Differentia

Die Beleidigungsleistung von Massenmedien und die Politisierung des Subjekts 3

zurück / Fortsetzung: Der Populismus, der gegenwärtig die Gemüter erhitzt und zu dessen Erklärung alle Register massenmedialer Astrologie gezogen werden, die allesamt nur dazu führen, diesen Populismus zu steigern, statt ihn zu erklären, ist als paranoisches Phänomen das Resultat einer Politologie des Zuschauers, mit der vergeblich versucht wird, das Handeln und Verhalten von Zuschauern wiederzuerkennen und mit welcher auf dem Wege der hartnäckigen Wiederholung des selben Versuches ein Prozess der Hyperbolisierung in Gang kommt, der den Direktionswert der entsprechenden Politologie aufgrund seiner Unerreichbarkeit durch Nichtwiedererkennung anschlussunfähig macht.

Bei diesem Direktionswert handelt es sich um Aufmerksamkeit, die für eine Politologie des Zuschauers die Paranoia der Ausschaltung des Zuschauers einschränkt und mit dieser Einschränkung Empirizität produziert. Weil der Zuschauer infolge seiner Einschaltung als Konsument für den Produzenten zugleich ausgeschaltet wird – es geht also um eine politische Ökonomie von Massenmedien – muss der Zuschauer aufgrund dieser Ausschaltung zur weiteren Einschaltung von weiteren Konsumhandlungen motiviert werden. Das gelingt durch Aufmerksamkeit für all das, was massenmedial kommunikabel geworden ist, welche wiederum nur gelingt, wenn Zuschauer Zuschauer mit einer geeigneten Politologie beobachten, weil nur mit einer geeigneten Politologie erkennbar wird, ob der Zuschauer als Konsument vorhersehbar, also wiedererkennenbar gehandelt hat und wie er künftig handeln wird.

Für eine Politologie des Zuschauers ist der Konsument, so unverzichtbar Konsumhandlungen auch immer sind, damit massenmediale Kommunikation gelingt, deshalb keine geeignete Subjektform. Denn will ein massenmediales System auf Konsumenten reagieren, will es für ihn also geeignete Angebote erfinden und unterbreiten, müssen die Bedürfnisse bereits produziert sein, was wiederum ohne Massenmedien nicht geht. Sollen die Angebote Konsumenten erreichen, dann nur, wenn es sich um Bedürfnisse von Zuschauern handelt, die, weil infolge ihrer Konsumhandlungen ausgeschaltet, für Zuschauer nur als Zuschauer erscheinen, wodurch ein Wissen darüber entsteht, für was Aufmerksamkeit gespendet wird und für was nicht.

Eine Politologie des Zuschauers wird also stets versuchen, Aufmerksamkeit zu gewinnen und mit dem Erfolg zu steigern, was umso schwerer geht, weil durch Wachstum und Differenzierung immer mehr Aufmerksamkeitsdefizite entstehen. Denn wenn schließlich für alles und jedes Aufmerksamkeitserwartungen kommunikabel sind, dann wird es immer schwieriger, weitere Aufmerksamkeitserwartungen zu erfüllen. Wo aber diese politische Strategie ihre Wissensform nicht ändert, lässt sie sich auf einen Prozess der Hyperbolisierung ein, durch welche eben jene Aufmerksamkeitserwartungen, die dennoch erfüllbar sind, empirisch als Zumutung im weiteren und als Beleidigung im engeren Sinne auffallen.
Fortsetzung folgt.

Die Beleidigungsleistung von Massenmedien und die Politisierung des Subjekts 2

zurück / Fortsetzung: Mir scheint, dass diese gegenwärtige Beobachtung des Populismus auf eine Politologie des Konsumenten zurückgeführt werden kann, die ihrerseits jedoch nur unvollständig einer Politologie des Zuschauers entspricht und diese darum um ein weiteres politisches Handlungsmerkmal erweitert. Das entsprechende Funktionsprinzip würde ich als Extensionsfunktionalismus der massenmedialen Evolution beschreiben.

Was ist zunächst mit Politologie gemeint? Gemeint ist selbstverständlich kein akademisches Studienfach, sondern eine Wissensform von Handlung, die sich aus einer politischen Ökonomie massenmedialer Sinnproduktion ergibt, die sich aber aufgrund des Erfolgs einer solchen Ordnung irreflexiv gegen die Bedingungen ihrer Möglichkeit verhalten muss (Prinzipielle Irreflexivität wegen steigender Nichtinformiertheit). Die Politologien, um die es im Folgenden geht, sind gleichsam ein sich ständig fortsetzendes Scheitern der Selbstnormalisierung von Handlung und Irritationen, die ihren Weltbezug durch Massenmedien regeln, ihn aber durch Massenmedien nicht geregelt bekommen.

Die hier bezeichneten Politologien sind kondensierte Weltauffassungen von Beobachterpositionen in einem mehrdimensionalem Sinngefüge der Erwartungsabsicherung, die jeweils auf eigensinnige Weise auf die Veränderung einer verstehbaren Welt durch Information reagieren und infolgedessen das Ausmaß von Nichtinformation steigern, solange Strategien der Selbstnormalisierung von Erwartungen gelingen. Eine Politologie ist damit ein Ausdruck für eine Mehrheit von Handlungsstrategien, deren Wissensform auf die Wiedererkennenbarkeit von Handlung angewiesen ist, die aber bei Beobachtung solcher Anweisung ihre Kontingenz entdeckt und darauf solange mit Widerständigkeit reagiert, bis diese Politologie ihre Selbstreferenz versteht und damit Strukturen ihrer Erweiterbarkeit entwickelt.

Aufgrund ihrer prinzipiellen Irreflexivität sind diese Politologien zugleich subjektlose Beleidigungspraktiken, die ihre je eigenen Subjektrollen konstruieren und diese im Verlauf der Evolution strukturell sedimentieren.

Fortsetzung folgt

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