Differentia

Die Beleidigungsleistung von Massenmedien und die Politisierung des Subjekts 2

zurück / Fortsetzung: Mir scheint, dass diese gegenwärtige Beobachtung des Populismus auf eine Politologie des Konsumenten zurückgeführt werden kann, die ihrerseits jedoch nur unvollständig einer Politologie des Zuschauers entspricht und diese darum um ein weiteres politisches Handlungsmerkmal erweitert. Das entsprechende Funktionsprinzip würde ich als Extensionsfunktionalismus der massenmedialen Evolution beschreiben.

Was ist zunächst mit Politologie gemeint? Gemeint ist selbstverständlich kein akademisches Studienfach, sondern eine Wissensform von Handlung, die sich aus einer politischen Ökonomie massenmedialer Sinnproduktion ergibt, die sich aber aufgrund des Erfolgs einer solchen Ordnung irreflexiv gegen die Bedingungen ihrer Möglichkeit verhalten muss (Prinzipielle Irreflexivität wegen steigender Nichtinformiertheit). Die Politologien, um die es im Folgenden geht, sind gleichsam ein sich ständig fortsetzendes Scheitern der Selbstnormalisierung von Handlung und Irritationen, die ihren Weltbezug durch Massenmedien regeln, ihn aber durch Massenmedien nicht geregelt bekommen.

Die hier bezeichneten Politologien sind kondensierte Weltauffassungen von Beobachterpositionen in einem mehrdimensionalem Sinngefüge der Erwartungsabsicherung, die jeweils auf eigensinnige Weise auf die Veränderung einer verstehbaren Welt durch Information reagieren und infolgedessen das Ausmaß von Nichtinformation steigern, solange Strategien der Selbstnormalisierung von Erwartungen gelingen. Eine Politologie ist damit ein Ausdruck für eine Mehrheit von Handlungsstrategien, deren Wissensform auf die Wiedererkennenbarkeit von Handlung angewiesen ist, die aber bei Beobachtung solcher Anweisung ihre Kontingenz entdeckt und darauf solange mit Widerständigkeit reagiert, bis diese Politologie ihre Selbstreferenz versteht und damit Strukturen ihrer Erweiterbarkeit entwickelt.

Aufgrund ihrer prinzipiellen Irreflexivität sind diese Politologien zugleich subjektlose Beleidigungspraktiken, die ihre je eigenen Subjektrollen konstruieren und diese im Verlauf der Evolution strukturell sedimentieren.

Fortsetzung folgt

Die Beleidigungsleistung von Massenmedien und die Politisierung des Subjekts 1 @bertrandterrier @sms2sms @nilsdemetry

Wenn wir noch etwas über den Zusammenhang von Professionalitätsmagie und Massenmedien nachdenken wollen, könnte man vielleicht auch folgende Überlegung bedenken.

Wie wäre es, wenn man die Funktionsweise von modernen Massenmedien als Konstruktion einer paranoischen Beleidigungsindustrie auffasst? Man könnte in Anlehnung an eine marxistische Wortwahl sagen, die jeweiligen gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse sind das Produkt einer Gesellschaft, die ihre Beleidigungsverhältnisse auf eine Weise ordnet, die eine andere Gesellschaft, die ihr voraus geht, so nicht ordnete, weil sie sich nicht darüber informieren konnte, wie sie Beleidigungen verteilt und strukturiert.

Die moderne Gesellschaftsstruktur konnte entstehen, weil sie die Beleidigungsverhältnisse der alten Zeit aufgelöst hat ohne darüber informiert zu sein, wie sie ihre eigenen organisiert. Der Versuch, diesen Mangel zu beseitigen, führt zur Politisierung von Subjekten, welche auf dem Wege der sozialen Verwicklung, die auf der operativen Ebene eine Neuordnung ist, eben jene Beleidigungsverhältnisse erst herstellt, indem sie ihre so entstehenden Produktionsverhältnisse nach und nach analysiert und infolge von Bewertungen ohne objektiv gegebenen Bewertungsmaßstäben Beleidigungen provoziert, die sich in der Aktivierung von Handlungspotenzialen niederschlägt.

Konstitutiv sind dafür Massenmedien, die zuerst Untertanen in Bürger (Reformation bis Revolution), dann Bürger in Zuschauer (Restauration bis Industrialisierung) und schließlich Zuschauer in Konsumenten verwandelt haben (also Industrialisierung der Industrialisierung, Dienstleistung als hauptsächlicher Sektor).

In diesen Etappen sedimentierten verschiedene Politologien, die, teils überlagernd, teils interferierend, trotz ihrer chronologischen Abfolge ihr Voraussetzungsverhältnis umgeändert haben: der Konsument als Politisierungstrategie ist dadurch entstanden, dass Zuschauer Zuschauer beleidigt haben, aber den Zuschauer kann es nur noch geben, weil der Konsument das Subjekt seiner Politologie ist. Zuschauer sind dadurch entstanden, dass Bürger Bürger beleidigt haben, aber den Bürger kann es nur noch geben, weil Zuschauer und Konsumenten das Subjekt seiner Politologie sind. Bürger sind dadurch entstanden, dass Untertanen Untertanen beleidigt haben, aber den Untertan kann es nur noch geben, weil Bürger, Zuschauer und Konsumenten das Subjekt seiner Politologie sind.

Folglich müsste man mit einem Medium für Kommunikation rechnen, das dazu geeignet ist, dass Konsumenten Konsumenten beleidigen können.

 

Fortsetzung folgt.

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