Differentia

Tag: Kommunikation

Witzischkeit kennt keine Grenzen … @guentzels

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Witzischkeit kennt keine Grenzen,
Witzischkeit kennt kein Pardon
und wer witzisch is, der hat gut Lache
und darum gehts in diesem Song …

Titellied aus: Kein Pardon, Hape Kerkeling, Komödie, Deutschland 1993

Was ist witzig? Was ist schön? Was ist gerecht? Was ist ehrlich? Auf alle diese Fragen gibt es ungefähr so viele verschiedene Meinungen wie es Leute gibt, die eine Meinung dazu äußern. Nicht jeder hat eine gänzlich andere Meinung, aber auch keiner hat genau dieselbe Meinung wie ein anderer. Trotzdem kann gelacht werden und sehr selten gibt es nur einen, der lacht, während alle anderen nicht lachen können. Tausend verschiedene Meinungen also, aber wenn es darauf ankommt, gibt es im Verhältnis dazu nur sehr wenige verschiedene Handlungen. Meinungen sind individuell, Handlungen sind kollektiv. Wie kann das sein?

Der Grund ist, es werden zwei verschiedene Handlungen miteinander in Beziehung gesetzt, die keinen unbedingten Voraussetzungszusammenhang bilden. Es handelt sich also nicht um eine Denkweise (Meinung) im Unterschied zu einer Handlung (Gelächter). Denn von Meinung weiß man nur durch Meinungsmitteilung, also durch Handlung. Meinungsmitteilung ist also genauso Handlung wie Gelächter, aber beides sind sehr verschiedene Handlungen, deren Beobachtbarkeit auf verschiedene Weise geordnet wird.
Werden Meinungen einzelnen abgefragt, ist die soziale Ordnung darauf ausgerichtet, die Individualität der Meinungsmitteilung zu kommunizieren. Eine soziale Ordnung, die auf Kollektivität ausgerichtet ist, sucht dagegen nur solche Handlungen heraus, die sich von anderen nicht unterscheiden. Einfacher ausgedrückt: es sind zwei verschiedene soziale Ordnungsgefüge, die diese oder jene Handlung auswählen um dieses oder jenes erkennbar zu machen. Und sobald nun diese Ordnungen zustandekommen, zuzüglich der Beobachtung, dass sich Routinen bilden, die das Zustandekommen von solchen Ordnungen wahrscheinlich und erwartbar machen, kann nun, wenn zunächst die Unterscheidung notwendig war, um eine Trennung zwischen beiden Ordnungsgefügen herzustellen, eine Verwechselung vorgenommen werden, indem man Handlungsweise mit Denkweise verwechselt und Individualität mit Kollektivität.
Jetzt auf einmal erscheint eine Denkweise als individuell, obgleich das Ordnungschema der Ermittlung ein kollektives Muster zeigt: Jeder hat eine andere Meinung. Wenn dies für jede Meinung gilt, dann ist eben dies das kollektive Muster. Und es erscheint Gelächter als Handlungsweise, die, obgleich jeder nur individuell lacht, als kollektive Handlung aufgefasst wird. Eine solche Verwechselung erscheint nun nicht weiter problematisch, es sei denn, dass etwas Unerwartetes geschieht, nämlich eine Überaschung: Statt zu lachen, schießt einer, nämlich auf die Redakteure eines französichen Satiremagazins. Jetzt wirkt sich diese Verwechselung traumatisch aus. Spätestens dann wird nicht mehr gefragt, was witzig ist und was nicht, obgleich auch dafür kein überzeugender Grund vorliegt. Denn nur weil man erschrocken sein kann, heißt das nicht, dass der Terrorist humorlos sein muss, auch nicht, wenn er schießt. Ich gebe zu, dass das eine seltene Meinung ist, der ich nicht viel Bedeutung beimessen möchte. Das liegt aber an einer sozialen Ordnung, die eine solche Meinung sehr leicht zu zuverlässig marginalisiert. Damit bin ich einverstanden. Aber:

Twitter ist nun eine Art Medium für Kommunikation, das solche Ordnungsweisen, Ordnungsschemata und entsprechende Routinen nicht mehr garantiert. Aus diesem Grund ist die oben angezeigte Mitteilung nicht sehr witzig.

