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Tag: Internet

Was macht Technik? #kommunikationstheorie #internet @annemilios @Anaminona

doesentelefon(Herkunft: Wikipedia)

Was macht Technik? Technik macht, dass das, was auf struktureller Ebene der Verständigung nicht oder nur schwer kommunikabel gemacht werden kann, weil eine funktionierende Kommunikation aufgrund erfolgreicher Strukturen die Bedingungen ihres Funktionierens verdeckt und dadurch ihre schwer zu umgehende Empirizität erzeugt, auf operativer Ebene dennoch, aber dann dämonisch akzteptabel werden kann. Technik ist die erfolgreiche Einrichtung eines spezifischen Arrangements auf struktureller Ebene, bezeichnet als Dispositiv (hier verkürzt als “Experiment”), mit dessen Hilfe die Irritabilität der Kommunikation auf eine Weise verfremdet wird, die schließlich die Heteroclitizität ihres Funktionierens offenbart und damit einen weiteren Bereich ihrer normalen Kontingenz aufschließt.
Dieses Bild oben macht das deutlich.
Schon immer, seit es Menschen gibt, haben sie miteinander gesprochen. Es gab in den letzten ca. 10.000 Jahren kaum genügend Gründe die Vorgänge des Gesprächs merkwürdig zu finden. Denn schließlich ist es normal, dass Menschen miteinander sprechen. Warum darüber theoretisch komplizierter nachdenken, wenn das Gespräch doch einwandfrei funktioniert? Denn die Normalität des Gesprächs schließt ein, dass es nicht immer zur Zufriedenheit aller Gesprächspartner funkioniert. Es funktioniert eben und sei es, dass es jemanden verdrossen macht. Wen sollte das stören? Und wenn sich jemand darüber beschweren mag, wie teilt man diese Störung mit, wenn das normale Gespräch nicht notwendigerweise Störungen vermeiden muss um zu funktionieren? Eigentlich geht es nicht, es sei denn es finden sich geeignete und gewiss voraussetzungsvolle Umstände, die es ermöglichen, den Störungscharakter operativ kommunikabel zu machen.

Dieses Bild zeigt, dass geht, indem eine Komplikation, eine Störung eingeführt wird um ein Gespräch zu führen, dass auch ohne diese Komplikation durchgeführt werden könnte. Aber ohne sie könnte man nicht über die Komplikation des Gespräches reden. Es wird also durch das Dispositiv eine Schwierigkeit eingeführt um irritabel zu machen, dass das Gespräch Schwierigkeiten – also den Normalfall – impliziert. Das Dispositiv hat eine apokalyptische Funktion: es offenbart etwas, das ohne diese Offenbarung nicht verborgen, sondern durch anderweitige Empirie nur verdeckt, aber nicht unsichtbar war.

Bei diesem Beispiel, das den Fall der gegenseitigen Rücksichtnahme betrifft, soll gezeigt werden, dass Kommunikation mit einem Dosentelefon als ein Arrangement zwischen Sender und Empfänger funktioniert. Man sollte einmal etwas gründlicher darüber nachdenken, bevor man so mir-nichts-dir-nichts dieses Kommunikationsmodell ablehnt, wofür es gleichwohl gute Argumente gibt. Dennoch stellt sich Frage: wie konnte es prominent und empirisch werden? Das Sender-Empfänger-Modell kann nur plausibel werden, wenn ein Sprecher, der sich als Sender beschreibt, das kausale Geschehen der Übertragung deutlich machen will, aber dafür im normalen Gespräch keine ausreichenden empirischen Anhaltspunkte findet, weil nämlich die Kommunikation – aufgrund der Anwesenheit des Partners – immer auch anderes möglich macht: Ausweichung, Ablehnung, Ablenkung, Zwischenfälle, Blockierung, Ängstigung, Affektbewegungen aller Art, die für das Gespräch ebenfalls jederzeit relevant werden können. So geht es also nicht, oder eben nur sehr schwer.
Also wird ein Dispositiv eingeführt, durch das eben nur dies und nichts anderes kommunikabel wird.  Zwischen zwei Dosen wird eine Schnur gespannt. Auf jeder Seite wird die Dose entweder nur zum Sprechen oder nur zum Hören verwendet, zum Senden und Empfangen, weil beides gleichzeitig auf jeder Seite nicht geht.
So kann ein Nacheinander von Sprechen und Hören durch empirisch sichtbare, weil mit Handgriffen verbundene, also komplizierte Handlungen erscheinen, die man dann als Senden durch Sprechen und Empfängen durch Hören ordnen kann. So kann ein kausales Geschehen gezeigt werden, ein Nacheinander von Handlungen, die außerhalb dieses Dispositivs nur gleichzeitig empirisch möglich und damit ungeeignet sind, um zu zeigen, dass es sich um kausales Geschehen der Ungleichzeitigkeit handelt.
Darum geht es: das Dispositiv macht etwas sichtbar, empirisch und akzeptabel, das nur auf dem Umweg der Verkomplizierung gewohnter und normaler Handlungen erkennbar werden kann. Und insofern ein solches Dispostiv zuerst dämonisch operativ und in der Folge strukturell regulativ diese ganze Gesellschaft überformt, indem das Dispositiv seine eigenen empirischen komplexen Voraussetzung nachträglich berücksichtigt, ist fast nicht mehr (oder nur sehr schwer) auf dieser strukturellen Ebene möglich, den Irrtum dieses Kommunikationsmodells zu zeigen.

