Differentia

Findet Kommunikation statt? Über soziale und parasoziale Beobachtung 6 @praxsozi @kadekmedien

zurück / Fortsetzung: Die Differenzierung der modernen Gesellschaft gelang durch einen mutigen und sehr riskanten Verzicht. Um das Vertrauen in das Erkenntnisvermögen von Menschen zu steigern (ab dem 17. und 18. Jahrhundert), um die Beeindruckung über Menschen als Quelle und Träger des Wissens herzustellen (ab dem 18. und 19. Jahrhundert) und um schließlich Menschen zu befähigen ihre Handlungen zu rechtfertigen (ab dem 19. und 20. Jahrhundert), musste der Glaube an eine jenseitige Macht aufgegeben werden, die Gott als Schöpfer der Welt und als Führer des menschlichen Lebens aufgefasst hatte. Und es mussten alle Erwartungen aufgegeben werden, die mit dieser Weltauffassung verknüpft waren: der Glaube an eine unsterbliche Seele und die Erfüllung eines göttlichen Plans. Der ganze Zivilisationsstolz der alten Zeit musste seine Gebrechlichkeit erweisen und sich verzichtbar machen, bevor auf ihn verzichtet und durch einen anderen ersetzt werden konnte.
Diese Ersetzung war kein Prozess des Nacheinanders, sondern ein Prozess der Gleichtzeitigkeit von Vergehen des einen und Werden des anderen. Der Unterschied zwischen der Naturauffassung und dem Verhältns zu Wahrheit bei Galilei im 17. Jahrhundert und bei Einstein im 20. Jahrhundert ist beträchtlich und hat, entgegen den Gewohnheiten der Wissenschaftsgeschichtschreibung, keine Kontinuität.
Ein Verhältnis von Trauma und Mythos hatte sich umgekehrt: im 17. Jahrhundert war der Zivilisationsstolz, der seinen Mythos aus Tradition, Autorität und absoluter Wahrheit bezog, traumatisch, also brüchig und unhaltbar geworden. Darauf reagierte Galilei mit einem Rettungsversuch, der sich auf Wahrheiten der Physik bezog. Wahrheit hieß bei Galilei: absoulte Wahrheit, die sich jetzt auch durch Naturforschung ergeben sollte. Tatsächlich war dieser Rettungssversuch ein Schlussstein für den alten Zivilisationsstolz und zugleich ein Anfangspunkt für einen neuen, der sich seinen eigenen Mythos erschaffte. Beim Einstein-Bild, gemeint ist damit sowohl das Bild der Person als auch eins der Theorie, findet man stattdessen die Ensemblierung aller Elemente, aus denen sich der moderne Zivilisationsstolz zusammensetzt: Der Erkenntnissucher, der sich seiner Not bewusst wird; der Wissenschaftler als Genie, der durch große Leisutng zu beeindrucken vermag und der ethisch Handelnde, der sich über die Ergebnisse seines Tuns irritiert. Und spätestens die Atombombe macht dann deutlich, was vom Mythos des modernen Zivilisationsstolzes noch zu halten ist.

Der Verzicht, der mit der Entwicklung der Gesellschaft gleistet werden musste, wurde also nicht schlagartig erbracht, sondern vollzog sich Etappenweise mit der Durchsetzung der funktionalen Differenzierung, die ihre eigenen Voraussetzungen herstellte, die für jede weitere Generation unverzichtbar wurden. Die ersten Atheisten des 17. Jahrhunderts hatten das sehr ernstzunehmende Problem, dass sie das Herkommen der Welt nicht hätten erklären können, wenn sie einen Schöpfergott leugneten. Wo sollte die Welt herkommen, wenn sich doch empirisch eindeutig zeigt, dass sie kein Mensch gemacht hat? Dieses Frage wurde im Laufe von 200 Jahren mit der Absenkung der Erwartungen auf göttliche Fügung immer einfacher zu beurteilen. Ein Handicap für eine Evolutionstheorie lag beispielsweise darin, dass man lange nicht glauben konnte, dass sich die Formen der Arten ändern können, weil man annahm, dass Gott sie einmal und unveränderlich geschafffen habe. Erst als es im 18. Jahrhundert gelungen war, die Veränderlichkeit zu akzeptieren, ohne einen Gott prinzipiell zu leugnen, war der Weg dafür frei, mit einer Evolutionstheorie anzufangen*. Auf dem Wege konnten dann schließlich alle Vorbehalte gegen einen schlußendlichen Verzicht aufgegeben werden.

