Differentia

Faktengebrauch: Ordnungsfähig oder störungsfähig? 1 @adloquii @BKasslatter

Statt sich in idiotischer Hinsicht mit der Frage zu befassen, welche Fakten richtig und welche wichtig sind, kann man, statt Faktenkenntnis durchzusetzen, die Durchsetzungsfähigkeit von Handlung beobachten. Das geht, indem man zwischen Ordnungsfähigkeit und Störungsfähigkeit von Information infolge von Handlung unterscheidet und darauf achtet, ob und wie das eine oder andere für die Kommunikation besser geeignet ist. Aus diesem Grund ist es wichtig, auf Erwartungen zu achten, die das eine oder andere nahelegen oder vermeiden, um dann entweder entsprechende Erwartungen zu bestätigen oder zu enttäuschen.

Ein einfaches Beispiel zeigt, was damit gemeint ist. Nämlich eine Prüfungssituation. Wenn in einem Multiple-Choice-Test vier Optionen vorgeschlagen werden, von denen nur eine richtig ist, dann stellt sich die Frage, um welche Erwartungen es geht. Gewöhnlich geht es um Bestehen oder Nichtbestehen der Prüfung, weshalb der Kandidat eine solche Antwort bevorzugen würde, deren Ordnungsfähigkeit die besseren Chancen hat, ein Bestehen der Prüfung zu bewirken. In dieser Situation würde also eine Antwort, die sich nicht in ein vorgeschriebenes Schema von richtig und falsch einsortieren lässt, als nicht ordnungsfähig erweisen. Da aber dieser Mangel an Ordnungsfähigkeit zugleich dem Kandidaten immer und ohne Ausnahme vorhersehbar zum Nachteil ausgelegt wird, bestätigt dieser Mangel an Ordnungsfähigkeit zugleich Erwartungen, die auch an den Kanditaten gerichtet sind, wodurch die Antwort auf diese Weise dann doch wieder geordnet würde. Anders ausgedrückt: jede Antwort, egal ob richtig oder falsch, ist immer ordnungsfähig. Denn: auch Nichtbestehen der Prüfung ist ein erwartbares Ergebnis. Darum ist in diesem Fall die Störungsfähigkeit einer falschen Antwort gleich null. Das liegt daran, dass in dieser Situation eine Vorschrift voraus geht, die immer eine Regel der Ordnungsfindung festlegt: Wenn richtig, dann bestanden, wenn falsch, dann nicht bestanden.

Der Ordnungswert einer Antwort hat in einer solchen Situation niemals zugleich einen Störungswert. Aus diesem Grund sind solche Prüfungssituationen trivial und eigentlich für Maschinen besser geeignet als für Menschen. Dass Menschen dennoch solchen Prüfungssituationen unterzogen werden, hängt mit Chancen der Objektivierbarkeit von Handlung zusammen. Handlungen sind umso besser objektivierbar, je weniger unvorhersehbare Handlungsfolgen erwartet werden. Gibt es ausschließlich vorhersehbare Handlungsfolgen, so entspricht diese Handlungsfolgenarmut einer sehr gut geregelten und kontrollierbaren Situation. Man kann dann von Objektivität sprechen und diese wiederum in der Wahrheit der jeweiligen Sache wiedererkennen und zurechnen. Das bedeutet auch, dass jede Handlungsfolge, weil erwartbar, auch gerechtfertigt werden kann, weil Strukturen der Rechtfertigung (früher: Autorität) ebenfalls nach einem Schema von richtig und falsch geordnet werden. Das bedeutet aber auch, dass solche Ordnungen beinahe vollständig immunisiert sind und jede Störungsfähigkeit vollständig absorbieren, was erst recht gelingt, wenn wie im Fall der Wissenschaftsbürokratie, auch Störung wie Protest und Widerstand, im Erfahrungshorizont des Systems selbst memoriert sind und damit selbst wiederum die Ordnung der Bürokratie bestätigen.

