Differentia

Tag: Paranoik

Logik, Kritik und Paranoik – ein Beispiel @neurosophie @latent_de

Nehmen wir mal diese Mitteilung als ein Beispiel dafür, wie man Internetkommunikation intelligent nutzen könnte.
Zunächst sind wir es auf der Ebene der Analyse einer symbolischen Ordnung gewohnt, die Mitteilung dieses Tweets für irre zu halten. Und zwar deshalb, weil innerhalb einer zweiwertigen Logik ein Entsprechungsverhältnis behauptet wird, dass sich nicht mit einer Entweder-Oder-Alternative analysieren und darin auflösen lässt. Denn wollte man es versuchen, landet man bei Quatsch.

Begründung: „Ich verfüge über zwei Gehirnhälften“ – also 2 mal 1  : 2, auf diese verteilen sich „eine für Denken und Twitter, eine für Fußball und youtube und eine für Frikadelle mit Bier“, also 3 x 2 Möglichkeiten. Ersetzen wir das durch Variablen, um es zu abstrahieren: A und B sind zwei Gehirnhälften. Auf diese beiden Möglichkeiten verteilen sich diese drei: a + b („Denken und Twitter“) und c + d („Fußball und youtube“) und e/ f („Frikadelle mit Bier“), dann ergibt sich, dass man drei Hälften bräuchte, wenn man eindeutige Zuordnungen vornehmen würde. Entsprechend wäre keine eindeutige Aufteilung möglich, weil ja nur A und B als gegeben behauptet werden.
Da man auf der symbolischen Ebene nun keine Konsistenz von Sinnselektionen findet, lacht man darüber, wodurch es auf diese Weise normalisert wird. Man sucht nach eindeutiger Konsistenz, findet aber keine. Ein anderer Fall wäre, wenn diese Inkonsistenz mit einer Wahrheitsreferenz versehen wäre dann. Dann würde der Irrsinn durch Kritik normalisiert.

Ob nun Kritik oder Gelächter, in beiden Fällen unterliegt einer Reaktion die Unterstellung, ein Beobachter habe sich vollständig mitgeteilt, gestützt durch eine, mit keinem empirischen Sachverhalt zu beständigenden Annahme, dass er dies könnte. Erst so entsteht dieser Irrsinn, indem etwas kontra-Empirisches als beobachtbarer Normalfall behandelt wird.
Der empirische Normalfall ist aber die Unvollständigkeit jeder Selektion, auch die dieses Tweets. Unterstellt man also Unvollständigkeit der Mitteilung, dann ergibt sich für eine Zuordnung von drei Operationen auf zwei Möglichkeiten keinerlei Verstehenschwierigkeiten, weil man im Anschluss einfach ergänzt: A wird für a + b in Anspruch genommen, B braucht er für c +d und für e/f braucht er A + B, weil ja auch innerhalb des Gehirns eine Vermengung von Möglichkeiten der Zuordnung von Einheiten vorgenommen werden kann, heißt: A, B und A+B sind drei Einheiten und damit drei Möglichkeiten, zwei Gehirnhäften zu nutzen, A+B wäre entsprechend eine dritte Hälfte von zwei Hälften.

Ganz einfach. Natürlich hat dieser Ordnungsversuch keine Notwendigkeit und ist genauso paranoisch wie der Mitteilungsvorschlag. Aber das ist kein Problem, weil Unvollständigkeit auch in diesem Fall unterstellbar ist, weshalb nichts dagegen spricht, einen anderen, erweiterten, variierten Ordnungsvorschlag zu posten. Kritik und Gelächter sind nur ein typisches Vermeidungsverhalten, um sich mit den Schwierigkeiten der Internetkommunikation nicht zu befassen. Sie macht es nämlich möglich, dass der Irr- und Widersinn für die Ordnungsfindung gar kein Hindernis ist.

Der größere Hindernis ist die nicht weiter reflektierte Akzeptanz einer symbolische Ordnung infolge eines Wissenskonzepts der Gesellschaft, das sich durch eine zweiwertige Logik differenziert und nun keine Ausschließlichkeit mehr hat, aka Normalität des Lebens. Es muss nun aber gar nicht die symbolische Ordnung verteidigt werden. Dafür besteht keine Notwendigkeit.

