Differentia

Tag: Internet

Das Expertentum der Journalisten @ClausKleber @friiyo

Claus Kleber – Antrittsvorlesung Uni Tübingen

In diesem Vortrag von Claus Kleber geht es um die Zukunft des Journalismus. Ich habe die Stelle ab Min. 51.41 sek. markiert. An dieser Stelle geht es darum, dass mit dem Internet eine Situation geschaffen sei, die es zunächst fraglich werden lässt, ob Journalisten als “Kommunkationsprofis” noch gebraucht würden, weil sich nun jeder Mensch eigenständig an massenmedialer Kommunikation beteiligen kann und nicht zuerst auf Journalisten angewiesen ist, die das Publikum mit Informationen versorgen.
Im weiteren Verlauf versucht Kleber nun zu begründen, warum die Arbeit von Journalisten auch in Zukunft unverzichtbar bleiben wird. Begründet wird das mit den Bedürfnissen von Menschen, da Bedürfnisse die Antriebe für die Entwicklung seien. Kleber will nicht der zitierten Überlegung von Stefan Schulz folgen, die besagt, dass durch social media der Journalismus in eine Leidenszeit eintrete, die mit seinem Tod endet. Tatsächlich – so Kleber – gäbe es sehr viele, sehr verschiedene, sehr gegensätzliche Bedürfnisse, die dafür sorgen würden, dass Journalisten als Experten der Sortierung und Einordnung von Information auch für die Zukunft professionell tätig bleiben werden.

Es wird also weiterhin – so die Aussage des Fachmanns – ein Bedürfnis nach Klarheit, Übersicht und Ordnung geben und nur der Journalist als Experte und professioneller Dienstleister kann garantieren, was alle anderen, die täglich mit ganz anderen Dingen befasst sind, nicht zustande bringen können.
Wo kommt eigentlich das Informationschaos her, das Journalisten so großzügig und selbstlos zu vermeiden  suchen? Durch das Bedürfnis der Menschen nach Unordnung, Chaos und Irrtum? Welche Dienstleister, welche Experten, welche Profis sind dafür zuständig, das Bedürfnis nach Informationsdefiziten zu befriedigen? Wo werden diese Leute ausgebildet? Wer investiert in die Unübersichtlichkeit der Gesellschaft und wer profitiert davon? Mit welchen Methoden, Verfahren und Regeln wird das Durcheinander geplant und organisiert? Wer liefert das Angebot so vieler Irrtümer und Irritationen, die bei den Menschen auf eine große Nachfrage treffen? Das Bedürfnis nach Unklarheit, Unordnung, Durcheinander, Dauerirrtum dürfte nach Auskunft entsprechender Experten wahrscheinlich die natürlichste Ur-Eigenschaft von Menschen sein; und selbstverständlich wird auch dieses Bedüfnis von Profis bedient. Aber was sind das für seltsame Phantome? Wer sind die Lieferanten des Informationschaos? Journalisten sind es nicht. Oder doch? ….

Nun, der Journalist, der seine Profession als unverzichtbares Expertentum verkauft, kann diese Einsicht nicht akzeptieren und es steht auch nicht zu erwarten, dass er diese Überlegung mit sachlicher Gründlichkeit überprüfen wird. Der Experte ist gewiss an Sachlichkeit interessiert, aber das Maß an Gründlichkeit ist eine Sache des professionellen Experten, nicht des Laien, der über ein Maß an Gründlichkeit nicht sachgerecht urteilen kann.

Das rhetorische Verfahren, dessen sich der Redner in dem Vortrag bedient, nennt man im Internet-Jargon “derailing.” Derailing meint, dass man einem neuen Argument, einer neuen oder anderen Sichtweise dadurch aus dem Wege geht, indem eine alte Einsicht, eine alte Betrachtungsweise einfach wiederholt mit der Maxime: “Und dennoch bleibt es so … Und trotzdem ist es so … Und deshalb wiederhole ich … Und dennoch gilt  …” Dieses derailing ist das erwartbare Manöver eines Beobachters, der sich davor scheut, sich auf etwas Neues einzulassen und dem man auf diese Weise beim Lernen zuschauen kann, indem man bemerkt, dass sein Vermeidungsveruch scheitert. Denn das Derailing ist ein Abwimmeln, ein Beiseiteschieben, ist der Versuch, zu ignorieren, zu unterdrücken, zu leugnen, ist der Versuch, einfach nicht zur Kenntnis zu nehmen, was sich dem Beobachter ganz ungeniert offenbart: er hat sich gerade auf etwas Neues eingelassen und verweigert die Seduktion, indem er die Schutzmauer persuasiven Verhaltens wählt.

Dass es sich dabei um ein Manöver innerhalb eines Lernprozesses handelt, kann man daran erkennen, dass eben diese Lernbereitschaft verweigert wird. Denn die Verweigerung, Blockade, Ignoranz behindert den Lernprozess gar nicht, sondern ist nur das unvermeidliche Gegenstück zur Lernbereitschaft.