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Twitter oder: die Paranoia der Adresse @nilsdemetry @KlausW_Pohlmann #telenoia

Was ist Twitter? Twitter ist Kommunikation über die Paranoia der Adresse. Diese Überlegung möchte ich im folgenden ausprobieren. Vielleicht kann man von dieser Überlegung ausgehend diese Dämonie der Trollerei verstehen lernen. Beginnen wir mit der folgenden fiktiven Situation, die – von psycho-pathologischen Ausnahmen abgesehen -kaum ein Mensch so einfach erleben kann.

Stell dir vor, du bist in einer Gegend unterwegs, in der du nie zuvor gewesen bist; eine Gegend, wo du keinen kennst, wo dich keiner kennt, wo du dich mit niemandem verabredet hast, wo du niemanden erwartest und wo du nicht erwartest, dass jemand dich erwartet. Auch hast du niemandem zuvor davon berichtet, wo du dich aufhalten wirst. Denke dir also, dass du irgendwo in einer dir fremden Gegend auf den Bus wartest und zum Zeitvertreib in der Gegend herumschlenderst. Du gehst links herum, obwohl du auch rechts hättest abbiegen können. Danach gehst du hier hin und dort hin, ohne besonderes Ziel. Dann setzt dich auf eine Bank, auf der ein visitenkartengroßer Zettel liegt. Du schaust dir diesen Zettel an und du findest darauf deinen Namen, deine Adresse, deine Telefonnummer und dein Geburtsdatum notiert.
Die Mitteilung ist eindeutig: Du bist gemeint! Aber, um Gottes Willen! Wie kann das sein? Du dürftest damit in eine ziemliche Wahrnehmungskrise geraten. Irgendjemand, der dich kennt, ist hinter dir her, musste aber vor dir dort sein, um diese Notiz an dieser Stelle zu hinterlassen. Aber wer hätte wissen können, dass du diese Bank aufsuchst? Es kann nur Absicht sein, aber du weißt nicht welche. Du schaust in der Gegend herum, ob noch mehr Zettel mit deiner Adresse irgendwo herum liegen, findest aber keine weiteren. Irgendjemand müsste in unmittelbarer Nähe sein. Oder, eine fernliegende Möglichkeit, du hast diesen Zettel selbst dort hingelegt, kannst dich aber nicht daran erinnen.  In dem Fall hättest du ein medizinisches Problem.

Diese Situation ist komplizierter als du denkst, denn: wie solltest du dein Informationsdefizit nun beseitigen? Wen könntest du fragen? Wer sollte dir so etwas glauben? Und wenn es das so wäre, hülfe dir das auch nicht weiter. Auch wenn du vermuten möchtest, dass dir jemand einen harmlosen Streich spielen will, wirst du erstaunt darüber sein, dass so etwas funktioniert: Jemand ist hinter dir her, der vor dir dort gewesen sein musste, ohne wissen zu können, dass du dich dort aufhalten wirst. So etwas geht eigentlich gar nicht.

Gerade weil eine solche Situation entweder nur psycho-pathologisch oder nur rein fiktiv möglich ist, gibt es bislang keinen wichtigen Grund, darüber komplizierter nachzudenken. Denn im ersten Fall wüsste man, was man dann machen könnte, nämlich einen Arzt aufsuchen. Im zweiten Fall ist dies eine lustige, aber folgenlose Gedankenspielerei ohne irgendeine lebensweltliche Relevanz, vielleicht noch tauglich für eine Science-Fiction-Geschichte; und dann wäre es nur eine Frage, ob die Unterhaltung gelingt. Brisanter ist diese Situtation nicht.

