Differentia

Tag: Internet

Redaktionsschluss von Stefan Schulz @friiyo

Stefan Schulz hat ein gutes Buch geschrieben, das man kaufen kann.
Ein Buch (oder eine Zeitung) ist ein Objekt, das eine Kopie eines Datensatzes ist, welcher beliebig oft kopiert und verkauft werden darf. Das heißt: beim Kauf wechselt stets ein Objekt die Stelle. Es wird von hier noch dort übergeben. Das darf an jeder Stelle geschehen, jedoch nicht von jedem. Das heißt: ein Buch als Kopie eines Datensatzes darf prinzipiell an jeder Stelle vorhanden sein. Der Besitzer besitzt aber nur das Papier, bzw. ein Recht auf bedrucktes Papier. Das Recht auf Vervielfältigung darf ihm unter Androhung von Strafe untersagt werden. (Bekannt unter: one-to-many-Verbreitung)

Der Besitzer irgendeines imaginiären „geistigen Eigentums“ (Urheberschaft und geistiges Eigentum sind paranoische Fiktionen), das sich nirgendwo befindet, folglich auch nicht übergeben werden kann und darum unverfügbar ist, erhält im Tausch, also für etwas, das er nicht hergeben kann, etwas, das der Käufer hergibt, aber nicht selbst kopieren darf. Ein Geldschein als Datensatz ist nämlich kein Objekt, das von irgendjemandem beliebig oft kopiert werden darf und, sollte man das trotzdem tun, noch schwerer bestraft wird als das eigenmächtig Kopieren eines Buches. Ich als Autor darf den Datensatz eines Buches beliebig oft kopieren und verkaufen, als Käufer darf ich aber den Datensatz eines Geldscheins nicht ein einziges mal kopieren. Während der Schreiber nach dem Tausch noch immer irgendein Recht an dem Datensatz betrifft, den er hergibt, behält der Kaufer an dem Datensatz, den er hergibt, kein einziges Recht.
Es gibt Theorien, die besagen, dass das völlig korrekt und in Ordnung ist. Seit einiger Zeit stimmen diese Theorien nicht mehr. Aber es fällt sehr schwer, Theorien zu finden, die erklären, dass Theorien, die so etwas für korrekt halten, gar nicht korrekt und in Ordnung sind. Und weil diese Theorien gar nicht korrekt sind, aber als Rechtfertigung für ein geordnetes Martkgeschehen dennoch sehr gut taugen, funktioniert ein Verlagsgeschäft bis heute fast noch so, wie es ehedem funktioniert hat.
Stefan Schulz sagt nun: Nicht mehr lange.

(Bei Interesse: „Das Urheberrecht und das Problem des unvollständigen Tauschs“ von Postdramatiker.)

Das Buch, das Stefan Schulz geschrieben hat, ist eine Reportage über das Scheitern eines Geschäftsmodells; eine Reportage über den aktuell ablaufenden Prozess der schöpferischen Zerstörung, sofern er Zeitungsverlage betrifft. Dieser Prozess kann deshalb vonstatten gehen, weil niemand gefunden werden kann, den man für den Verstoß gegen die oben skizzierte Theorie bestrafen kann.
Das heißt: diese Verlage sind gegenwärtig Zuschauer in einem Prozesss, der erkennbar macht, dass, noch bevor sie ihre kopierten Datensätze verkaufen können, ganz anderes Datensätze zuerst kopiert und verbreitet sein müssen. Dabei handelt es sich allerdings um Datensätze, die keine Objekte mehr sind im Sinne jener Theorien, die es für korrekt erachten, etwas nicht herzugeben, das man nicht hat, aber über das man scheinbar trotzdem verfügen könnte, um dafür etwas zu bekommen, über das ein anderer dann nicht mehr verfügen darf.

