Differentia

Tag: Rationalität

“Meinungspornografie” 3 @VicoBeauregard @latent_de (Forts. folgt)

zurück / Fortsetzung: Die Frage, was Erotik, was Pornografie ist oder was das eine vom anderen definitorisch unterscheidet, überlasse ich denen, die sich um ihre Langweile keine Sorgen machen müssen, weil sie sie genießen können.
Eine ganz andere Frage lautet: was macht die Unterscheidung von Erotik und Pornografie beobachtbar? Die gewöhnliche Antwort lautet „Sexualität“. Ohne diese Antwort zu bestreiten, würde ich weiter fragen wollen: Was noch? Könnte mit dieser Unterscheidung auch Rationalität beobachtbar werden? Wie auch immer die Antwort lauten mag, wenigstens könnte schon die Frage überraschen. Und wenn diese Frage überrascht, dann könnte man noch mal zurückfragen: warum sollte es weniger überraschend sein, wenn mit dieser Unterscheidung hauptsächlich Sexualität beobachtbar wird? Wie kommt es, dass man das für normal halten möchte?

Nun ist natürlich die Beobachtung und Beurteilung von Rationalität eine komplizierte Angelegenheit. Aber wenn man fragt, warum die moderne Gesellschaft Rationalität als besonderes Problem entdecken konnte, dann wird man es nicht einfach dabei belassen können, dass die Gesellschaft selbst rational geordnet und strukturiert ist. Rationalität scheint mir deshalb als besonderes Problem entstanden zu sein, weil die moderne Gesellschaft die Beobachtung von Handlung entnaivisiert hat. Entnaivisierung heißt, dass aus etwas, das sich sonst immer von selbst verstand, weil es ohnehin unverzichtbar war und darum problemlos beobachtet wurde, ein Problem ergab, das zu seiner Lösung die Differenzierung der Gesellschaft vollzog.  Handlung (gemeint ist natürlich Handlung als Beobachtungsproblem)  konnte in dem Augenblick problematisiert werden, indem die epistemologische Folgenlosigkeit von Erkenntnis und Wissen in Erfahrung gebracht wurde: Erkenntnis und Wissen macht zwar Unterschiede, aber für wen? Und in dem Augenblick bricht die existenzphilosophische Frage auf, dass man das ist, was man tut.
Handlung als Problem und damit auch als Problem ihrer Rationalisierung entsteht, sobald aus der Tatsache, dass gehandelt wird, die Frage ins Auge springt was dann geschieht, wenn Handlung geschieht. Voraussetzung dafür war die moderne Gesellschaft selbst, die keine Autorität, keine Tradition und keine absolute Wahrheit mehr garantierte. Wo sich die Standesgrenzen auflösten, wo einer Gehorsamspflicht das Recht auf Widerstand entgegen gestellt wurde, wo allgemein ein Vetrauensfindungsprozess in Menschenvermögen sozial strukturell relevant geworden war, wurde folglich auch Handlung als Problem erkennbar. Eine spätere Folge dieses Problems schlägt sich nieder in einer Kommunikationstheorie.

Fortsetzung folgt

Durchsage: „Sicherheitshinweis! Lassen Sie Ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt“ #rationalität #kommunikation

Wer in den letzten Jahren auf Bahnhöfen oder Flughäfen unterwegs war, kennt diese automatische Durchsage. Das Auffällige an einer solche Durchsage ist, dass man das, was kommuniziert werden soll, am zuverlässigsten versteht, wenn man nicht über die eigene Informationssituation gründlicher nachdenkt; wenn man es also unterlässt, die eigene Informationssituation zu überprüfen. Denn tut man das, so kann man sich nur wundern, wie zuverlässsig diese Mitteilung kommunizierbar ist, obwohl bei genauerer Prüfung ihres logischen und rationalen Charakters die Mitteilung ihre Zuverlässigkeit und Plausibilität verliert.  Diese Überlegung soll hier kurz ausgeführt werden.