Nun möchte ich vermuten, dass mit Twitter eine solche Paranoia der Adresse kommunikativ wird und zugleich keine gesellschaftlichen Voraussetzungen mitliefert, um diese Paranoia zu bewältigen, weshalb sie auch zunächst gar nicht als solche auffällt und eben darum diese Dämonie entfaltet. Warum?
Twitter ist eine Liste von Adressen, in die sich jeder einschreibt. Mit dieser Einschreibung hinterlässt man anderen, die das selbe tun, eine Adresse, ohne, dass dafür ein besonderer Grund vorhanden wäre. Wenn du auch selber irgendeinen Grund haben magst, sagen wir Neugier oder so etwas, dann reicht das nicht aus, denn: sozial relevante Gründe ergeben sich aus Kommunikation und nicht andersherum. Wer sollte sich für deine Gründe interessieren, wenn du nicht weißt, welche Gründe die anderen haben, die das gleiche tun? Deine Gründe haben vor aller Kommunikation keine selbstverständliche soziale Realität, was auch für alle anderen gilt.
Das ist der Grund, weshalb diese Paranoia nicht auffällt: weil das grundlose Hinterlassen von Adressen massenweise, weltweit geschieht, fällt das als Normalität auf. Aber diese Normalität hat kein Vorbild, keinen Vergleich, keine gesellschaftliche Erfahrung zur Voraussetzung. Der Normalfall bislang war immer, dass, sollte jemand Unbekanntes deine Adresse kennen, er sie nicht auf dem Wege zur Kenntnis gebracht haben kann, auf dem er sie dir wieder mitteilt. Wer dich anruft, hat deine Telefonnummer woanders her, kann sie nicht durch den Anruf selbst erhalten haben. Das gilt auch für alle anderen Möglichkeiten der Ansprechbarkeit.

Bislang galt, dass die Kommunikation einer Adresse rein fremdreferenziell möglich war.  Spricht dich in irgendeinem Zusammenhang irgendeiner an, dann galt bislang: Irgendwo musste jemand deine Adresse zuvor in Erfahrung gebracht haben, sonst wäre es nicht gegangen. (Ausnahme: die Ansprache auf der Straße. Aber in dem Fall kann mindestens auf Wahrnehmung als Grund für die Ansprache geschlossen werden, weshalb die Selbstreferenzialität der Kommunikation unterschlagen wird: es ist beiderseitige Anwesenheit nötig.)
Twitter ermöglicht nun die selbstreferenzielle Kommunikation von Adressen bei gleichzeitiger Abwesenheit. Du hinterlässt in einer Liste anderen eine Adresse, aber das ist noch keine Kommunikation. Erst, wenn die Ansprache gelingt, gelingt die Kommunikation. Und erst damit ist zugleich die Adresse kommuniziert, was jedoch unterschlagen wird. Stattdessen wird anderes als die Adresse für die weitere Kommunikation als relevant angesehen, also Meinungen, Bilder, Links, Texte oder was auch immer. Dass die Adressabilität selbstreferenziell funktioniert, wird als gegenstandslos, als unwichtig, als wenig bedeutsam erachtet. Und weil das so ist, kann man in eine schwere Wahrnehmungkrise kommen, die mit der oben beschriebenen Situation vergleichbar ist. Es wird eine relevante Information unterschlagen, weshalb man nun nicht weiß, wie man in diese Situation hinein gekommen ist und wie man wieder heraus findet.

Es kommt hinzu: durch Twitterkommunikation kann man das nicht aufklären, was auch daran liegt, dass die Kommunikation aufgrund ihres faktisch Vollzugs längst andere Wichtigkeiten erzeugt hat, deren Behandlung attraktiver erscheint.

So ergibt sich die Hilflosigkeit angesichts dieser Dämonie: sie selbstreferenzielle Kommunikation von Adressen ist eine paranoische Operation.

 

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