Differentia

Tag: Soziologie

Kommentar zu Spaziergängeristik von @kusanowsky #soziologie @Helles_Sachsen

Die kleine Satire von @bertrandterrier über Spaziergängeristik ist keine. Es ist stattdessen eine etwas knapp geratene Ausführung über das Ende einer Art von Wissenschaft, die die Herkunft ihrer Probleme vergessen hat und die nun nirgends eine Notwendigkeit findet, die Vergessensleistung, also die Leistungsfähigkeit und die Fungibilität ihrer Wissensprodukte zu reflektieren. Oder anders ausgedrückt: Es handelt sich bei der Spaziergängeristik um eine Wissenschaft, die mit ihrer Lösung nichts anfangen kann, weil mit ihrer Lösung zugleich das Problem verschwunden ist, derentwegen sie ehedem beeindruckend in Erscheinung trat.
Die Spaziergängeristik, von der dort die Rede ist, trifft auf die Soziologie zu. Dazu zählen auch alle anderen Varianten von sogenannten „kapitallosen“ Wissensformen, wie etwa Ethnologie, Kulturanthropologie, Theologie, Religionswissenschaft oder Kommunikationswissenschaft. Kapitallos sind diese Wissenschaften deshalb, da die Objektivität ihrer Gegenstände nicht objektiverbar ist, wehalb diese Wissenschaften daran gehindert sind, eine Selbstanwendung ihrer Wissensprodukte auf ihren Forschungsprozess in Funktion zu setzen. Das sei kurz erklärt.

Warum konnte die Soziologie (als eine Variante der Spaziergängeristik) überhaupt entstehen? In der Satire heißt es: „Stellen wir uns eine Gemeinschaft vor, in der die Bedeutung von Spazierengehen sich derart steigern konnte, dass wegen Zeitmangels beschlossen wurde, eine Gruppe allein für’s Spazierengehen abzustellen. Man gründet die Spaziergängeristik.“
Dieser Satz beschreibt eine bestimmte Etappe in einem gesellschaftlichen Problemerfahrungsprozess. Seitdem Menschen gehen können, können sie spazierengehen und haben das auch immer gemacht. Und schon immer konnte das Spazierengehen auf die eine oder andere Weise problematisiert und gelöst werden, ohne, dass die daraus resultierenden Folgen eine Problemverstärkung nach sich gezogen hätten. Bevor es eine Spaziergängeristik gab, gab es genügend Wissen, alle Probleme, die sich daran knüpften, genauso einfach herzustellen wie zu lösen.
Ausgerechnet im Vollzug der Industrialisierung änderte sich dies: Mit der vollständigen Auflösung der alten Gesellschaft gab es nun, was die Handlungsfähigkeit von Menschen (hier: Spazierengehen) anging, keine Verlässlichkeiten mehr und es gab eine schon hinreichend entwickelte und erprobte Wissensform der Behandlung von Unruhe, Störung und der Reflexion von Unsicherheit, nämlich der szientistische Subjekt/Objekt-Dualismus, der bis dahin bereits eine ungeheure Wissensproduktion mit höchst beeindrucken Ergebnissen zustande gebracht hatte. Wenn also zu diesem Zeitpunkt zweierlei Dinge zusammenfielen, erstens Verunsicherung über Handlungsfähigkeit und zweitens Vertrauen in Erforschbarkeit und Lösung der Probleme durch Übernahme dieses szientistischen Dualismus, dann kann sich eine soziale Ordnung bilden, die nun die Problematisierung von Handlung enorm verstärkt, weil eine Lösung, wenn auch noch nicht empirisch evident, aber mindestens hypothetisch ins Auge springt: Wenn Handlung von Menschen ein Problem ist, dann könnten handlungskompetente Menschen die Lösung sein. Und dann gilt, dass nun jeder, der als Handelnder mit Forschungsergebnissen auffällt, also Lösungen anbietet, niemanden so leicht überzeugen kann, weil der erprobte szientistische Dualismus bereits sehr viel angeliefert hat, das zur Begründung von Zweifeln herangezogen werden kann. Das führt nun innerhalb dieser sozialen Ordnung zu einer verstärken Differenzierung.