Fortsetzung folgt.

 

 

Hat mein Hund tatsächlich vier Beine? Über Faktenkenntnis im außeridiotischen Sinn

Mein Hund hat vier Beine. Das ist eine Tatsache, denkt man. Irrtum ausgeschlossen? Nein. Warum? Er hat nämlich noch ein Nasenbein, ein Stirnbein, ein Jochbein usw. Wollte man im idiotischen Sinn diese Sache betrachten, liefe das auf die Frage nach einer Definition hinaus und das Nachdenken kreist dann nicht um die Frage, wie viele Beine mein Hund hat, sondern welche Definition die richtige ist. Idiotisch wäre dieses Nachdenken deshalb, weil es nicht nur zu keinem befriedigenden Ende kommt, sondern deshalb, weil man sich auf eine idiotische Ordnung des Rechthabens einlässt, die mit ihrem Zustandekommen verschleiert, dass sie und wie sie zustande kommen konnte, weshalb innerhalb dieser Ordnung immer nur eine weitere Idiotie zustande kommt, aber niemals eine Klarheit darüber, woher diese Idiotien kommen.

Statt sich also auf den idiotischen Sinn dieser Angelegenheit einzulassen, könnte man sich, was gewiss niemand muss, auf eine Irrtumsordnung einlassen, um Klarheit zu gewinnen. Das geht, indem man einsieht, dass die Frage nach einer richtigen Definition zur Verbesserung der Faktenkenntnis nicht richtiger und wichtiger ist als die Frage, von welchem Ordnungswert die Einsicht in den Irrtum ist.

Mein Hund kann also auch mehr oder weniger als vier Beine haben. Und dann?

Das führt zu einem Nachdenken im außeridiotischen Sinn der Sache. Welche Wahl treffe ich, wenn ich nach der Anzahl der Beine meines Hundes gefragt? Warum wähle ich trotzdem die Antwort vier, wenn ich zugebe, dass ich mich auch irren kann und dass eine Klarheit über eine geeignete Definition nicht so leicht zu finden ist? Ich wähle diese Antwort nämlich deshalb, weil ich mit ihr testen kann, wer sich auf gleiche oder ähnliche Weise irrt. Ich tue das, weil die Antwort voraussichtlich einen besseren Ordnungswert hat, nicht weil sie richtig ist. Der bessere Ordnungswert ergibt sich aus einer durchaus naiv zu nennenden Informationssituation über die Ordnungschancen, die damit verbunden sind. Wahrscheinlich ist die Aussage “Mein Hund hat vier Beine” leichter ordungsfähig als die Aussage “Mein Hund hat 7,5 Beine. Drei davon sind unsichtbar.”

Nun ist ja auch diese Aussage nicht einfach falsch oder ungenau, sondern genauso irrtumsbelasted wie jede andere. Aber sie hat, weil sie einen schlechteren Ordnungswert hat, einen besseren Störungswert. Aus diesem Grund kann ich auf diese Auskunft verzichten, weil ich auf Störung verzichten will. Ich muss das aber nicht tun. Ich kann auch auf Ordnung verzichten, indem ich versuche sie zu stören. Das geht, indem ich die Aussage im idiotischen Sinn behandle. Und keiner, der die Bereitschaft mitbringt, sich auf den idiotischen Sinn einer solchen Ordnung der Störung einzulassen, kann mich darüber belehren, dass ich dummes Zeug rede. Leuchtet ein, nicht wahr?

 

Aus diesem Grund ist dieser massenmediale Populismus des Lügens genauso interessant wie harmlos. Interessant, weil es ihm gelingt für Störung zu sorgen, harmlos, weil diese Störung genauso ordungsfähig ist wie ein Verzicht darauf.

Im außeridiotischen Sinn der Sache ist die Rede von alternativen Fakten darum sehr sinnvoll.

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