Darum wird, bei geeigneten Bedingungen, ein anderes Dispositiv gebraucht, durch das auf das aufmerksam gemacht werden kann, was durch das Dosentelefon-Modell ausgeschlossen wird, dass nämlich Kommunikation nicht auf Kausalität beruht.
Aber gewiss ist das nicht so einfach zu erklären. Also muss sich auf operativer Ebene das Dispositiv dämonisch durchsetzen. Für uns ist dies das Internet.

Leben mit der Paranoia: Into the wild – re:publica 2014

INTO THE WILD soll als Motto der re:publica 2014 den Blick öffnen für verschiedene Ansätze, um das Internet und die Gesellschaft der nahen Zukunft zu verstehen und zu verbessern: Wenn Algorithmen uns zu gläsernen, kontrollierbaren weil berechenbaren Menschen machen, müssen wir vielleicht unberechenbarer werden? Die Auflösung von Strukturen, das Verlassen der populären Trampelpfade hinein ins Chaos, in die Irrationalität, in die Wildnis eben, könnten Strategien sein. Aber wie finden wir uns dann noch zurecht, wie finden wir zueinander? Wie flüstert man im Netz und vor allem: mit wem? Wird nicht, wer ein freies, unkontrolliertes Netz fordert, umso mehr kontrollieren müssen, wer dabei sein darf und wer draußen bleiben muss? (Herkunft)

Einmal mehr gibt diese Ankündigung der #rp14 Grund zum Nachdenken darüber, was das Internet für die Gesellschaft leisten könnte, im Unterschied zu dem, was irgendwelche Meinungsmacher meinen, dass es leisten müsste. Denn solange Meinungsmacher sich des Internets bedienen, sich damit hervortun, um massenwirksam Stimmung zu irritieren, können sie nichts anderes tun als das, was mit Massenmedien ohnehin schon immer möglich war. Meinungsmache, Meinungskampf funktioniert berechenbar, vorhersehbar und erzwingt dadurch Strukturen, die Normalität und Naivität erzeugen. Normalität entsteht durch Routinen, durch Regeln, durch Wiederholungen; Naivität entsteht dadurch, dass diese Normalität als normal erwartet wird. Die wichtigste Regel für Massenmedien lautet, ständig Neues und Unerwartetes zu produzieren, auf das man mit bekannten und gewöhnlichen Mittel reagieren kann, nämlich: mit Kritik und Meinung. Das geschah bislang immer mit vorhersehbarer Wirksamkeit wie ein aufgezogenes Uhrwerk, noch bevor von irgendwelchen Algorithmen die Rede war. Seitdem nun die Wirksamkeit von Algorithmen massenmedial thematisiert wird, wird nun plötzlich offenbar, was niemals unbekannt war: Das Erwartbare wird nun berechenbar. Und dies wird dann als Neuigkeit nach bekannten Mustern der weiteren Erregung anempfohlen.

Und die interessante Frage ist dann, wie man auf die Erwartung des Erwartbaren reagiert. Vorerst gilt noch, dass sich zwar etwas ändern wird, aber wenn, dann nur so, dass zunächst alles so bleibt wie ist.
Der Härtefall aller Lernprozesse besteht darin, die Navitiät zu zerbrechen. Voraussetzung dafür dürfte sein, sie überhaupt erst zu bemerken: “Wenn Algorithmen uns zu gläsernen, kontrollierbaren weil berechenbaren Menschen machen, müssen wir vielleicht unberechenbarer werden?” – [Wir Menschen - wenn berechenbar - dann müssen] – Es handelt sich um eine Empfehlung, die wie ein Algorithmus gelesen werden kann, womit nur gesagt sei, nach Maßgabe eines Algorithmus zu handeln, damit berechnet werden kann, womit man zu rechnen hat.

Man erkennt die Naivität und erkennt zugleich, dass noch sehr viel gerätselt werden muss, um ihr zu entkommen. Man ist nämlicht allzu leicht geneigt, das Fragezeichen zu übersehen.

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