Differentia

Tag: Heteroclitizität

Hallo Michael! @adloquii Soziologische Übung: Kassenband – Latrinen – Datenschutz @plattenpunk

 

In dem Video oben geht es um eine Art Traumerfahrung. Ich stehe an der Kasse im Supermarkt und mir kommt der Gedanke an römische Latrinen. Ich weiß natürlich, dass die Normalerfahrung des alltäglichen Lebens ganz unwissenschaftlich und selbstverständlich komplett unsoziologisch ist. Weil das so ist, kann eine Soziologie, wenn sie versucht, Gesellschaft zu erklären, was sie meistens unterlässt, nur den Ausnahmefall von Gesellschaft erklären, nämlich: sich selbst. Dass man vielleicht, um Gesellschaft zu erklären, gar keine Soziologie braucht; ja, dass Soziologie vielleicht ein echtes Hindernis für das Erklären von Gesellschaft ist, kann jeder wissen, der das wissen will, nur der normale Soziologe nicht, den der will etwas anderes wissen. Aber das führt an dieser Stelle zu weit weg von dem, worum es in dem Video geht.

Hier unten ist ein Video, das erzählt, wie man sich den Betrieb in einer Latrine in der römischen Antike vorstellen kann.

 

Und als Zugabe empfehle ich noch eine Geschichte von Sacha Rottländer. Sie heißt: „Seelenseuche; Pest und Sieche“ und erzählt von den Empfindlichkeiten moderner Konsumenten, die nur die Störungen verarbeiten, die dadurch entstehen, dass sie sich von Konsum belästigen lassen. Dieser Punkt kommt am Ende des Videos von mir ganz vor. Der beste Satz in der Geschichte, ganz am Anfang lautet: „Et is Nacht, et is Beziehung.“
Genauso ist das nämlich auch: Sobald Menschen die Möglichkeit, das heißt: das Recht und die Freiheit genießen, übereinander irgendwas zu wissen, das sie sich jederzeit gegenseitig mitteilen können, treten sie in eine Beziehung ein. Und dann wird’s dunkel.

Normalität und Heteroclitizität @sms2sms @allgeallgemeine @zeitrafferin

Schon vor einigen Jahren hat mal ein harmloser Spaß die Runde gemacht. Der geht so: Ein Gast betritt ein Bistro, setzt sich hin und fragt die Kellnerin, ob es auch einen Raum gibt, wo man ungestört epibrieren kann. Es gibt alle möglichen Gelegenheiten, wo man diesen Spaß anbringen kann: im Flugzeug oder bei einem Auskunftschalter der Stadtverwaltung. Ich hab das mal versucht, als ich so einen blöden Telefonanruf von irgendeinem dieser Umfrageheinis bekomme habe: „Wie bitte? Sie rufen an, um mich zu epibieren?“ (Es gibt einen Sketch von Dieter Hallervorden, in dem so etwas Ähnliches auch erzählt wird. Das Video ist bei Youtube leider gelöscht, hier gibts eine Transkription des Dialogs, Szene im Café: „Ins Hotel?“)
Der Witz ist, dass Epibieren ein Kunstwort ist, das gar nichts bedeutet, aber man benutzt es genauso selbstverständlich wie jedes andere und tut so, als wenn klar wäre, worum es geht und läßt den anderen mit seiner Ratlosigkeit alleine. Man kann, wenn man schlagfertig ist, das ganze auch noch steigern, indem man, wird nachgefragt, was das heißt, zur Erklärung ein weiteres Kunstwort verwendet, das auch nichts bedeutet: „Wenn man regelmäßig epibriert, muss man nicht soviel lodisieren.“ Der Spaß für den einen besteht in der Rat- und Hilflosigkeit der anderen Person, die sich nun etwas ausdenken muss, um mit der Situation klar zu kommen.

