Differentia

Tag: Apokalyptik

Über die moderne Form der Empirie 8

zurück / Fortsetzung: Die maßgebliche Unterscheidung, mit der alle Referenzierbarkeit der Welt operationalisiert wurde, ist die Unterscheidung von Subjekt und Objekt, deren evolutionäre Leistung darin besteht, die Welt in den Möglichkeiten ihrer Reifizierung zu analysieren, zu beschreiben, zu deuten und zu erklären. Diese „Verdinglichung der Welt“ war eine gleichermaßen hoffnungsfördernde wie furchterregende Leistung der modernen Gesellschaft.

Diese Verdinglichungsleistungen, die Strukturen der Reifizierung und ihre Funktionalisierbarkeit wie sie in der Dokumentform hervorgebracht werden konnten, erbrachten einerseits eine Entzauberung der Welt, welche annehmbar macht, dass es für alles ein natürliche Erklärung gäbe; ein Hoffnungsglauben übrigens, dessen fragwürdiger eschatologischer Gehalt niemals unbeobachtet geblieben ist; und andererseits überziehen diese Strukturen die wissensgenerierenden Systeme mit dämonischen Hirngespinsten und furchterregenden Wahngebilden, die den ehemaligen Formen eines landläufigen Aberglaubens in nichts nachstehen: Aufklärung und Verdunkelung, Fortschritt und Rückschritt, Gebrauch und Missbrauch, Weisheit und Tyrannei entspringen den selben Formen der Erfahrungsformatierung, sind also Resultate von bestimmten Erwartungen, deren Stabilität auch darum gewährleistet werden kann, da sie Strukturbildungsroutinen ausbilden können, die diesen Erwartungen nicht entsprechen, wodurch es zu Differenzierung kommt, ohne die zugrunde liegenden Schemata der Differenzierung außer Kraft zu setzen. Dem steht aber offensichtlich nicht entgegen, dass trotz aller stabilen Reproduktion von Strukturen irgendwannn eine Überkomplexität anfällt, dies es dann doch möglich macht, dass Anderes auch ausdifferenziert werden kann. Solange die Systemkapazitäten jedoch ausreichen, um auf eine solche deviante Entwicklung mit Devianz zu reagieren, steigert sich zunächst nur die Irritabliltät der Systeme, die noch mehr oder weniger souverän abgearbeitet werden kann.

Was aber müsste geschehen damit die Systeme an ihre Kapazitätsgrenzen kommen? Meine Vermutung ist, dass alle Restabilisierung die bekannten Unterscheidungsroutinen in dem Augenblick verschärft und durch Verschärfung übertreibt, in welchem für die Selektionen eine Referenzgefüge durcheinander gerät, dessentwegen die Veschärfung der Unterscheidungsroutinen angebracht erscheint. Mit der Verschärfung ist hier ein „jetzt-erst-recht“, ein „so-weit-und-nicht-weiter“, ein „dagegen-müssen-wir-etwas-machen“ gemeint, also eine gesteigerte Immunreaktion, die einen Erfolg Aussicht stellt, der gerade aufgrund seiner Aussichtslosigkeit diese Immunreaktion hervor bringt. Das heißt, dass ein point of no return immer dann erreicht ist, wenn eben dies geleugnet wird.

In Hinsicht auf die dämonischen Formen, die das Internet ausbildet, springt eine Unterscheidung ins Auge, deren Irritationsgehalt wohl deshalb so groß ist, weil sie zunächst plaubsibel anschlussfähig erscheint. Gemeint ist hier die Unterscheidung von Datenschutz und Datenklau, eine Unterscheidung, die den Rechtfertigungsstrategien einer auf Reifizierung angepassten Beobachtungsweise entspricht, welche besagt, dass man Daten haben, besitzen, weitergeben, stehlen könnte und darum auch schützen müsste – und welche die Erwartung parat hält, dass das auch funktionieren würde, obwohl das empirisch-verstärkt beobachtbare Gegenteil eben dieser Erwartung widerspricht. Und an der Frage der Empirie scheiden sich dann die Geister: ob nämlich das, was keiner mehr bestreiten kann, sich normativen, das heißt lernunwilligen Erwartungen zu fügen hätte, oder ob andersherum alle Erwartungen sich auf Lernbereitschaft anpassen müssten, die versucht, aus dem klug zu werden, was ohnehin nicht zu ändern ist. Es kommt zur Differenzierung.