Die Auflösung dieses Rätsels besteht darin, dass Bücher oder Zeitungen keine Waren sind, aber bislang immer als solche behandelt werden konnten, solange das Internet keine Voraussetzung für das Gelingen von Marktwirtschaft war. Wenn sich das aber umkehrt, wenn nun Internet zur Voraussetzung dafür wird, dass Märkte entstehen können, dann entstehen ganz neue Rätsel.

Von diesen Rätseln berichtet dieses Buch von Stefan Schulz.

Etwas Neues ist nichts Neues @professorbunsen

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Auszug aus: Warum Interneterklärer das Internet nicht erklären können 2 (unveröffentlicht)

Wenn man sich mit dem befasst, was manche Interneterklärer zur Innovation des Internets zu sagen haben, dann stellt man fest, dass das Internet offensichtlich eine uralte Angelegenheit sein muss, über die sehr viel bekannt ist und über die man Dinge sagen kann, die auch schon früher über andere Dinge gesagt wurden.
Das erste, was auffällt ist, dass Medieninnovationen in den letzten 200 Jahren sehr häufig vorgekommen sind, weshalb man annehmen kann, dass auch das Internet nur eine gewöhnliche Innovation ist, wie alle anderen auch. Ich zähle mal auf:
Einführung von Tageszeitungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ungefähr zeitgleich mit den ersten Fotografien. Dann: Die Erfindung der Telegraphie, dann die Erfindung des Telefons, der Schallplatte, des Kinematographen, des Radios, des Fernsehens, dann natürlich die Erfindung des Computers und in der Folge das Internet. Es fällt auf, dass Medieninnovationen eigentlich nichts Neues sind, sondern immer wieder vorkommen. Medieninnovationen, Einführungen  neuer medialer Technologien der Kommunikation sind schon lange bekannt.
Das zweite, was auffällt ist, dass jede Einführung einer neuen Technologie einen Beitrag lieferte zur Steigerung der gesellschaftlichen Komplexität. Denn mit jeder weiteren Innovation sind vorhergehende Innovationen gar nicht abgeschafft worden. Vielmehr bestand der Prozess in einer ständigen Erweiterung dessen, was es immer schon gab: Die Tageszeitung hatte die Monatszeitschrift oder das Buch nicht abgeschafft, die Fotografie hat die Malerei nicht ersetzt, die Telegraphie hat das Briefeschreiben nicht überflüssig gemacht, das Telefon hat die persönliche Begegnung nicht vermieden, das Kino hat nicht das Theater ersetzt, die Schallplatte hat nicht das Live-Konzert abgeschafft und so weiter.
Das selbe gilt nun auch für Internet: Das Internet schafft überhaupt nichts ab, sondern erweitert nur alles Bekannte und Bestehende. Das heißt: außer der Tatsache, dass nun das Internet hinzukommt, kann man gegenwärtig erst mal nicht so einfach erkennen, dass sich irgendetwas grundlegend ändert: Das Internet ist etwas Neues, was allerdings nichts Neues ist.

Interessant dazu: Standardsituationen der Technologiekritik von Kathrin Passig Was in diesem Artikel nicht verstehbar gemacht wird ist, dass die Nutzlosigkeit der Neuerung das entscheidende Merkmal für eine innovative Wirkung ist. Das erklärt, weshalb der Verdacht der Nutzlosigkeit Ablehnung hervorruft. Aber das ist nur eine Seite der Sache. Denn Nutzlosigkeit kann auch Akzeptanz hervorrufen. Beides – Akzeptanz und Ablehnung – sind Manöver der gesellschaftlichen Erfahrungsbildung. Medieninnovationen sind Lösungen für noch unbekannte Probleme und nicht etwa zweckrationale Mittel der Wahl zur Lösung bekannter, aber ungewählter Probleme. So hätten das die Märchenerzähler des Rationalismus gern, dass Technik ein Werkzeug sei. Tatsächlich ist Technik ein Spielzeug, das nicht Probleme löst, sondern Behinderung schafft, deren Überwindung zu Erfahrungsbildung beiträgt.

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