Differentia

Tag: Moral

Wie man Menschen zum Rassismus erzieht @j_schlicher @strippel @ZDFneo

Dieser Film erzählt, wie Rassismus eingeübt und trainiert wird. Ein rassistisches Beobachtungsschema kennt nämlich keinen Antirassismus, weil jeder Antirassismus das gleiche rassistische Beobachtungsschema benutzt.

Rassismus (gilt für Sexismus und – wie in diesem Film – auch für einen “Occulismus”) wird dadurch auffällig, dass Handlung von Menschen eingeteilt werden in solche Handlungen, die sie selbst mit Sinn versehen haben, weil diese Handlungen als gewählt erscheinen und ihre Zurechenbarkeit darum als Absicht genommen wird; und solchen Handlungen, die nicht einer eigenen Wahl unterliegen und die trotzdem zugerechnet werden. Damit ist die Handlung der anderen gemeint. Man kann Handlung wählen (oder unterlassen), aber man kann nicht die Handlung der anderen und damit auch nicht die Handlung der Zurechnung von Eigenschaften wählen.
Damit ist zum Beispiel eine Handlung gemeint, in der Menschen sich der Wahrnehmung und der Ansprechbarkeit anderer aussetzen, also eine gewählte Handlung zur Kommunikation anbieten, die auch hätte unterbleiben können und darum sinnhaft als Intention erscheint. Wenn nun in einer solchen sozialen Situation die Hautfarbe (oder die Augenfarbe), von welcher beiderseitig bekannt ist, dass sie nicht der Wahl unterliegt, genommen wird als Kriterium weiterer kontingenter Sinnselektion und wenn ferner auch noch intentional vom Ansprechenden die Gründe für diese Wahl verschwiegen werden, dann möchte man meinen, liege Rassismus als intentionale Handlung vor. Aber das selbe gilt auch im Fall einer intentionalen Handlung, die sich als antirassistisch beschreibt, weil sie nach dem selben Schema verfährt. Auch ein Antirassismus wählt Nichtwählbares und fügt noch die moralische und damit paradoxe Entscheidung hinzu, dass so nicht gewählt werden sollte. Deshalb muss jeder antirassistische Beobachter stets seine moralische Besserstellung kommunikativ verstärken, um seinem  Selbstwiderspruch zu entkommen.
Ein Antirassimsmus kann sich darum nur als ein besser gemeinter Rassismus zu erkennen geben. Aber damit wird kein Ausweg aus dem rassistischen Beobachtungsschema gefunden, sondern es wird nur moralisch bewertet und auf diese Weise sozial konditioniert, ohne zugleich erklären zu können, wie dieser Rassismus entsteht. Rassismus nur als verboten und Antirassimus als erlaubt hingestellt. Es wird Erziehung versucht. Aber das gemeinsame Schema der Beobachtung bleibt als blinder Fleck unantastet.

Rassismus und Anitrassismus entstehen, weil gemeint wird, es müsse zwischen natürlichen – also nicht wählbaren – und sozialen, also wählbaren Eigenschaften von Menschen unterschieden werden; und es wird gemeint, Hautfarbe, Augenfarbe oder Anatomie seien natürliche Eigenschaften, die nicht gewählt werden können, weshalb sich eine Unrechtssituation einstellte, wenn sogenannte “natürliche Eigenschaften” dennoch mit sozialer Werthaftigkeit versehen würden. Man meint: der Mensch könne doch nichts für seine sogenannten “natürlichen Eigenschaften”,  er sei in dieser Hinsicht unschuldig.
Der blinde Fleck ist, dass es nicht auf den Unterschied zwischen natürlichen und sozialen Eigenschaften ankommt, weil dieser Unterschied nur eine soziale Relevanz hat und niemals selbst natürlich ist. Diese Unterscheidung ist selbst nur eine soziale Wahl, die keine Notwendigkeit hat. Das heißt: es spielt keine Rolle, ob ich meine Kleidung wählen oder meine Hautfarbe nicht wählen kann. Denn egal ob ich wähle oder nicht, eines kann niemand wählen, nämlich die Wahl der anderen, das heißt: niemand kann wählen richtig oder falsch, moralisch korrekt, anständig oder ehrlich von anderen angeprochen zu werden. Niemand kann wählen, von einem antirassistischen Beobachter rassistisch beobachtet zu werden.
Das heißt: das soziale Geschehen selbst ist nicht wählbar, egal, welche Eigenschaft vom anderen mit Werthaftigkeit versehen wird. Das soziale Geschehen kann nicht ohne Wahl geschehen, aber niemand kann die Wahl der anderen wählen, egal, was immer gewählt wird, und gleichgültig auch, mit welcher Moral die Wahl gerechtfertigt wird.

Man sieht es in diesm Film sehr deutlich: der Versuchesleister belügt die Probanden, indem er ihnen verschweigt, dass sie Versuchskaninchen in einem Experiment oder einen Rollenspiel sind. Der Versuchsleister hält sich selbst für einen Antirassisten und hat an seiner eigenen moralischen Integrität keinen Zweifel. Aber das liegt nur daran, dass er Moral in Anspruch nimmt und eine defizitäre Moral nur anderen, entweder den Probanden oder den Zuschauern zurechnet und sie dann damit konfrontiert, gleich so, als hätten sie die Möglichkeit gehabt, seine Wahl zu wählen. Stattdessen soll erzählt werden: alle anderen sollen die bessere Wahl wählen, nämlich die des Versuchsleiters. Aber das geht nicht. Weil die Wahl, auch diejenige, die als nicht wählbar vorgestellt, selbst schon wieder gewählt wurde.

