Differentia

Tag: Performate

Paranoik: Kommunikation von Anonymität #systemtheorie #internet

Der Beobachter der Moderne schreibt:

Dein Konzept der Kommunikation unter Unbekannten kann man dann auch so verstehen, dass aus der Trias Information/Mitteilung/Verstehen die Mitteilung rausgekürzt wird. Also nicht mehr zwischen Information und Mitteilung unterschieden wird. … Kommunikation unter Unbekannten klingt dann wie die theoretische Begründung dessen was ich im Text als selbstlose Kommunikationsweise bezeichnet habe. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das damit gemeint ist.

Was ist in diesem Zusammenhang mit unbekannt gemeint? Je länger die Kommunikation zwischen Unbekannten läuft, desto weniger unbekannt werden sich die Kommunikationspartner.

Das stimmt, und alle anschließenden Überlegungen stimmen auch, insbesondere das: “Dein Konzept der Kommunikation unter Unbekannten kann man dann auch so verstehen, dass aus der Trias Information/Mitteilung/Verstehen die Mitteilung rausgekürzt wird.”

Genau. Zunächst: Woraus resultiert deine Frage? Deine Frage resultiert aus einem Dispositiv, das du den uns bekannten Massenmedien entnimmst und auf das Internet anwendest, weshalb dir das Internet als Massenmedium erscheint. Als solches kann man es natürlich betrachten. Ein nicht ganz passender Vergleich: natürlich hätte man den Buchdruck auch nur dazu nutzen können, Einzelbücher als Schriftmonumente zu drucken. Übrigens, ganz nebenbei: es wird überliefert, dass eines der wichtigsten Motive von Johannes Gutenberg gewesen sei, dass die Handschriften von immer schlechterer Qualität wurden, man sie gar nicht mehr lesen konnte, weil die Mönche das “Schönschreiben” verlernt hätten. Ich weiß nicht ob das stimmt, aber es würde ins Bild passen. Man kann sich das so erklären, dass spätestens die Renaissance zeigte, dass diese alte Gelehrsamkeit nicht mehr verstanden wurde, was sich auch auf die Kunstfertigkeit des Abschreibens ausgewirkt haben mag. Aber das beiseite.

Tatsächlich könnte man das Internet als Massenmedium sehen. Ich würde es als ein Massenmedium für Massenmedien ansehen. Dann aber gestaltet sich die Betrachtung ganz anders. Bekannte Massenmedien verbreiten Dokumente, die dann als solche erscheinen, wenn sie auf ein Dispositiv treffen, das wiederum nur durch Dokumente verstehbar wird. Dieses Dispositiv ergibt sich aus Kritik, die wiederum durch die Dokumentform beobachtbar wird. Die Dokumentform ist die Art und Weise, wie die moderne Gesellschaft Fremdreferenz organisierbar machte.
Mit dem Internet gelingt nun nicht nur die Hybridisierung aller Dokumente, sondern auch ihre Dauerfluktuation und Mobilisierung. Jetzt ist Internet für jeden einzelnen weder ein- noch ausschaltbar. Man könnte zwar seine eigene Anschlussfindungsstelle abschalten, aber nicht die aller anderen. Beispiel: man kann niemanden daran hindern, in der U-Bahn Videoaufnahmen zu machen, die sofort live gestreamt und weltweit verbreitet werden und welche dann wieder an jeder einzelnen Anschlussfindungsendungstelle überall angesehen werden können. Du kannst niemanden daran hindern dich zu filmen, ja vielleicht hast du nicht einmal die Möglichkeit überhaupt zu bemerken, dass du gefilmt wirst, weil die Geräte so klein sind, dass sie nicht mehr auffallen. (Und übrigens: diese Möglichkeit hat jeder, was dazu führt, dass ein Big Brother gar nicht möglich ist.)
Wichtig ist, dass jetzt nicht nur digitale Dokumente verbreitet werden, sondern jetzt ergibt sich eine Unverfügbarkeit dieser Dokumente (Beispiel: Google-Street-View). Das nenne ich die Zerstörung der Dokumentform.
Denn: durch Dokumente (die spezielle Form war bereits bei Karl Marx theoretisch geliefert: Waren) illuminierte sich die moderne Gesellschaft die Verfügung der sozialen Welt durch Menschen, bzw. den Glauben daran, Menschen könnten kommunizieren. Mit der Unverfügbarkeit der Dokumente entsteht nun aber die Art und Weise wie eine Paranoik beobachtet wird, nämlich durch Performate. Fremdreferenz wird nun durch Performate organisiert, wobei gilt: die Form der Unterscheidung schließt Manipulation (abstrakter: Arbitrarität) weder ein noch aus. Und das erfordert paranoisches Beobachten.

