Differentia

Tag: Wissenschaft

Wissenschaft und politisches Handeln #marchforscience

Die Wissenschaft, so der dogmatische Grundsatz, dürfe sich nicht politischen Erwartungen unterwerfen. Alle Wissenschaft sollte sich neutral gegen politische Forderungen verhalten. Wissenschaft dürfe, so meine Wendung dieser Auffassung, sich nicht in die Korruptionsverhältnisse der Gesellschaft verwickeln lassen. Sie sollte unbedingt unabhängig sein. Andernfalls wäre sie sehr anfällig für Missbrauch, Lüge, Täuschung, Betrug, zuzüglich aller noch schlimmeren Konsequenzen wie ideologische Verblendung, Gegenaufklärung und Rechtfertigung von Tyrannei jeder Art. Dass eben dies in der Vergangenheit immer der Fall war, kann die Wissenschaft gern zugeben und auf diese Misstände zeigen, um ihr heiliges Reinheitsgebot zu erneuern.

Was indes viele ahnen, aber nur schwer zugeben können, ist, dass die Wissenschaft mit eben dieser Märchengeschichte und auf diese Weise in die Korruptionsverhältnisse der Gesellschaft tatsächlich verstrickt ist. Sie ist von gar nichts unabhängig, am wenigstens von ihrer selbsterzählten und selbstgeliebten Märchengeschichte. Das kann man daran erkennen, dass niemand so einfach, der auf diese Weise gelernt hat die Ketten zu lieben, die ihn stören, den Verdacht auf das Gegenteil ausräumen kann. Denn: dass Wissenschaft politisch neutral zu sein habe, ist selbst eine politische Forderung, die politisch nicht erfüllt werden kann. In politischer Hinsicht gibt es keine Neutralität. Wo sich aber Wissenschaft mit der Forderung auf politische Neutralität in die Politik einmischt, landet sie entweder immer in der Aporie oder setzt sich dem Verdacht der Korruption aus. Die einen werden durch Konzerne geschmiert, die anderen durch das Beamtenrecht. Aber wie und wo auch immer: der Laden läuft wie geschmiert.

Das mag schlimm sein und man kann es dabei belassen, schlimme Dinge schlimm zu finden.

Muß man aber nicht.

Man könnte stattdessen auch versuchen, die Herkunft des Problems zu erforschen, indem man sich nicht mehr mit einem naiven Begriff von politischem Handeln einverstanden zeigt. Die Herkunft des Problems erkennt man dann in der ganz unwissenschaftlichen Fassung eines Begriffs von politischem Handeln. Diese ganz unwissenschaftliche Auffassung hat eine theroretische Grundlage, derzufolge politisches Handeln ein Durchsetzungshandeln sei. Das heißt: es handelt politisch, wer seinen Willen gegen den Willen anderer durchsetzen muss oder will, weshalb foglich, wer dies nicht will, unpolitisch handelte, oder, wer sich enthalten wolle, müsse eine andere Differenz wählen; in diesem Fall die Differenz von wissenschaftlich und unwissenschaftlich. Eben dies meint eigentlich nur das Insistieren auf politische Neutralität: Enthaltung.
Aber leider kann die Wissenschaft sich nicht enthalten, weil auch die Enthaltung eine politische Forderung ist, die darauf abzielt, sich gegen den Willen derer durchzusetzen, die das nicht zulassen wollen. Enthalten kann sich nur, dem das politische Recht auf Enthaltung gewährt wurde, weshalb man auf die Idee kommen könnte, das Recht auf Enthaltung politisch durchzusetzen. Aber dann offenbart sich, was mit dem Feigenblatt der Märchengeschichte der Wissenschaft verdeckt werden soll: Denn tatsächlich ist die Wissenschaft in die Korruptionsverhältnisse der Gesellschaft verstrickt. Der #marchforscience zeigt das sehr deutlich.

Wo ist der Blinde Fleck? Nun, ich meine, dass ein Recht auf Enthaltung gewiss vernünftig ist und unverzichtbar bleibt; und ich gebe zu, dass ein Recht auf Enthaltung eine politische Angelegenheit ist. Aber wer sagt denn und mit welchem Recht, dass politische Angelegenheiten sich nur mit Durchsetzungshandeln regeln lassen? Warum denn nicht auch mit Lern- und Forschungshandeln? Warum sollte ein Handeln und Verhalten, das auf Forschung und Neugier setzt, unmöglich dazu geeignet sein, sich ein Enthaltungsrecht zu erwirtschaften?

Könnte vielleicht das Gegenteil der Fall sein? Soll ein Recht auf Enthaltung zustandekommen, dann kann dies nur geschehen, wenn politisch so gehandelt wird, dass man sich aus den Korruptionsverhältnissen der Gesellschaft befreien kann. Aber wie soll das gehen, wenn diese Forderung nicht zuerst an andere gerichtet sein kann und wenn diejenigen, die das wollen, zugeben müssen, dies nicht so einfach zu können?
Nun, sie könnten lernen wie das geht. Sie könnten damit anfangen, Lernen als politisches Handeln aufzufassen und könnten außerdem zugeben, dass man dann immer noch nicht weiß, dass so etwas dazu geeignet ist, sich aus den Korruptionsverhältnissen der Gesellschaft zu befreien.

