Differentia

Sprechstunde 5: Zwiegespräche eines Alleinstehenden, heute: Carsten Reinemann

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Die ZEIT hat bei mir angerufen. Wahrscheinlich wollte sie nur fragen wie es mir geht und mir bei dieser Gelegenheit ein Interview zur Corona-Krisenkommunikation aufzwingen. Wie gut, dass ich meinerseits gerade eine Nachbarin interviewte, die gerade ihre Corona-Quarantäne genoß. Endlich habe sie mal Zeit für die schönen Dinge des Lebens, sagte sie. Deshalb musste sich die ZEIT von einem anderen Kommunikationsexperten Belanglosigkeiten erzählen lassen, die man hier nachlesen kann. Meine Antworten wären folgendermaßen ausgefallen:


Herr Kusanowsky, Angela Merkel hat am Mittwochabend eine Fernsehansprache zur Corona-Krise gehalten. Was hat Sie daran als Kommunikationswissenschaftler am meisten überrascht?

Das Datenmaterial bestand nur aus wenigen Stichproben, deren Menge zu klein war, um eine repräsentative Aussage hinsichtlich des Überraschungswerts zu tätigen. Dennoch kann man aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive sagen, dass die Fernsehansprache ganz nett war.

Angela Merkel hat eine Ausgangssperre als letztes Mittel nur angedeutet, als sie sagte, sie werde „stets neu prüfen (…), was womöglich noch nötig ist“. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder droht nun für Bayern offen damit. Kommuniziert er besser, weil klarer, in dieser Situation?

Drohungen sind immer gut. Drohungen machen Angst und steigern die Aufmerksamkeit für Dinge, die sonst unbeachtet blieben. Sowas ist die ideale Unterstützung für die Presse. Das beste, was ihr passieren kann, ist, dass alle Angst haben. Das ist gut für das Geschäft und sorgt für Umsatz. Also ja: Angstmachen ist gut kommuniziert. Das ermöglicht auch, dass man sich über diejenigen, die darüber dumme Witze machen, noch besser empören kann. Angst, Empörung und Verschwörungstheorien, aber auch Hass und Hetze – der beste Rettungsschirm für Massenmedien, den man sich vorstellen kann.

Wie würden Sie insgesamt die Krisenkommunikation der Bundesregierung bewerten?

Das lässt sich kommunikationswissenschaftlich leicht und eindeutig bewerten: Angela Merkel bekommt eine 2, ganz klar. Olaf Scholz und Peter Altmaier haben ihre Texte brav aufgesagt und bekommen eine 1. Julia Klöckner wird das Klassenziel voraussichtlich nicht erreichen. Die Leistungen von Jens Spahn liegen im Labor und werden untersucht. Wir haben in seinen Äußerungen Spuren von kommunikativer Stupidität gefunden, die aber wohl nicht ansteckend sind. Wir kümmern uns darum.

Über die richtige Krisenkommunikation wurden viele Bücher geschrieben. Die bekannten Mechanismen lassen sich hier nicht anwenden?

Doch, aber nur, wenn man sie richtig kommuniziert. Da kann die Kommunikationswissenschaft weiter helfen, weil niemand so gut kommunizieren kann wie ein Kommunikationswissenschaftler. Ich z.b.: Wenn ich anfange zu kommunzieren, sind alle anderen immer sehr von der Richtigkeit meiner Kommunikation beeindruckt.

Am vergangenen Wochenende gab es das Gerücht, dass die Bundesregierung bald eine „massive weitere Einschränkung des öffentlichen Lebens“ verkünden würde. Das wurde vom Bundesgesundheitsministerium auf Twitter als Fake-News bezeichnet – einen Tag später war es mit den Schließungen der meisten Geschäfte aber so weit. Erschüttert so ein Vorgang nicht das Vertrauen in die Kommunikation der öffentlichen Stellen?

Was meinen Sie mit „Vertrauen in die Kommunikation der öffentlichen Stellen“? Wenn Sie richtig kommunizieren wollen, müssen Sie erst mal definieren, was Sie mit „Erschütterung“ meinen. Auch der Begriff „Vorgang“ ist in ihrer Frage nicht eindeutig definiert. Wir müssen immer die Tatsache berücksichtigen, dass die Bundesregierung nicht aus ausgebildeten Kommunikationswissenschaftlern besteht. Da kann es schon mal passieren, dass die eine oder andere Aussage unklar ist.

Die Bundesregierung soll also nicht absolut transparent informieren?

Doch, aber nur, wenn sie sich von Experten für das richtige Kommunizieren beräten lässt. Es gibt in der Kommunikationswissenschaft eine Vielzahl von Studien, die zeigen, wie man richtig kommuniziert, aber leider ist die Gesellschaft noch nicht so weit, das zu akzeptieren. Sie funktioniert allzu oft ganz falsch. Das gibt es noch viel Aufklärungsbedarf.

Das erinnert mich an einen Satz des damaligen Bundesinnenministers Thomas de Maizière: „Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern“. Als er das in den Hochzeiten der Terrorgefahr sagte, wurde er viel kritisiert. Sie denken, er hatte recht?

Ein Teil meiner Antwort könnte Sie überraschen. Belassen wir es dabei. Ok? Haben Sie noch eine Frage?

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sprach in seiner Fernsehansprache mehrfach von einem „Krieg gegen das Virus“. In Großbritannien hat Premier Boris Johnson die Bevölkerung darauf eingeschworen, dass sie enge Angehörige verlieren könnten. Und Angela Merkel beteuert in nüchternem Ton ihr Vertrauen in die Wissenschaft. Typisch deutsch?

Nein.

Zum Coronavirus existieren schon jetzt jede Menge Fake-News und Verschwörungstheorien – wie kann man diese in unsicheren Zeiten wie diesen, wo vieles unklar ist, kenntlich machen?

Da muss man ganz eindeutig den informationellen Notstand ausrufen. Einr Art Informationsverbot für alle. Das geht nur, indem man sofort die ganze Presse stilllegt und nur noch die dem Robert-Koch-Institut als obersten Wächterrat ein Publikationsrecht einräumt.

Wenn die Bundesregierung gewisse Dinge als Fake-News abtut, sie sich auf längere Sicht aber als richtig erweisen, dann läuft doch auch etwas schief?

Ja.

Was bedeutet das für die politische Kommunikation?

Nichts.

Standardantwort: Keine Ahnung 12 Befruchtungsökonomie

Mit etwas Verspätung gibt es nun die 12 Folge des Podcasts.

https://www.dropbox.com/s/9lrlq7g68cqq608/befruchtungs%C3%B6konomie%2012.mp3?dl=0

 

 

 

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