Differentia

Tag: Moral

Fairness und Sachlichkeit

Jeder kennt den Wunsch nach Fairness und nicht wenige versuchen, sie zu fordern; insbesondere, wenn Fairness zum Gegenstand ideologisch-politischer Kommunikationen wird, gewinnt man sehr schnell den Eindruck, dass das alles nicht sehr viel bringt und nicht wirklich weiterführend ist. Diese Feststellung widerspricht allerdings nicht der Beobachtung, dass Fairness sehr wohl möglich ist. Tatsächlich kann man, wenn man genügend Muße und Geduld mitbringt, das Zustandekommen von Fairness fast jeden Tag beobachten; was allerdings sehr schwer fällt, wenn Rechtfertigungskommunikation, die stets zur Unhaltbarkeit neigt, jede Art von Fairness überdeckt oder verdeckt, verschleiert und blockiert.

Fairness gelingt dann am besten, wenn die Hoffnung auf ihre Undurchsetzbarkeit sozial produktiv einsichtbar gemacht werden kann. Fairness gelingt, wenn die Hoffnungslosigkeit kein Grund zur Entmutigung ist, sondern nur den Versuch motiviert, das letzte Wort zu testen. Oder anders formuliert: Wo Hoffnung im Spiel ist, hat die Unverschämtheit stets bessere Durchsetzungschancen. Das möchte ich kurz erklären.

Würde man eine Umfrage in einer Gruppe von Anwesenden mit anschließender Diskussion zu der Frage durchführen, was für jeden einzelnen Fairness bedeutet, dann wird man zwei Beobachtungen machen. Die erste ist, dass jeder dazu eine Meinung hat und die zweite, dass die anschließende Diskussion, wie immer man ihren Verlauf sonst noch beurteilen mag, von einem hohen Maß an Unfairness geprägt ist. Woher kommt das? Das kommt daher, dass jeder nur eine schwache Meinung darüber hat, was Fairness bedeutet. Schwach ist eine jede Meinung deshalb, weil keine einzige ausreicht, jede andere Meinung zu schwächen oder zu entmutigen. Denn wo das kommunikativ versucht wird, wird keiner der Beteiligten so einfach die Bereitschaft haben, die eigene Meinung zurück zu ziehen. Gerade aus der Beobachtung, dass jeder sehr schnell daran scheitert, die eigene Meinung über Fairness durchzusetzen, kann man ableiten, dass jeder nur eine schwache Meinung hat. Das heißt aber nicht, dass Fairness unmöglich ist, sondern heißt vielmehr: eben wenn dies sozial einsichtig werden kann, kann schlagartig Fairness entstehen.

Fairness hat irgendwas zu tun mit Gerechtigkeit, mit Nachgiebigkeit, mit Rücksichtnahme, mit Verzicht ohne Erwartung auf Gegenleistung, mit Großzügigkeit, mit Freundlichkeit und zwar unter Bedingungen der Konkurrenz. All das heißt nicht sehr viel, ist etwas sehr Unbestimmtes. Niemand kann das einigermaßen streng und genau definieren. Trotzdem ist bei einem Spiel fast immer mit großer Eindeutigkeit erkennbar, ob es fair zu geht oder nicht. Beim Spiel gilt, dass die Kontingenz eines jeden Verhaltens, das Fairness erwartet, aber nicht garantieren kann, es möglich macht, Verhaltenskontrollen einzurichten, die diese Uneindeutigkeit der Durchsetzbarkeit von Fairness regulieren.