Was nicht sehr schlimm wäre. Nichtwissen zuzugeben, schadet keinem, der auf diese Weise lernen will politisch zu handeln.

Die Verwaltung von sozialer Indifferenz – ein Text von @GorgonObserver cc @TiniDo

Der Beobachter der Moderne hat einen guten Text veröffentlicht. Es geht darin um den „Abstieg der Sozialwissenschaften“. Den Text findet man hier.
Den meisten Aussagen kann ich zustimmen: Die Soziologie ist sehr überflüssig geworden und es ist ihr streng verboten, innerhalb ihrer Mauern darüber ein Gespräch zuzulassen, geschweige denn empirische Forschungen zu veranlassen, die eine solche Einschätzung mindestens als Hypothese ernst nehmen.

Ich erinnere mich daran, dass ich als Student im 1. Semester (Anfang der 90er Jahre) von Professoren in ihren Vorlesungen mit der Frage überrascht wurde, ob Soziologie (eine entsprechende Überraschung hatte ich in Ethnologie/Politologie erlebt) eine Wissenschaft sei. Mein Informationssstand bis dahin war: Ja sicher, was sonst? Denn als solche war sie durch die Universität und ihr Vorlesungsverzeichnis angekündigt. Das Studium einer Nichtwissenschaft hätte ich an der Universität nicht erwartet. Kurioserweise würde aber diese Frage trotzdem gestellt und die Antwort lautete: Ja!
(Stell dir vor, du betrittst eine Bäckerei, weil du Backwaren kaufen willst und die Verkäuferin begrüßt dich mit der Frage: „Verkaufe ich Ihnen Backwaren?“ Und noch bevor du weißt, was du dazu sagen sollst, sagt sie: „Ja. Hier können Sie Backwaren kaufen.“ Was soll man dazu sagen?)
Als unerfahrener Student hatte ich diese Information als eine eher nebensächliche Angelegenheit behandelt und diese Frage zunächst als eine betrachtet, die man neben anderen Fragen auch mal behandeln kann. Von Semester zu Semester musste ich aber feststellen, dass diese Frage ständig gestellt wurde. Und überraschenderweise wurde diese Frage jedesmal mit „Ja“ beantwortet. Das machte mich von Semester zu Semster skeptischer. Irgendwann hatte ich dann, sobald in Gesprächskreisen diese Frage erneut behandelt wurde, es gewagt, auch mal eine andere Antwort auszuprobieren, weil ich dachte: Diese Frage, so gestellt lässt mehr als nur eine Antwort zu. Ganz erschrocken war ich dann aber darüber, dass ein Gespräch über die Antwort „Nein“ streng verboten wurde, nicht allein von anwesenden Professoren, sondern auch von solchen, die es werden wollten. Die Antwort „Nein“ war nicht zulässig. Das hatte wiederum war überraschend, weil mich das an einen Bericht über die Gesprächsgeflogenheiten im Zentralkommitee der SED erinnerte. Darin hieß es, dass es dort selbstverständlich möglich war, jede Frage zu stellen, aber nur, wenn man mit der vorschriftsmäßigen Antwort einverstanden war. Ich war so naiv zu glauben, dass solche Gewohnheiten an der Universität gar nicht zulässig wären, musste dann aber lernen, dass es sich genauso verhielt: Die Frage, ob Soziologie eine Wissenschaft ist, darf immer gestellt werden, solange die Antwort nach allem Für und Wider immer „Ja“ lautet.

Wenn man das nun ernst nimmt, statt solche Beobachtungen als defizitäre Erscheinung abzutun, kann man lernen, was Soziologie ist. Sie ist nur die Selbstbeschäftigung eines Wissenschaftsbeamtentums mit seiner selbst erzeugten Literatur. Und das Studium der Soziologie ist nur eine Einführung in das Studium dieser Literatur, also ein Verführung des Nachwuchses zur Beteiligung am Gespräch dieser Wissenschaftsbeamten, was nur denen etwas nützt, die ebenfalls eine Stelle als Wissenschaftsbeamter erhalten und welche dann die Neuankömmlinge mit der vorschriftsmäßigen Antwort auf eine unvorschriftsmäßige Frage begrüßen.

Die Soziologie hat genauso wenig wie das Zentralkommitee der SED eine Chance, aus den selbstgemachten Zwängen klug zu werden und sie braucht es auch gar nicht. Denn entweder werden die Klügeren gut bezahlt, werden also Professoren und erhalten für den Rest ihres Lebens einen Freifahrtschein, oder die anderen, die auch nicht dumm sind, verbleiben woanders, und sei es, dass sie Angestellte in einem Job-Center werden und darüber entscheiden, ob andere, die auch sehr klug sind, eine Chance auf Lebensunterhalt bekommen oder nicht. Alles andere ist ein Würfelspiel des sozialen Gelingens, das darüber entscheidet, auf welcher Seite die Klugen sich einsortieren müssen oder können.

Wissen ist Glück, nicht Macht. Wissen ist Spiel, nicht Methode. Wissen im Überraschung, nicht Gesetz.

 

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