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Tag: Atomenergie

Nachtrag zu „Die Utopie der Atomenergie und ihre sozialen Kosten“

Jörg Friedrich hat meinen Artikel bei Facebook folgendermaßen kommentiert:

Vielen Dank zunächst für Ihre Empfehlung meines Textes als „lesenswert“. Auch wenn wir inhaltlich wohl weit auseinander liegen und ich mit ihrem Schreibstil überhaupt nicht zurecht komme freue ich mich natürlich, Sie zum Weiterdenken angeregt zu haben. Zu Ihrem fehlerhaften Verständnis der Chaostheorie hatte ich mich ja bereits bei Ihrem Kommentar unter meinem Text geäußert. Leider ist Ihr Missverständnis weit verbreitet und wohl auch schwer ausräumbar – auch wenn die Aufklärung hier wichtig wäre. Ich werde versuchen, in den nächsten Tagen dazu etwas zu schreiben. Glauben Sie mir, dass ich als studierter Meteorologe der seine Diplomarbeit über fraktale Strukturen und damit auf dem Gebiet eben jener Chaostheorie geschrieben hat, ein wenig von der Materie verstehe.Insofern wäre es vielleicht sinnvoll ihre zentrale These zu überdenken.
Etwas anderes habe ich jedoch in Ihrer Notiz hier gefunden worüber ich gern weiterdiskutieren möchte, deshalb werde ich das auch in die Diskussion in meinem Blog übernehmen. Sie schreiben völlig richtig: „Diese sozialen Kosten entstünden angeblich durch einen Paradigmenwechsel, der besagt, dass der Ort und die Zeit der Stromproduktion nicht mehr vom Bedarf bestimmt wird, sondern von der Verfügbarkeit der alternativen Primärenergiequellen. Damit nähert sich diese Betrachtungsweise einem ökologischen Modell der Energiewirtschaft an, die die Bedingungen der Möglichkeit einer Gesellschaft nicht gegen die Natur entwickelt, sondern mit ihr.“ Genau darin bestünde der Paradigmenwechsel, dessen soziale Kosten zu betrachten wären. Können die verschiedenen sozialen Gemeinschaften, die das Soziale in der westlichen Welt insgesamt konstituieren, sich auf einem solche völlig neuen Fundament stabilisieren?

Meine Entgegnung dortselbst:

Chaostheoretische Konzepte sind nicht die alleinige Spezialkompetenz einer Spezialwissenschaft, die ihre allgemeine Glaubwürdigkeit durch Wiederholung ihrer Selbstbeschreibung plausibilisert. Für chaostheoretische Konzepte gilt, was für Theorien allgemein gilt: sie erscheinen kontingent und können nicht nur auf einen Unterschied von richtig und falsch, fachlich informiert und nicht informert reduziert werden. Oder dort, wo lediglich der Unterschied von richtig und falsch und von fachlicher Einseitigkeit in Anspruch genommen wird, wird lediglich eine Spezialkompetenz ohne übergeordneten Anspruch an Kompetenz verwendet. Gerade im Falle der Atomenergie haben wir es aber damit zu tun, dass eine Spezialkompetenz von richtig und falsch schließlich allgemeine Durchsetzungsfähigkeit notwendig macht, allein aufgrund der Tatsache, dass sie das Gewalt- und Traumatisierungspotenzial der Radioaktivität nutzen kann, um die Faktizität ihrer Unverzichtbarkeit zu behaupten. Chaostheoretische Implikationen, welche sich zum Beispiel auch auf die Ordnungsfindung in sozialen System beziehen, müssen aber für jede Rechtfertigung der Atomenerige geleugnet werden, wie überhaupt die Rechtfertigung der Atomenergie auf allgemein empirische Sachverhalte verzichten muss, wie etwa die Einsicht, dass es eine absolute Sicherheit nicht gibt, was in polizeilichen Sicherheitsangelegenheiten jederzeit aus sachlichen Erwägungen akzeptiert werden kann, für die Rechtfertigung der Atomernergie aber energisch ignoriert wird, weil sie empirisch auf etwas angewiesen wäre, das empirisch nicht zu finden ist, nämlich absolute Sicherheit.
Ich bedauere: entweder bin ich bereit fachliche Spezialkompetenzen anzuerkennen, dann haben sie keine übergeordnete Relevanz; oder ich akzeptiere eine übergeordnete Relevanz. Diese müsste dann aber auf fachliche Einseitigkeit und Engstirnigkeit verzichten. Im Falle einer Rechtfertigungstheorie der Atomenergie haben wir es aber genau mit dieser Paradoxie zu tun: dass sie ihre Einseitigkeit nur mit Gewalt durchsetzen kann; sie ihre Spezialkompetenz mit Allgemeingültigkeit nur deshalb behaupten kann, weil jeder, auch jeder Atomingenieur gegen die Gewalt der Kernkraft machtlos ist. Empirisch zu überprüfen am Fall Fukushima.
Schließlich: Risiken, ob mit oder ohne Atomtechnik, sind sozialer Natur. Das gilt insbesondere für hoch technikintensive Systeme, die ihre Risiken stets selbst und immer nur durch Verwendung der Technik erzeugen. Und soziale Systeme zeichnen sich durch ein hohes Maß an Unbestimmtheit aus, welche mathematisch nicht zu berechnen ist. Man könnte dagen halten und behaupten, dies sei nur eine einseitige und fachliche Betrachtung soziologischer Art und hat keine allgmeingültige Relevanz. Dem würde ich zustimmen und ergänzen: sie verzichtet auf Gewalt. Der Paradigmenwechsel scheint darum eher nur eine Frage der Legitimierung von Gewalt zu sein und dürfte aufgrund eines Mangels an Interesse bald abgesagt werden, weil sich die Gewalt aufgrund der universalen Kontingenz aller Sachverhalte nicht mehr legitimieren kann. Dann zeigt sich eben unlegitimiert.

