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Twitter oder: die Paranoia der Adresse @nilsdemetry @KlausW_Pohlmann #telenoia

Was ist Twitter? Twitter ist Kommunikation über die Paranoia der Adresse. Diese Überlegung möchte ich im folgenden ausprobieren. Vielleicht kann man von dieser Überlegung ausgehend diese Dämonie der Trollerei verstehen lernen. Beginnen wir mit der folgenden fiktiven Situation, die – von psycho-pathologischen Ausnahmen abgesehen -kaum ein Mensch so einfach erleben kann.

Stell dir vor, du bist in einer Gegend unterwegs, in der du nie zuvor gewesen bist; eine Gegend, wo du keinen kennst, wo dich keiner kennt, wo du dich mit niemandem verabredet hast, wo du niemanden erwartest und wo du nicht erwartest, dass jemand dich erwartet. Auch hast du niemandem zuvor davon berichtet, wo du dich aufhalten wirst. Denke dir also, dass du irgendwo in einer dir fremden Gegend auf den Bus wartest und zum Zeitvertreib in der Gegend herumschlenderst. Du gehst links herum, obwohl du auch rechts hättest abbiegen können. Danach gehst du hier hin und dort hin, ohne besonderes Ziel. Dann setzt dich auf eine Bank, auf der ein visitenkartengroßer Zettel liegt. Du schaust dir diesen Zettel an und du findest darauf deinen Namen, deine Adresse, deine Telefonnummer und dein Geburtsdatum notiert.
Die Mitteilung ist eindeutig: Du bist gemeint! Aber, um Gottes Willen! Wie kann das sein? Du dürftest damit in eine ziemliche Wahrnehmungskrise geraten. Irgendjemand, der dich kennt, ist hinter dir her, musste aber vor dir dort sein, um diese Notiz an dieser Stelle zu hinterlassen. Aber wer hätte wissen können, dass du diese Bank aufsuchst? Es kann nur Absicht sein, aber du weißt nicht welche. Du schaust in der Gegend herum, ob noch mehr Zettel mit deiner Adresse irgendwo herum liegen, findest aber keine weiteren. Irgendjemand müsste in unmittelbarer Nähe sein. Oder, eine fernliegende Möglichkeit, du hast diesen Zettel selbst dort hingelegt, kannst dich aber nicht daran erinnen.  In dem Fall hättest du ein medizinisches Problem.

Diese Situation ist komplizierter als du denkst, denn: wie solltest du dein Informationsdefizit nun beseitigen? Wen könntest du fragen? Wer sollte dir so etwas glauben? Und wenn es das so wäre, hülfe dir das auch nicht weiter. Auch wenn du vermuten möchtest, dass dir jemand einen harmlosen Streich spielen will, wirst du erstaunt darüber sein, dass so etwas funktioniert: Jemand ist hinter dir her, der vor dir dort gewesen sein musste, ohne wissen zu können, dass du dich dort aufhalten wirst. So etwas geht eigentlich gar nicht.

Gerade weil eine solche Situation entweder nur psycho-pathologisch oder nur rein fiktiv möglich ist, gibt es bislang keinen wichtigen Grund, darüber komplizierter nachzudenken. Denn im ersten Fall wüsste man, was man dann machen könnte, nämlich einen Arzt aufsuchen. Im zweiten Fall ist dies eine lustige, aber folgenlose Gedankenspielerei ohne irgendeine lebensweltliche Relevanz, vielleicht noch tauglich für eine Science-Fiction-Geschichte; und dann wäre es nur eine Frage, ob die Unterhaltung gelingt. Brisanter ist diese Situtation nicht.

Nun möchte ich vermuten, dass mit Twitter eine solche Paranoia der Adresse kommunikativ wird und zugleich keine gesellschaftlichen Voraussetzungen mitliefert, um diese Paranoia zu bewältigen, weshalb sie auch zunächst gar nicht als solche auffällt und eben darum diese Dämonie entfaltet. Warum?
Twitter ist eine Liste von Adressen, in die sich jeder einschreibt. Mit dieser Einschreibung hinterlässt man anderen, die das selbe tun, eine Adresse, ohne, dass dafür ein besonderer Grund vorhanden wäre. Wenn du auch selber irgendeinen Grund haben magst, sagen wir Neugier oder so etwas, dann reicht das nicht aus, denn: sozial relevante Gründe ergeben sich aus Kommunikation und nicht andersherum. Wer sollte sich für deine Gründe interessieren, wenn du nicht weißt, welche Gründe die anderen haben, die das gleiche tun? Deine Gründe haben vor aller Kommunikation keine selbstverständliche soziale Realität, was auch für alle anderen gilt.
Das ist der Grund, weshalb diese Paranoia nicht auffällt: weil das grundlose Hinterlassen von Adressen massenweise, weltweit geschieht, fällt das als Normalität auf. Aber diese Normalität hat kein Vorbild, keinen Vergleich, keine gesellschaftliche Erfahrung zur Voraussetzung. Der Normalfall bislang war immer, dass, sollte jemand Unbekanntes deine Adresse kennen, er sie nicht auf dem Wege zur Kenntnis gebracht haben kann, auf dem er sie dir wieder mitteilt. Wer dich anruft, hat deine Telefonnummer woanders her, kann sie nicht durch den Anruf selbst erhalten haben. Das gilt auch für alle anderen Möglichkeiten der Ansprechbarkeit.