Ein Beispiel aus einem Fußballspiel: Ein Spieler erhält den Ball, der aber ohne gefoult zu werden stürzt; er verknickt sich den Fuß und liegt verletzt am Boden. Der Ball rollt zum Gegenspieler, der ihn nun rechtmäßig erhält. Der Ballbesitzer schießt nun den Ball absichtlich ins Aus. So wird das Spiel unterbrochen, damit der am Boden liegende Spieler verarztet werden kann. Nun bekommt ein Spieler aus der anderen Mannschaft den Einwurf, und auch er hat den Ball rechtmäßig erhalten, weil der andere ihn ins Aus getreten hat. Was macht er nun? Er wirft den Ball ein, aber so, dass ein Gegenspieler ihn ohne Probleme zurück bekommt. Der Spieler behält den Ball und spielt wie gewohnt weiter.
Hier passiert, dass sich Gegenspieler gegenseitig den Ball schenken um Rücksichtnahme zu leisten. Was hier geschieht ist, dass eine Erwartungsregel gebrochen wird. Denn die Erwartungsregel ist Konkurrenz, die Spieler sollen sich den Ball eigentlich gegenseitig streitig machen, aber in dem hier angeführten Fall wird Kooperation hergestellt. Sie schenken sich den Ball. Fairness wird erkennbar, weil eine Erwartungsregel gebrochen wird und zwar deshalb, weil die Brechung der Erwartungsregel ohne Notwendigkeit geschieht. Laut Regelwerk ist keiner der Spieler dazu gezwungen, sich so zu verhalten.
Hier merkt man die strenge und sehr amoralische Verhaltenskontrolle, die als Ergebnis Fairness bemerkbar macht. Würde der zweite Spieler den Ball nicht zurück schenken, dann ist das zwar rechtmäßig, also moralisch legitim, so wie es auch im ersten Fall legitim gewesen wäre, den Ball nicht ins Aus zu kicken. Aber beides beides wäre nicht fair. Und es gibt daran keinen Zweifel. Jeder  erkennt das sofort: 20.000 Leute im Stadion, von denen keiner sehr genau sagen kann, was Fairness bedeutet, sind nun einer Meinung, was man daran erkennen, dass sie applaudieren, wenn der Spieler den Ball zurück schenkt. Sich in einem solchen Fall der Fairness zu entziehen und auf die Rechtmäßigkeit des Ballbesitzes zu beharren, ist sehr, sehr schwer und wirkt unfair, um so mehr, wenn auf die Moral der Rechtmäßigkeit beharrt würde.

Was hier beobachtbar wird, ist eine Ordnung, die Fairness, gerade weil sie auf die beobachtbare Schwachheit der Meinung über Fairness angewiesen ist, sofort ihre Ordnungsfähigkeit dadurch beweist und durchsetzt, dass es niemand mehr wagen kann, sich der Ordnung zu widersetzen. Es besteht, so könnte man sagen, für alle keine Hoffnung mehr, die eigene Wertschätzung über andere zu stellen; jeder hat sofort die Bereitschaft nachzugeben.

Man kann solche Ordnungsfindungen nicht nur beim Sport erkennen. In jeder Familie, in jedem Kollegenkreis, bei jeder Diskussion in der Kneipe entstehen solche Ordnungsfindungen und sie entstehen höchst opportunistisch und amoralisch gerade da, wo die Konsequenzen des Scheiterns eigener Erwartungen nicht mehr moralisch sanktionierbar sind.

Fairness ist als amoralische sachliche Orndung möglich, wenn jede Hoffnung auf ihre Möglichkeit nicht mehr moralisch durchsetzbar ist. Fairness ist Verzicht auf Durchsetzungsbereitschaft. Das nenne ich eine selbstregulierte soziale Gerechtigkeit, inklusive aller sonstigen teuflischen Effekte, die damit verbunden sein können, denn es ist klar, dass jede Ordnung jederzeit parasitär besetzt und ausgenutzt werden kann, um so besser, wenn Hoffnungen über die Erhaltung dieser Ordnung aufgrund der Ordnung kommunizierbar sind.

Wie man Menschen zum Rassismus erzieht

Dieser Film erzählt, wie Rassismus eingeübt und trainiert wird. Ein rassistisches Beobachtungsschema kennt nämlich keinen Antirassismus, weil jeder Antirassismus das gleiche rassistische Beobachtungsschema benutzt.

Rassismus (gilt für Sexismus und – wie in diesem Film – auch für einen “Occulismus”) wird dadurch auffällig, dass Handlung von Menschen eingeteilt werden in solche Handlungen, die sie selbst mit Sinn versehen haben, weil diese Handlungen als gewählt erscheinen und ihre Zurechenbarkeit darum als Absicht genommen wird; und solchen Handlungen, die nicht einer eigenen Wahl unterliegen und die trotzdem zugerechnet werden. Damit ist die Handlung der anderen gemeint. Man kann Handlung wählen (oder unterlassen), aber man kann nicht die Handlung der anderen und damit auch nicht die Handlung der Zurechnung von Eigenschaften wählen.
Damit ist zum Beispiel eine Handlung gemeint, in der Menschen sich der Wahrnehmung und der Ansprechbarkeit anderer aussetzen, also eine gewählte Handlung zur Kommunikation anbieten, die auch hätte unterbleiben können und darum sinnhaft als Intention erscheint. Wenn nun in einer solchen sozialen Situation die Hautfarbe (oder die Augenfarbe), von welcher beiderseitig bekannt ist, dass sie nicht der Wahl unterliegt, genommen wird als Kriterium weiterer kontingenter Sinnselektion und wenn ferner auch noch intentional vom Ansprechenden die Gründe für diese Wahl verschwiegen werden, dann möchte man meinen, liege Rassismus als intentionale Handlung vor. Aber das selbe gilt auch im Fall einer intentionalen Handlung, die sich als antirassistisch beschreibt, weil sie nach dem selben Schema verfährt. Auch ein Antirassismus wählt Nichtwählbares und fügt noch die moralische und damit paradoxe Entscheidung hinzu, dass so nicht gewählt werden sollte. Deshalb muss jeder antirassistische Beobachter stets seine moralische Besserstellung kommunikativ verstärken, um seinem  Selbstwiderspruch zu entkommen.
Ein Antirassimsmus kann sich darum nur als ein besser gemeinter Rassismus zu erkennen geben. Aber damit wird kein Ausweg aus dem rassistischen Beobachtungsschema gefunden, sondern es wird nur moralisch bewertet und auf diese Weise sozial konditioniert, ohne zugleich erklären zu können, wie dieser Rassismus entsteht. Rassismus nur als verboten und Antirassimus als erlaubt hingestellt. Es wird Erziehung versucht. Aber das gemeinsame Schema der Beobachtung bleibt als blinder Fleck unantastet.