Das Ergebnis dieser Differenzierung ist das, was man ca. 100 Jahre später mit einem wenig überzeugenden Geringschätzungsurteil abtut, nämlich: Soziologengelaber. Tatsächlich aber konnte eine Soziologie deshalb eine Wissenschaft sein, weil sie etwas höchst unwahrscheinliches leisten konnte, nämlich eine Entnaivisierung von Handlungsfähigkeit. Und sie verliert ihre Wissenschaftlichkeit in dem Augenblick, in dem sie ihre Probleme löst, wenn mit der Differenzierung ihrer Lösungskompetenz immer mehr kompetent handelnden Menschen beobachtbar werden. Ein anderer Ausdruck dafür: die Menge derjenigen, die ihr Handeln kompetent rechtfertigen können, hat im Laufe von 100 Jahren ein Maß überstiegen, das nicht mehr zulässig macht, die Kompetenz einzelner, weniger oder bestimmter Menschen höher zu schätzen als die aller anderen, aka: Jodeldiplome. Oder auch: Zunahme der Entropie.
Die Menschen sind kompetent, können verantwortlich handeln und haben die Fähigkeit und die Bereitschaft, sich auf Probleme der Reflektion einzulassen. Aber nun? Das Problem war vor 100 Jahren ein anderes: ein autoritärer Staat, mit einer autoritären Wissenschaft ist verschwunden. Zurück geblieben sind soziale Ordnungen, die jederzeit die Möglichkeit beanspruchen, sich zu einander indifferent zu verhalten. Und die Soziologie kann nicht einfach zugeben, dass sich die Erfahrungsvoraussetzungen für das Gelingen von Gesellschaft verändert haben, weil ein Soziologe, der sehr geübt darin ist, sein Handeln zu rechtfertigen, nicht wüsste, wie er sein Nichtwissen dann rechtfertigen könnte. Also lassen sie es und machen weiter als wäre nichts gewesen.

Damit soll gesagt sein: die Soziologie ist deshalb eine kapitallose Wissenschaft, weil sie die Struktur des szientistischen Dualismus nach beiden Seiten hin aufgelöst hat: weder ist soziale Ordnung eine objektive Realität, weil sie sonst ihre Objektivierungsleistung objektivieren können müsste – was sie nicht kann – noch hat sie eine subjektive Realität, weil sonst eine soziale Ordnung die Subjektivität garantiert, subjektiv bestimmbar wäre, was eben auch nicht geht.

Die Soziologie wie alle anderen Varianten einer Spaziergängeristik ist das Ergebnis einer goßartigen Verschwendungsleistung der Gesellschaft: viel geschafft, nichts erreicht. Aber es muss weitergehen, als wäre nichts gewesen.

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Harald Welzer über Kommunikation zwischen Unbekannten @JungNaiv

Das ist ein Interview von Jung & Naiv mit dem Soziologen Harald Welzer.  Allen Interessierten am Thema #kzu empfehle ich  den Ausschnitt zwischen Min. 39:52 bis Min 43:26.

Es geht in diesem Ausschnitt um die Frage, ob der Soziologe, der im Verlauf des zurück liegenden Gesprächs vorgibt, sich für Gesellschaft zu interessieren und zu engagieren, auch an den sozialen Netzwerken beteiligt ist. Seine Antwort lautet: Nein. Begründung: „Ich will meine Zeit nicht damit verschwenden, mit Menschen zu kommunizieren, die ich gar nicht kenne.“ Und weiter, so seine Begründung, ob dies überhaupt Menschen oder Personen sind, da ja auch irgendwelche Bots antwortfähig sind.

Mir ist diese Stelle deshalb aufgefallen, weil sie ideal geeignet ist, um zu zeigen, wie voraussetzungsreich solche scheinbar banalen oder einfachen Sinnkonstruktionen sind und wie sehr all das, damit man dies verstehen kann, von Theorien abhängig ist, die gerade, weil sie nicht ausgesprochen werden, für ein Verstehen von großer Bedeutung sind.
Denn man denke sich den Fall, der völlig abwegig ist, dass der Soziologe, der hier spricht und der sich gemäß seiner Auskunft verständlich machen will, über die kommuniationstheoretischen Voraussetzungen und praktischen Kommunikationsfolgen seiner Rede genaue Klarheit hätte; wenn er gleichsam wüsste, was er tut, wenn er so was sagt. In dem Fall könnte man kaum aufhören, sich über diese Rede zu wundern, weil man kaum noch begreifen kann, was das soll. Da aber das Gegenteil der Fall ist, da man also sehr wohl „versteht“, was gemeint ist oder gemeint sein könnte, so kann man daraus schließen, dass der Soziologe, so sehr er auch beteuert, sich für Menschen zu interessieren und ihr Handeln und Verhalten erklären zu wollen, über seine eigenes Handeln und Verhalten gar keine Klarheit braucht und mehr noch: es gar nicht nötig hat, sich von anderen sein Handeln und Verhalten erklären zu lassen. Die Kommunikation fortzusetzen, reicht nämlich völlig aus, um Klarheiten wie Unklarheiten zu gewinnen oder zu verlieren, um besser oder schlechter zu begreifen, worum es geht. Der Soziologe kann sich auf jeden Irrtum einlassen, weil er nämlich an keiner Stelle einen Irrtum zugeben muss, was freilich für jeden anderen in gleicherweise gilt.

