Differentia

Tag: Meinungsfreiheit

Kommunikation zwischen Unbekannten: Meinungsfreiheit @LiteraturFrey @mkarbacher

Kommunikation zwischen Unbekannten: Der Referenzzirkel / Das Risiko des Gelingens / Selbstdarstellung / Irrtum und Chaos / Abwesenheit und Immersion

Meinungsfreiheit wird für Menschen in Deutschland, was für weite Teile Europas ebenso gilt, als Selbstverständlichkeit in Erfahrung gebracht. Diese Selbstverständlichkeit erkennt man daran, dass jeder jederzeit von dieser Freiheit ganz ungeniert Gebrauch machen kann. Dass vielleicht auch etwas Zurückhaltung, etwas Vorsicht, ja vielleicht sogar Bedenken hinsichtlich der jederzeitigen Möglichkeit der Meinungsäußerung sinnvoll sein könnte, wird gerade da nicht akzeptiert, wo inflationär von „Zensur“ die Rede ist. Man beschwert sich immer noch darüber (das heißt: man gibt die Meinung kund), dass man nicht überall seine Meinung kund geben könnte, nicht bemerkend, dass man genau daran nirgends und von niemandem gehindert wird.

Daraus folgt die Überlegung, dass Meinungsfreiheit, die ehedem eine furchterregende Sache gewesen war, die nicht so einfach dazu führte, Meinung zu äußern oder Meinungsfreiheit zu fordern, nach Wegfall aller Hinderungsgründe, sich nunmehr zu einem Recht auf Indifferenz gewandelt hat. Ein Recht auf Indifferenz meint, dass es für einen Sprecher oder Schreiber gar nicht mehr auf das „Was“ seiner Meinung ankommt.

Das kann man bei Twitter beispielsweise testen, indem  man, nachdem jemand, der ungebeten seine Meinung mit Anführungszeichen großer Wichtigkeit geäußert hat, statt wiederum selbst eine eigene Meinung zu äußern, einfach nachfragt, von welcher Wichtigkeit die eben mitgeteilte Meinung denn sei. In der Regel kommt dann immer nur die Antwort: „Ist halt meine Meinung!“ – womit zugleich ihre Irrelevanz zugegeben oder das besondere Merkmal ihrer Wichtigkeit für andere mindestens anheim gestellt wird. Das zeigt: Es geht nur um den Vollzug von Meinungsäußerung und nicht etwa darum, Wichtigkeiten, Besonderheiten, Dringlichkeiten mitzuteilen oder gar „kritische Urteilsbildung“ zu üben. Die Übung der Kritik funktioniert nicht mehr, jedenfalls nicht mehr unter den Bedingungen, wie sie durch social media bereit gestellt werden. Das „Was“ der Meinung tritt hinter der Beobachtbarkeit des Vollzugs ihrer Äußerung zurück. Die „Dassheit“ des Geschehens wird nun verstärkt irritabel, die „Washeit“ der Dinge wird zusehends schwieriger kommunikabel, eben weil sie ganz leicht und jederzeit in ihrer Kontingenz zutage treten kann und damit ihre Besonderheit verliert.

Da nun aber die Lernbereitschaft nicht sehr groß ist, weil die Anstrengungen zur Herstellung von Meinung so gering sind, dass man sich um die bekannten Bedingung der Möglichkeit von Meinung nicht zu irritieren braucht, weil dies als irgendeine Art von Selbstverständlichkeit erfahrbar wird, kann nun nicht so einfach auffallen, dass ein neuer Lernbedarf, eine neue Übungsnotwendigkeit entsteht, um diese unbekannten Bedingungen der Möglichkeit von Urteilsbildung in Erfahrung zu bringen. Was nicht so einfach verstehbar gemacht werden kann ist, dass, nachdem nun die Übung der Kritik  keine weiteren Lernerfolge mehr ermöglicht, etwas anderes zu lernen wäre, was deshalb so schwer zu erklären ist, weil niemand so einfach sagen kann was das sei. Der Schwierigkeit kann ganz einfach aus dem Wege gegangen werden, indem man einfach wiederum nur eine andere Meinung äußert.