Wer sich mit Kritik aufhalten will, kommt nicht mehr mit, bzw. Kritik verbleibt als etwas, das in einer Paranoik eingeschlossen und als Eingeschlossenes ausgeschlossen wird. Paranoik erwirkt einen Überschuss an Kontrolle und dieser Überschuss macht die Welt als reine Serendipität beobachtbar. Das ist gemeint mit: Kommunikation zwischen Unbekannten über Unbekanntes, nämlich: Wegfall der transzendental-empirischen Gründe für Erkennen, Wissen. Oder auch: Indifferenz von Ratlosigkeit und Überraschung.

Daher ganz richtig dein Hinweis, dass aus der Trias Information/Mitteilung/Verstehen die Mitteilung rausgekürzt wird, besser: der Unterschied von Information und Mitteilung wird heraus gekürzt.

Natürlich können und werden sich Menschen kennen lernen und Bekanntheit herstellen. Entscheidend ist das aber nicht mehr, kann als Ausnahme auch möglich sein. Die Frage wäre nur: warum eigentlich, wenn Unbekanntheit größere Verstehenschancen und schnellere Problemlösungen liefert. Daher ja mein Insistieren darauf, auch Quatsch und Blödsinn (im transzendentaltheoretischen Sinne) zu versuchen. Wer weiß, wer damit etwas Kluges anfangen kann. Die Kombinationswege sind komplett intransparent.

Diese Trollkommunikation ist die erste Hürde. Jedenfalls macht sie darauf aufmerksam, was in der Gesellschaft geschieht: Massenweise kontaktieren fremde Menschen fremde Menschen, grundlos und ohne, dass eine Organisationsstruktur vorhanden wäre. Daher kommt diese  Trollerei.  Man kann nichts und niemanden exkludieren.
Diese Trollerei ist ein Lernschritt, der vollzogen werden muss, um diese neue Situation zu verstehen. Internetkommunikation unter Vorbehalte zu stellen ist albern, weil alle Vorbehalte entweder via Internet verbreitet werden, dann machen sie nur auf einen performativen Selbstwiderspruch aufmerksam, oder die Internetkommunikation unterbleibt. Dann sind die Vorbehalte auch egal.
Jedenfalls: Internetkommunikation kann man nicht wählen, nicht abwählen. Das Ausschalten deines Gerätes ist nicht mehr die Beendigung der Kommunikation für dich.

Jetzt wird eine Welt empirisch, die nicht mehr als von Menschen gemacht erscheint.

Siehe dazu auch den Artikel: Von unbekannt zu unbekannt

Textsimulationen als Internetperformate

 

Was rechtfertigt, mit Blick auf das Internet, die Umstellung auf sogenannte “Performate”? (Herkunft

 

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Wenn Luhmann Recht hat mit seiner Analyse, dass die Realität der Medien, ihre reale Realität, in ihren eigenen Operationen besteht, so ergibt sich daraus die Überlegung, dass die reale Realität der Medien als die in ihnen ablaufenden, sie durchlaufenden Kommunikationen beschrieben werden kann. Konsequent bedeutet das, dass in den von der Kommunikation erzeugten massenmedial verbreiteten Dokumenten ständig Unbeobachtetes der Kommunikation am Werke ist, das jeglicher Interpretation erst dann zugänglich ist, nachdem eine Explikation durch Beobachtung stattgefunden hat, wodurch zugleich das so gewonnene Wissen im Augenblick seiner Publikaktion zerstört wird, weil alle Explikation sich ebenfalls dokumentieren muss, um beobachtbar zu sein. Das heisst auch: alles, was als Manipulation aufgedeckt wird, wird in der Dokumentform als Manipulation wissbar und und unterliegt damit derselben spezifischen Operativität. Es gibt keinen Ausweg. Und durch den so stattfindenden Prozess eines ständig fortschreitenden Zurückverweisens von Dokumenten auf Dokumenten verschwindet alle Dokumentalität in der Entgrenzung ihrer Möglichkeit. Schon der Buchdruck enthält also die Möglichkeit von Performaten. Aber solange die Dokumentstruktur alle Realiät durch ihre Unterscheidungsverfahren überzieht, entfalten sich Performate nur latent. Es gibt sie nicht, solange die dokumentarischen Unterscheidungsverfahren diese seltsamen Schleifen durchlaufen. (Ausführlicher  – und für den individuellen Geschmack präziser – hier.) 