Noch kann man fast überall Punkte machen mit der Ausgangsposition, dass man trennscharf zwischen legitimen Datenschutz – und seinen damit beauftragten Akteuren – und illegtimen Datenklau und seinen dämonischen Erscheinungsformen unterscheiden könnte. Aber man kann schon merken, wie wenig überzeugend mit dieser Unterscheidung Selektionen noch trennscharf zugeordnet werden können: Dass Facebook nicht auf der Seite des Datenschutzes steht, scheint angeblich ausgemacht, dass es sich aber auch nicht einfach um Datenklau handelt, ist ebenso annehmbar, da ja zwischen Facebook und seinen Nutzern irgendeine, wenn auch nicht näher bestimmbare Vertragsbeziehung unterstellt werden kann. Noch schwieriger wird’s im Falle von Whistleblowing. Auch hier wird zwar immer noch die selbe Unterscheidung verwendet, aber man muss darauf achten – mehr als im Fall von Facebook – wer sie verwendet und warum. Da aber auch Facebook nicht gegen Operationen von Whistleblowern immun ist, stellt sich die interessante Frage, was passiert, wenn die Dämonie sich selbst in Widersprüche verstrickt. Konzernen wie Google kann noch mit Geringschätzung ob eines Überwachungswahns begegnet werden, obgleich andersherum eine beständige und mit keinem Mittel aus der Welt zu schaffenden Terrorgefahr eine immer weitergehende Überwachung erforderlich macht.
Wie könnte ein Staat Datenschutz sicherstellen, wenn er selbst durch Ankauf von illegal erworbenem Datenmaterial zum Zweck der Steuerfahnung jedes Vertrauen in gesetzliche Regelungen unterläuft? Oder, um ein metaphorisch höchst interessantes Beispiel anzuführen: Ist es möglich, dass eine Partei, deren Mitglieder sich „Piraten“ nennen, den Datenschutzbeauftragen einer Regierung stellen könnte? Interessant ist dieses Beispiel deshalb, da sich hier zeigt, wie wahrscheinlich die Vertauschung von Referenzen wird, eine Entwicklung, die übrigens schon mit der Etablierung des „Chaos Computer Clubs“ in den 80er Jahren begann als Hackern erstmals die Überführung von dämonischen Formen der Computergesellschaft in Legitimität gelang.
Wie also könnte sie die Reifizierungsstrategien noch aufrechterhalten, wenn eine Übersicht über die Differenzierungen nur noch gewährleistet werden kann durch Funktionssysteme, die sich auf der Basis dieser Reifizierungen gebildet haben? Wenn also diese Systeme ihre Systemkapazitäten dadurch belasten, dass sie anfangen, ihre Fremdreferenzen zu reintegieren? Wenn sie Räuber zu Polizisten machen und Polizisten zu Räubern?

Die Lösung lautet, dass sowohl Datenschutz als auch Datenklau als Illusionen erkannt werden und sich als apokalyptisch erweisen. Apokalypse ist hier ganz in dem Sinne gemeint, wie bei @str0mgeist erklärt:

Die Wort Apokalpsis kommt aus dem Griechischen und leitet sich ab von apo (ab, weg, von-weg) und kalypsein (verhüllen, verbergen, bedecken). Es heißt also: enthüllen, aufdecken, entblößen, im Partizip Perfekt Passiv entblößt, schamlos sein und übertragen dann erst offenbaren, kundtun. Apokalypsis ist also die Enthüllung, die Aufdeckung, die Offenbarung. Jacques Derrida hat in seinen Überlegungen zur Apokalypse (Passagen Verlag 1997/2009) darauf hingewiesen, dass die Aufklärung selbst ein apokalyptisches Projekt ist, weil ihr es darum geht, alle Schleier wegzureißen, alles zu entdecken, aufzudecken und zu enthüllen, keine Geheimnisse mehr zu dulden, nichts Verborgenes mehr übrigzulassen.

Dabei handelt es sich um eine Leistung, die durchaus mit der Leistung verbunden ist, welche einsichtig machen konnte, dass Menschen nicht von Geburt an sündhaft sind, dass es keinen Gott gibt, dass auch Frauen bildungsfähig sind, dass das freie Wort unverzichtbar ist, dass kitschiger Weihnachtsschmuck eine Kränkung ist und dergleichen mehr.

Aber wer weiß schon, welche Wahngebilde sich damit auf der anderen Seite zeigen, wenn sich zeigt, dass Datenschutz und Datenklau empirisch unmöglich sind?

Fortsetzung

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Selbstreferenz – Eine kleine Apokalyptik des Medienskandals @benbarks @leitmedium

