Differentia

Tag: Paradoxie

Meine Hausaufgabe #trialogMarburg

Gute Gründe zeichnen sich im Gegensatz zu allen anderen Arten von Gründen dadurch aus, dass sie unmittelbar evident sind und darum einer Betonung ihrer Selbstverständlichkeit gar nicht bedürfen. Das heißt: Gute Gründe kennt jeder, findet jeder leicht und überall. Gute Gründe sind das, worüber man schon zutreffend informiert ist, noch bevor man überhaupt herausfinden will, worüber man informiert zu werden wünscht oder Aufklärung verlangt. Gute Gründe sind eine Art Bequemlichkeit des unentschlossenen Intellekts, der kostenlos durch die Welt irren darf („Hänschenklein ging allein in die weite Welt hinein …“) und der im Kollisionsfall stets gute Gründe anführt, um zu erklären, was ohne diese Kollision immer schon gut genug gewesen ist, nämlich nichts, das bis dahin von besonderer Bedeutung gewesen wäre. Die Betonung von guten Gründen für dieses oder jenes ist nichts anderes als eine gefällige Selbstknebelung, die sich mit ihrer selbstgemachten Langeweile einverstanden erklärt. Darum kennen professionelle Verwalter von organisierter Langeweile so viele gute Gründe, dazu zählen besonders Publizisten, Polizisten, Pastoren, Pädagogen, Professoren und Politiker.
So ergeben sich denn auch keinerlei Schwierigkeiten gute Gründe für das Anführen von guten Gründen zu finden. Man erfindet einfach welche, wenn sie verlangt werden. Ein guter Grund für einen guten Grund könnte einfach einer sein, den keiner kennt und den keiner herausfinden kann. Das wars.

Insofern ist die oben angeführte Hausaufgabe eine echte Unterforderung. Die Unterforderung wird noch einmal dadurch gesteigert, dass eine Reaktion auf eine einfache Paradoxie erwartet wird. Das heißt: es wird nicht nur verlangt, gute Gründe zu nennen, sondern auch noch eine Paradoxie ernst zu nehmen, die ihrer Natur nach keine ist. Denn selbstverständlich ist eine Paradoxie keine Paradoxie, denn sonst wäre sie ja keine.

Und weil das so ist und nicht anders, erledigt sich die Hauaufgabe von selbst: Ich habe meine Hausaufgabe nicht gemacht, weil ich sie gemacht habe. Und aus einem guten Grund ergibt sich die Evidenz dieser Einsicht von selbst.

Über Populismus, Wahlen und Wahlkämpfe

Über Populismus, Immunsysteme und das Weinen der Demokratie

Demokratie ist eine populistische Großveranstaltung. Sichtbar wird dies bei jedem Wahlkampf. Wahlkämpfe sind Festivals der Stimmungsmache. Die Musik wird bei diesen Gelegenheiten lauter gedreht um herauszufinden, wer mit wem tanzen will. Wahlkämpfe sind Jahrmärkte, die zum anschließenden Gottesdienstbesuch motivieren. Den Gang ins Wahllokal würde ich jedenfalls so auffassen. Der fromme, politisch informierte und engagierte Bürger, der das Recht erhält, sich auf die Bedeutung seiner individuellen Wahlentscheidung sehr viel einbilden zu dürfen, tritt mit dem Aufsuchen des Wahllokals gleichsam vor einen Richterstuhl, vor dem er demütig sein Haupt neigt, erfüllt von dem Glauben daran, dass er mit seiner Stimmabgabe zugleich eine Verantwortung für das Große und Ganze übernimmt. Was ein eitler Blödsinn ist.

Wahlkämpfe sorgen dafür, ein plausibles Argument außer Funktion zu setzen, welches besagt, dass mit einer Wahlentscheidung, gerade weil es nur eine individuelle sein darf, keine Entscheidung über den Wahlausgang des Kollektivs getroffen wird, und dass trotzdem Wahlen mit großer Beteiligung durchgeführt werden können. Das kann jeden beeindrucken, der gelernt hat, die soziale Welt ob ihrer Curiositas zu schätzen. Durch Wahlkämpfe gelingt es, aus der simplen Tatsache, dass jede Stimme zählt, ein für alle gleichermaßen geltendes Versprechen zu machen, welches besagt, dass jede Stimme besonders viel zählt, ohne zugleich ein fehlendes Maß für diese Differenz zu unterdrücken. Denn egal, ob jede Stimme besonders viel oder besonders wenig zählt, in jedem Fall gilt nur der Grundsatz: 1=1, pro Nase eine Stimme. Wahlkämpfe müssen dafür sorgen, diese nüchterne und sehr sachliche Einsicht abzuweisen, ohne zu verhindern, dass der Wahlausgang nach genau diesem Grundsatz ermittelt wird. Wollte man nach einer Erklärung dafür suchen, weshalb Wahlen überhaupt durchführbar sind, müsste man wohl überlegen, dass eben diese Paradoxie gesellschaftlich behandelt wird: nur, wenn kaum einer bemerkt, dass 1=1 gilt, kann nach diesem Grundsatz ein Wahlausgang ermittelt werden, was wiederum jedem bekannt gemacht wird, ja sogar, dass eine ganze Staatsmacht in Gang gesetzt wird, die die Einhaltung dieses Grundsatzes garantiert. Die Staatsmacht garantiert damit zweierlei zugleich: die strikte Einhaltung dieses Grundsatzes und die Außerkraftsetzung seines persuasiven Gehalts. Das ist irre, kann begeistern und kann zugleich erklärbar machen, weshalb dieser Irrsinn auch auf Ablehnung und Geringschätzung stoßen kann.

Wahlkämpfe und Wahlen sind, das macht sie mit heiligen Handlungen von Priestern vergleichbar, die magische Umwandlung eines bedeutungslosen in einen bedeutungsvollen Grundsatz. Wahlkämpfe und Wahlen sind sich ergänzende Abläufe von abergläubischer und rationaler Praxis.

Aus diesem Grund kommt man mit der Vermutung nicht weiter, die glaubhaft machen will, dass so etwas nur infolge eines großen kollektiven Besäufnisses möglich sei, welches wie ein ideologischer Verblendungszusammenhang die Einsicht in die wahre Wirklichkeit der Verhältnisse verschleiert. Denn es wird ja weder bei Wahlkämpfen noch bei Wahlen, das gilt auch für das Wandlungsgeschehen in der Eucharistie, irgendetwas unterdrückt; es wird gar nichts versteckt, verheimlicht. Es wird nichts der Wahrnehmung und nichts der gesellschaftlichen Kommunikation entzogen, sondern: aufgrund dieser Paradoxie gibt es nicht einfach gleichwertige Möglichkeiten der Kommunikabilität von Evidenz, Sachlichkeit und Plausibilität, weil keine Gleichgültigkeit entsteht. Es gibt aufgrund dieser Paradoxie keine beliebig-symmetrisch Ordnungsfähigkeit von Betrachtungsweisen. Ein Wahlkampf ist so etwas wie ein Festival, das zu Abgabe eines Wetteinsatzes motiviert. Die Verkündigung des Wahlausgangs entspricht der Ausschüttung der Gewinne. Und beides zusammen sind sich gegenseitig entschuldigende Vorgänge: Wahlkämpfe machen den politischen Betrug statthaft, damit Wahlen durchgeführt können. Und Wahlen verbieten jeden Betrug, damit Wahlkämpfe wieder anfangen können.

Wenn man auf diese Weise das Gelingen von Demokratie auffassen kann, dann kommt man zu einer anderen Betrachtungsweise darüber, was man von diesem Populismus halten kann.

 

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