Bislang galt, dass die Kommunikation einer Adresse rein fremdreferenziell möglich war.  Spricht dich in irgendeinem Zusammenhang irgendeiner an, dann galt bislang: Irgendwo musste jemand deine Adresse zuvor in Erfahrung gebracht haben, sonst wäre es nicht gegangen. (Ausnahme: die Ansprache auf der Straße. Aber in dem Fall kann mindestens auf Wahrnehmung als Grund für die Ansprache geschlossen werden, weshalb die Selbstreferenzialität der Kommunikation unterschlagen wird: es ist beiderseitige Anwesenheit nötig.)
Twitter ermöglicht nun die selbstreferenzielle Kommunikation von Adressen bei gleichzeitiger Abwesenheit. Du hinterlässt in einer Liste anderen eine Adresse, aber das ist noch keine Kommunikation. Erst, wenn die Ansprache gelingt, gelingt die Kommunikation. Und erst damit ist zugleich die Adresse kommuniziert, was jedoch unterschlagen wird. Stattdessen wird anderes als die Adresse für die weitere Kommunikation als relevant angesehen, also Meinungen, Bilder, Links, Texte oder was auch immer. Dass die Adressabilität selbstreferenziell funktioniert, wird als gegenstandslos, als unwichtig, als wenig bedeutsam erachtet. Und weil das so ist, kann man in eine schwere Wahrnehmungkrise kommen, die mit der oben beschriebenen Situation vergleichbar ist. Es wird eine relevante Information unterschlagen, weshalb man nun nicht weiß, wie man in diese Situation hinein gekommen ist und wie man wieder heraus findet.

Es kommt hinzu: durch Twitterkommunikation kann man das nicht aufklären, was auch daran liegt, dass die Kommunikation aufgrund ihres faktisch Vollzugs längst andere Wichtigkeiten erzeugt hat, deren Behandlung attraktiver erscheint.

So ergibt sich die Hilflosigkeit angesichts dieser Dämonie: sie selbstreferenzielle Kommunikation von Adressen ist eine paranoische Operation.

 

Warum #bzv? Selbstorganisation beobachten! #kzu 1

zurück / Fortsetzung: Warum Twitter und Blogs nutzen um Bücher zu verschenken? Warum nicht einfach öffentliche Bücherschranke aufsuchen, um dort Bücher, für die man keine Verwendung mehr hat, an andere Nutzer weiter zugeben? Zumal die Einrichtung von Bücherschränken bald auch jedes Dorf erreicht hat und man inzwischen überall welche findet.

Ja, das kann man machen. Dagegen spricht gar nichts. Übrigens ist es auch nicht sehr schwer, selber einen öffentlichen Bücherschrank einzurichten. Wer eine geeignete Lokalität kennt und beim Sperrmüll irgendwann ein passendes Bücherregal findet, kann so etwas schnell und kostengünstig aufstellen.

Der Nachteil dieser Bücherschränke ist, dass es sich nicht um Bibliotheken handelt, weshalb Bücherfunde rein zufällig möglich sind. Die Aufstellung solcher Bücherschränke erfordert nur einen geringen Organisationsaufwand, das Führen eines Katalogs ist dabei nicht möglich. So etwas geht bislang nur mit einer kapitalaufwändigen und zugangsbeschränkten Organisation, also eine städtische Bücherei, eine Universitätsbibliothek und andere öffentliche Institutionen. Da nun dieser Kapitalaufwand erwirtschaftet werden muss, ohne dass diese Institutionen selbst etwas dazu beitragen können, entstehen komplizierte Organisationszwänge, die die Eröffnung solcher Bibliotheken streng limitieren. In jedem Dorf geht es nicht. Und in jeder Stadt nur eine. Wenn man außerdem den Kostendruck auf die öffentlichen Haushalte mitberücksichtigt, kommt man sehr schnell zu der Einsicht, dass öffentlich zugängliche Bibliotheken in der Auswahl ihres Bestandes durch Rechtfertigungszwänge darauf festgelegt sind, in erster Linie den Erfolg der Organisation zu gewährleisten, weshalb sich, aufgrund der selben Organisationszwänge, diese Bibliotheken wie alle anderen Organisationen auch, gegen ihren Untergang wehren solange es nur geht, was auch daran liegt, dass Alternativen so einfach nicht gefunden werden können. Denn dass öffentliche Bibliotheken gebraucht werden, bestreitet niemand. Aber wie sollte es sonst gehen, wenn nicht durch Organisation?

Fortsetzung

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