Differentia

Tag: Wissenschaft

Die Verwaltung von sozialer Indifferenz – ein Text von @GorgonObserver cc @TiniDo

Der Beobachter der Moderne hat einen guten Text veröffentlicht. Es geht darin um den „Abstieg der Sozialwissenschaften“. Den Text findet man hier.
Den meisten Aussagen kann ich zustimmen: Die Soziologie ist sehr überflüssig geworden und es ist ihr streng verboten, innerhalb ihrer Mauern darüber ein Gespräch zuzulassen, geschweige denn empirische Forschungen zu veranlassen, die eine solche Einschätzung mindestens als Hypothese ernst nehmen.

Ich erinnere mich daran, dass ich als Student im 1. Semester (Anfang der 90er Jahre) von Professoren in ihren Vorlesungen mit der Frage überrascht wurde, ob Soziologie (eine entsprechende Überraschung hatte ich in Ethnologie/Politologie erlebt) eine Wissenschaft sei. Mein Informationssstand bis dahin war: Ja sicher, was sonst? Denn als solche war sie durch die Universität und ihr Vorlesungsverzeichnis angekündigt. Das Studium einer Nichtwissenschaft hätte ich an der Universität nicht erwartet. Kurioserweise würde aber diese Frage trotzdem gestellt und die Antwort lautete: Ja!
(Stell dir vor, du betrittst eine Bäckerei, weil du Backwaren kaufen willst und die Verkäuferin begrüßt dich mit der Frage: „Verkaufe ich Ihnen Backwaren?“ Und noch bevor du weißt, was du dazu sagen sollst, sagt sie: „Ja. Hier können Sie Backwaren kaufen.“ Was soll man dazu sagen?)
Als unerfahrener Student hatte ich diese Information als eine eher nebensächliche Angelegenheit behandelt und diese Frage zunächst als eine betrachtet, die man neben anderen Fragen auch mal behandeln kann. Von Semester zu Semester musste ich aber feststellen, dass diese Frage ständig gestellt wurde. Und überraschenderweise wurde diese Frage jedesmal mit „Ja“ beantwortet. Das machte mich von Semester zu Semster skeptischer. Irgendwann hatte ich dann, sobald in Gesprächskreisen diese Frage erneut behandelt wurde, es gewagt, auch mal eine andere Antwort auszuprobieren, weil ich dachte: Diese Frage, so gestellt lässt mehr als nur eine Antwort zu. Ganz erschrocken war ich dann aber darüber, dass ein Gespräch über die Antwort „Nein“ streng verboten wurde, nicht allein von anwesenden Professoren, sondern auch von solchen, die es werden wollten. Die Antwort „Nein“ war nicht zulässig. Das hatte wiederum war überraschend, weil mich das an einen Bericht über die Gesprächsgeflogenheiten im Zentralkommitee der SED erinnerte. Darin hieß es, dass es dort selbstverständlich möglich war, jede Frage zu stellen, aber nur, wenn man mit der vorschriftsmäßigen Antwort einverstanden war. Ich war so naiv zu glauben, dass solche Gewohnheiten an der Universität gar nicht zulässig wären, musste dann aber lernen, dass es sich genauso verhielt: Die Frage, ob Soziologie eine Wissenschaft ist, darf immer gestellt werden, solange die Antwort nach allem Für und Wider immer „Ja“ lautet.

Wenn man das nun ernst nimmt, statt solche Beobachtungen als defizitäre Erscheinung abzutun, kann man lernen, was Soziologie ist. Sie ist nur die Selbstbeschäftigung eines Wissenschaftsbeamtentums mit seiner selbst erzeugten Literatur. Und das Studium der Soziologie ist nur eine Einführung in das Studium dieser Literatur, also ein Verführung des Nachwuchses zur Beteiligung am Gespräch dieser Wissenschaftsbeamten, was nur denen etwas nützt, die ebenfalls eine Stelle als Wissenschaftsbeamter erhalten und welche dann die Neuankömmlinge mit der vorschriftsmäßigen Antwort auf eine unvorschriftsmäßige Frage begrüßen.

Die Soziologie hat genauso wenig wie das Zentralkommitee der SED eine Chance, aus den selbstgemachten Zwängen klug zu werden und sie braucht es auch gar nicht. Denn entweder werden die Klügeren gut bezahlt, werden also Professoren und erhalten für den Rest ihres Lebens einen Freifahrtschein, oder die anderen, die auch nicht dumm sind, verbleiben woanders, und sei es, dass sie Angestellte in einem Job-Center werden und darüber entscheiden, ob andere, die auch sehr klug sind, eine Chance auf Lebensunterhalt bekommen oder nicht. Alles andere ist ein Würfelspiel des sozialen Gelingens, das darüber entscheidet, auf welcher Seite die Klugen sich einsortieren müssen oder können.

Wissen ist Glück, nicht Macht. Wissen ist Spiel, nicht Methode. Wissen im Überraschung, nicht Gesetz.

 

dämonische Phänomene der sozialen Welt

Hier eine kleine Liste dämonischer Phänomene der sozialen Welt, die in der Geschichte der Soziologie zuerst mit Geringschätzung betrachtet und mit Ablehnung versehen wurden und welche dann, aufgrund ihres dämonischen Charakters schließlich doch zum Forschungsproblem der Soziologie geworden sind. Es ist eine Liste, die eine schlagwortige Wissenschaftsgeschichte der  Selbstanpassung der Soziologie an ihre Widerspenstigkeit darstellt:

Aberglauben
Biologismus
Demokratie und Sozialismus
Emotionalität, Irrationalität und Paranoia
Entfremdung
Feminismus
Fernsehen
Geschwindigkeit
Gewaltbereitschaft
Hass
Hektik und Nervosität
Internet
Kapitalismus
Kino
Kommerzialität und Verwertungsinteressen
Kriminalität
Manipulation
Massenmedien allgemein
moderne Lebensweise
philosophische Spekulation
Popkultur allgemein
Popmusik
Proletariat
Protest- und Subkulturen
Radio
Rassismus
Regellosigkeit und Unordnung
Szientismus
Technik
Trivialliteratur
Ungerechtigkeit und Ungleichheit
Unwissenschaftlichkeit
Verwirrung
Zeitung
Zufall

Die Liste zeigt, dass nicht etwa Soziologie die Gesellschaft erforscht und dann ihr Wissen über diesen Gegstand in einen Katalog des positiven Wissens einschreibt. Diese Liste zeigt, dass Soziologie hauptsächlich von der Gesellschaft erforscht wird und nur darum von ihr erforscht werden kann, weil die Soziologie sich gegen ihr Beobachtwerden sträubt und sich solange dagegen wehrt wie es nur geht. Und wenn es nicht mehr geht, erforscht sie schließlich doch, was von der Gesellschaft schon längst erforscht wurde. Erst wenn in der Gesellschaft alles Bekannte schon bekannt ist, lässt die Soziologie es zu, für sich daraus ein Erkenntisproblem zu machen, welches dann allerdings so groß nicht mehr ist, weil die Forschungsarbeit der Gesellschaft schon genügend Wissen angereichert hat, das Soziologen dann nutzen können um erkenntnismäßig zurecht zu kommen.
Die Gesellschaft hilft der Soziologie; sie der Gesellschaft dagegen nur zu einem sehr geringen Teil. Das heißt: Die Gesellschaft braucht Soziologie gar nicht.
Soziologie bleibt, solange sie den dämonischen Phänomenen mit Geringschätzung und Ablehnung begegnet, ein unwissenschaftlicher Parasit.

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