Differentia

Tag: Organisation

Vortrag (abgelehnt): Die Inkommunikabilität der Entscheidung zur Entscheidung

Für die Tagung an der Universität Braunschweig zum Thema “Medien der Entscheidung” vom 10.04. bis zum 11.04.2015 hatte ich folgenden Vorschlag eingereicht, der abgelehnt wurde:

Die Inkommunikabilität der Entscheidung zur Entscheidung

Nach standardisierter Auffassung der soziologischen Systemtheorie sind Organisationen soziale Systeme eigenen Typs, die sich von anderen sozialen Systemen dadurch unterscheiden, dass sie die Kommunikation von Entscheidung garantieren.1 Ein theoretisches Problem ergibt sich dabei aus der Frage, wie eine Organisation sicherstellt, dass einmal getroffene Entscheidungen im Zeitverlauf nicht ständig in Frage gestellt werden; wie also das System eine erwartbare Stabilität gewinnt, wenn sich aus dem gesamtgesellschaftlichen Kontext prinzipielle Unsicherheitsbedingungen ergeben, die eine Organisation nicht einfach ignorieren kann.
In der Regel wird zur Beantwortung dieser Frage der Begriff der Unsicherheitsabsorption2 angeführt, der sich in der Diskussion bewährt hat.3 Zur Präzisierung dieser Auffassung möchte ich die These erläutern, dass die Kommunikation von Entscheidung stets zu irgendwelchen Inkommunikabilitäten führen muss, durch welche die Zuverlässigkeit einer Entscheidung nicht weiter überprüft wird. Vertrauen als Kriterium der Unsicherheitsabsorption reicht dabei allein nicht aus.4 Tatsächlich gibt es eine ganze Reihe von Reflexionswerten der Erzeugung von Inkommunikabilität, die außer Vertrauen auch Verdruss, Angst, Hoffnung, Faulheit, Zuversicht oder auch nur Nichtwissen und Indifferenz herstellen, um eine Entscheidung zur Revision von Entscheidung zu verhindern.

In einem Vortrag möchte ich zeigen, wie diese Inkommunikabilitäten als Voraussetzungen für Entscheidung zur Entscheidung entstehen, wie sie die Unsicherheitsabsorption garantieren und damit verdecken, dass Entscheidung unter Bedingungen der Unsicherheit und Ungewissheit getroffen werden. Das Medium der Entscheidung ist nämlich diese Ungewissheit selbst, weil auch die selbstreflexiven Operationen der Verhinderung von Revisionen keinen anderen Bedingungen unterliegen als die der Exekution von Entscheidung.

1Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung. Opladen 2000.

2March , James G. und Herbert A. Simon: Organizations. New York 1958, S. 186 ff.

3Miebach, Bernhard: Organisationstheorie: Problemstellung – Modelle – Entwicklung. Wiesbaden 2012, S. 112.

4Weik, Elke und Rainhart Lang (Hg.): Moderne Organisationstheorien 2. Strukturorientierte Ansätze. Wiesbaden 2003, S. 155.

 

Das Risiko des Gelingens

zurück/ Fortsetzung: Ein besonderes Merkmal der Kommunikation zwischen Unbekannten, wie sie durch social media entsteht, ist, dass es beinahe kein Risiko des Gelingens von Kommunikation gibt. Eben dies scheint mir ein sehr wichtiger Faktor für das Entstehen dieser Trollerei zu sein.

Ein Risiko des Gelingens von Kommunikation entsteht überall dort, wo aufgrund der Unwahrscheinlichkeit des Gelingens von Kommunikation die Beteiligten sich für einander zur sozialen Erwartungsbildung für den Erfolg von Kommunikation ansprechbar machen. Dies gilt insbesondere da, wo etwas organisiert wird. Ob die Gründung einer Familie, eines Unternehmens, einer Partei, eines Vereins, die Veranstaltung einer Versammlung, eines Konzerts oder auch nur die Organisation einer Party, oder noch viel einfacher: eine Verabredung zum Bier. In allen Fällen gibt es ein Risiko des Gelingens.
Das Risiko des Gelingens ergibt sich daraus, dass alle irgendeinen Aufwand leisten müssen, von welchem sie prinzipiell nicht wissen können, ob er sich für irgendetwas lohnen wird. Keiner kann die Zukunft voraus sehen. Daraus ergibt sich – wie auch immer zunächst Pläne für die Herstellung einer Organisation zustande kommen mögen, nicht selten übrigens selbst durch Organisation – dass die Beteiligen, sofern sie die Bereitschaft zeigen, sich am Erfolg zu beteiligen, für einander die Schwelle des Gelingens absenken müssen. Das führt zu Anforderungen an Verlässlickeit, Verbindlichkeit, Rücksichtnahme, Verzicht auf Täuschen, Tricksen und Betrügen, Geduld und dergleichen mehr. Voraussetzung dafür ist die gesellschaftliche Funktionsgarantie eines Referenzzirkels.

