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Tag: Organisation

Warum gibt es Verschwörungstheorien? 4 @VictorOnrust

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Um die Frage, warum es Verschwörungstheorien gibt, zu beantworten, kann man verschiedene Wege beschreiten. Ein gängiger Weg, der viel Plausibilität hat, ist danach zu fragen, seit wann Verschwörungstheorien zirkulieren. Man wird dann feststellen, dass mit einem gesteigerten Output der Druckerpressen, also mit dem vermehrten Aufkommen der Zeitungen- und Zeitschriftenliteratur im 18. und frühen 19. Jahrhundert auch Verschwörungstheorien in Umlauf kamen. Man wird dann gewiss zu der Einsicht kommen, dass Verschwörungstheorien mit der Durchsetzung von Massenmedien zusammenhängen. Verschwörungstheorien sind eine Begleiterscheinung massenmedialer Kommunikation; eine Erscheinung, die, weil Massenmedien bis heute nichts von ihrer Bedeutung eingebüßt haben, folglich genauso bedeutsam bleibt. Schon immer haben Verschwörungstheorien fasziniert, schon immer haben sie Abscheu und Ablehung erfahren, schon immer wurden sie bekämpft, nicht selten auch durch Verbreitung weiterer Verschwörungstheorien und schon immer wurden Versuche ermuntert, Aufklärung zu betreiben. Geändert hat sich eigentlich nur die Menge der Verschwörungstheorien, die Geschwindigkeit, mit der sie in Umlauf kommen, die Anzahl der engagierten Teilnehmer, die entweder über Verschwörungen oder über Verschwörungstheorien aufklären möchten und der gesteigerte fantastische Gehalt, mit dem behauptete Verschwörungszusammenhänge ausgestaltet werden, was z.B. auch dafür spricht, dass man den Unterschied zwischen ernsthaften und satirischen Versuchen in dieser Hinsicht nur schwer wird feststellen können.
Ich selber halte es gar nicht für abwegig, dass der Irrwitz von Verschwörungstheorien soweit gesteigert werden kann, dass bald die Kunde sich herumspricht, derzufolge die geheime Weltregierung nun wirksam Verschwörungstheorien bekämpft, indem sie immer mehr und immer blödsinnigere verbreitet. Und niemand wird ernsthaft behaupten können, dass es sich dabei nur um einen Spaß handelt. Denn man weiß ja nie, was dahinter steckt.

Wie dem auch sei. Massenmedien spielen in jedem Fall eine wichtige Rolle. Aber das erklärt nicht vollständig, warum Verschwörungstheorien plausibel erscheinen können. Denn Massenmedien haben den Vorteil, dass sie Distanz, also Kritik, ermöglichen, weil die Rezeptionssituation von Begegnung mit anderen Menschen und ihrer Anwesenheit abgesetzt ist. Die Beschäftigung mit Texten, Bildern, Filmen mag zwar sehr wohl eine manipulative Wirkung haben. Daran besteht gewiss kein Zweifel, aber auch Kritik, auch die Ermunterung zur Kritik, die Aufforderung, Zweifel zu haben und skeptisch zu sein gegen das, was man in der Zeitung liest und im Fernsehen sieht und hört, bedient sich keiner anderen Mittel der Manipulation wie wie Glaubhaftmachung irgendwelcher Behauptungen. „Jemand lügt wie gedruckt“ ist eine allzu häufig gedruckte Redewendung, die doch eher dafür spricht, dass Selbstwiderspruch, der in sozialen Zusammenhängen immer eine Rolle spielt, auch bei massenmedialer Kommunikation zwar wirksam auseinandergezogen, aber niemals vollständig inhibiert wird. Es muss also noch etwas geben, das die manipulativen Wirksamkeitsdefizite von Massenmedien kompensiert und das eine ähnliche massenhafte Wirkung entfaltet, die komplementär die Lücke ausfüllt, die Massenmedien zurück lassen.

Mir scheint, dass diese manipulativen Wirkungen, die nicht durch Massenmedien erbracht werden könne, in der Sozialisation liegen, die vor allem eine Sozialisation des Erlebens von Organisationen (bzw. Einschließungsmilieus) ist.

Fortsetzung folgt.

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Medieninnovation als Überfall 6 schöpferische Zerstörung

Maschinensturm, Zerstörung eines Webstuhls (1812) Wikipedia

Am Anfang war die Immunreaktion. Bildersturm – Maschinensturm – Shitstorm. Man darf nicht darüber nachdenken. Und allen, die es dennoch tun, sei angelobt: Es macht nichts.  Einfach weiter machen. Das stört kaum jemanden.

Aber im Ernst: Am Anfang war das Nichtwissen über die Zukunft. Am Anfang steht das Weitermachen wie bisher, weil man sich etwas anderes nicht vorstellen kann? Die Maschinenstürmerei des späten 18. und des frühen 19. Jahrhunderts war bereits ein Zitat. Zitiert wurde der Bildersturm der Reformationszeit, aber es ging nicht mehr um das Seelenheil eines gnadenbedürftigen Sünders; jetzt ging es um Rechte: Wenn schon nicht mehr Untertan, der unfrei ist und zu gehorchen hat, dann ein gleichberechtigter Bürger, der mitbestimmen darf.

Das ging aber nicht. Märkte erfordern Organisation. Wenn eine Gesellschaft alles, was sie produziert, zum Tausch anbietet, dann müssen auch alle Beteiligten etwas haben, das sie tauschen können. Aber wo sollen sie das her haben? Organisation (und ihre Durchsetzungsfähigkeit) kann nicht geplant werden.

Am Anfang war also die Tat, die Widertat, die Aktion?

Dass auch der Maschinensturm, von dem bald eine organisierte Sozialdemokratie nichts wissen wollte, eine fortschrittliche Sache ist, zeigt sich daran, dass mit ihm Organisation wahrscheinlicher wurde. Die frühen Maschinenstürmer hatten Maschinen zerschlagen und die Menschen am Leben gelassen. Schöpferische Zerstörung.

Am Anfang ist die Kreativität des sozialen Sinns von Medieninnovationen.

 

Fortsetzung folgt.

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