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Die Utopie der Atomenergie und ihre sozialen Kosten

Im Blog „Arte-Fakten“ gibts gerade einen sehr lesenwerten Artikel zum Thema: „Die sozialen Kosten des Atomausstiegs„. In dem Artikel werden Betrachtungen über die Folgewirkungen einer ökologischen Energiewirtschaft vorgenommen, die sich auf die „sozialen Kosten“ eines Umstellungsprozesses beziehen. Diese sozialen Kosten entstünden angeblich durch einen Paradigmenwechsel, der besagt, dass der Ort und die Zeit der Stromproduktion nicht mehr vom Bedarf bestimmt wird, sondern von der Verfügbarkeit der alternativen Primärenergiequellen. Damit nähert sich diese Betrachtungsweise einem ökologischen Modell der Energiewirtschaft an, die die Bedingungen der Möglichkeit einer Gesellschaft nicht gegen die Natur entwickelt, sondern mit ihr. Und der Autor stellt mahnend fast, was in Diskursen einer Ökologie der Ökonomie noch nie geleugnet wurde: dass nämlich alles mit Kosten verbunden ist, auch mit solchen, die nicht vollständig berechnet werden können.
Diesem Artikel merkt man sehr genau an, auf welchem Entwicklungsstand der Theoriebildung er angepasst ist. Dieser Stand der Theoriebildung liegt vor der Erfahrung unvorhersehbarer Systemprozesse, wie sie von der Chaostheorie seit den 60er und 70er Jahren beschrieben wurden. Die Erforschung und Nutzung der Atomkraft und ihre technologische Überzeugungsfähigkeit stammt aus einer aus einer früheren Zeit, als für die theoretische Urteilsbildung eine konditional berechenbare Linearität von Entwicklungen in Aussicht gestellt wurde, die auf dem fundamentalen Unterschied von richtig und falsch basierte. Dieser basale Unterschied stellt in Aussicht, dass wenn an einer Stelle alles richtig gemacht würde, an anderen Stellen nichts Falsches folgen könnte und andersherum. Die Technik der Atomenergie beruht entsprechend auf der Hybris, man könne alle Urteilsfähigkeit und ihre Komplexität auf nur einen Unterschied zu reduzieren. Die Technik ist beherrschbar, wenn alles richtig funktioniert, was übrigens auch stimmt. Ein Verständnis für die unvorhersehbaren Auswirkungen minimaler, auch mathematisch berechenbarer Abweichungen konnte erst später, nämlich mit der Chaostheorie entwickelt werden und damit eine Theoriebildung, die prinzipiell von Unvorhersehbarkeit ausging, und Nichtbeherrschbarkeit in Aussicht stellte. Eine solche Theorieposition kann in der Atomwirtschaft nicht akzeptierbar sein, da allein die schlichte Existenz von Atomkraftenwerken eine irreversible Ausgangsposition schafft, die der Rechtfertigung bedarf, welche immer an der Unvorhersehbarkeit von Systemprozessen scheitern würde. Denn bis heute weiß niemand, wie man Atomkraftwerke zurückbaut; und schon gar nicht kann irgendwer wissen, wohin mit dem Müll. Alle Risikokalkulationen, auch diejenigen, die von Reaktorruinen ausgehen, müssen immer von Beherrschbarkeit ausgehen, was immer eine Chaostheorie sonst über Systemprozesse auch in Erfahrung bringt. Eine solche Theorie ist an ihre Technologie gebunden und muss daher genauso rückständig bleiben. Sie muss speziell diesem Punkt jeden Wissensfortschritt leugnen, da sie andernfalls ihre Legitimität verlöre.
Dieser theoretische Standpunkt wirkt sich schließlich auch aus auf die Beurteilung einer Energiewirtschaft, die ein kausal-konditionierbares „wenn, dann“ und „entweder, oder“ unterstellt und meint, damit könnte alle mögliche Komplexität hinreichend reduziert werden. Interessant ist aber, dass in dem Artikel von Jörg Friedrich von „sozialen Kosten“ die Rede ist, worin sich übrigens tatsächlich eine weitergehende Theorieposition findet, die prinzipiell akzeptiert, dass die Welt nicht kostenlos, ja nicht nicht einmal für ein Geringes zu haben ist. Denn der Hinweis auf „soziale Kosten“ könnte ja heißen, dass Variablen der Unbestimmtheit in die Rechnung mit einfließen müssten. Andersherum merkt man dann wie sich der ideologische Gehalt der Atomtechnologie enthüllt, die gerade von dem utopischen Standpunkt ausging, die Welt wäre günstig zu haben, was sich übrigens in der Armut einer Theoriebildung niederschlägt, die nur von richtig und falsch ausging, und nun lernen muss, dass die Welt, mithin auch die Möglichkeit aller Urteilsfähigkeit, Kontingenz bedingt und deshalb Unklarheiten zulässt. Dass aber Unklarheiten in der Theoriebildung immer eine Rolle spielen, musste von allen Rechtfertigungstheorien einer Atomwissenschaft geleugnet werden. Und diese Unklarheiten werden nun als Gegeneinwand gegen eine Ökologie formuliert, die ja gerade den Wissensfortschritt durch die Kalkulation von Variablen der Unbestimmtheit mit berücksichtigt.
Daraus kann man lernen, dass „Für und Wider“-Diskussion einfach nichts bringen, weil stets unterschiedliche Theoriedispositionen, die aus unterschiedlichen Zeiten der Theorieevolution stammen, sich einandner verknäulen.

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