Nacktscanner – Die Intimität der Inneren Sicherheit

von Kusanowsky

Foto: Wikipedia

Nur Menschen können dem Verdacht unterzogen werden, der sich auf ihre soziale Integrität bezieht. Bist du sauber oder bist du es nicht? Die Notwendigkeit, das Wissen zu müssen, geht inzwischen unter die Haut; die Haut verstanden als sozial strukturierte und in die Funktionslogik der Systeme eingeschobene Schutzschicht, die bislang den Menschenleib vom Zugriff durch Beobachtung sicherheitsstabilisierender Agenten schützte. Wenigstens aber galt bisher das Prinzip, dass die Haut von eben jenen Sicherheitsagenten gegen unerlaubte Zugriffe geschützt werden sollte.
Dieses Paradigma läuft inzwischen rückwärts nach vorne. Der Sicherheitsagent schützt nicht dich und deine Haut, sondern du selbst hast zukünftig die Schutzleistung durch Selbstentblößung zu erbringen. In einer funktional differenzierten Gesellschaft, in der alle Beteiligten global aufeinander durch Arbeitsteilung angewiesen sind, gibt es keine Freiwilligkeit mehr. Du kannst dich nicht mehr dazu entscheiden, nicht mobil zu sein. Moderene Sozialstrukturen ordnen dir keinen Platz mehr zu, nicht mehr ein „Sitz im Leben“ wird dir zugestanden, sondern eine Fahrt ins Ungefähre – nicht ins Ungefährliche. Seitdem will gelten: Deine Selbstentblößung dient deinem Schutz und du kannst nicht mehr Nein sagen.
Nicht, dass dir das Recht genommen wäre, deine Meinung zu äußern. Allein, es käme darauf an jemanden zu finden, den sie interessiert. Der Schutzmann ist nicht länger dafür zuständig, den Schutz der Meinungsfreiheit zu garantieren, es gelingt in Zukunft nur noch andersherum: deine Freiheit, deine unverbrüchlichen Menschenrechte, ja schließlich deine Persönlichkeitsrechte lassen sich nur noch garantieren, wenn du selbst auf diese Rechte verzichtest und dich den Regeln des Diabolos unterwirfst. Der heimliche Durcheinanderwerfer, der Verdreher und Verwirrer ist nicht eigentlich böse, sondern er hält sich nicht an eingespielte Regeln.

Denn es ist durchaus eine nicht einfach zu beantwortende Frage, wann ein Mensch nackt ist; und es ist ein andere Frage, welche Affekte den Beobachterstandpunkt manipulieren. Für die einen ist das Kopftuch das Zeichen einer stolzen Weiblichkeit, für die anderen ein Zeichen der Negierung derselben. Der Unterschied von zeigen und verbergen ist aber keiner, der sich an eine Geschlechterdifferenz bindet, wenn er auch nicht geschlechtsindifferent in Erscheinung tritt.
Die männliche Eitelkeit, nicht mit Fleischmütze zu gehen, wird entspannt kultiviert: man darf darüber reden, aber man muss nicht. In einer pluralen Gesellschaft bilden sich Regeln immer nur im Plural. Im bedachten Schwimmbad ist „ohne“ verboten, im Freibad und am Baggersee schon nicht mehr, obwohl dort auch noch halb und halb getrennt werden muss: halb nackt oder halb bekleidet? Es ist klar, der Selbsterfahrungsprozess der modernen Gesellschaft hat die überkommene Sittenstrenge abgelegt, hat Regeln liberalisiert, aber zugleich dafür gesorgt, dass dort, wo Grenzungenauigkeiten auftreten, diese mit desto härterer Gesinnungsfestigkeit umkämpft werden.

Der Nacktscanner stellt eine ganz andere Frage. Nicht mehr Unterschiede des Einverstandenseins, nicht mehr Freiheitsrechte, die als Forderung gegen andere gestellt werden können, nicht mehr Tabugarantien sind es, über die es nachzudenken gilt. Denn wer wollte ernsthaft glauben, dass in Zeiten einer extremen Datenunsicherheit das Nacktscannerfoto schon kurz nach der Aufnahme nicht bei Flickr erscheint? Was auch immer man von dem Nacktscanner halten will, die Diskussion zeigt deutlich, was nicht zu verhindern ist:  eine Umcodierung dessen, was wir bislang mit Unterscheidungen von Zeigen und Verbergen, von Befreiung und Behinderung, Sicherheit und Gefahr, Scham und Stolz behandelten. Intimität, verstanden als Komplettbeachtung des anderen, damit gleichsam als Ausnahmefall der schutzschichtlosen Nähe, Intimität als totale Vertrautheit und Refugium einer Welt, die sonst keine Geheimnisse mehr zulässt, erscheint nun als überraschende Einsicht in die Notwendigkeit der Umkehrung einer Betrachtungsweise.
Die Komplettbeachtung aller, die „Intimität der Inneren Sicherheit“ erzwingt auf diese Weise ein anderes Verhältnis zu sich selbst, wie zu vermuten steht. Es ist am Ende wohl nur noch ein Selbstbeobachter denkbar, der vergessen hat, was der Unterschied von nackt und bekleidet einstmals bedeutete. Und es ist wohl nicht zu kühn spekuliert, wenn man annimmt, dass diese Vergesslichkeit zur Quelle eines ganzen andern Stolzes wird, der Scham als etwas behandelt, das als alles Mögliche erscheint, aber wohl nicht länger als Eigenart des menschlichen Wesens.

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