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Internet: nicht gesucht, aber gefunden #JaronLanier @mundauf

„Schluss mit der Umsonst-Kultur im Netz!“ Internetkritiker Jaron Lanier im Gespräch über mögliche Modelle für den Umgang mit dem Internet; zu finden beim Deutschlandfunk

Das Internet sei durch die Internetkonzerne runiert worden, sagt einer, der es wissen muss, der Experte, der Mann vom Fach. Und selbstverständlich weiß er, was zu tun ist: „Die Lösung ist, das Netz in ein altmodischeres Business zu transformieren. Ein Geschäftsfeld, bei dem jeder, der etwas nutzt, ein Käufer, ein Kunde ist und jeder, der im Netz Informationen bereitstellt, ein Verkäufer. Jeder kauft und verkauft, wie in jedem anderen Markt.“

Wenn man diese Idee ernst nehmen wollte, was kaum einer tut, dann hieße das, die Nutzung des Internets zu verbieten, es sei denn, jemand verlangt eine Gebühr oder bezahlt eine. Soll der Meister aller Klassen doch einfach damit anfangen. Also: erst verbieten, dann verkaufen. Alle anderen sitzen in der Ecke und denken etwas gründlicher nach. Das kostet etwas. Aber wer soll das bezahlen?

Lernen, Forschen, Erfahrung von Neuem, geht nicht ohne Kosten, geht nicht ohne Investition, geht nicht, ohne einen Aufwand zu erbringen, um die Voraussetzungen des Gelingens von Erfahrung in Erfahrung zu bringen. Aber diese Kosten können nicht auf andere abgewälzt werden, weil alle sie erbringen müssen, die einen wie die anderen.

Tatsächlich ist nicht das Internet ruiniert. Eine Ruine sind die Routinen der Lehrbuchmeister, die in den alten Schriften der Propheten nachlesen, was die Zukunft bringen wird. Und wenn die Zukunft etwas bringt, das nicht erwartet wurde, dann bleibt den Leuten vom Fach nur übrig, so zu tun, als wenn das nicht so wäre.

Die Serendipität des Internets ist eine Dämonie der Medieninnovation: nicht gesucht, aber gefunden und überfällt die Gesellschaft nun mit ihrem eigenen Nichtwissen.

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Technik ist Behinderung, ist Spielzeug, kein Werkzeug

Technik ist die Meisterung von Behinderungen, die durch sie in die Welt gesetzt werden. Hier Auszüge aus: Winkler, Hartmut: Docuverse. Zur Medientheorie der Computer. München 1997.

Das eigentliche Rätsel nämlich scheint mir zu sein, warum eine so grundsätzliche Innovation, ein so grundsätzlicher Umbau der Medienlandschaft überhaupt stattfindet, oder besser: was diesen Umbau offensichtlich erzwingt. Verblüffend ist doch, daß eine Öffentlichkeit, die mehr als 100 Jahre lang auf die Bildmedien eingeschworen schien, auf Visualität, Sinnlichkeit und unmittelbare ›uses and gratifications‹, nun das ganze Paradigma fallen läßt und sich einem Medium zuwendet, das – auch wenn der gegenwärtige Multimedia-Hype dies strategisch verdeckt – in keiner Weise sinnlich und in keiner Weise visuell ist und nur sehr wenig unmittelbare Befriedigungen bietet. Computer, das weiß jeder, der mit ihnen zu tun hat, halten ganz im Gegenteil erhebliche Frustrationspotentiale bereit, eine zermürbende Fehlerstruktur, ein dauerndes Gefühl der Inkompetenz und die Erfahrung, die Pracht der Maschine fast grundsätzlich zu unterbieten. Was also macht ein solches Medium attraktiv? S. 10-11.

Warum scheint es notwendig, immer mehr und immer kompliziertere Technik einzusetzen, nur um kleine, ›leichte‹ Signifikanten zu handhaben und in immer neue Kombination zu bringen? Welches Defizit oder welches Begehren also treibt die Entwicklung der Medien voran? S.14.

… die Widersprüche nämlich lassen einen Blick weniger auf die ›Realitäten‹ des entsprechenden Mediums zu als auf die Wunschkonstellationen, die die Medienentwicklung zu einem konkreten Zeitpunkt bestimmen. Die grundlegende Annahme ist, daß die Dynamik der Medienentwicklung in bestimmten Wunschstrukturen ihre Ursache hat und daß die Mediengeschichte beschreibbare Sets impliziter Utopien verfolgt.
Dabei wird zunächst offenbleiben müssen, ob dies die Wünsche der an den Prozessen konkret Beteiligten sind, ob sie deren Bewußtsein erreichen können, oder ob sie überhaupt einen menschlichen Träger verlangen; der Begriff des ›Wunsches‹ meint insofern eher die Systemspannung selbst als ihre subjektive Vergegenwärtigung, und eher den Druck in Richtung einer Lösung als die Versi-
cherung, daß eine Lösung tatsächlich gefunden werden kann. Und
ebenso muß zunächst offenbleiben, ob es nicht ganz anders geartete
Wünsche gibt, die diesen Wunschkonstellationen widerstreben. S.16-17.

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