Differentia

Tag: Sprache

„Der Abzug ist sehr empfindlich“ Genderneutralität und Produktenttäuschung

Das Video ist ein kurzer Ausschnitt aus dem Film „Falling down“ von 1993 mit Michael Douglas in der Hauptrolle. Die Hauptfigur D-Fense betritt ein Schnellrestaurant und bestellt ein Frühstück. Leider kommt die Bestellung 3 Minuten zu spät, weil um 11.30 Uhr Schluss mit Frühstück ist. Der Gast beharrt aber auf ein Frühstück mit dem Argument, dass der Kunde König sei. Trotzdem wird seine Bestellung zurück gewiesen. Stattdessen wird ihm vom Geschäftsführer gesagt, er solle sich an die Vorschriften halten und ein Mittagessen bestellen. Damit ist D-Fense allerdings nicht einverstanden, holt eine Waffe heraus und bestellt nun noch einmal und nachdrücklich ein Frühstück. Diese Bestellung wirkt nun sehr viel überzeugender. Nachdem er das Frühstück ausgepackt hat und es mit dem Werbebild über der Theke vergleicht, ist er sichtlich enttäuscht und fragt, was mit diesem Werbebild falsch ist.

Tatsächlich: In einer Welt, in der der Kunde König ist, gibt es wenig Gründe, mit irgendetwas einverstanden zu sein. Die Unzufriedenheit ist das deutlichste Merkmal einer Gesellschaft, die fortwährend Versprechungen auf Wohlstand, Menschlichkeit und ein gelungenes Leben abgibt. Sie erzeugt einen Überfluss an Mangelfiktionen, dessen Komplexität nicht jedermann gleichermaßen zugemutet werden kann. Da kann man schon mal die Nerven verlieren.

Wie weitreichend der Normalfall der permanenten Produktenttäuschung ist, kann man in diesem Interview mit Professor Lann Hornscheidt nachlesen. Die Professorin hat eine Bestellung auf Genderneutralität abgegeben. Sie möchte nicht als Mann angesprochen werden. Und dass niemand diese Bestellung so leicht akzeptiert, weil niemand wüsste wie das gehen soll, kann nur an einer Gesellschaft liegen, die über die Souveränität des Königs schlecht informiert ist. So schlimm das auch alles sein mag und wie ergreifend das Leiden unter dieser Diskriminierung für die Kundin auch immer ist, der Mann hat eine beeindruckende Macht auf seiner Seite: eine Staatsgewalt, die zwar auch keine Lösung für das Problem des Kunden hat. Aber ihre Schutzfunktion ist beeindruckend. Sie gestattet dem Herrn Professor die Macht in Anspruch zu nehmen, um eine dumme Ausrede nach der anderen zu formulieren, wenn es darum geht, die Herkunft seines Problems zu erklären.

Wahrscheinlich liegt’s an den falschen Bedürfnissen der anderen. Dass alle anderen allerdings auch eine Bestellung abgegeben und unter ständiger Produktenttäuschung zu leiden haben, davon weiß der Mann, der keine Frau sein will nichts. Und es kann ihr auch reichlich egal sein.  Er hat einen empfindlichen Abzug. Das reicht völlig.

 

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Eine Weltsprache – eine Fremdsprache für alle 1

Die Idee von Esperanto ist, eine Weltsprache zu benutzen, die für alle, die sie lernen und benutzen, eine Fremdsprache ist. Das ist keine schlechte Idee. Die Sprache hat aber seit ihrer Erfindung kaum nennenswerte Erfolge erzielt. Denn eine Sprache zu erfinden, ist nicht sehr schwer; sie kommunikabel zu machen aber sehr wohl. Und zwar deshalb, weil kaum einer bereit ist eine Sprache zu lernen, die kaum einer spricht. Und nur weil andere auch die Bereitschaft zeigen, Esperanto zu lernen, reicht das als Grund nicht aus. Denn worüber sollte man reden, wenn nicht bloß auf Esperanto über Esperanto? Ein Gespräch, egal in welcher Sprache, ist auf sehr viel mehr Voraussetzungen angewiesen als nur ein passendes Gesprächsthema. Das gilt erst recht, wenn es um eine Sprache für alle geht. In dem Fall muss sie auch für alle kommunikabel sein. Aber die Kommunikabilität einer Sprache entsteht durch ihren Gebrauch. Gebraucht werden kann sie allerdings nicht, wenn man mit kaum jemanden über kaum etwas reden kann.

Eine Weltsprache kann also durch Planung und Vermittlung nur einen sehr geringen Teil der Weltbevölkerung erreichen. Daran kann man erkennen was Sprache leistet: sie muss die Voraussetzungen ihrer Kommunikabilität selbst durch ihren Gebrauch kommunikabel machen. Das erklärt, warum Sprachen eine sehr lange Entwicklungszeit haben, warum sie in der Regel sehr kompliziert sind und warum es so viele gibt. Sprachliche Komplikationen entstehen, weil Kommunikation, wenn sie mit dem Sprachgebrauch zugleich das Gesprochene irritabel macht, ihre eigene Schwierigkeiten versprachlicht, weshalb Komplikationen Ablehnung wahrscheinlich machen, was zu sprachlicher Differenzierung führt. Diese Differenzierungsleistung kann nur durch Selbstorganisation, die keine Zeitnot kennt,  zustande kommen. Differenzierung kann aber nicht geplant und geregelt, nicht organisiert und durch Organisation vermittelt werden. Und für die massenmediale Verbreitung von Schriftsprache gilt das selbe wie für das Gespräch: wer soll das Lesen und warum?

Genau das musste mit Esperanto aber versucht werden, wenn man die Idee, eine Weltsprache zu erfinden, ernst nimmt. Entsprechend konnte sich Esperanto nur auf dem Weg der Persuasion verbreiten, und deshalb kann sie nicht die Ansprüche erfüllen, die sie stellt: eine Fremdsprache für alle zu sein.

Esperanto ist an ungeeigneten Bedingungen gescheitert. Aber was wäre, wenn in dem Augenblick, wo das Scheitern des Versuchs, eine Sprache für alle einzuführen, erkannt wird, zeitgleich erkennbar wird, dass die Bedingungen, durch die das Scheitern hervorgerufen wurde, hier: persuasive Kommunikation, ebenfalls scheitern?

Fortsetzung

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