Die Zuverlässigkeit dieser Durchsage ergibt sich zunächst aufgrund einer sozialen Situation des Vorinformiertseins, die durch Massenmedien entsteht. Durch Massenmedien weiß man, dass Terroristen genauso unauffällig wie jede andere Person am öffentlichen Verkehr teilnehmen und darum die einfache Möglichkeit haben, Sprengsätze zu platzieren, indem sie ihr Gepäck, das eine Bombe enthält,  an irgendeiner Stelle stehen lassen und sich dann entfernen. Der Sprengsatz explodiert, es entsteht Schaden und die Terroristen verfolgen anschließend die Berichterstattung über ihre Aktion.
Da diese Art des Terrors mit polizeilichen Methoden im Augenblick der Ausführung nicht zu verhindern ist, weil unauffällige Personen nicht auffällig sind und entsprechend jede Person als Täter in Frage kommt, muss die Polizei versuchen, bereits das Vorhaben zu verhindern oder zu erschweren. Eine dieser Maßnahmen besteht darin, den Verdacht auf mögliche Täterschaft als Selbstverdacht eines jeden einzelnen zu kommunizieren, ohne, dass dies für einen einzelnen irgendwelche Folgen hätte. Mit logischen und rationalen Mitteln ist das nicht zu leisten. Aber die Sicherheit könnte steigen. Das geht so:
Die Durchsage beginnt mit der Warnung: „Sicherheitshinweis!“ Diese Warnung informiert darüber, dass eine Unsicherheitssituation vorliegt und sie empfiehlt jeder Person, diese Unsicherheit zu vermeiden, bzw. zu vermindern. Die Handlungsansweisung lautet: verhalte dich nicht wie ein Terrorist, indem du in Erwägung ziehst, dass andere, gleichzeitig anwesende und unbekannte Personen über dich eben dies nicht wissen können und ziehe in Erwägung, dass dies für jede Person gilt. Das heißt: lasse dir einen Selbstverdacht gefallen, was du kannst, weil du annehmen kannst, dass alle anderen, sofern sie keine terroristischen Absichten verfolgen, sich diesen Selbstverdacht ebenfalls gefallen lassen und sich entsprechend so verhalten, wie sich kein Terrorist verhält. Eine Logik ohne Widersinn, ohne Widerspruch und Selbstwiderspruch ist nicht zu finden und gerade darum funktioniert die Verbesserung einer sozialen Sicherheitssituation.

  1. Verdächtige dich selbst, obgleich du keinen Zweifel daran hast, kein Terrorist zu sein.
  2. Beobachte, dass alle anderen sich ebenfalls selbst verdächtigen, obwohl für sie das gleiche gilt.
  3. Bedenke, dass du nicht gemeint bist, wenn die Aufforderung an dich gerichtet wird, dein Gepäck nicht unbeaufsichtigt zu lassen. Denn wärst du gemeint, dann könntest du dich fragen, warum irgendwer dich verdächtigt. Weil aber der Verdacht unbegründet ist, kannst du ihn akzeptieren.
  4. Bedenke, dass die Unsicherheit nicht erst dadurch entsteht, dass irgendwo eine Bombe platziert ist, sondern schon dann, wenn niemand genau weiß, ob dies so ist oder nicht. Es ist also nicht erste eine Bombe, durch die die Unsicherheit zustande kommt, sondern ein sozial verteiltes und durch den Lautsprecher mitgeteiltes Nichtwissen über diese Möglichkeit, weshalb die gegenteilige Möglichkeit als Möglichkeit erscheint, über die aber auch niemand zuverlässig informiert ist. Schon die Lautsprecherdurchsage ist eine Operation zur Herstellung der Unsicherheit. Denn ohne diese Durchsage wärst du gar nicht über das sozial verteilte Nichtwissen hinsichtlich der Möglichkeit der Möglichkeit informiert.
  5. Aber du erkennst, dass du eigentlich nichts tun kannst, um die Sicherheit zu verbessern, weil du dich nämlich so verhältst, wie du dich meistens verhältst. Denn dein Gepäck hast du nicht zum Spaß mitgenommen. Nur selten kommst du in die Situation, dein Gepäck zu verlieren. Und wenn dies geschieht, geschieht es nicht mit Absicht. Das heißt also: die Aufforderung, auf dein Gepäckt Acht zu geben, informiert dich nur über deine dir schon bekannte Absicht. Denn ohne dein Gepäck kommst du nicht gut recht.
  6. Worüber bist du eigentlich dann noch zuverlässsig informiert, wenn du weißt, dass alles, was infolge der Durchsage geschieht, eben doch geschieht wie es geschieht? Denn: ein Terrorist tut was er tun will, also: sein Gepäck vernachlässigen. Denn die Durchsage muss ihn nicht davon abhalten, das zu tun. Was übrigens für dich auch gilt: du tust, was du willst, nämlich auf dein Gepäck Acht geben, auch dann, wenn die Durchsage ausbliebe. Da du nun nicht weißt, ob die anderen Terroristen sind oder nicht und du dies nicht so einfach heraus finden kannst, was für alle anderen auch gilt (übrigens gilt das auch für Terroristen) wird nun deutlich, dass nicht etwa die Sicherheit verbessert wird, sondern: die Unsicherheit wird infolge dieser Durchsage zunächst vergrößert, weil auch ja Terroristen anwesend sein könnten, die genauso wenig wie jeder andere eine logische und rationale Analyse ihrer Informationssituation vornehmen. Entsprechend sind auch Terroristen verunsichert. Und eben dies verbessert die Sicherheitssituation.

Die Sicherheit wird durch Steigerung einer schlechten Informationssituation verbessert, und zwar ohne, dass irgendwo ein Steuerungszentrale wäre, die dies für alle regeln könnte. Die verbesserte Sicherheit ist reine soziale Selbstorganisation durch Steigerung von Unsicherheit durch Verschlechterung der Informationssituation.