Das Recht auf Indifferenz führt zu der Einsicht, dass Naivität Trumpf ist. Eben dies scheint mir eine sehr starke Bewährungshürde für die Findung intelligenter Möglichkeiten der Internetkommunikation zu sein. Meinungsäußerung, Meinungsausstausch, Meinungskampf sind dumm und primitiv geworden. Diese Internettrollerei ist deshalb Bewährungskommunikation. Sie provoziert Ordnungsfindung für neue Übungsverfahren auf dem Wege der beständigen Sabotage einer alt und trivial gewordenen kritischen Disziplin.

Schwache Meinungen, Konkurrenz und Kontrolle 1

Meinungskonflikte, gleich welcher Art und ganz unabhängig vom gewählten Thema, können einen Beobachter, der daraus klug werden will, nicht zu der Frage veranlassen, welche der vorgetragenen Meinungen die bessere ist. Denn wer so fragt und entsprechend antwortet, kann den Meinungskonflikt nur fortsetzen, weil nämlich keine der vorgetragenen Meinungen ihre eigene Dummheit oder Schlechtigkeit kommuniziert. Der Meinungskonflikt entsteht, weil sich die Beteiligten auf die Klugheit der eigenen und auf den den defizitären Charakter der anderen Meinung festlegen lassen. Machen die Beteiligen von diesem Beobachtungsschema Gebrauch, indem sie sich wechselseitig die Differenz zwischen guter Meinung und schlechter Meinung überhändigen und entgegen nehmen, strukturiert sich der Meinungskonflikt entlang dessen, was er zu vermeiden vorgibt: die Suche nach dem besseren Argument, die auf der anderen Seite die Vermeidung schlechter Argumente in Aussicht stellt, provoziert immer nur weitere schlechte Argumente, die wechselseitig als Vorwürfe mitgeteilt werden und damit den Anspruch erneuern, das bessere Argument zu bevorzugen, ohne diesen Anspruch gleichwohl zu erfüllen. Vielmehr zeigt sich, dass es nur darum geht, diesen Anspruch zu äußern, denn da, wo er erfüllt wird, gibt es für einen Meinungskonflikt keine geeigente Ausgangssituation und kann nicht fort geführt werden. Denn sollte ein besseres Argument gegen alle Wahrscheinlichkeit dennoch gefunden werden, so wird man kaum jemanden finden, den das besonders interessiert, weil damit ja keineswegs alle Widerspruchsmöglichkeiten ausgeräumt wären.

Auf diese Weise kontrolliert sich die Kommunikation selbst, behält sich unter Selbstkontrolle und erzeugt einen passenden Konformitätsdruck, solange nur immer Bereitschaft erwartbar wird, dass sich genügend Beteiligte diesem Konformatitätsdruck nicht entziehen.

Warum geschieht das eigentlich? Was bewirkt die Wertschätzung von Meinungskonflikten? Warum hören die Beteiligten nicht damit auf, wenn nach Ablauf von etwas Zeit absehbar wird, dass diese Konflikte keine logische Grenze finden, durch die sie ihre Haltbarkeit verlieren? Die Antwort lautet, dass die Haltbarkeit solcher Konflikte gerade darum gelingt, weil sie keine Logik haben, jedenfalls keine zweiwertige Logik, aber Zweiwertigkeit als Konfliktlösung in Aussicht stellen, obgleich Erwartungen auf Zweiwertigkeit diese Konflikte anfeuern und nachhaltig fortsetzen. Es gibt sogar Meinungskonflikte, die sich über Generationen hinweg erstrecken und trotzdem noch auf Erwartungen der Fortsetzbarkeit treffen. Ein Beispiel dafür wäre der Antisemitismus-Streit, der in seiner heutigen Dareichungsform auf das Jahr 1879 datiert. Damals ereignete sich der sog. Berliner Antisemitismusstreit, der gleichsam die Blaupause für alle folgenden Etappen in diesem Konfliktgeschehen bildete.

Fortsetzung folgt.

 

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