Differentia

Tag: Rationalität

Die Schutzhaut der Gesellschaft

Auf eine perfide Art haben diejenigen, die unsere demokratischen Rechte und Freiheiten attackieren wollen, schon gewonnen. Nicht durch Morde und Anschläge, sondern indem wir aus Angst damit begonnen haben, uns gegenseitig zu kontrollieren und zu überwachen. Wir haben unser eigenes System von innen verrotten lassen. Als Resultat vertrauen wir niemandem mehr. Keinen Unternehmen, keinen Institutionen, keinen Regierungen. Und wenn wir ganz genau hinschauen, dann vertrauen wir auch einzelnen Personen immer weniger. Es hat nur wenige Monate gedauert, bis sich diese Atmosphäre des Misstrauens, das zu Unfreiheit führt, etabliert hat. Es wird viele Jahre dauern, sie wieder zu verändern. Wenn das überhaupt möglich ist.

Mit diesen Worten endet ein Artikel von Johnny Häusler, in welchem der Autor sein Unbehagen über die Datensammelei von Geheimdiensten und Konzernen zum Ausdruck bringt.

Solange mit Argumenten kein Stich zu machen ist, muss der steigende Druck des Problems dafür sorgen, dass der Widerstand gegen eine Versachlichung der Problematik selbst versachlicht wird, weil erst auf diesem Wege das Problem offenbar wird und erst dann sozial geordnet werden kann.
Das allerdings ist unmöglich, solange Angst, Abwehr, Bedrohungs- und Gefährdungsszenarien als Ersatz für rationale Argumente verstanden werden, oder wenn gar Angst rational begründet und gerechtfertigt wird. Damit ist gemeint, dass nicht etwa die Irrationalität solcher Argumente einer Ordnungsfindung im Wege steht, sondern der Versuch, Stimmung als fungibler Ersatz für Rationalität zu nehmen, um die Rationalität zu retten. Nicht die Irrationalität führt in die Irre, sondern die Erwartungen auf Rationalität sind das, was der Ordnungsfindung im Wege steht.
Solange Rationalität das entscheidende Ordnungskriterium sein sollte, wird man in der Sache niemals weiter gekommen. Das liegt daran, dass jede Rationalität keine eindeutige Entscheidungsbasis liefert; und weil das so ist, wird auf dem Wege der massenmedialen Kommunikation von Gefahr und Bedrohung die fehlende Eindeutigkeit von Argumenten ersetzt durch Stimmungsmache, um rationale Entscheidungsabläufe zu stimulieren, die mit rationalen Betrachtungen nicht geordnet werden können.
Normalerweise bieten sich dafür zwei Möglichkeiten an: Angst – wie in dem Artikel von Häusler – oder Hoffnung. Aber für beides scheinen sich die Kapazitäten erschöpft zu haben. Damit meine ich, dass die gesellschaftlich verfügbaren Belastbarkeiten durch Steigerung von Zumutungen nicht weiter ausgedehnt werden können, erkennbar an dem Versuch, genau das Gegenteil zu versuchen: „Wir müssen Empörung organisieren„, heißt es in diesem Heise-Artikel. Typisch: auf dem Wege der adressenlosen massenmedialen Verbreitung von Appellen lässt sich nichts organisieren, denn Organisation braucht Macht, aber Macht ist auf Märkten, die Information als bezahlbares Gut behandeln, nicht zu finden. Macht benötigt die Einschränkung von Handlungsfähigkeit, massenmediale Verbreitung von Empörung liefert aber nur Informationsdefizite, durch die Handlungen nicht verkoppelbar sind. Massenmediale Kommunikation produziert Kopflosigkeit, nicht Gleichschritt.
Diese Appelle haben den Charakter von Gebten oder anderen religiösen Ritualen, deren rationale Wirkung mit solchen Verlautbarungen vergleichbar sind: auf der anderen Seite ist niemand, den man damit erreichen könnte. Deshalb ist die Irrationlität dieses Tuns gar nicht schädlich, sondern ist im Gegenteil der Versuch, den Problemdruck zu erhöhen. Denn die Irrationalität liefert nicht nur Motive zur Abwehr und Immunisierung, sondern auch zur Abwehr dieser Abwehr. Immunsysteme können sich erst dann schließen und durch Schließung bilden, wenn sich Abwehrversuche an vorhergehenden Abwehrversuchen orientieren. Kurz gesagt: wenn also die Widerstände gegen eine Sachlichkeit und gegen eine Ordnungsfindung selbst versachlicht werden. Eine Irrationalität steht solchen sozialen Prozessen gar nicht im Wege.