So hat die gesellschaftliche Evolution eine Welt zurück gelassen, die den Erben die historischen Bedingungen ihrer Möglichkeit nur schwer begreiflich mach kann:

  • Niemand weiß was es bedeutet, bei Gott um Gnade für die eigene Sündhaftigkeit zu flehen, was auch für diejenigen gilt, die sich selbst ob solchen Verhaltens gegenüber anderen hervortun wollen. Denn wer sich ernste Sorgen um seine Seele macht, würde nicht vorbehaltos in jedes Mikrophon sprechen, das einem hingehalten wird.
  • Darum kennt auch niemand den cartesischen Mut, der gebraucht wurde, um mit Gottes Einverständnis die eigene Verstandesfähigkeit zu erforschen. Es ist kein mutiges Anliegen mehr, seinen Verstand zu gebrauchen. Das gilt auch für diejenigen, die sowas dennoch behaupten. Man erkennt sie daran, dass sie tun, was alle anderen auch tun: Sie schreiben mit Überzeugung auf, wovon sie überzeugt sind und kümmern sich nicht um die Folgenlosigkeit ihres Tuns. Besonders mutig ist diese Indifferenz nicht.
  • Niemand der Lebenden weiß was Leibeigenschaft ist, wenn man sie nicht mehr am eigenen Leib erfahren kann; keiner ist auf Traditionen verpflichtet oder hat Gehorsamspflichten gegenüber einer Autorität. Keiner glaubt an Hexerei und Zauberei, auch die nicht, die es verstehen, daraus ein Geschäft zu machen. Denn diese Art von Dienstleistung funktioniert nach der selben Logik wie jede andere auch. Niemand solcher Zauberkünstler kann Finanzbeamte verhexen.
  • Niemand der Lebenden kann die Gefährdungen der alten Zeit, die sich aus dem Leben ergaben, leicht nachvollziehen: die Hilflosigkeit gegenüber Kranken und Sterbenden; Epidemien, Ernetausfällen und Hungersnöten ausgeliefert zu sein ist etwas. das die Lebenden nur durch umfangreiche Auswertungen von Archivalien begreifen können.
  • Niemand in der Erbengemeinschaft der Gesellschaft weiß wie Menschen erlebt und gefühlt haben, die nicht als Personen behandelt wurden. Eine der wichtigsten sozialen Formen, die uns beinahe selbstverständlich erscheint, ist die Wertschätzung von Individualität. Diese Naivität gilt auch für diejenigen, die unverdrossen von der Entfremdung des Menschen infolge der funktionalen Differenzierung sprechen. Dieser Romantizismus einer heilen Welt von Menschen für Menschen ist eine in Spezialdiskursen gebrechlicher Soziologie standardisierte Fiktion, die aus der Indifferenz gegenüber den Bedingungen der Möglichkeit von Gesellschaft ihre Rechtfertigungsfähigkeit bezieht.

So hat die moderne Gesellschaft im Laufe von 400 Jahren ihres Werdens die Bedingungen geändert, unter denen die Welt verstehbar wird.

Fortsetzung folgt.


* Rieppel, Oliver: Unterwegs zum Anfang. Geschichte und Konsequenzen der Evolutionstheorie. [SB 155]

