Differentia

Tag: Aufklärung

Warum gibt es Verschwörungstheorien? 1

Warum gibt es eigentlich Verschwörungstheorien? Warum gibt es immer mehr; und warum immer mehr solcher Art, deren Absonderlichkeit kaum noch zu fassen ist, wie etwa jene ufologische Theorie, die glaubhaft machen will, dass irgendwelche reptiloide Außerirdische eine Art geheime Weltregierung bilden um die Menschheit zu kontrollieren? Und auch: warum sind sie so hartnäckig? Wie kann es sein, dass sich manche Verschwörungstheorien so lange halten und über mehrere Generationen hinweg in immer verschiedeneren Varianten durchgespielt werden?

Was mich dabei am meisten wundert ist das Missverhältnis zwischen dem Ausmaß verschwörungstheoretischer Bemühungen einerseits und der Unfähigkeit andererseits, aufklärerisch zu wirken. Ob das daran liegt, dass die aufklärerischen Bemühungen mit weniger Engagement betrieben werden, die Verschwörungstheoretiker damit gleichsam nur in der Mehrheit wären? Das hätte man vielleicht gerne so, um nicht darüber nachzudenken, dass der Unterschied zwischen Verschwörungs- und Aufklärungstheorien nicht sehr deutlich ins Auge fällt. Verschwörungs- und Aufklärungstheorien verhalten sich zu einander komplementär. Sie gehören zusammen und könnten ohne einander gar nicht zirkulieren, weshalb sie auch sehr leicht verwechselbar sind, weil beide Bemühungen gerne die „wahren Hintergründe“ aufdecken, aufgrund der geteilten Annahme, dass es solche wahren Hintergründe wirklich gäbe. Aber auch, wenn man den Unterschied zwischen Verschwörungs- und Aufklärungstheorien nicht sehr groß ansetzen will, bleibt immer noch die Frage übrig, warum es Verschwörungstheorien, bzw. Aufklärungstheorien überhaupt gibt. Und seit wann in dieser Weise?

Nun wird man gewiss gut geraten haben, wenn man Verschwörungstheorien als Produkte massenmedialer Verbreitung auffasst. Verschwörungstheorien sind mit der Ausweitung der Buch- und Zeitschriftenproduktion im 18. Jahrhundert, sind mit der Ausdifferenzierung der Massenmedien entstanden. Buchdruck ist ein geeignetes Medium für die Kommunikation von Verschwörung und Aufklärung. Aber damit dürfte man nicht vollständig erklären können, wie Glaubwürdigkeit entsteht, wie die sozialen Klebeeffekte zustande kommen und wie diese Hartnäckigkeit möglich ist. Wie kommen bestimmte Sinnprägungen zustande, die Gewissheit hinterlassen? Massenmedien, das geben alle Verschwörungs- und Aufklärungstheorien jederzeit zu, zersetzen eher Informationssicherheit, hinterlassen eher Lücken, Mängel, Kenntnisdefizite, also vermehren Nichtwissen als dass sie das Gegenteil garantieren könnten. Massenmedien, das weiß man seit es sie gibt, stehen unter Manipulationsverdacht und könnten darum kaum geeignet sein, Ansprüche an verlässliches Wissen zu erfüllen. Deshalb wird man sich nicht täuschen, wenn man Verschwörungs- und Aufklärungstheorien auch als symbolische Misstrauenskommunikation auffasst.

Dennoch muss es irgendetwas geben, dass Verschwörung und Aufklärung als Erfahrungsmöglichkeit in soziale Strukturzusammenhänge überführt. Täuschung, Manipulation, Verdacht, Misstrauen allein reichen als Treibstoff nicht aus, um die Empirizität von Verschwörung und Aufklärung zu garantieren. Was vermag Verschwörung und Aufklärung als empirische Möglichkeit, als Wissen um reale Wirklichkeit, aus dem Bereich des nur Vermutbaren in Formen des Wissbaren zu überführen, wenn nicht die Möglichkeit von Verschwörung und Aufklärung selbst als entscheidende Tatsachen genommen werden kann? Denn das hieße, dieses trostlose Spiel von Verschwörung und Aufklärung fortzusetzen.

Woraus beziehen Verschwörungs- und Aufklärungstheorien ihre Empirizität?

Meine Vermutung ist: neben Massenmedien spielt vor allem die Form der Vergesellschaftung eine Rolle, die sich aus der sozial verschränkten Operationsweise von Massenmedien und Organisationen als Einschließungsmilieus ergibt (Parodierendes Beispiel: Der Streich mit versteckter Kamera, unten verlinkt.)

Fortsetzung

 

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Sinn, Evidenz, Zufall und Faszination

Selbstverständlich ist alles in der Welt ganz naturlichbzu erklären, aber das gehtbnicht ohne Hokuspokus. Hokuspokus (Faszination, Hexerei, Zauberei) funktioniert wirklich. Die Frage ist nur, wie die Zauberei des Sinnverstehens auf eine Weise funktioniert, die mögliches Sinnververstehen als notwendiges Sinnverstehen in Erscheinung treten lässt. Und wenn man nicht an Notwendigkeit glauben will (wer will sich selbst Aberglauben zurechnen lassen?), glaubt man schließlich an Zufall. Denn an irgendetwas muss das kritische Subjekt am Ende glauben, wenn es feststellt, dass für das, was es versteht, kein bestimmter Grund zu finden ist.

Dass all dies gerade durch die Unbestimmtheit der Kommunikation zustande kommt, kann das kritische Subjekt deshalb nicht nachvollziehen, weil es sich selbst als ein Subjektiv beschreibt, das stets Bestimmtheit kommuniziert (wissend um die testbare Paradoxie der bestimmten Unbestimmtheit wie z.B. bei Ironie, durch die bestätigt wird, was man glauben will, dass man Bestimmtheit kommuniziere) und entsprechend von anderen glaubt, solches ebenfalls zu vermögen und folglich, sobald sich empirische Hinweise ergeben, dass daran irgendwas nicht stimmen kann, im Zufall seine Zuflucht sucht um die Selbstschreibung und Selbstzurechnung kommunikativer Handlungsfähigkeit zu retten. Diese Zurechnung ist dann nur die Ausrede für die Verlegenheit, in die man gerät, weil man gerade wieder nicht gemerkt hatt, wie man dem sozialen Apriori der Kommunikation auf den Leim gegangen ist; weil man schon nicht mehr nachvollziehen kann, wie sich Evidenz einstellen konnte.

Dass Geschwindigkeit des Sinnverstehens sehr wohl reine Hexerei ist will dem kritischen Subjekt deshalb nicht einleuchten, weil es glaubt, es sei das einzige, das sowas zu leisten imstande ist. Sinnverstehen sei allein eine psychische Eigenleistung und als soziale Leistung sei das Sinnverstehen nur insofern akzeptabel als es psychisch verursacht sei. Wenigstens geht man von irgend einem Realitätskontinuum zwischen psychischer und sozialer Realität aus. Dass aber das Sinnverstehen sozialer Realität die apriorische Realität ist, die dem psychischen Sinnverstehen voraus geht, dass sich also Diskontinuität zwischen psychischer und sozialer Realität ereignet, kann das kritische Subjekt deshalb nicht akzeptieren, weil es sowas nicht für empirisch hält. Ergo bleibt nur die Flucht in die Ablehnung, Bagatellisierung, das Herunterspielen oder Zurechnung auf Zufall und bestenfalls noch Verwunderung ob einer rätselhaften Welt.

Wollten wir das aufklären, könnte man anfangen mit dem Satz: Es besteht kein Zweifel daran, dass Zauberei und Hexerei (Faszination) wirklich funktioniert. Aber: wie geht das vor sich?

 

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