Daraus folgere ich die Vermutung, dass diese Datensammelei zur Festigung von Immunsystemen gebraucht wird, die allerdings nicht durch Organsiation von Macht stabil gehalten werden können. Denn Organisation von Macht ist auf rationale Abläufe angewiesen, die durch Organisation selbst nicht garantiert werden können. Immunsysteme, die sich auch auf der Basis von Irrationalität bilden können, können dann auch die Paranoia versachlichen. Denn dass Paranoia nur als Versuch der Kommunikation von Angst und Misstrauen genommen wird, unterliegt den Erwartungen auf Durchsetzbarkeit von Rationalität. Und sobald sich die  Erfüllungserwartungen auf rationale Wirksamkeit absenken, könnte auch erkennbar werden, dass die Paranoia keineswegs eine pathologische Vermeidungsangelegenheit ist, sondern im Gegenteil: wenn Irrationalität einer Ordnungsfindung gar nicht im Wege steht, dann könnte die Paranoia selbst zu einem Vertrauensproblem werden, das Kriterien für die Ordnungsfähigkeit von Beiträgen liefert.

“Meinungspornografie” 3 @VicoBeauregard @latent_de (Forts. folgt)

zurück / Fortsetzung: Die Frage, was Erotik, was Pornografie ist oder was das eine vom anderen definitorisch unterscheidet, überlasse ich denen, die sich um ihre Langweile keine Sorgen machen müssen, weil sie sie genießen können.
Eine ganz andere Frage lautet: was macht die Unterscheidung von Erotik und Pornografie beobachtbar? Die gewöhnliche Antwort lautet „Sexualität“. Ohne diese Antwort zu bestreiten, würde ich weiter fragen wollen: Was noch? Könnte mit dieser Unterscheidung auch Rationalität beobachtbar werden? Wie auch immer die Antwort lauten mag, wenigstens könnte schon die Frage überraschen. Und wenn diese Frage überrascht, dann könnte man noch mal zurückfragen: warum sollte es weniger überraschend sein, wenn mit dieser Unterscheidung hauptsächlich Sexualität beobachtbar wird? Wie kommt es, dass man das für normal halten möchte?

Nun ist natürlich die Beobachtung und Beurteilung von Rationalität eine komplizierte Angelegenheit. Aber wenn man fragt, warum die moderne Gesellschaft Rationalität als besonderes Problem entdecken konnte, dann wird man es nicht einfach dabei belassen können, dass die Gesellschaft selbst rational geordnet und strukturiert ist. Rationalität scheint mir deshalb als besonderes Problem entstanden zu sein, weil die moderne Gesellschaft die Beobachtung von Handlung entnaivisiert hat. Entnaivisierung heißt, dass aus etwas, das sich sonst immer von selbst verstand, weil es ohnehin unverzichtbar war und darum problemlos beobachtet wurde, ein Problem ergab, das zu seiner Lösung die Differenzierung der Gesellschaft vollzog.  Handlung (gemeint ist natürlich Handlung als Beobachtungsproblem)  konnte in dem Augenblick problematisiert werden, indem die epistemologische Folgenlosigkeit von Erkenntnis und Wissen in Erfahrung gebracht wurde: Erkenntnis und Wissen macht zwar Unterschiede, aber für wen? Und in dem Augenblick bricht die existenzphilosophische Frage auf, dass man das ist, was man tut.
Handlung als Problem und damit auch als Problem ihrer Rationalisierung entsteht, sobald aus der Tatsache, dass gehandelt wird, die Frage ins Auge springt was dann geschieht, wenn Handlung geschieht. Voraussetzung dafür war die moderne Gesellschaft selbst, die keine Autorität, keine Tradition und keine absolute Wahrheit mehr garantierte. Wo sich die Standesgrenzen auflösten, wo einer Gehorsamspflicht das Recht auf Widerstand entgegen gestellt wurde, wo allgemein ein Vetrauensfindungsprozess in Menschenvermögen sozial strukturell relevant geworden war, wurde folglich auch Handlung als Problem erkennbar. Eine spätere Folge dieses Problems schlägt sich nieder in einer Kommunikationstheorie.

Fortsetzung folgt

%d Bloggern gefällt das: