Differentia

Ja und Nein – über sexuelle Kommunikation @favstarmafia

„Wollen wir ein vernünftiges Gespräch führen?“
„Ja.“
„Was heißt Ja?“
„Ja heißt Ja.“
„Verstehe. Dann also nicht.“
„Warum nicht?“
„Weil das Gespräch nicht vernünftig ist.“

Komunikation ist nicht Mitteilung von Sinn oder Durchsage von Handlungsbedeutung. Denn wenn es so wäre, wäre alles kein Problem. Kommunikation ist die soziale Herstellung von Unterscheidung, Handlung und Ordnung, bzw. Zuordnung. Das bedeutet, dass Kommunikation, sobald sie sich selbst problematisiert, keine Selbstverständlichkeiten mehr zulässt, weil sie alles, was sie kommunikabel macht, in diesem sozialen Herstellungsprozess berücksichtigt, also nicht nur die anderweitigen Ergebnisse, sondern auch sich selbst. In dem Augenblick, wo Kommunikation über Kommunikation zustande kommt, gibt es fast nichts mehr oder nur sehr wenig, auf das man sich verlassen kann, mit Ausnahme der Tatsache, dass die Kommunikation immer weiter geht. Alles andere ist problematisch, ist also nicht einfach immer schon klar, logisch, einsichtig, richtig oder wahr oder kann jederzeit problematisch werden, kann jederzeit aus einem imaginären Raum des nur Möglichen und Potenziellen in einen Raum erlebbaren Sinns überführt werden. Das gilt auch für sexuelle Kommunikation, wobei jedoch hinzu kommt, dass in dem Fall der strenge Körperbezug eine ziemliche Belastungsprobe sowohl für den Körper wie für die Kommunikation sein kann.

Im Sexualstrafrecht gilt künftig das Prinzip „Nein heißt Nein“ – hieß es vor nicht allzu langer Zeit in den Nachrichten und man kann überrascht darüber sein, was bislang gegolten hat. Bislang galt offensichtlich, dass nicht klar war, was Nein bedeutet. Zukünftig soll das klar sein und Nein bedeuten.
Man  merkt sofort, dass das nicht weiter hilft; man erkennt, dass Kommunikation nicht bloß Durchsage von Mitteilung ist. Man erkennt, dass mit dieser Mitteilung kein Problem gelöst, sondern nur verkompliziert wird, besser gesagt: damit wird das Problem in Erfahrung gebracht. Welches Problem? Das Problem der Kommunikation unter der erschwerten Bedinung ihrer Nichtbeendbarkeit, besser gesagt: wenn Fortsetzungsnotwendigkeiten wahrscheinlicher und relevanter sind als die Freiheit der Unterlassung ihrer Fortsetzung. Woher kommt das Problem? Das Problem kommt daher, dass die Bedingungen, die den Beginn der sexuellen Kommunikation auslösen, sich in ihrem Vollzug auflösen und umändern, so dass für den Fortgang irreversible Bedingungsänderungen eintreten, die es schwer machen, die Kommunikation zu beenden. Das soll kurzt analysiert werden:

Eine Nein-heißt-Nein-Regelung, so wenig sie auch geeignet sein kann, rechtliche Zusammenhänge endgültig zu klären, muss auch dann gelten, wenn es keine Ja-heißt-Ja-Regelung gibt. Denn gäbe es sie, müsste nicht nur geklärt sein, das Nein Nein bedeutet, was kaum geht, sondern auch, dass Ja Ja bedeutet. Eben dies ist aber unklar, bleibt unklar und muss auch gar nicht geklärt werden und zwar deshalb weil sich nach einem Ja die Bedingungen ändern können. Nach einem Nein ist der mitgeteilte Sinn ein anderer. Der Unterschied ist: Die Kommunikation von Ja ist an eine Bedingung geknüpft, die lautet: „Ja, wenn …“. An die Kommunikation von Nein ist keine Bedigung geknüpft, sondern ein Grund „Nein, weil …“ (Nicht: Nein, wenn …)
Erst das Nein macht auf ein Einvernehmlichkeitsproblem aufmerksam, das es aber bei sexueller Kommunikation in den meisten Fällen gar nicht gibt, weil nämlich mit jedem Versuch, zuerst Einvernehmlichkeit zu verhandeln alles mögliche passieren würde, aber kein Sex. Das erklärt, weshalb sexuelle Kommunikation so schwer ist. Sie muss alles aussortieren, was nicht dazu gehört. Dazu gehören auch Vertragsverhandlungen. (Nebenbei: aus diesem Grund erscheint Prostitution als obszön, weil sie  nur eine Vertragsbeziehung zulässt.)
Sexuelle Kommunikation gelingt, ähnlich wie die Kommunikation von Sportlichkeit, nicht auf Vertragsbasis und kann trotzdem zufriedenstellend gelingen. Die Schwierigkeit besteht darin, herauszufinden, ob ein wechselseitiger Erwarungszusammenhang auf Sex entstanden ist oder nicht, ohne diesen Zusammenhang selbst anzusprechen. Wenn aber ein solcher wechelseitiger Erwartungszusammenhang entsteht, ist Einvernehmlichlickeit etwas, womit immer schon gerechnet wurde, gerade weil nichts anderes als sexuelle Kommunikation wechselseitig erwartet wird. Deshalb gilt: Ja, wenn es nur um Sex geht und um nichts anderes. Entsprechend heißt ein Ja, was dann übrigens schon gar nicht mehr gesagt werden muss, nicht einfach Ja, sondern: Ja, wenn …
Wenn es aber plötzlich auch noch um etwas anderes als um Sex geht, als zum Beispiel um Gewalt, dann erst entsteht das Einvernehmlichlickeitsproblem. Erst dann wird aus einem hoch kontingenten Bedingungszusammenhang (Ja, wenn …) ein reduzierter Kausalzusammehang: Nein, weil … Wobei die Ursache wiederum nur schwer kommunikabel ist, weshalb sie in rechtlicher Hinsicht gar nicht ausgesprochen werden müsste. Deshalb: Nein, weil … heißt: Nein heißt nein, egal aus welchem Grund. Und sollte dann die Kommunikation tatsächlich aufhören, dann gibts kein relevantes Problem mehr, dann auch kein rechtliches Problem. Gibt es aber weitere Probleme, z.B. auch rechtliche, dann stellt sich sehr wohl die Frage nach einer Ursache für das Nein. Und wer möchte so naiv sein zu glauben, eine Ursache könne leicht geklärt werden? Insbesondere dann, wenn keine Nötigungssituation durch Überfall zu beurteilen ist, sondern eine Beziehungssituation, die auf Bekanntheit beruht. Wer jetzt behaupten will, die Ursache für ein Nein sei etwas ganz anders als die Bedingung für ein Ja mag tausendmal Recht behaupten. Tatsächlich aber würde in beinahe allen Fällen aufgrund einer Beziehungsgeschichte und eines entsprechenden Beziehungsgedächtnis die Umwandlung von „Ja, wenn ..“ in „Nein, weil …“ kaum dazu führen können, Recht durchzusetzen. Oder wenigstens würde es dazu führen, dass kaum eine Entscheidung in irgendeiner Hinsicht zufriedenstellend sein kann.

Mit dieser kurzen Analyse ist nicht alles gesagt und alles berücksichtigt. Aber man erkennt dennoch den Entnaivisierungsvorgang: „Nein heißt Nein.“ – Womit die Möglichkeit des Gegenteils auch immer zur Kommunikation angeboten wird.
Der nächste Schritt wäre also darüber nachzudenken, dass die Umstellung auf Kommunkation von Recht in dem Fall eine wenig aussichtsreiche Sache ist. Welche andere Möglichkeit gäbe es noch?

dämonische Phänomene der sozialen Welt

Hier eine kleine Liste dämonischer Phänomene der sozialen Welt, die in der Geschichte der Soziologie zuerst mit Geringschätzung betrachtet und mit Ablehnung versehen wurden und welche dann, aufgrund ihres dämonischen Charakters schließlich doch zum Forschungsproblem der Soziologie geworden sind. Es ist eine Liste, die eine schlagwortige Wissenschaftsgeschichte der  Selbstanpassung der Soziologie an ihre Widerspenstigkeit darstellt:

Aberglauben
Biologismus
Demokratie und Sozialismus
Emotionalität, Irrationalität und Paranoia
Entfremdung
Feminismus
Fernsehen
Geschwindigkeit
Gewaltbereitschaft
Hass
Hektik und Nervosität
Internet
Kapitalismus
Kino
Kommerzialität und Verwertungsinteressen
Kriminalität
Manipulation
Massenmedien allgemein
moderne Lebensweise
philosophische Spekulation
Popkultur allgemein
Popmusik
Proletariat
Protest- und Subkulturen
Radio
Rassismus
Regellosigkeit und Unordnung
Szientismus
Technik
Trivialliteratur
Ungerechtigkeit und Ungleichheit
Unwissenschaftlichkeit
Verwirrung
Zeitung
Zufall

Die Liste zeigt, dass nicht etwa Soziologie die Gesellschaft erforscht und dann ihr Wissen über diesen Gegstand in einen Katalog des positiven Wissens einschreibt. Diese Liste zeigt, dass Soziologie hauptsächlich von der Gesellschaft erforscht wird und nur darum von ihr erforscht werden kann, weil die Soziologie sich gegen ihr Beobachtwerden sträubt und sich solange dagegen wehrt wie es nur geht. Und wenn es nicht mehr geht, erforscht sie schließlich doch, was von der Gesellschaft schon längst erforscht wurde. Erst wenn in der Gesellschaft alles Bekannte schon bekannt ist, lässt die Soziologie es zu, für sich daraus ein Erkenntisproblem zu machen, welches dann allerdings so groß nicht mehr ist, weil die Forschungsarbeit der Gesellschaft schon genügend Wissen angereichert hat, das Soziologen dann nutzen können um erkenntnismäßig zurecht zu kommen.
Die Gesellschaft hilft der Soziologie; sie der Gesellschaft dagegen nur zu einem sehr geringen Teil. Das heißt: Die Gesellschaft braucht Soziologie gar nicht.
Soziologie bleibt, solange sie den dämonischen Phänomenen mit Geringschätzung und Ablehnung begegnet, ein unwissenschaftlicher Parasit.

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