Diese Geschichte erzählt, wie Menschen zu Rassisten erzogen werden, weil sie sich weigert zu erzählen, dass der Antirassismus das gleiche Beobachtungsschema wie ein Rassimsus verwendet und genau wie ein Rassismus sich selbst als moralisch besser gestellt beschreibt. Der Antirassist will aufklären, weil er sich besser informiert fühlt. Aber er ist nur ein in die Paradoxien seiner Wahl verstrickter Beobachter wie jeder andere Beobachter auch. Sein Ausweg besteht darum nur in moralischer Zudringlichkeit. Eine Analyse der Kontingenz der sozialen Wahl kann er nicht leisten, weil diese Analyse auf Moral verzichten muss.

#Ethik und #Robotik

In einem Vortag bei der #rp13 hat die amerikanische Wissenschaftlerin Kate Darling Überlegungen zu der Frage angestellt, ob es notwendig sei, unter Berücksichtigung einer Roboter-Ethik, Schutzgesetze für Roboter einzurichten, um das Mitteid, das Menschen Robotern entgegen bringen können, zu vermeiden. Einen ausführlichen Bericht dazu findet man bei Zeitonline vom 10.05.2013.

Ein anderer Versuch, der in diesem Zusammenhang eine Rolle spiel, ist der Versuch, Roboter mit einer Ethik-Funktion auszustatten, um sicher zu stellen, dass sie Handlungsanweisungen von Menschen gehorchen, da Roboter angeblich lernen könnten emotional zu handeln. “Roboter brauchen eine “Ethik per Voreinstellung” – lautet die Überschrift eines Berichts bei Heise. de über den Vortrag von Sarah Spiekermann. Man glaubt gar nicht, wie weit Technikvertrauen und Technikgläubigkeit reichen kann. Beides reicht so weit, dass auch noch Meinungen darüber geäußert werden, dass ethische Vorbehalte gegen den Gebrauch von Technik und ihren Auswirkungen technisch eingerichtet werden könnten. Roboter könnten lernen, emotionale zu handeln, aber ethisches Handeln könnten sie nicht lernen? Sie können weder das eine noch das andere lernen! Soweit man weiß leben Roboter nicht. Und will man meinen, dass sie leben könnten, dann gibt es keine neue Problemlage.

Es ist bekanntes und hinreichend eingeübtes Verfahren besteht darin, dass Probleme, deren Herkunft und Zustandekommen nicht ausreichend erklärt werden können und darum auch nicht lösungsfähig sind, auf einer Ebene der Moral und Ethik zu behandeln. Auf dieser Ebene kommt es zwar auch auch nicht zu Verfahrenslösungen und Entscheidungsklarheit, aber Irritation und Diskurs um Ethik selbst sind geeignete Mittel, um der anderweitigen Unlösbarkeit der Probleme aus dem Wege zu gehen. Kaum etwas anderes erzeugt so viel Unklarheit wie die Forderung nach ethischen und moralischen Verhaltensstandards.
Dass solche Standards aber dennoch ins Gespräch eingebracht werden können und müssen, ist dann wieder erklärungsbedürftig. Warum wird über Ethik und Moral hoch irritativ kommuniziert, wenn doch gerade aufgrund dieser hoch irritativen Kommunikation klar erkennbar wird, dass außer Irritation und Fortsetzung der Kommunikation nichts anderes und besseres zu finden ist, schon gar nicht ein bessere Ethik? Warum dennoch solche Diskurse?

Der Grund dafür könnte sein, dass die Kommunikation über Ethik bereits rein performativ die Lösung von ethischen Problemen darstellt. Das ethische Moment ist seine Ausprache, ist die kommunikative Vergewisserung durch das Gespräch, ist die permanente Erinnerung zur Signalisierung von Problembewusstsein, das von sich selber weiß, über keine andere Lösungsmöglichkeit zu verfügen als diejenige, die Erinnerung an beunruhigende Probleme stabil zu halten. Die Stabilisierung des Problemsbewusstseins hat damit nicht etwa die Funktion, diese Probleme zu lösen, sondern ihre Unlösbarkeit der Dauerirritation zu empfehlen. Und auf dem Wege der Dauerirritation, die sich meist um Vermeidungsvorbehalte dreht, vollzieht sich dann doch das Unvermeidbare.
So hat die Dauerirritation den Charakter einer Selbstentschuldigung. Weil sich eben doch immer nur das Unvermeidliche ereignet, werden durch Kommunikation von Vermeidungsvorbehalten solche Entwicklungen unter einen “Kontingenzschutz” gestellt. Weil man eigentlich möchte, dass die Dinge sich so ereignen, wie sie gewünscht werden und dabei gleichzeitig einrechnet, dass dies doch nicht geschieht, wird eben dies wiederum zum Gespräch angeboten, mag dann kommen, was da wolle. So ist die Aussprache ethischer Vorbehalte und beobachbare Anschlusskommunikation darüber das ethisches Handeln selbst. Ethisch handelt demgemäß wer Ethik ernst nimmt. Und über diesen Weg entschuldigt sich die Versammlung von anwesenden für ihr Versagen hinsichtlich der Lösung von Problemen, weil man nachträglich, sobald man die Ergebnisse kennt und beurteilt, immer noch anderen und anderem, meist Abwesenden einen Mangel an ethischem Problembewusstsein unterstellen kann.

Kommunikation über Ethik und Moral sind darum Risikovermeidungsmeidungsroutinen zur Selbstentschuldigung für den wahrscheinlichsten aller Fälle, dass die Dinge sich von selbst so oder anders ereignen.

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 3.187 Followern an

%d Bloggern gefällt das: