Differentia

Tag: Gesellschaft

Lernen als Machtspiel 9 Klammergriff des Erfolgs 3

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Gesellschaft ist kein Gottersatz, aber die moderne Gesellschaft hat wenig dagegen, sich als Götzenbildersatz zu empfehlen.

Eine Gesellschaft handelt sich mit dem Zugewinn der Empirizität ihrer sozialen Produktionen zugleich ein Handicap ein; eine Lücke ihres Versagens, die sie nur mit den durch sie selbst geschaffenen Erfahrungen, mit ihren erfahrenen Erfahrungen ordnen, organisieren und weiterführen kann. Ist eine Gesellschaft leistungsfähig geworden, so kann sie irgendwann nur das ordnen, was sie schon geordnet hat; kann irgendwann nur das zeigen, was sie schon gezeigt hat; kann irgendwann nur verständlich machen, was sie schon verständlich gemacht hat. Irgendwann muss eine Gesellschaft nur noch mit dem zurecht kommen, was sie selbst hervorgebracht hat, indem sie allein ihre Erfahrungen auf ihre Erfahrungen anwendet. Und die Gefahr wird immer größer, dass bald Hängen im Schacht ist.
Gesellschaftliche Selbsterfahrung heißt: Irgendwann weiß eine Gesellschaft über sich alles, kommt damit aber immer schlechter zurecht. Irgendwann wird eine Gesellschaft nämlich aufgrund ihrer besonderen Fähigkeiten unfähig, die Nebenwirkungen ihres Geschäfts mit den Hausmitteln ihrer Apotheke zu behandeln. Irgendwann wir die unübersehbare Vielzahl der Nebenwirkungen so grundsätzlich bedeutungsvoll, dass es noch etwas dauert, bis sie feststellt, dass die Nebenwirkungen kein Schaden, sondern Heilungsversuche sind, die zunächst als heteroclitisch auffallen, weil sie sich nur mit Mühe in das Ordnungsschema ihrer verfügbaren Erfahrungen einsortieren lassen, ich meine damit z.B. Quantenphysik, Dunkle Materie, soziologische Systemtheorie, Horrorclowns, Blockchain oder diese Art von neuem Terrorismus. Alle diese Phänomene sind mit bekannten Mitteln nur schwer zu behandeln, aber müssen allein mit bekannten Mitteln behandelt werden, weil keine anderen als nur solche Ressourcen herangezogen werden können, die sich innerhalb des Differenzierungsprozesses als tauglich erwiesen haben.

Damit ist der Klammergriff des Erfolgs angesprochen.

Gesellschaft kann sehr viel leisten, wenn sie sich aus ihren traumatischen Zwängen befreit. Aber diese Befreiung ist darauf angewiesen, dass sie ein spezifisches Wissenskonzept ausbildet, das eigens dafür entsteht, die zurück liegenden traumatische Situation für die Zukunft zu bewältigen.

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Lernen als Machtspiel 8 Klammergriff des Erfolgs 2

 

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Gesellschaft ist kein Menschenwerk. Dagegen spricht ihre funktional ausdifferenzierte Hartnäckigkeit und Durchsetzungsfähigkeit, die sich für Menschenvermögen, Menschenleben und Menschenerkenntnis nicht übermäßig interessieren wird, wenn es im konkreten Fall darauf ankommt. Es sind nämlich zu viele hier und darum auch immer zu viele wo anders; immer wissen sehr viele über ziemlich viel sehr genau Bescheid, aber immer trifft jeder Mensch nur sehr wenige, die einen besonders beeindrucken; es gibt ziemlich viele Möglichkeiten des Handelns, spricht man aber mit einem Menschen über seine je individuellen Möglichkeiten, so wird diese Einsicht niemals bestätigt; es können tausend verschiedene Möglichkeiten des Geldgebrauchs vorgeschlagen werden, aber Euro oder Dollar nimmt jeder; kaum ein lebender Mensch wünscht Krieg, aber Kriege werden trotzdem geführt; in der Demokratie gilt: jede Stimme zählt, aber meine nicht viel, bemerkbar daran, dass sie niemand vermisst; niemand weiß genau, was Kunst ist, aber manche Künstler verdienen ein Vermögen damit, vollgeklekste Bilder an eine Wand zu hängen; man lernt nicht für die Schule, sondern fürs Leben, heißt es, aber wenn die Schule zu Ende ist, weiß man erst einmal nicht weiter, man kennt ja nur Schule. „Wir haben am Samstag für Sie geöffnet“, heißt es auf einem Schild bei Woolworth, wenn ich mich aber angesprochen fühle, ich also dem Sinn der Mitteilung folge, der besagt, dass ich mich angesprochen fühlen soll und sage, dass ich am Samstag keine Zeit habe, zeigt sich, dass ich gar nicht gemeint bin.

Gesellschaft als Menschenwerk aufzufassen, hieße, ein sehr, sehr eigenartiges Rätsel in die Welt zu setzen, aus dem kaum einer klug wird. Die moderne Gesellschaft hat aber genau das getan: Gesellschaft sei ein Menschenwerk und hat schließlich, um sichtbar zu machen, was sichtbar werden sollte, Menschen sichtbar gemacht, die ziemlich viel können, was eben auch heißt: nicht nur die größten Genies, sondern auch die übelsten Verbrecher aller Zeiten für alle ungehindert vorzuführen.
Wenn Gesellschaft aber ein Menschenwerk wäre, müsste man sich doch fragen, warum sie mit dem ganzen Käse nicht einfach aufhören. Nun ja, sie können mit dem Käse auch nicht einfach anfangen.

Gesellschaft ist aber auch keine überirdische Macht. Dafür spricht ihre Erfahrung, also das, was sie aus sich selbst gemacht hat, eine Erfahrung, die sie niemals hätte machen müssen. Gesellschaft ist das Ergebnis ihrer gewordenen, nicht ihrer gewünschten, gehofften oder geforderten Verhältnisse. Gesellschaft ergibt sich. Ihre Ergebenheit stiftet ihren Imperativ. Das heißt: Gesellschaft ist zwecklos. Gerade weil sie für nichts Bestimmtes zu gebrauchen ist, lässt sie Bestimmbarkeiten, Gewissheiten, Regelmäßigkeiten, aber auch ihre Veränderung zu. Gesellschaft ist nirgends auf etwas Letztendliches gegründet. Sie ergibt sich genauso zwanglos wie sie gebietet, aber beides nicht beliebig. Das ist die Voraussetzung dafür, dass sie sich selbst empirisch machen kann.

Fortsetzung

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