaft gelingen kann, wenn ihre Organisationsangelegenheiten immer undurchschauberer werden.
Wissenschaft hat keine beliebige Normalität, ist keineswegs eine abgeschlossene Schöpfung, sondern entsteht unter bestimmten Bedingungen auf eine bestimme Weise und ist auf solche Bedingungen angewiesen, die ihre Selbstanpassung garantieren. Dass alles auch ganz anders gehen könnte, wird niemand bestreiten, aber das versteht sich nicht von selbst. Man müsste etwas anderes machen können. Aber wie sollte das gehen?
Ganz andere Bedingungen, wie sie durch das Internet geliefert werden, müssen selbst wiederum erforscht werden, auch dann, wenn die Erfolge solcher Forschungen sehr fraglich sind. Die Wissenschaft beurteilt nicht nur ihre Ergebnisse, sondern muss immer auch die Bedingung ihrer Möglichkeit mit erforschen. Und das ist keineswegs einfach, weshalb es einleuchtet, sich die Sache etwas einfacher zu machen und den Weg des Protestes zu gehen. Alles, was komplizierter ist als Protestieren, ist nicht so leicht attraktiv zu machen, weil man schon vorher wissen wollte, wofür es sich lohnt, sich auf Komplikationen einzulassen. Da dies aber selbst erst erforscht werden müsste ist es allemal besser, sich auf Naivitäten zu verlassen.

Wenn nun dieser Vorschlag abgelehnt wurde und es dennoch Leute geben sollte, die daran Interesse haben, dann bitte ich um eine kurze Nachricht, entweder als Kommentar hier oder bei Twitter. In dem Fall überlege ich mir, ob ich diesen Vortrag trotzdem vorbereiten sollte, um ihn dann als live-stream zu senden. (Mein Internetzugang lässt es inzwischen zu, dass die Übertragung ruckelfrei und unverzerrt möglich ist.)

Sollte es keine Interessenten geben, dann heißt das, dass sich auf diese Weise ein überzeugender Grund für die Ablehnung findet. Eine andere Möglicheit kann aber auch sein, dass das Thema sehr wohl von Interesse ist, aber von jemand anders vorgetragen werden sollte. Damit wäre ich sehr einverstanden, aber fürchte, dass sich kaum jemand finden wird, der sich damit befassen wollte. Folglich hieße das, dass das Thema tatsächlich gänzlich gegenstandslos ist. Oder es dauert noch ein wenig, bis es an Relevanz gewinnt.

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