Rassismus und Anitrassismus entstehen, weil gemeint wird, es müsse zwischen natürlichen – also nicht wählbaren – und sozialen, also wählbaren Eigenschaften von Menschen unterschieden werden; und es wird gemeint, Hautfarbe, Augenfarbe oder Anatomie seien natürliche Eigenschaften, die nicht gewählt werden können, weshalb sich eine Unrechtssituation einstellte, wenn sogenannte “natürliche Eigenschaften” dennoch mit sozialer Werthaftigkeit versehen würden. Man meint: der Mensch könne doch nichts für seine sogenannten “natürlichen Eigenschaften”,  er sei in dieser Hinsicht unschuldig.
Der blinde Fleck ist, dass es nicht auf den Unterschied zwischen natürlichen und sozialen Eigenschaften ankommt, weil dieser Unterschied nur eine soziale Relevanz hat und niemals selbst natürlich ist. Diese Unterscheidung ist selbst nur eine soziale Wahl, die keine Notwendigkeit hat. Das heißt: es spielt keine Rolle, ob ich meine Kleidung wählen oder meine Hautfarbe nicht wählen kann. Denn egal ob ich wähle oder nicht, eines kann niemand wählen, nämlich die Wahl der anderen, das heißt: niemand kann wählen richtig oder falsch, moralisch korrekt, anständig oder ehrlich von anderen angeprochen zu werden. Niemand kann wählen, von einem antirassistischen Beobachter rassistisch beobachtet zu werden.
Das heißt: das soziale Geschehen selbst ist nicht wählbar, egal, welche Eigenschaft vom anderen mit Werthaftigkeit versehen wird. Das soziale Geschehen kann nicht ohne Wahl geschehen, aber niemand kann die Wahl der anderen wählen, egal, was immer gewählt wird, und gleichgültig auch, mit welcher Moral die Wahl gerechtfertigt wird.

Man sieht es in diesm Film sehr deutlich: der Versuchesleister belügt die Probanden, indem er ihnen verschweigt, dass sie Versuchskaninchen in einem Experiment oder einen Rollenspiel sind. Der Versuchsleister hält sich selbst für einen Antirassisten und hat an seiner eigenen moralischen Integrität keinen Zweifel. Aber das liegt nur daran, dass er Moral in Anspruch nimmt und eine defizitäre Moral nur anderen, entweder den Probanden oder den Zuschauern zurechnet und sie dann damit konfrontiert, gleich so, als hätten sie die Möglichkeit gehabt, seine Wahl zu wählen. Stattdessen soll erzählt werden: alle anderen sollen die bessere Wahl wählen, nämlich die des Versuchsleiters. Aber das geht nicht. Weil die Wahl, auch diejenige, die als nicht wählbar vorgestellt, selbst schon wieder gewählt wurde.

Diese Geschichte erzählt, wie Menschen zu Rassisten erzogen werden, weil sie sich weigert zu erzählen, dass der Antirassismus das gleiche Beobachtungsschema wie ein Rassimsus verwendet und genau wie ein Rassismus sich selbst als moralisch besser gestellt beschreibt. Der Antirassist will aufklären, weil er sich besser informiert fühlt. Aber er ist nur ein in die Paradoxien seiner Wahl verstrickter Beobachter wie jeder andere Beobachter auch. Sein Ausweg besteht darum nur in moralischer Zudringlichkeit. Eine Analyse der Kontingenz der sozialen Wahl kann er nicht leisten, weil diese Analyse auf Moral verzichten muss.

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