Differentia

Tag: Sprache

Geschlechtergerechte Sprache, eine Beschäftigung für Hamsterradbenutzer 1

Was viele nicht mehr wissen: jeder Mensch darf reden und schreiben was er will und nicht nur bloß so wie sie will, sondern auch so, wie ich will. Muss aber niemand, auch du nicht, obwohl du männlich bist. Und wenn du weiblich bist, ist das auch egal.

Ich habe keine Übersicht darüber, welcher Aufwand in den letzten ca. 500 Jahren betrieben wurde, um den Menschen das richtige, angemessene, gehörige, fromme, standesgerechte, anständige und inzwischen seit einigen Jahrzehnten auch das geschlechtergerechte Sprechen und Schreiben beizubringen. Zu Erinnerung sei denen, die sich aufrichtig um eine Lösung des Problems der geschlechterungerechten Sprache bemühen, mitgeteilt, dass solche Bemühungen, anderen das richtige Sprechen und Schreiben beizubringen, noch niemals befriedigende Ergebnisse zustande gebracht haben. Was aber schon immer zuverlässig funktionierte war die Behandlung von Empfindlichkeiten, Ansprüchen und Vorbehalten, was die Personenadressierung betrifft. Eine Kulturgeschichte der Adressierung darf man sich genauso verworren wie kompliziert vorstellen. Und wenn man den Eindruck hat, dass man die Geschichte nicht mehr kapiert, dann ist sie immer noch ein bißchen komplizierter.

Die ständische Gesellschaft der alten Zeit hatte es in Sachen Sprachdisziplinierung einerseits leichter, aber andererseits schuf sie sich ihre eigenen Verkomplizierungen. Einfacher deshalb, weil Vorschriften mit Gewalt hierarchisch durchgesetzt wurden, denn Verstöße gegen die Vorschrift waren nämlich immer auch beleidigendes und unbotmäßiges Verhalten, das niemand dulden musste und das entsprechend sanktioniert wurde; komplizierter deshalb, weil gerade in Voraussicht darauf, Bestrafen zu dürfen, immer verwickeltere Bedingungen gestellt wurden, um eine anständige, also dem Stand entsprechende Ansprache zu gewährleisten.
Es gab Adel, Kleriker, Bürger, Bauern und Ausgestoßene. Die einen waren verheiratet und dem niederen Adel angehörig, die anderen verwitwet, aber nicht adelig, andere waren heiratswillig, aber verwitwet und dem höheren Adel angehörig, andere waren heiratsunwillig, bürgerlich und weiblich, andere waren jung, andere alt, hatten Kinder oder waren männlich und hatten keine Erbschaft, andere waren Zunftmeister und schon lange verheiratet, andere erst seit kurzem. Außerdem gab es Christen und Juden. Und es gab ehrenhafte und unehrenhafte Berufe und so weiter. Man kann sich vorstellen, dass diese Verkehrsregeln ziemlich kompliziert waren.
Entsprechend verworren war das Zeichengefüge, das darüber Auskunft gab, wie die Ansprache zu erfolgen hatte. Eine gute Zeichenmatrix war die Kleidung, die durch Kleiderordnungen standardisiert wurde. Das konnte einigermaßen verlässlich funktionieren, solange die Gesellschaft mit ihrer Strafpraxis trotz aller Schwierigkeiten gut zurecht kam. Der Grund für eine verlässliche Strafpraxis bestand darin, dass in der alten Zeit Kleidung schwer verfügbar war. Kleidung war aufwändig zu beschaffen und konnte nicht so einfach gewechselt werden. Wer es dennoch tat, konnte daher leicht entdeckt und bestraft werden. Ein andere Zeichematrix war der Körper und seine Bewegungen, an denen man ablesen konnte, wer sich vornehm oder bäuerisch benahm. Diese Zeichen wurden durch Sozialisation angeeignet und konnte niemand ablegen.

Nun, die alte Zeit ist lange vorbei. Die moderne Gesellschaft kennt Persönlichkeitsrechte und sie übt den Respekt gegen Individualität. Auch gilt, dass niemand so einfach Bestrafung verlangen darf, weil das, was strafbewehrt ist, der Willkür einzelner Menschen entzogen ist. Natürlich darf sich jeder für die Einführung von Sprachvorschriften engagieren, aber einhalten müssen sie nur diejenigen, die man für einen Verstoß sanktionieren kann, nämlich Kinder in den Schulen und Angestellte und Beamte des öffentlichen Dienstes. Alle anderen dürfen sprechen und schreiben was sie wollen und wie sie wollen. Stimmt’s? Stimmt.

Damit wäre also der Fall erledigt? Nein. Warum nicht? So einfach wäre zu einfach.

Denn die Empfindlichkeiten was die Ansprache betrifft, richten sich in der modernen Zeit nicht gegen beleidigendes, unanständiges oder unbotmäßiges Verhalten anderer, das Bestrafung rechtfertigen würde. Es geht um etwas anderes. Es geht – wie in der alten Zeit – um gesellschaftliche Zwänge, aber die sind gänzlich anders strukuriert. Die Zwänge, um die es geht, die Umstände, die niemand durch Handlung eigenwillig umgehen kann, richten sich durch die Form der Vergesellschaftung ein, die im Fall der moderen Gesellschaft durch Konkurrenzverhältnisse eingerichtet werden.

Fortsetzung

 

 

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„Der Abzug ist sehr empfindlich“ Genderneutralität und Produktenttäuschung

Das Video ist ein kurzer Ausschnitt aus dem Film „Falling down“ von 1993 mit Michael Douglas in der Hauptrolle. Die Hauptfigur D-Fense betritt ein Schnellrestaurant und bestellt ein Frühstück. Leider kommt die Bestellung 3 Minuten zu spät, weil um 11.30 Uhr Schluss mit Frühstück ist. Der Gast beharrt aber auf ein Frühstück mit dem Argument, dass der Kunde König sei. Trotzdem wird seine Bestellung zurück gewiesen. Stattdessen wird ihm vom Geschäftsführer gesagt, er solle sich an die Vorschriften halten und ein Mittagessen bestellen. Damit ist D-Fense allerdings nicht einverstanden, holt eine Waffe heraus und bestellt nun noch einmal und nachdrücklich ein Frühstück. Diese Bestellung wirkt nun sehr viel überzeugender. Nachdem er das Frühstück ausgepackt hat und es mit dem Werbebild über der Theke vergleicht, ist er sichtlich enttäuscht und fragt, was mit diesem Werbebild falsch ist.

Tatsächlich: In einer Welt, in der der Kunde König ist, gibt es wenig Gründe, mit irgendetwas einverstanden zu sein. Die Unzufriedenheit ist das deutlichste Merkmal einer Gesellschaft, die fortwährend Versprechungen auf Wohlstand, Menschlichkeit und ein gelungenes Leben abgibt. Sie erzeugt einen Überfluss an Mangelfiktionen, dessen Komplexität nicht jedermann gleichermaßen zugemutet werden kann. Da kann man schon mal die Nerven verlieren.

Wie weitreichend der Normalfall der permanenten Produktenttäuschung ist, kann man in diesem Interview mit Professor Lann Hornscheidt nachlesen. Die Professorin hat eine Bestellung auf Genderneutralität abgegeben. Sie möchte nicht als Mann angesprochen werden. Und dass niemand diese Bestellung so leicht akzeptiert, weil niemand wüsste wie das gehen soll, kann nur an einer Gesellschaft liegen, die über die Souveränität des Königs schlecht informiert ist. So schlimm das auch alles sein mag und wie ergreifend das Leiden unter dieser Diskriminierung für die Kundin auch immer ist, der Mann hat eine beeindruckende Macht auf seiner Seite: eine Staatsgewalt, die zwar auch keine Lösung für das Problem des Kunden hat. Aber ihre Schutzfunktion ist beeindruckend. Sie gestattet dem Herrn Professor die Macht in Anspruch zu nehmen, um eine dumme Ausrede nach der anderen zu formulieren, wenn es darum geht, die Herkunft seines Problems zu erklären.

Wahrscheinlich liegt’s an den falschen Bedürfnissen der anderen. Dass alle anderen allerdings auch eine Bestellung abgegeben und unter ständiger Produktenttäuschung zu leiden haben, davon weiß der Mann, der keine Frau sein will nichts. Und es kann ihr auch reichlich egal sein.  Er hat einen empfindlichen Abzug. Das reicht völlig.

 

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