Allgemein handelt es sich um die Steigerung von Disziplin. Durch solches und ähnliches Verhalten und entsprechendem Handeln versuchen die Beteiligten für einander gesicherte Informationssituationen herzustellen und diese auf Dauer zu stellen, und zwar ohne Führung durch einen Marionettenspieler, der alles weiß, alles überschaut und zentral steuert.
Daraus folgt umstandslos die Einsicht, dass, je größer, je aufwändiger und je attraktiver die Beteiligung an Organisation ist, je stärker sie Vergesellschaftungsgrade ermöglicht, umso schwieriger und unzuverlässiger, komplizierter und unwahrscheinlicher gelingt Organisation. Dass dies aber dennoch gelingen kann, wie im Fall von globalen Konzernen, Staatsbürokratien und dergleichen, hängt mit der Etablierung von Machtverhältnissen zusammen, die sich erst im Laufe der Zeit einspielen und die nicht planbar und vorhersehbar sind. Ein schönes Beispiel dafür ist der Unternehmenserfolg von Google und Facebook.

Alle Organisation handelt sich ein Risiko des Gelingens ein, welches, sobald es durch die Organisation selbst behandelt werden kann, ohne damit prinzipiell zu verschwinden, Machtstrukturen konstituiert, welche dann sehr gut geeignet sind, auch im Fall der Fortdauer, ja vielleicht sogar bei Steigerung des Risikos, die Fortdauer der Organisation zu garantieren. Selbstverständlich führt das dazu, dass Ansprüche an Verlässlichkeit, Verbindlichkeit, Ehrlichkeit gerade dadurch reaktiviert werden, dass man ihr Scheitern ständig feststellt. Ohne Macht und entsprechende Machtverhältnisse könnte das nicht funktionieren.

Für die Kommunikation zwischen Unbekannten, die unter der Voraussetzung zustande kommt, dass sie jederzeit für einander auch unbekannt bleiben können, weil das zugrundeliegende Dispositiv das Medium der Kommunikation vollständig blockiert, gibt es kein Risiko des Gelingens. Es geht um nichts. Man kann jederzeit ein- oder ausschalten, mitmachen oder aufhören. Es gibt keine Pläne, keine Vorhaben, keine Gründe, keine Ziele, keine gemeinsamen Erlebnisse oder Erfahrungen, keine gemeinsamen moralischen Vorstellungen, nicht einmal eindeutige Themen, Begriffe oder Sachverhalte oder sogar Sprache, es gibt keine Verträge, keine Satzungen, keine Allgemeinen Geschäftsbedingungen – nichts von alledem hat irgendeinen Strukturwert für die Kommunikation. Daher entfaltet sich die Kommunikation zwischen Unbekannten hochgradig erratisch. Niemand urteilt wirklich unzutreffend, wenn man das allermeiste für ganz großen Quatsch halten möchte.

Da nun aber die Gesellschaft durch den Erfolg ihrer Vergesellschaftungsform die Kommunikation zwischen Unbekannten hoch attraktiv gestaltet hat, kann die Kommunikation zwischen Unbekannten infolge der allgemeinen Überschuss- und Überflussproduktion der Gesellschaft auch dann noch zustande kommen, wenn man eigentlich nur Grund zur Angst, zum Entsetzen und zur Paranoia hat. Ohne ein Vertrauen in Gesellschaft, deren Gelingen von keinem Menschen garantiert werden kann, wäre all das gar nicht möglich.

Daher ist diese Trollerei eher ein Ausdruck des Vertrauens auf Gesellschaft, ein Vertrauen in ihre Haltbarkeit, so unangenehm und ätzend all das auch sein mag, was da gelegentlich zustande kommt.

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