So harmlos und witzig wie das ist, so hat es doch einen gewissen Ernst, der, so möchte ich vermuten, etwas mit dem zu tun hat, was sich durch die Nutzung des Internets ergibt. Das Internet, vermute ich, ändert die Art und Weise, wie die Beteiligten übereinander informiert sind. Damit ist das gemeint, was man von anderen selbstverständlich erwarten kann, auch dann, wenn man sich gar nicht kennt und sich vielleicht nie wieder begegnen wird. Bestes Beispiel, das jeder kennt, ist, wenn man eine fremde Person auf der Straße nach dem Weg fragt. Selbstverständlich wird man die Landessprache, also z.B. Deutsch sprechen, selbstverständlich wird man versuchen, freundlich und distanziert zu sein und: selbstverständlich wird man die Auskunft erst mal glauben. Dass es sich um Selbstverständlichkeiten handelt, bemerkt man, sobald sie nicht mehr gelten, sobald dieser Ablauf gestört wird: wenn etwa die Person kein Deutsch spricht, wenn sie sich beleidigt, angemacht fühlt oder empört ist, wenn sie vielleicht Angst bekommt und anfängt zu schreien. In dem Augenblick werden durch Störung viele Selbstverständlichkeiten durch Kommunikation aufgedeckt und abgeschafft. Und zugleich ordnet sich die Situation, indem sie neue Selbstverständlichkeiten einrichtet: in der sozialen Welt fällt das Ordnende und das Geordnete als Differenz, nicht als Idenität zusammen. Dafür sorgt Kommunikation, für die dann gilt, dass sie genauso selbstverständlich ist wie seltsam, weil sie ja für beides sorgt, nämlich für Normalität und Heteroclitizität (Sonderlichkeit)

Für die moderne Gesellschaft gilt nun, dass sie sich nicht so einfach verändern kann, weil sie auf Veränderung in der Struktur der Innovation bereits angepasst ist. Wo Veränderung und damit Neues selbstverständlich erwartet wird, kann nicht so leicht erkennbar werden, wie sich daran etwas ändern könnte. Wirtschaft, Politik, Kunst und Wissenschaft wollen Veränderung, was gewiss heißt, dass überall etwas anderes gewollt wird, aber Veränderung wird überall erwartet und dafür wird sehr viel Aufwand betrieben. Das bedeutet: Veränderung ist die Normalität der modernen Welt. Wer sich für Veränderung engagiert, engagiert sich für den Fortbestand einer gesellschaftlichen Normalerfahrung. Dazu gehört auch alles, was die Empirizität der Wissens- und Handlungsformen der Gesellschaft wiedererkennbar macht. Fast alles, was unter dem Schlagwort „digitale Revolution“ firmiert, ist nur eine Aktualisierung empirisch gewordener Handlungs- und Wissensformen und ist darum, weil wiedererkennbar, keine Revolution. Die Rede über Revolution verschafft sich nur ihre bekannte Empirizität. Sie verändert nichts, sie verlängert nur bekannte Routinen und sorgt für Kontinutät. Und solange Kontinuität gelingt, gelingt Veränderung, aber keine Veränderung, die daran etwas ändert.

Das muss nun nicht heißen, dass sich die Struktur der Innovation nicht verändern kann. Aber dazu müsste etwas ganz Entscheidendes passieren. Die Struktur der Innovation müsste eine Mutation durchlaufen, indem sie die Art und Weise ändert, wie Beobachter übereinander informiert sind. Eine solche Mutation kann aber keiner planen, organisieren und durchführen. Sie kommt nicht durch Handlung zustande. Sie müsste von selbst passieren, sie müsste einfach von allein kommen. Es wäre auf Selbstorganisation zu warten. Es gäbe also nichts zu tun.

Mit dieser Einsicht könnte man sich begnügen und mit dem Hund spazieren gehen oder Tee trinken.

Man könnte aber auch diejenigen beobachten, die sich dieser Einsicht widersetzen.

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