Differentia

Tag: Kommunikation zwischen Unbekannten

Vortrag: Vom Adressbüro zur Suchmaschine #kzu

Hier findet man den Link zum Redemanuskript eines Vortrags, den ich am 16.09.20119 im Bamberg bei dieser Tagung gehalten habe.

Es geht in diesem Vortrag um das Thema Kommunikation zwischen Unbekannten. Anlass für die Themenwahl war, dass es in der Wissenschaft zulässig geworden ist, Maschinen und Büros zu verwechseln (1) und zu behaupten, dass es „Suchmaschinen“ seit dem frühen 17. Jahrhunderts gibt. Das stimmt natürlich nicht. Aber es kann sein, dass solche Feinheiten in der Wissenschaft keine Rolle mehr spielen.


(1) So bei Tantner, Anton: Die ersten Suchmaschinen. Adressbüros, Fragämter, Intelligenz-Comptoirs. Berlin 2014. Mir kam beim Nachdenken über diese Art des Verwechselns die Idee, ob man Dinosaurierer mit Ungeheuern verwechseln könnte um dann zu behaupten, Dinosaurierer und ihre Erforschung gibt es seit der Antike.

Verschwiegene Indifferentia

(Indifferentia, lat. – das, worauf es nicht ankommt; das, was man auch weglassen kann, was man nicht beachten muss, was keinen Unterschied macht. Das Nichtverschiedene. Das, worüber man nichts sagen kann, oder auch: etwas, das man bei Facebook löschen kann, ohne, dass es jemanden besonders interessiert)

Das Recht auf Indifferenz ist nirgendwo verbrieft oder kodifiziert, von niemand autorisiert, gefordert oder bestritten; es gibt kein geschriebenes Recht auf Indifferenz; keinen Kläger, der sich darum betrogen fühlt, keinen Verteidiger, der es bedroht sieht, keinen Richter, der zum Spruch in dieser Sache berufen wäre, keine Staatsgewalt, die das Recht auf Indifferenz exekutiert. Auch ist das Recht auf Indifferenz  nirgendwo knapp gegeben, unklar formuliert, undeutlich oder schwer zu verstehen oder kompliziert zu bekommen. Das Recht auf Indifferenz vollzieht sich jederzeit sofort, kostengünstig, unbestellt, unbeantragt, ungenehmigt, ungewollt und unverhindert und ist auf der ganzen Welt ziemlich genau gleich verteilt. Egal ist 88.

Ich empfehle sehr diesen Podcast zu hören. Dabei handelt es sich um ein Gespräch zwischen Christoph Kappes und Michael Seemann, die sehr nachdenklich, sehr engagiert und sehr differenziert über ein Problem reden, dass sie nichts angeht, nämlich: Das Verhalten des Unternehmens Facebook in Bezug auf Hasskommentare, die dort täglich veröffentlicht werden und die, aus welchem Grund auch immer, von irgendeinem Löschgremium innerhalb des Unternehmens an der Weiterverbreitung gehindert werden. Dass die beiden Gesprächspartner diese Sache persönlich nichts angeht, ergibt sich daraus, dass weder der eine, noch der andere in irgendeiner Weise daran gehindert wäre, Hasskommentare zu verbreiten, nämlich deshalb, weil sie sowas gar nicht tun. Sie haben kein eigenes Problem damit.
Umso verwunderlicher ist es, dass sie darüber reden, gleich so, als gäbe es in dieser Sache etwas zu retten, zu gewinnen, zu verteidigen; gleich so, als wären ihnen Chancen verbaut oder als könnten sich für beide Risiken ergeben, würden sie das Löschen von Hasskommentaren unkommentiert hinnehmen. Es ist ein engagiertes Gespräch in einer Sache, die nur andere etwas angeht. Wohl aus diesem Grunde haben sie es aufgezeichnet und der #kzu zur Kommunikation angeboten. Oder auch aus einen anderen Grund, aber egal: #kzu ist 88.
Aus diesem Grund bin ich auf dieses Gespräch aufmerksam geworden und aus diesem Grunde meldete sich bei mir ein mir fast unbekannter Soziologe zu Wort, der mich darüber informierte, dass dieses Gespräch sehr absonderlich ist und eigentlich etwas mit dem zu tun hat, was Gesellschaft ausmacht: das Merkwürdige, das Seltsame, das Nichtsoleichterklärbare, das Nichtsoleichterkennbare, das Nichtsoleichtverstehbare, das Absurde, das Fremde oder Fremdartige, das Nichtselbstverständliche, das Verwunderliche oder einfach nur: das Unwahrscheinliche – das Wunder der Welt, das einen Menschen leicht traumatisieren kann.

Man kapiert die Sache des Gesellschaftlichen nicht so leicht, weshalb ein weltfremder Soziologe auf die eigenartige Idee kommen könnte, eine Lösung zu nutzen, die die Gesellschaft für so ein Problem anbietet, nämlich die Kommunikation über die Kommunikation zur Fortsetzung anzubieten. Das hatte ich getan, indem ich per Twitter Michael Seemann und Christop Kappes fragte, ob wir im Anschluss daran einen weiteren Podcast machen könnten, weil ich ein paar Fragen zu dem Gespräch der beiden habe. Mein Antrag auf Differenz wurde von beiden genehmigt. Die Verabredung war: am Mittwoch, den 27. Januar ab 19.30 Uhr ein Skype-Gespräch mit Aufnahme. Das Gespräch hat stattgefunden, die Aufnahme wurde von Michael Seemann vorgenommen. Aber irgendein geheimes Löschgremium, das sich adhoc gründete, hatte spontan und rücksichtslos entschieden, die Aufnahme nicht zu veröffentlichen, weil das Gespräch, das eine gute Stunde gedauert und die Konzentration und die Geduld von allen Beteiligten für die Sache in Anspruch genommen hatte, als gegenstandslos, als irrelevant, als nicht weiterführend, als irgendwie komplett überflüssig erachtet wurde. Es habe nur Indifferentia erbracht.

Hab ich gelacht! Und ich weine immer noch und kann es gar nicht fasssen.

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