Ein Buch wird durch die sukzessive Folge seiner Seiten immer linear gelesen. Das Internet erlaubt dagegen eine Hyperstruktur. Von einem Satz kann man nicht nur zu jenem gelangen, der, wie in einem Buch, diesem folgt, sondern es ergeben sich mehrere Möglichkeiten. Je mehr Verknüpfungen möglich sind, umso mehr potentielle Lektüren sind akualisierbar. Dadurch ergibt sich für Texte ein anderes Beobachtungsschema. Der Leser verbleibt damit nicht mehr als passiver Rezipient des Produktionsprozesses von Texten. Es können Verbindungen hergestellt werden, die den Autoren nicht bewusst waren und die erst durch den Leser entstehen. Diese Textstruktur ist identisch mit der Struktur eines Netzes, durch das dieser Text entsteht. Nicht mehr die eindeutige Folgerung eines Sachverhalts aus einem vorhergehenden Argument prägt dann eine Argumentationsweise, sondern die Anschließbarkeit eines Textpartikels an einen anderen stehen im Mittelpunkt der Betrachtung. Im Kontext der Simulierbarkeit von Dokumenten rückt an die Stelle von Geschlossenheit der Argumentationen die Beachtung der Anschlussfähigkeit und Vernetzbarkeit. Alle Argumentation entzieht sich so der Dokumentierbarkeit und erscheint performativ als Simulation, die ihrerseits als Wechsel der medialen Struktur durch das Internet in Erscheinung tirtt. (Ausführlicher hier.)

Bereits mit der Verwendung automatischer Gliederungsprogramme wie sie in Textverarbeitungen möglich sind, ergibt sich der Effekt, den Text graphisch auf der Bildschirmoberfläche zu repräsentieren. Das galt zunächst nur für den Schreiber des Textes, da man noch gewohnt war, den Text als Dokument aufzufassen und die Nachbearbeitung über den Umweg eines Dokumentendrucks vorzunehmen. Das vernetzte Hypertextsystem des World Wide Web radikalisiert diese Verfahrensweise, indem die Dokumentform für Leser und Schreiber aufgebrochen wird. Der Schreibende gestaltet auf dem Bildschirm ein netzartiges Gefüge, ein rhizomatisches Bild seiner Gedanken. Dieses Bild ist vielgestaltig, assoziativ und komplex. Es besteht aus einer Pluralität unterschiedlicher Pfade und Verweisungen, die der Lesende zu individuell variierbaren Schriftbildern formt, die sich aus dem Zusammenspiel zwischen der offenen Struktur des Textes und den Interessen und Perspektiven des Lesenden ergeben.
Hermeneutische Vollzüge und interpretatorische Prozesse, die sich bei der Lektüre gedruckter Texte allein im Bewußtsein des Lesers vollziehen, werden unter Hypertextbedingungen als Lektürespuren sichtbar, die den Text beim navigierenden Lesen auf der Software-Ebene mitkonstitutieren. Das hypertextuelle Gesamtgeflecht von Icons, digitalen Bildern, Audio- und Videosequenzen sowie linearen Texten läßt sich auf diesem Hintergrund als eine bildhafte Struktur, d.h. als Textsimulation beschreiben. Der Hypertext wird damit in einem in einem Umsetzungsprozess zwischen dem abwesenden Leser und dem abwesenden Autor, welcher die entsprechenden Links in den Text eingebaut hat, erst hergestellt. Durch diese Interaktion auf der semiotischen Ebene vollzieht sich die Verbildlichung der Schrift und damit die Simulierbarkeit von Texten. (Ausführlicher hier)

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