Differentia

Tag: Soziologie

Politische Erfahrung 5

zurück / Fortsetzung: Den schrägen Blick üben: Durch die Begegnung mit Ausländern und Fremden kann man lernen, den eigenen Alltag, die eigenen Normalitäten und Gewohnheiten zu beobachten. Man könnte auch sagen: erst der Blick derjenigen, die mit deiner Welt unvertraut sind, können dir deine Welt zeigen. Du selber bemerkst deine Welt nicht so einfach, oder, wo doch, bemerkst nur hauptsächlich Banalitäten. Erst der fremde Blick macht den eigenen Blick offenbar, der allzu oft ein blinder Blick ist.
Das gilt aber nicht nur die Begegnung mit anderen Kulturen, sondern auch für die Begegnung mit anderen Berufen oder ganz allgemein: die Begegnung mit anderen Milieus. Die moderne Gesellschaft hat sich dadurch differenziert, dass sie diese Milieus von einander getrennt hat und jeden woanders einschließt (deshalb: Einschließungsmilieus). Und ich gehe die Wette ein, dass die innovative Wirkung von social media darin besteht, diese Trennung zu überbrücken, ohne sie in ihrer Funktion einzuschränken.

Wie geringschätzig man auch immer über das Knowhow von Ethnologie und Soziologie denken will, wozu es einige Gründe gibt, wenn man darauf achtet, wie folgenlos diese Wissensproduktion in der Regel ist, so gibt es gewiss eines, dass diese Wissenschaften leisten können, nämlich: das Ungewöhnliche im Gewöhnlichen wieder zu entdecken, das Seltsame im Normalen, das Unvertraute im Gewöhnlichen, das Fremde im Eigenen. Eine Ausbildung zum Soziologen ist im besten Fall eine „Ausbildung zum Ausländer“, der sein eigenes Leben kennen lernt. Leider sind aber auch diese Wissenschaften auf ihren blinden Fleck festgelegt, der darin besteht, dass man solche Übungen nicht methodisch kontrollieren kann, dass es, wenn es geht, ohne methodische Kontrolle geht. Was für alle Kreativität gilt, gilt auch für alle Selbstverfremdungserfahrung: möglich ist das nur, wenn es nicht kontrollierbar ist. Und es kommt hinzu: auch diese Wissenschaften, wo sie sich in Einschließungsmilieus niederlassen, verhindern, dass sie von anderen schräg angeguckt werden.

Den schrägen Blick üben  – es kann nicht länger sein, dass Soziologen oder Ethnologen darin für sich eine Spezialkompetenz behaupten. Die haben sie nicht. Trotzdem gilt natürlich, dass dieses Wissenskapital nicht unnütz ist. Es bleibt unnütz, solange es nur zur Literaturverwaltung verwendet wird. Sollte aber irgendwann einmal Internet erfunden werden, dann kann es vielleicht sein, dass das Einüben des schrägen Blicks nicht länger nur eine professionelles Hobby von Wissenschaftsbeamten ist, sondern zu einer politischen Herausforderung wird.

Die Selbstverfremdungserfahrung als politische Herausforderung?

Fortsetzung

 

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Sic et non @strippel @Sonntagssozio #soziologie

Sic et non – Ja und nein. Ist Soziologie eine Wissenschaft? Die Frage darf gestellt werden, aber nur, wenn man mit der vorschriftsmäßigen Antwort einverstanden ist. Die lautet überraschenderweise immer Ja. Nein ist auch möglich, aber wer so antwortet, wird entweder nicht befördert oder, wenn doch, dann nicht von einem Wissenschaftsbeamten für Soziologie. Will man also die ganze Wahrheit, sprich: eine soziale Ordnung, die ihre Möglichkeiten für die Wissensproduktion entwickelt, prüfen, dann muss man für Ja und Nein geteilte Zuständigkeiten innerhalb der Wissenschaftsbürokratie aufsuchen. Anders geht es nicht.

Daraus könnte man den Schluss ziehen, dass die Frage gar nicht mehr gestellt werden muss, wenn nur eine Antwort zulässig ist. Sie muss auch nicht gestellt werden, aber verhindern kann man diese Frage eben auch nicht. Verhindert werden kann nur, dass die unerwünschte Antwort für den Fortbestand der Soziologie von Bedeutung ist. Das heißt, dass um der Sicherheit ihres Fortbestands für die Soziologie nur die halbe Wahrheit akzeptabel ist, weil die ganze Wahrheit – so das Vorurteil, das durch keine Erfahrungstatsache gestützt wird – keine Entscheidung zulässig macht. Wenn die Mittel begrenzt sind, wenn die Konkurrenz unter den Aspiranten groß ist, wenn nun einmal die Intransparenz der Wissenschaft „die zweite Natur“ einer sozialen Ordnung ist, die keine Notwendigkeit sieht, sich über die Bedingungen ihrer Möglichkeit zu irritieren, wenn außerdem „das Formular“ und seine korrekte Ausfüllung das einzige ist, was als Rechtfertigungsgrundlage genommen werden kann, weil alles andere, obwohl genauso wirksam für Entscheidungsfindung (z.B. Habitus) nur auf eine nicht-objektivierbare Realität verweist, die sich den Formularzwängen entzieht, dann gibt es eben nur diese und keine anderen Kontrollzwänge um Entscheidungsfindung zu betreiben. Wer Nein sagt fliegt raus, oder kommt gar nicht erst herein. Also lautet die Antwort immer Ja, auch dann, wenn man mit der anderen Antwort genauso folgenreich die soziale Welt beschreiben, analysieren, interpretieren, erklären und verstehen kann.

Die Nein- und Ja-Sager werden also auf diese Weise von einander getrennt und finden nicht so einfach in eine Situation zurück, in der gelernt werden kann, dass es in der Wissenschaft zuerst aufs Lernen, nicht auf das Formular ankommt. Weil das nicht gelernt werden kann, sind Machtspiele diejenigen Vorgänge, die das Wissenskonzept trainieren. Gewusst kann nur werden, was innerhalb von Machtspielen erlernt wurde, womit zugleich das Spiel um Macht miterlernt wird, ohne jedoch zugleich erklären zu können, wie es denn funktioniert. Und schon gar nicht kann man verstehen, wie überflüssig solche Machtspiele sind. Die soziale Ordnung der Soziologen ist auf Zwang angepasst. Deshalb ist das Vertrauen auf den zwanglosen Zwang des besseren Arguments naiv. Das Vertrauen affirmiert seine Ordnung und macht sie zugleich verdächtig. Es könnte ja auch anders sein. Aber solchen Lernbeobachtungen sind die größten Hindernisse entgegen gestellt.

Das beschreibt die Quelle des Verdrusses, dem sich die Soziologie aussetzt. Sie hat es stets mit der ganzen Wahrheit zu tun, darf aber nur die Hälfte davon ernst nehmen. Könnte stattdessen ein „sic et non“ in einer Theorie soziologischer Erfahrung berücksichtigt werden, weil nur so Theorie selbst als Erfahrungstatsache erlernt werden kann, dann könnte man Soziologie als einen sozialen Lernalgorithmus auffassen, der nur darum Wissen herstellt, weil er so etwas wie „positives Wissen“ gar nicht braucht. Soziologie ist dann eben Wissenschaft, wenn sie kein positives Wissen herstellt. Und sie ist keine Wissenschaft, wenn doch.

Dieser Gedanke wird ungeprüft aussortiert. Also muss die Karambolage weiter gehen.

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