Differentia

Lernen als Machtspiel 8 Klammergriff des Erfolgs 2 @mundauf @BKasslatter

 

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Gesellschaft ist kein Menschenwerk. Dagegen spricht ihre funktional ausdifferenzierte Hartnäckigkeit und Durchsetzungsfähigkeit, die sich für Menschenvermögen, Menschenleben und Menschenerkenntnis nicht übermäßig interessieren wird, wenn es im konkreten Fall darauf ankommt. Es sind nämlich zu viele hier und darum auch immer zu viele wo anders; immer wissen sehr viele über ziemlich viel sehr genau Bescheid, aber immer trifft jeder Mensch nur sehr wenige, die einen besonders beeindrucken; es gibt ziemlich viele Möglichkeiten des Handelns, spricht man aber mit einem Menschen über seine je individuellen Möglichkeiten, so wird diese Einsicht niemals bestätigt; es können tausend verschiedene Möglichkeiten des Geldgebrauchs vorgeschlagen werden, aber Euro oder Dollar nimmt jeder; kaum ein lebender Mensch wünscht Krieg, aber Kriege werden trotzdem geführt; in der Demokratie gilt: jede Stimme zählt, aber meine nicht viel, bemerkbar daran, dass sie niemand vermisst; niemand weiß genau, was Kunst ist, aber manche Künstler verdienen ein Vermögen damit, vollgeklekste Bilder an eine Wand zu hängen; man lernt nicht für die Schule, sondern fürs Leben, heißt es, aber wenn die Schule zu Ende ist, weiß man erst einmal nicht weiter, man kennt ja nur Schule. „Wir haben am Samstag für Sie geöffnet“, heißt es auf einem Schild bei Woolworth, wenn ich mich aber angesprochen fühle, ich also dem Sinn der Mitteilung folge, der besagt, dass ich mich angesprochen fühlen soll und sage, dass ich am Samstag keine Zeit habe, zeigt sich, dass ich gar nicht gemeint bin.

Gesellschaft als Menschenwerk aufzufassen, hieße, ein sehr, sehr eigenartiges Rätsel in die Welt zu setzen, aus dem kaum einer klug wird. Die moderne Gesellschaft hat aber genau das getan: Gesellschaft sei ein Menschenwerk und hat schließlich, um sichtbar zu machen, was sichtbar werden sollte, Menschen sichtbar gemacht, die ziemlich viel können, was eben auch heißt: nicht nur die größten Genies, sondern auch die übelsten Verbrecher aller Zeiten für alle ungehindert vorzuführen.
Wenn Gesellschaft aber ein Menschenwerk wäre, müsste man sich doch fragen, warum sie mit dem ganzen Käse nicht einfach aufhören. Nun ja, sie können mit dem Käse auch nicht einfach anfangen.

Gesellschaft ist aber auch keine überirdische Macht. Dafür spricht ihre Erfahrung, also das, was sie aus sich selbst gemacht hat, eine Erfahrung, die sie niemals hätte machen müssen. Gesellschaft ist das Ergebnis ihrer gewordenen, nicht ihrer gewünschten, gehofften oder geforderten Verhältnisse. Gesellschaft ergibt sich. Ihre Ergebenheit stiftet ihren Imperativ. Das heißt: Gesellschaft ist zwecklos. Gerade weil sie für nichts Bestimmtes zu gebrauchen ist, lässt sie Bestimmbarkeiten, Gewissheiten, Regelmäßigkeiten, aber auch ihre Veränderung zu. Gesellschaft ist nirgends auf etwas Letztendliches gegründet. Sie ergibt sich genauso zwanglos wie sie gebietet, aber beides nicht beliebig. Das ist die Voraussetzung dafür, dass sie sich selbst empirisch machen kann.

Fortsetzung kommt wie immer nachher

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Lernen als Machtspiel 7 Klammergriff des Erfolgs 1

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Gesellschaft ist eine sich selbst organisierende Macht; eine Macht, die zugleich mit dem Anwachsen ihrer möglichen Möglichkeiten, mit der Steigerung ihrer Leistungsfähigkeit und der Vermehrung der Voraussetzungen ihres Gelingens ziemlich viel zustande bringen kann, aber niemals eine Allmacht gewinnt. Aber wenn ihr etwas gelingt, dann mit aller Macht.