Ein Lernprozess ist nämlich immer auf beides angewiesen, was damit zusammenhängt, dass auch das Zulernende erst noch in Erfahrung gebracht werden muss, weil man, wenn etwas Neues entsteht, nicht einfach bei einem Experten oder Lehrer um Rat fragen kann. Denn gibt ein Experte Auskunft darüber, dann kann der Fragende nur lernen, was schon gelernt wurde. Aber dann hat man es nicht mit etwas Neuem zu tun.

Über etwas Neues kann man nicht so leicht sehr viel sagen, weshalb, wenn die Kommunikation ihre Fortsetzung verlangt, es immer noch einigermaßen plausibel erscheinen kann, vom Alten noch nicht zu lassen.

So bleibt es also dabei: Das Bedürfnis des Publikums nach Informationsdefiziten, Verwirrung und Durcheinander wird auch in Zukunft nicht von Journalisten befriedigt.

Vortrag (abgelehnt): Medieninnovationen und der Prozess ihrer Problemerfahrung

Für die Tagung: Das umkämpfte Internet beim Magdeburger Theorieforum am 3. und 4. Juli 2015 wurde folgender Beitrag vorgeschlagen und abgelehnt.

Medieninnovationen und der Prozess ihrer Problemerfahrung

Ein Beitrag zum CfP “Das umkämpfte Internet” von Gerhard Müller, Köln

Wenn man einen Blick auf Geschichte und Entwicklung von zurückliegenden Medieninnovationen wirft, wird man feststellen, dass die Einführung des Internets und die Ausbreitung digitaler Datennetze nach dem Muster aller bisherigen Innovationen verläuft.1 Der Beginn einer Innovation liegt in der Befassung mit neuen technischen Möglichkeiten von wenigen Experten, eine Befassung, die sich über einen längeren Zeitraum hinweg immer aufwändiger und komplexer gestaltet und die auf diesem Wege den Kreis der Beteiligten langsam erweitert bis zu einem Punkt, an dem auch Nichtexperten in die Ausbreitung dieser Technologie verwickelt sind.

An dieser Stelle machen sich gewöhnlich viele Rechtsverstöße bemerkbar und neue rechtliche Probleme werden aufgeworfen. Außerdem werden neue Geschäftsfelder entdeckt und neue Fragen gestellt, die weit über technische, juristische und ökonomische Angelegenheit hinaus gehen. Daraus ergeben sich Abwehrreaktionen, z.B. als Schundkampfrituale2, die funktional dazu beitragen, den gesellschaftlichen Problemerfahrungsprozess zu provozieren.
Ein nächster Schritt besteht in der Professionalisierung durch Einrichtung neuer Berufe, einschließlich neuer Ausbildungen und der Eröffnung von entsprechenden Bildungswegen. Und sobald sich diese Zusammenhänge im ökologischen Bedingungsgefüge der Gesellschaft restabilisieren, meldet sich eine weitergehende Innovation an, die nach ähnlichem Muster verläuft.3

Für die angekündigte Tagung schlage ich einen Beitrag vor, der im ersten Schritt diese Zusammenhänge rekapituliert. Im zweiten Schritt soll gezeigt werden, wie die Entwicklung des Internets bis heute genau diesem Muster entspricht.

In einem dritten Schritt möchte ich die skeptische Frage aufwerfen, ob mit dem Internet tatsächlich nur ein Modernisierungsprozess verbunden ist, der mit bekannten Verfahren der Krisenbewältigung hinreichend beschrieben und gemeistert werden kann, oder ob sich Ansätze finden, die wenigstens die Frage zulässig machen, ob und inwiefern die bekannten Mechanismen der Krisenbewältigung durch die Innovation des Internets selbst in die Krise geraten und damit fraglich werden.

1Sehr kenntnisreich ist dazu ist: Stöber, Rudolf: Neue Medien. Geschichte. Von Gutenberg bis Apple und Google – Medieninnovation und Evolution. Bremen 2013.

2Maase, Kaspar: Der Schundkampf-Ritus. Anmerkungen zur Auseinandersetzung mit der Mediengewalt in Deutschland. In: Brednich, Rolf W. und Walter Hartinger: Gewalt in der Kultur. Band II. Passau 1993, S. 511 – 524.

3Siehe dazu: Dogruel, Leyla: Eine kommunikationswissenschaftliche Konzeption von Medieninnovationen. Begriffsverständnis und theoretische Zugänge. Wiesbaden 2013, besonders S. 74 f. Und: Schmid, Ulrich: Elektronische Medieninnovation: Zum Erfolg und Scheitern medienkultureller Alternativen der 70er, 80er und 90er Jahre. Berlin 1997.

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