Deshalb folgt eine kurze Skizze der Analyse einer solchen Aussage, deren Abwegigkeit sofort einleuchtet, wenn man einsieht, dass es gar nichts gibt, das unbedingt vorausgesetzt sein muß, um zu verstehen worum es geht.

  1. Der Soziologe hat innerhalb eines Netzwerks global vernetzter Computer bereits eine Adresse, ob er sie gewählt hat oder nicht, oder er sie mit Sinn bestimmt hat oder nicht. Eine Adresse erwirbt, wer sich ansprechbar macht. Das ergibt sich bereits aus der Tatsache, dass er in sozialen Zusammenhängen von organisationalen Strukturen (z.B. Universitäten, Verlage, Tagungen, Interviewsituationen) verhaftet ist; allein der Name, der recherchierbar ist, allein seine Rolle als Lehrer, Redner und Autor macht die Adresse wiederauffindbar, verfolgbar und damit auch ansprechbar, wobei der Soziologe sich keinem Ansinnen auf Ansprache so einfach widersetzen kann. Denn auch „Nein“ zu sagen heißt, Antwort zu geben. Er kann, gerade weil er bereits in soziale Zusammenhänge verwickelt und verhaftet ist, sich keinem Gesprächsangebot entziehen, auch dann nicht, wenn es Unbekannte sind, auch dann nicht, wenn deren Gründe für Ansprache selbst noch ermittelt werden müssen.
  2. Wer keine Zeit verschwenden wollte, erst recht nicht mit der Kommunikation zwischen Unbekannten, hat wenig überzeugende Gründe, sich als Autor an massenmedialer Kommunikation zu beteiligen. Massenmedien müssen nämlich einen enormen Überschuss oder Überfluss an Mitteilungen aller Art hervorbringen, um damit die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass trotzdem noch, obgleich zunächst nur ein anonymes Publikum angesprochen wird, Kommunikation gelingt. Massenmedien müssen notwendigerweise eine enorme Verschwendung betreiben, weil ohne eine solche Verschwendung, die Wahrscheinlichkeit mit Unbekannten ins Gespräch kommt, gegen Null geht. Und für die Kommunikation zwischen Bekannten sind Massenmedien völlig unnütz und überflüssig.
  3. Die moderne Gesellschaft im Ganzen lässt es kaum zu, der Kommunikation mit Unbekannten aus dem Weg zu gehen. Eine Bedingung ihrer Möglichkeit besteht gerade darin, ein Medium für KZU bereit zu stellen. Ein solches Sinnmedium macht Anonymität von Personen, Handlungen und Wahrnehmungsmodalitäten zur attraktiven Voraussetzung für Kommunikation. Die moderne Gesellschaft gelingt gerade weil, nicht obwohl Anonymität vorausgesetzt wird. Wer das nicht will, will Gesellschaft nicht und kann nicht plausibel machen, sich dennoch für Gesellschaft zu interessieren und zu engagieren.
  4. Der Soziologe gibt vor, dass sein Interesse, wenn es um Gesellschaft geht, sich auf Menschen, notwendigerweise auch ihm unbekannte, richten würde, und weist mit seinem „Nein“ den Vorschlag zurück, sich mit den Folgen zu beschäftigen, die es hat, wenn ihm Unbekannte von einem ähnlichen Handlungsmotiv bewegt sein könnten. Er engagiert sich als Autor für massenmediale Überflussproduktion. Dass aber alle andere dies auch tun, hält er für ein abwegiges Verlangen der anderen. Das hält er  für Verschwendung.

Gewiss wird der Soziologe, von dem hier die Rede ist, dieser Analyse zustimmen und zugleich einwenden können, dass das so alles nicht gemeint sei. Womit ich ihm Recht geben könnte. Denn: das gilt ja für jeden, der sich mitteilt. Niemand weiß zunächst so genau, welche Voraussetzungen und Folgen die eigene Beteiligung an Kommunikation hat, weshalb notwendigerweise die Kontingenz theoretischer Zusammenhänge des Ablaufs von Kommunikation an keiner Stelle unbeachtet bleiben kann.

Aus diesem Grunde gibt es wenig Gründe dafür, die Kommunikation zwischen Unbekannten mit einem „Nein“ fortzusetzen. Denn man könnte genauso gut sagen: „Ja, aber dann weiß ich nicht, was das ganze noch soll“ – und aus diesem Grund könnte man sie fortsezten wollen, um zu beobachten, zu testen, zu prüfen, zu lernen und zu erforschen, für wen das nicht gilt.

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