Wir lernen und schreiben auf: will und kann eine Gesellschaft etwas Bestimmtes erlernen – sei sie entsprechend ordnungsfähig – so wird sie alles verdrängen, vertuschen, verräumen, verlieren, verbieten, verharmlosen, verstellen, verschämen, aber auch alles maskieren, verstecken, vergessen, verschummeln, kurz: sie wird alles vermeiden, was diesem, ihrem bestimmten Lernerfolg im Wege steht. So gut sie kann.
Und wenn wie nicht kann, so wird sie ihr Unvermögen wiederum nach ihren eigenen Möglichkeiten behandeln. Sie wird also das Zuversteckende nicht verstecken, wenn es nicht geht, sondern vorzeigen, z.B. durch Massenmedien; sie wird das Zuvergessende nicht vergessen, wenn es nicht geht, sondern in Archiven oder Bibliotheken einlagern; sie wird das Zuverschämende nicht verschämen, sondern aussprechbar machen, z.B. durch Sexualaufklärung; sie wird die Staatsgewalt nicht unterdrücken, sondern jede nur möglich Gewalt zulässig machen, nämlich Atombomben und Demokratie; sie wird Betrug und Konkurrenz nicht verbieten, sondern beides unter das Risiko des wirtschaftlichen Gelingens stellen, beides also der Gefahr des Scheiterns aussetzen; sie wird Parteien nicht verbieten, sondern Parteilichkeit unter den Verdacht setzen, bescheuert zu sein; sie wird Popmusik und Werbung zulassen und extensiv verbreiten, aber sie wird beides zugleich als peinlich und lästig empfinden lassen dürfen; sie wird das irdische Dasein als die einzige Möglichkeit auffassen, aber zugleich den Glauben akzeptieren, dass es im irdischen Dasein irgendeine Unbedingtheit als Ursache des Dasseins gäbe, z.B. Urknall oder Urheber; sie wird die Freiheit jedes einzelnen zulassen, aber jeden Gebrauch dieser Freiheit gnadenlos sanktionieren; sie will die Menschenliebe befördern, aber unvorstellbare Massenmorde organisieren usw.
In einem Satz: Die Gesellschaft wird alles zulassen, was den Eindruck ihrer Modernität befördert. Und alles vermeiden, was diesen Eindruck trüben könnte.

Eine Gesellschaft wird also, sollte es genügendes soziale Voraussetzungen geben, alles daran setzen, ihren Lernerfolg – in diesem Fall: modern zu erscheinen – durchzusetzen. Sie wird aber nichts unterdrücken, sondern nur den Fraglichkeiten mit ihren eigenen Antworten begegnen. Die moderne Gesellschaft findet die Lösung für dieses Problem darin, dass sie allen ihr Recht gibt: Sonderpädagogik, Langzeitschläfern, Banken, Staaten, Säufern, Sportlern, Künstlern, Journalisten, Softeisverkäufern, Philosophen im Fernsehen, Arbeitslosen, Pornographie, Hundeliebhaber, Gewerkschaft, Märchenerzähler, Nachbarn, Arbeitskollegen, Feministinnen, Hinz und Kunz – jeder darf was wollen, aber kaum einer kann was tun, wenn die Gesellschaft nicht mitmacht. Aber sie tut es gern. Sie will eben das gelernt haben wissen: Irre, aber es funktioniert.

Alles, was von diesem Sinn abweicht, kann von der Gesellschaft schwer verkraftet werden. Weshalb sie besonders gern das Leichtverkraftbare zur Kommunikation und damit zur Ordnung anbietet, und sei es auch noch so abwegig, weltfremd, bescheuert oder hirnrissig. Denn immer gilt: Es kommt nicht drauf an, was es wirklich, wirklich, wirklich ist oder sein sollte, sondern es reicht völlig, dass es sichtbar, aussprechbar, verstehbar, kontrollierbar und anschlussfähig ist. Alles andere ist für die Gesellschaft kaum relevant.

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