Differentia

Tag: Beobachtung

In eigener Sache: Feldforschung als Spionage @Raumregister

Über den „Irrläufer im Chaos“ hat der Schriftsteller Honoré de Balzac folgendes Qualifikationsprofil skizziert:

Eine großartige Sache

Der Beruf des Spions ist eine großartige Sache, sofern der Spion auf eigene Rechnung arbeitet. Genießt er nicht wahrhaftig die Aufregungen eines Diebes, während er dabei doch den ehrsamen Bürgersmann spielt? Wer diesen Beruf ergreift, muß bereit und imstand sein, vor Wut zu kochen und vor Ungeduld zu fiebern, mit kalten Füßen im Dreck zu stehen, eingefroren oder angesengt zu werden und sich nicht von Illusionen an der Nase führen zu lassen. Aufgrund bloßer Vermutungen muß er auf ein unbekanntes Ziel hinsteuern können. Er muss die Enttäuschungen des Mißerfolgs zu ertragen wissen; er muss darauf eingerichtet sein, zu rennen, zu erstarren, ein Fenster stundenlang zu beobachten, sich tausend Verhaltensweisen zu erfinden … Die einzige Aufregung, die sich dem an die Seite stellen läßt, ist die des Glücksspielers.

Gefunden in: Spionagegeschichten. Herausgegeben von Graham Greene, Hugh Greene und Martin Beheim-Schwarzbach. Zürich 1979 (englische Originalausgabe 1957).

 

 

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Heute auf der Straße in Gießen. Ich hatte eine Straße zu Fuß überquert … #refugeeswelcome

Heute auf der Straße in Gießen. Ich hatte eine Straße zu Fuß überquert. Auf der anderen Seite standen Männer herum, einer saß auf einer Mauer. Von links kam eine junge Frau in sommerlicher Kleidung zwischen mir – im rechten Winkel auf den gegenüberliegenden Bürgersteig zugehend – und den Männern vorbei. Die Frau passierte gleichsam eine Gasse von Männern. Auf der einen Seite ich, auf der anderen Seite die anderen Männer. Die Männer mir gegenüber pfiffen der jungen Frau nach, der Mann, der auf der Mauer saß, sprach in gebrochenem deutsch: „Sexy Frau“, er pfiff und winkten ihr zu. Sie ging weiter. Ich ging weiter. Der Tonfall der Anmache war aggressiv und hatte den Charakter von Geringschätzung.
Nun, es war sonst nichts weiter passiert. Aber die Begegnungsituation war klar. Das hätte auch anders weiter gehen können.

Wer sich nun nicht selbst unter den Verdacht stellt, Rassist oder ausländerfeindlich zu sein, kann diese Begegnungssituation sehr genau beschreiben und erkennen. Es geht nämlich nur um die Beschreibung einer Verkehrssituation. Und sonst nichts. Folglich gibt es keine andere Erkenntnis als die, welche besagt: Der Verkehr verlief *fast* störungsfrei.
Im einem, auch möglich anderen Fall würde nur gelten: es wurde der öffentliche Verkehr mutwillig, schuldhaft und unerlaubt gestört.
Wem das zu wenig ist, will nicht in Deutschland leben. Denn genau diese Art von Sachlichkeit ist *unser* Lebensstil. Du kannst in dieser Hinsicht gern anderer Meinung sein, aber auch das entspricht der Sachlichkeit unseres *Lebensstils*.

That’s all, folks.

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