Findet Kommunikation statt? Über soziale und parasoziale Beobachtung 5

zurück / Fortsetzung: Kommunikation ist normal, passiert ständig und es fällt gelegentlich sogar schwer, ihr aus dem Wege zu gehen. In der Familie, in der Wohngemeinschaft oder bei der Arbeitsstelle ist das fast unmöglich. Aber auch im Straßenverkehr, egal ob man zu Fuß allein unterwegs ist oder allein im Auto fährt, ob in der Straßenbahn, ob man im Zug reist oder ob man gedenkt, den Abend allein zu verbringen: es dauert dann nicht lange und das Telefon klingelt, ein Nachbar klopft an der Tür oder man muss den Müll runter bringen und läuft der geschwätzigen Nachbarin in die Arme. Erst neulich war ich hier in der Gegend, die sehr ländlich ist, in einem abgelegenen Wiesengrund unterwegs, der auch für Fahrradfahrer schwer zu erreichen ist, weil es von dort aus keine weiterführenden Wege gibt. Prompt traf ich Bedienstete der kommunalen Wasserwerke, die dort irgendwas zu besorgen hatten.
Kommunikation ist so normal, dass man sich gar nicht vorstellen kann, wie ein Leben, in dem man für längere Zeit auf Kommunikation verzichten müsste, aushalten könnte. Der ganze Lebenslauf ist eine andauernde, beinahe lückenlose Verkettung von Verwicklung in mitunter hochkomplexen sozialen Zusammenhängen, wobei das Gespräch zwischen Anwesenden schon längst nicht mehr die größte Herausforderung ist. Die größte Herausforderung besteht darin, sich auf Gespräche wo, wann und unter sonst welchen Umständen sie auch immer stattfinden werden, vorzubereiten. Auch die Vorbereitung auf Kommunikation ist soziales Handeln und vollzieht sich in Gesellschaft, weil ohne Gesellschaft niemand den Weg aufs Klo finden könnte. Wo sollte ein Klo herkommen?
In bevölkerungsreichen Entwicklungsländern wie Indien, die große Ballungsräume haben, ist die Ernährung von Menschen, wenn sie auch nicht gerade einfach ist, nicht das größte Problem. Ein viel größeres Problem liegt in der Entsorgung von Verdauungsabfällen. Woher woher sollen Toiletten, Abwasserkanäle, Wasserversorgung und Abwasserreinigung kommen? Netze der Versorgung und Entsorgung kann niemand einfach einrichten.* Nimmt man das ernst, wird man begreifen, wie voraussetzungsreich selbst einfache Handlungen sind, die man meint, in aller Einsamkeit, jenseits von Gesellschaft erbringen zu können. Man ist zwar allein, wenn man auf dem Klo ist, aber in Gesellschaft ist man trotzdem.

Die Beteiligung an Kommunikation ist anstrengend geworden. Das kann man sagen. Das beginnt nicht erst mit dem Schulunterricht, der durch die Abschaffung einer Angst-Pädagogik, die ehedem auf Prügelstrafe setzte, kein bißchen einfacher geworden ist. Man denke etwa an die Überstressung von schwangeren Frauen, die sich ab dem ersten Tag der Kenntnis ihrer Schwangerschaft mit hunderten von Expertenmeinungen befassen müssen. Es gibt bei dem Vorgang der Schwangerschaft nichts mehr, das der Aufmerksamkeit von Mediziern, Psychologen, Therapeuten, Pharmazeuten, Hebammen, Pädagogen, Ökotrophologen, Designern und Produktentwicklern aller Art entzogen wäre, was davon spricht, dass eine Schwangerschaft alles mögliche ist, aber bestimmt nichts Natürliches. Denn das Natürliche ist nicht problematisch. Wo aber viele Probleme erfunden werden können – und im normalen Vollzugs des Lebensalltags sind wir einer Vielzahl von Problembehandlungsroutinen ausgesetzt – ist der Grad der Vergesellschaftung enorm hoch, so hoch, dass die Zumutungen, Risiken und Gefährdungen, die damit verbunden sind, selbst als Kostenfaktor erscheinen, durch den alle Effizienzgewinne, die mit Marktwirtschaft und Konkurrenz verbunden sind, schnell wieder verbraucht werden. So dürfte es nicht weiter verwundern, dass der größte Teil aller ökonomischen Produktion in der gesamtgesellschaftlichen Herstellung von Bedürfnissen besteht, was ansatzweise erklären könnte, warum die Beteiligung an Kommunikation so anstrengend geworden ist.
So sind es gerade diese Anstrengungen, die davon sprechen, dass Kommunikation keineswegs normal ist. In dem Maße wie der Grad der Vergesellschaftung gestiegen ist, haben sich auch die sozialen Aporien verdichtet. Mit dieser Verdichtung von Ausweglosigkeiten wird die Irritabilität von Kommunikation gesteigert; und mit dieser Steigerung steigt zugleich die Irritation über Kommunikationstheorie, nicht nur in engeren akademischen Kreisen.
Wenn nun, wie absehbar ist, der Computer als technische Voraussetzung für alle Lebensbereiche relevant wird, dann möchte ich vermuten, dass wir es nicht mit einer bloß additiven Innovation zu tun haben, die also nur der bestehenden Gesellschaft etwas hinzufügt und alles andere belässt wie es ist. Tatsächlich können wir mit einem schweren Eingriff in die soziale Ökologie der Gesellschaft rechnen, die den Fortbestand der Gesellschaft unter andere Bedingungen stellt. Diese Bedingungen sind aber wiederum nicht selbstverständlich, sondern können nur erprobt, getestet, erforscht und auf diesem Wege erlernt werden.

Fortsetzung

* In diesem Zusammenhang ist die Unterscheidung von Netz und Netzwerk bei Bruno Latour sehr wichtig. Netzwerke sind das Einrichtende, Netze das eingerichtete. Latour, Bruno: Existenzweisen. [SB 704]

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