Differentia

Öffentlichkeit als Hoffnungsinstanz #bildschirmfesselung

“Vernetzte Öffentlichkeit” – Dieses Video ist ein hübsches Feature der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen.

Interessant an einer Darstellung dieser Art ist weniger das, was ausgeführt und erklärt wird, sondern eher das, was als selbstverständlich, normal und unverzichtbar, ja vielleicht sogar als notwendig voraus gesetzt wird, obwohl diese Darstellung deutlich macht, wie sehr diese impliziten Voraussetzung fraglich sind, sie also keine beliebige Normalität haben. Denn dieses Video zeigt sehr deutlich, dass Öffentlichkeit fraglich ist und nicht normal, dass ihrer Herstellung Hindernisse auferlegt sind, die es keineswegs zulässig machen, dass Öffentlichkeit entsteht. Denn viel wahrscheinlicher ist es, dass das nicht passiert.
Und wenn sie zustande kommt, wird Öffentlichkeit hier als eine erlösende Hoffnungsinstanz empfohlen, durch die gleichsam ein neutraler und unkorrumpierbarer Richterspruch in Form der öffentlichen Meinung entsteht durch den für alle eine angemessene Gerechtigkeit entwickelt werden könnte. Wenn nur öffentlich würde, wenn nur allen bekannt werden könnte, was sich hinter den Dingen verbirgt, so wird alles gut. Eben dies stimmt gar nicht, wie dies schon aufgrund der Visualierung bildschirmgefesselter Nutzung gezeigt wird.  Es wird wird beinahme in der jeder Einstellung gezeigt, dass jeder Nutzer zu jedem Zeitpunkt anderes wahrnimmt, anders sortiert und bewertert, was auch für Shitstorms gilt. Denn mag zwar auch ein Hashtags #aufschrei massenweise anschlussfähig sein, so sagt dies nichts über eine öffentliche Meinung aus, sondern allenfalls etwas über Beteiligungsbereitschaft, von der man allerdings wissen kann, dass überall sehr indviduell ausfällt. Öffentlichkeit hat hier den Status einer Imagination.

Das schöne an dieser Imagination ist die autoimmunisierte Selbstlegitimierung dieses Hoffnungsglaubens. Denn wo sich empirisch zeigt, dass diese Erwartungen meistens gar nicht erfüllt werden, wird ums so dringlicher diese Erfüllung angemahnt. Interessanterweise verbreitet sich auch dieses Video über die Netzwerke und man könnte fragen: Welche Meinung hat die vernetzte Öffentlichkeit über dieses Video gefunden?

Es dauert noch etwas bis man heraus finden wird, dass Vernetzung und Öffentlickeit sich als Begriffe gegenseitig ausschließen.

Was macht Technik? #kommunikationstheorie #internet @annemilios @Anaminona

doesentelefon(Herkunft: Wikipedia)

Was macht Technik? Technik macht, dass das, was auf struktureller Ebene der Verständigung nicht oder nur schwer kommunikabel gemacht werden kann, weil eine funktionierende Kommunikation aufgrund erfolgreicher Strukturen die Bedingungen ihres Funktionierens verdeckt und dadurch ihre schwer zu umgehende Empirizität erzeugt, auf operativer Ebene dennoch, aber dann dämonisch akzteptabel werden kann. Technik ist die erfolgreiche Einrichtung eines spezifischen Arrangements auf struktureller Ebene, bezeichnet als Dispositiv (hier verkürzt als “Experiment”), mit dessen Hilfe die Irritabilität der Kommunikation auf eine Weise verfremdet wird, die schließlich die Heteroclitizität ihres Funktionierens offenbart und damit einen weiteren Bereich ihrer normalen Kontingenz aufschließt.
Dieses Bild oben macht das deutlich.
Schon immer, seit es Menschen gibt, haben sie miteinander gesprochen. Es gab in den letzten ca. 10.000 Jahren kaum genügend Gründe die Vorgänge des Gesprächs merkwürdig zu finden. Denn schließlich ist es normal, dass Menschen miteinander sprechen. Warum darüber theoretisch komplizierter nachdenken, wenn das Gespräch doch einwandfrei funktioniert? Denn die Normalität des Gesprächs schließt ein, dass es nicht immer zur Zufriedenheit aller Gesprächspartner funkioniert. Es funktioniert eben und sei es, dass es jemanden verdrossen macht. Wen sollte das stören? Und wenn sich jemand darüber beschweren mag, wie teilt man diese Störung mit, wenn das normale Gespräch nicht notwendigerweise Störungen vermeiden muss um zu funktionieren? Eigentlich geht es nicht, es sei denn es finden sich geeignete und gewiss voraussetzungsvolle Umstände, die es ermöglichen, den Störungscharakter operativ kommunikabel zu machen.