Eine symbolische Ordnung durcheinander zu bringen wäre darum nicht das dümmste Geschäft von Internettrollen. Viel dümmer ist es, sich solcher Unordnungsfindung mit Kritik zu widersetzen.

paranoides und paranoisches Beobachten

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Die Unterscheidung von paranoidem und paranoischem Beobachten würde ich folgendermaßen konzipieren:

Das moderne Beobachtungsverhalten lässt sich in zwei Modi aufteilen. Der erste Modus ist das paranoische, der zweite das paranoide Beobachten, welches das kritische Beobachten, dessen Sonderfall es in der modernen Gesellschaft ist, als den allgemeinen Fall ermöglicht.
Jeder Modus des modernen Beobachtungsverhaltens unterliegt Bedingungen einer höchst unvollständigen Informiertheit über die Welt.

Kritik als Sonderfall des paranoiden Beobachtens ist entstanden, um der möglichen Gefahr eines Überschusses von Schwachsinn dadurch zu begegnen, dass für die Gewinnung einer Urteilsgewissheit nur wenige Möglichkeiten übrig bleiben dürfen, mit denen man eine Urteilsgewissheit begründen kann. Kritik ist gleichsam die Selbstimmunisierung gegen Gesellschaft, weil Gesellschaft nur in seltenen Fällen Vernunft, in den allermeisten Fällen nur Blödsinn und Schwachsinn erzeugt. Kritik erzeugt durch disziplinierte Selbstverarmung der Wahrnehmung kein vollständiges Weltverstehen, sondern nur ein gesichertes Verstehen von wenigen Möglichkeiten der Welt, unter der Voraussetzung, dass der größte Teil sozialen Überschusssinns (i.e. Schwachsinn) vernachlässigt und beiseite geschoben wird. Kritik ist die Steigerung von Urteilsfähigkeit durch methodische Vermeidung des größten Teils aller sinnvollen und sozial ermöglichten Möglichkeiten. Kritik ist gesellschaftliche disziplinierte Asozialität.

Aus diesem Grunde neigt das kritische Beobachten dazu, sich das paranoide Beobachten als Antagonisten, als Feind an Land zu ziehen. Denn auch das paranoide Beobachten unterliegt einer unvollständigen Informiertheit, aber versucht trotzdem, eine Urteilsgewissheit zu erzeugen, ohne die vielen überschüssigen Sinnmöglichkeiten zu vermeiden. Paranoides Beobachten führt zur Urteilsgewissheit durch Akzeptanz unüberschaubarer Sinnmöglichkeiten, ohne die daraus resultierende eigene Urteilsunfähigkeit zu beobachten, sondern führt dazu, eine Urteils- und Überzeugungsfähigkeit auch da zu behaupten, wo aufgrund der Selbstauskunft des Beobachters nur Rätsel, nur Wunder, nur Geheimnise erkennbar werden. Daher neigt das paranoide Beobachten zur Selbstpathologisierung, weil es auch dann Antworten oder Wahrheiten behauptet, wo jeder Selbstauskunft nach nur Fragen bleiben. Der typische Fall: Verschwörungstheorien: Wenn behauptet wird, dass etwas Entscheidendes geheim gehalten würde, dann kann dies im wahrscheinlichen Fall nicht dazu führen, dass man genau wisse, was da geheim gehalten wird, weil es ja geheim ist, sondern müsse eher dazu führen, dass man aufgrund der Annahme, dass etwas geheim gehalten wird, nicht genau wissen kann, worum es geht, so jedenfalls aus kritischer Perspektive, die auch Urteilsgewissheit gewinnen will und sich entsprechend mit Urteilsungewissheit begnügt und davon überzeugt ist, dass das ausreicht, ohne die Rästsel selbst aufklären zu können.

Deshalb ist paranoisches Beobachten der Antagonist des paranoiden Beobachtens, weil paranoisches Beobachten nicht Urteilsgewissheit steigern, sondern vernachlässigen will.
Paranoisches Beobachten geht auch von Uninformiertheit aus und lässt sich auf Überschusssinn und Schwachsinn ein, kommt aber nicht zu dem Ergebnis der Urteilsgewissheit, sondern kommt dazu, dass das eigene Nichtwissen nicht mit Überzeugung vertreten werden kann. Man könnte auch sagen, dass das paranoische Beobachten das kritisch-sokratische Beobachten von der anderen Seite überholt. Das kritisch-sokratische Beobachten heißt: Ich weiß, dass ich nichts weiß, paranoisches Beobachten heißt: ich weiß mehr als ich weiß, aber ich kann darüber nicht reden, weil ich auch über mein Nichtwissen schlecht informiert bin. Aus diesem Grund kennt das paranoische Beobachten keinen Schwachsinn und keine Vernunft, sondern nur Sinn und die Verwunderung über eine grundlos verworrene Welt.

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