In einem kleinen, nicht einmal mehr wichtigen, aber dennoch instruktiven Blogbeitrag von leitmedium findet sich eine Kurzuntersuchung über die Tracking-Gewohnheiten bekannter Tageszeitungen, die gern und ausführlich über die obszönen Gewohnheiten der Datensammelwut berichten, aber mit keinem Wort erwähnen, dass sie in dieser Hinsicht auch nicht sehr faul sind. In dem Artikel wird berichtet wie man mit einfachen Methoden heraus finden kann, dass auch auch die Verlage dieser Tageszeitungen sehr gern Daten sammeln und dieses Begehren zugleich, ob schamhaft oder nicht, ihren Leser verschweigen. Sie müssen schon von selbst darauf kommen.
Hat nun ein journalistischer Detektiv so etwas heraus gefunden, dann wird normalerweise der Weg der Skandalisierung beschritten. Die Skandalisierung besteht in diesem Fall im Vorwurf einer Doppelmoral. Man predigt Wasser und trinkt selber Wein. Man kennt das. Und je obszöner diese Doppelmoral ins Auge springt, um so besser läuft der Skandal an, der sich allerdings niemals einstellen würde, könnte der Verkünder solcher Schändlichkeiten damit nicht selbst auch sein Geld verdienen. Denn für was sollte es sich sonst lohnen, wenn nicht für Umsatz? Eben dies ist die Devise, mit der alle Tageszeitungen ihr Geschäft betreiben und welche sie gleichfalls ihren Leser nicht mit übertriebenen Anstrengungen unter die Nase reiben. Auch in diesem Fall gilt: sie müssen von selbst drauf kommen. Und wenn heraus gefunden wird, dass die Dinge sich so verhalten wie sie sind, was schlechterdings niemand leugnen kann, dann ist es auch egal.

Das Geschäft kann trotzdem weiter gehen, was um so besser gelingt, wenn die Vermeidung von Selbstreferenz an jeder Stelle des Systems mit gleicher oder ähnlicher Wertschätzung bedacht wird. Damit stellt jeder Fortsetzungsversuch jedem anderen eine Falle zur Verfügung, in die man hinein tappen kann, weil alles unter der Voraussetzung steht, die Verantwortlichkeit dafür nicht selbst zuzurechnen. Es wird alle Verantworlichkeit allein fremd referenziert.
Das bedeutet, dass gerade der Versuch der Vermeidung von Selbstreferenzialität ideal geeignet ist, Selbstreferenz als Schließoperation des Systems zu verwenden, weil auf diese Weise verschiedene Elemente über den selben blinden Fleck verknüpft werden. Sie teilen gleichsam eine gemeinsame Ignoranz (ignorantia: Nichtwissen) hinsichtlich der Differenzen, mit denen sich sich auf der Basis ihrer referenzierbaren Beiträge befassen. Die selbstreferenzielle Schließung des Systems geschieht durch Fremdreferenzierung; und das System kann darin sogar seine letzte Wahrheit finden, weil ja das, worüber nicht berichtet wurde, an der gleichen Stelle nicht anschlussfähig ist. Wird aber an anderer Stelle die andere Seite der Unterscheidung, nämlich Nichtreferenziertes bezeichnet, dann geht das nur wieder auf der Basis einer eigenen Vermeidung von Selbstreferenz, wodurch sich System autopoietisch reproduziert. In diesem System ist also durch das System kein Ausweg möglich.

Es sei denn, es passiert etwas anderes, was im Programm der Selbstrepoduktion gar nicht vor gesehen ist. Was wäre, wenn die Aufdeckung, die Offenbarung, die Enthüllung, die Apokalypse nicht am positiven Wert der Unterscheidung anschließt, sondern am negativen Wert? Wenn also die Fortsetzung der Kommunikation nicht durch den selben Versuch der Vermeidung von Selbstreferenz vor sich geht, sondern wenn im Gegenteil der Vermeidungsversuch gar nicht skandalisiert und damit auch nicht sanktioniert wird? Eben dies geschieht im Artikel bei Leitmedium.
Der Berichterstatter deckt mit seinem Artikel diese sogenannten Doppelmoral auf, weist darauf hin, ohne sie als „Erregungsvorschlag“ (Peter Sloterdijk) zu kennzeichnen und belässt es dabei. Er betreibt gleichsam Versachlichung.
Eine Skandalisierung kann gar nicht funktionieren, was auch daran liegt, dass spätestens mit der ausschließlichen Verbreitung dieses Artikel via Internet der festgestelle Vermeidungsversuch von Selbstferenz nicht noch einmal unternommen werden kann. Denn spätestens jetzt muss ja mitberücksichtigt werden, dass auch der Betreiber von „Leitmedium“ Daten sammelt, weshalb eine Weiterskandalisierung keinen obszönen Gehalt vorweisen kann.

Das Ergebnis ist das einer Apokalyptik, die nicht darin besteht, dass selbstreferenzielle System der Massenmedien an seiner Funktionsweise zu hindern. Sie macht nur darauf aufmerksam, dass jetzt mit dem Internet als Massemedium für Massenmedien diese Selbstreferenzvermeidungsversuche nicht mehr geeignet sind die funktionsstabilisierende Anschlussfindung des Systems der Massenmedien durch Internet fortzusetzen. Die Selbstreferenzialität des Funktionssystems Massenmedien ist darauf angewiesen, Fremdreferenz erwartbar ansteuern zu können. Was statt dessen aber geschieht ist, dass diese Erwartbarkeit unterlaufen wird, ohne gleichwohl schon etwas anderes manifestierbar zu machen. Die Anschlussoperation vollzieht also kein re-enttry, sondern ein re-exit.

Kommunikation via Internet kann auf diese Weise keine selbstreferenziellen Systeme konstruieren.

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