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Tag: Wissenschaft

Der Lernpessimismus der Wissenschaft 1 @mundauf #lernpessimismus #rationalismus

 

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Wissenschaft ist keine Politik. Das heißt, dass die Ergebnisse der Wissensproduktion für die Politik keine Folgen haben müssen. Dass das dennoch geglaubt, gehofft oder gefordert wird, hängt mit der Struktur der Rationalität zusammen, derzufolge Handlung dem Wissen zu entsprechen habe. Es handelt sich dabei um eine normative Vorgabe, die sowohl von der Politik als auch von der Wissenschaft geteilt wird. Dass es sich um eine normative Vorgabe handelt, bemerkt man, wenn man danach fragt, warum es für eine anders gefasste Vorgabe kaum relevante Wissens- noch Handlungsressourcen gibt. Warum sollte Handlung dem Wissen entsprechen? Warum nicht dem Glauben, dem Gefühl? Warum nicht der Schönheit? Warum nicht der Tugend, der Tradition oder dem Recht der Stärkeren oder dem Willen der Reichen? Wenn man annimmt, dass der Zusammenhang von Wissen und Handlung keine beliebige Normalität hat, dann kann man sich auch fragen, warum er auf diese Weise gefasst wird und nicht andersherum. Warum sollte Handlung dem Wissen entsprechen? Warum nicht Wissen der Handlung? Warum überhaupt sollte das eine mit dem anderen zusammenhängen? Selbstverständlich ist das also nicht.

Die Frage wie es kommt, dass diese normative Vorgabe historisch entstanden ist, will ich an dieser Stelle weglassen. Es reicht zunächst, dass diese Vorgabe des Rationalismus eine evolutionäre Durchsetzungsstrategie von modernen (13) Vermeidungsmedien ist, durch die sich eine operative Verschränkung von Organisation und Massenmedien ergeben hat. Ein wichtiger Grundgedanke der soziologischen Systemtheorie ist, dass es kein System ohne eine Umwelt gibt; und es muss hinzugefügt werden, dass es kein System ohne eine geeignete Umwelt gibt. Die Umwelt muss mitmachen, aber ohne, dass sie das müsste. Das heißt: das System ist auf eine geeignete Umwelt angewiesen, aber hat auf sie keine Durchgriffsmöglichkeit. Das System kann seine Umwelt nicht zwingen. Das System muss also immer eine mitlaufende Eignungsprüfung vornehmen und sich ggf. neue geeignete Ressourcen erschließen. Niklas Luhmann erklärt das im Zusammenhang mit struktureller Koppelung.
Nur in einer geeigneten Umwelt findet ein System Ressourcen wieder, die es braucht, um eigene Systemwidersprüche einer Umwelt zuzuordnen, die sich diese Zuordnung gefallen lässt. Wissenschaft und Politik stellen sich darum für einander als Umwelt zur Verfügung und bieten sich wechselseitig als Referenzierungsressource für die Formulierung von Machtansprüchen an, eine Umweltressource, deren Eignung getestet wird, die genutzt werden kann, aber nicht zu jedem Zeitpunkt genutzt werden muss.
Wenn also in der Wissenschaft die Frage nach dem Nutzen von Wissen gestellt wird, kann die Antwort lauten: die festgestellte wissenschaftliche Wahrheit, z.B. über den Klimawandel, hat den Nutzen, über die Zusammenhänge der Klimaerwärmung und der Gefährdung aufzuklären, damit die Politik entsprechende Maßnahmen durchsetzt, um die weitere Klimaerwärmung zu verhindern. Die Politik lässt sich diese Adressierung nun gefallen, aber das heißt nicht, dass sie von der Wissenschaft einfach nur Anweisungen entgegen nimmt, die sie befolgen müsste. Das kann sie nicht, weil weder innerhalb der Komplexität der Wissenschaft, noch innerhalb der Komplexität der Politik Widerspruchsfreiheit zu finden ist. Politik funktioniert nicht wie Wissenschaft und andersherum. Die Wissenschaft rechtfertigt sich für Wissen, das sie sich methodisch kontrolliert erarbeitet hat, sie rechtfertigt sich nicht dadurch, dass ihr Wissen mehrheitlich gewünscht wird oder gewählt wurde. Die Politik rechtfertigt sich dadurch, dass die Durchsetzung von Vorhaben mehrheitlich  bestätigt wird, nicht dadurch, dass ihre Vorhaben wissenschaftlich korrekt sind.
Deshalb können beide Systeme für einander nicht als Befehlsgeber funktionieren, aber als Referenzierungsressource, um sich für Erwartungsenttäuschungen gleichsam zu entschuldigen, sehr wohl.

Wenn es also in der Wissenschaft heißt, dass die Politik eine moralische Revolution durchführen müsste, um den Klimawandel zu stoppen, kann sie sich für den vorhersehbaren Fall, dass eine solche Revolution realistisch gar nicht durchführbar ist, nur darüber beschweren, dass die Politik nicht gemäß des Wissens handelt. Dann habe die Politik versagt. Da nun die Politik diesen Zusammenhang von Wissen und Handlung teilt, kann sie, wenn sie ebenfalls das Scheitern einer Klimapolitik feststellt, sagen, die Wissenschaft wisse nicht, wie die Politik funktioniert. Die Wissenschaft habe dann versagt. Und damit wäre mindestens ein weiterer Grund gefunden, um mit dem Spiel weiter zu machen, weil von beiden Systemen die normative Vorgabe, dass Handlung dem Wissen zu entspreche habe, bestätigt wurde.
Solange die Ausnutzung solcher Referenzierungsressourcen ununterbrechbar funktioniert, geht es das Spiel, weil es so gut läuft, immer weiter.