Dieses Bild zeigt, dass geht, indem eine Komplikation, eine Störung eingeführt wird um ein Gespräch zu führen, dass auch ohne diese Komplikation durchgeführt werden könnte. Aber ohne sie könnte man nicht über die Komplikation des Gespräches reden. Es wird also durch das Dispositiv eine Schwierigkeit eingeführt um irritabel zu machen, dass das Gespräch Schwierigkeiten – also den Normalfall – impliziert. Das Dispositiv hat eine apokalyptische Funktion: es offenbart etwas, das ohne diese Offenbarung nicht verborgen, sondern durch anderweitige Empirie nur verdeckt, aber nicht unsichtbar war.

Bei diesem Beispiel, das den Fall der gegenseitigen Rücksichtnahme betrifft, soll gezeigt werden, dass Kommunikation mit einem Dosentelefon als ein Arrangement zwischen Sender und Empfänger funktioniert. Man sollte einmal etwas gründlicher darüber nachdenken, bevor man so mir-nichts-dir-nichts dieses Kommunikationsmodell ablehnt, wofür es gleichwohl gute Argumente gibt. Dennoch stellt sich Frage: wie konnte es prominent und empirisch werden? Das Sender-Empfänger-Modell kann nur plausibel werden, wenn ein Sprecher, der sich als Sender beschreibt, das kausale Geschehen der Übertragung deutlich machen will, aber dafür im normalen Gespräch keine ausreichenden empirischen Anhaltspunkte findet, weil nämlich die Kommunikation – aufgrund der Anwesenheit des Partners – immer auch anderes möglich macht: Ausweichung, Ablehnung, Ablenkung, Zwischenfälle, Blockierung, Ängstigung, Affektbewegungen aller Art, die für das Gespräch ebenfalls jederzeit relevant werden können. So geht es also nicht, oder eben nur sehr schwer.
Also wird ein Dispositiv eingeführt, durch das eben nur dies und nichts anderes kommunikabel wird.  Zwischen zwei Dosen wird eine Schnur gespannt. Auf jeder Seite wird die Dose entweder nur zum Sprechen oder nur zum Hören verwendet, zum Senden und Empfangen, weil beides gleichzeitig auf jeder Seite nicht geht.
So kann ein Nacheinander von Sprechen und Hören durch empirisch sichtbare, weil mit Handgriffen verbundene, also komplizierte Handlungen erscheinen, die man dann als Senden durch Sprechen und Empfängen durch Hören ordnen kann. So kann ein kausales Geschehen gezeigt werden, ein Nacheinander von Handlungen, die außerhalb dieses Dispositivs nur gleichzeitig empirisch möglich und damit ungeeignet sind, um zu zeigen, dass es sich um kausales Geschehen der Ungleichzeitigkeit handelt.
Darum geht es: das Dispositiv macht etwas sichtbar, empirisch und akzeptabel, das nur auf dem Umweg der Verkomplizierung gewohnter und normaler Handlungen erkennbar werden kann. Und insofern ein solches Dispostiv zuerst dämonisch operativ und in der Folge strukturell regulativ diese ganze Gesellschaft überformt, indem das Dispositiv seine eigenen empirischen komplexen Voraussetzung nachträglich berücksichtigt, ist fast nicht mehr (oder nur sehr schwer) auf dieser strukturellen Ebene möglich, den Irrtum dieses Kommunikationsmodells zu zeigen.

Darum wird, bei geeigneten Bedingungen, ein anderes Dispositiv gebraucht, durch das auf das aufmerksam gemacht werden kann, was durch das Dosentelefon-Modell ausgeschlossen wird, dass nämlich Kommunikation nicht auf Kausalität beruht.
Aber gewiss ist das nicht so einfach zu erklären. Also muss sich auf operativer Ebene das Dispositiv dämonisch durchsetzen. Für uns ist dies das Internet.

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