 

Fortsetzung später

 

 

 

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Ja, die Erde ist flach, na und?

Ich habe die Nachricht zur Kenntnis genommen, dass seit einiger Zeit wieder ein paar interessante Anstrengungen unternommen werden, um eine alt bekannte Tatsache neu zu beleben, nämlich die, dass die Erde flach ist. Es gibt überhaupt keinen vernünftigen Grund, noch mehr Anstrengungen zu unternehmen, um das Gegenteil zu beweisen. Wer das dennoch tut, überläßt sich ganz ungeniert einer selbstgemachten Vollnarkose, die man eigentlich nur bedauern oder belächlen kann: Wie süß, da versucht einer, mit besseren Argumenten einen Stich zu machen, als wenn es darauf noch ankäme!
Im Ernst. Wie lächerlich diese Versuche sind, zu beweisen, dass die Erde eine Kugel ist, kann man leicht erkennen, wenn man dem Ansinnen derjenigen, die das Gegenteil wißbar machen wollen, einfach nachgibt. Ja, die Erde ist flach. Was sonst? Interessant wird es nämlich dann, wenn man, statt Rechthaberei zu betreiben, einfach auf die Folgen achtet, die es hat, wenn man der Besserwisserei der anderen nachgibt. Was folgt denn daraus, wenn man das zugibt? Welche Konsequenzen hat es denn, wenn man akzeptiert, dass die Erde flach ist? Was passiert dann? Ja, die Erde ist flach. Und weiter? Wer dann feststellt, dass das keine weiteren und schon gar keine wichtigen und entscheidenden Konsequenzen hat, ist auf der sicheren Seite der Vernunft. Wer das aber nicht feststellen will, kann nur anderer Meinung sein, welche auch keine interessanten Folgen mehr hat. Wer also immer noch beweisen will, dass die Erde eine Kugel ist, hat nicht alle Tassen im Schrank. Kurz: ein dummes Spiel für Anfänger, könnte man meinen.

Soziologisch interessant ist dann allerdings nur die Frage, warum es dennoch gespielt wird. Wie ist das möglich, wenn man nicht kurzerhand meinen möchte, das Spiel würde von Dummköpfen betrieben? Das ist nämlich kein Spiel von Anfängern, sondern von Fortgeschrittenen, die schnell und leicht ganz viele Beweise für oder gegen alles Mögliche vorbringen können, aber keinen einzigen für den Ablauf dieses Spiels. Ich vermute, dass sich mit diesem dümmlichen Spiel eine trivial gewordene Routine der Wissensproduktion offenbart, die von dem Ordnungsschema ausgeht, dass Beweise eine wissenschaftliche Ordnung stiften, die Wahrheit herstellt: Beweise gingen einer „Wissensordnung“ voraus, die die Wahrheit von Sätzen garantiert. Und da Beweise stets auf ihre Kontingenz aufmerksam machen, also auf die Tatsache, dass kein Beweis einen letzten Grund hat, gibt es immer nur weitere Beweise, aber keinen dafür, dass es auf Beweise ankäme.
Wer das bedenkt, kann feststellen, dass nicht Beweise eine Ordnung stiften, sondern andersherum: erst eine ausreichend verlässliche Ordnung kann dazu ermuntern, Beweise zu suchen, zu formulieren, vorzutragen und zu prüfen. Es ist genau diese Ordnung: Hypothese – Forschung – Verifikation/Falsifikation – These, also Lehrmeinung, welche die Relevanz von Beweisen steigert, wenn man feststellt, dass kein Beweis ausreichend ist, um eine Letztbegründung für Lehrmeinungen zu formulieren. Das heißt: gerade weil die moderne Wissenschaft keine Letztbegründung kennt, kann sie ein soziale Ordnung ausbilden, in der Beweise eine prominente Rolle spielen. Wird diese Ordnung nun mehrere Generationen lang durchlaufen, erhärtet sie sich immer mehr und zwar so weit, dass sie selbst, gerade weil sie nicht auf Beweisen beruht, eine Wahrheit garantiert. Aber in dem Fall wird sie trivial. Je verlässlicher die Ordnung funktioniert, umso trivialer wird sie.
Aus diesem Grund ist die Frage, ob die Erde eine Kugel ist oder nicht, kein relevantes wissenschaftliches Anliegen, nicht, weil in dieser Hinsicht alles letztendlich geklärt ist, sondern weil niemand mehr so einfach beweisen kann, was noch ungeklärt wäre. Man könnte auch sagen: Die Hypothese ist ausgerätselt und die Lösung wirft keine weiteren Hypothesen mehr auf. Oder anders formuliert: wer noch Zweifel anbringen will, müsste die ganze Ordnung widerlegen. Das geht aber nicht. Ganz nebenbei ist das auch ein Grund dafür, weshalb es keinen Grund gibt, Homöopathie zu widerlegen, weil nämlich, würde man dem Ansinnen nachgeben, dass in einem Medikament kein Wirkstoff, sondern nur die Information über einen Wirkstoff vorhanden sei, eine ganze Wissenordnung unhaltbar wäre, die das leugnet. Das passiert aber nicht. Die Haltbarkeit der Naturwissenschaft wird durch Homöopathie gar nicht erschüttert. Es gibt also keinen vernünftigen Grund, dieses Spiel forzusetzen.

Nur darum geht es weiter. Es kommt auf Vernunft nämlich gar nicht an.

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