Differentia

Was ist nochmals Wirklichkeit? von Dirk Baecker @ImTunnel

Es gibt hier einen hübschen Text von Dirk Baecker über den Unterschied zwischen der antiken und der modernen Wirklichkeitsauffassung, den ich sehr zur Leküre empfehle. Es wird darin mit wenigen Worten, aber treffend, ein verändertes Problemverständnis von Wirklichkeit zwischen der Antike und der Moderne beschrieben. Die notwendigen Lücken im Text, wo sie denn auffallen, reizen mehr zum Weiterdenken, als dass sie Einwände plausibel machen.

Das Beeindruckende an diesem Text ist, dass ein systemtheoretisch geschulter Beobachter mit den Problemen der modernen Philosophie ein besseres Problemverständnis formulieren kann als eine akademische Philosophie, die zwar um die Kontingenz ihrer Subjekt/Objekt-Unterscheidung weiß, die aber trotzdem nur eine Wirklichkeit (nämlich sich selbst) als Lösung anbieten kann, die sich als etwas Nichtentziehbares empfiehlt. Und welche dann immer feststellt, dass sich dieser Empfehlung allenfalls ein geschätzter Kollege nicht entzieht, der Entzug selbst aber, obgleich offensichtlich, nicht problematisierbar ist, sondern innerhalb eines PAL-Feldes eben jener Philosophie verschluckt wird, die sich selbst als Lösung beschreibt, weil sie selbst dieses PAL-Feld erzeugt.
Das Bedauerliche an diesem Text ist das Schicksal einer jeden akademischen Scholastik, die auch für die Systemtheorie gilt. Denn ein systemtheoretisch geschulter Beobachter erkennt zuviel wieder (nicht zu wenig), und findet zuviele Überlegungen wieder, mit denen er etwas anfangen kann. Der Text hinterlässt einen akademisch geschulten Beobachter der Systemtheorie nicht ratlos, sondern entlässt ihn mit dem Stolz, ein Wirklichkeitsverständnis bestätigt zu finden, das sich als ein Entzogenes beschreibt.

Das ist sehr aufdringlich.

(Und der Einwand, dass Wirlichkeit und Wirklichkeitsverständnis nicht das selbe sei, ist zulässig, aber abwegig.)

Kommentar zu Spaziergängeristik von @kusanowsky #soziologie @Helles_Sachsen

Die kleine Satire von @bertrandterrier über Spaziergängeristik ist keine. Es ist stattdessen eine etwas knapp geratene Ausführung über das Ende einer Art von Wissenschaft, die die Herkunft ihrer Probleme vergessen hat und die nun nirgends eine Notwendigkeit findet, die Vergessensleistung, also die Leistungsfähigkeit und die Fungibilität ihrer Wissensprodukte zu reflektieren. Oder anders ausgedrückt: Es handelt sich bei der Spaziergängeristik um eine Wissenschaft, die mit ihrer Lösung nichts anfangen kann, weil mit ihrer Lösung zugleich das Problem verschwunden ist, derentwegen sie ehedem beeindruckend in Erscheinung trat.
Die Spaziergängeristik, von der dort die Rede ist, trifft auf die Soziologie zu. Dazu zählen auch alle anderen Varianten von sogenannten „kapitallosen“ Wissensformen, wie etwa Ethnologie, Kulturanthropologie, Theologie, Religionswissenschaft oder Kommunikationswissenschaft. Kapitallos sind diese Wissenschaften deshalb, da die Objektivität ihrer Gegenstände nicht objektiverbar ist, wehalb diese Wissenschaften daran gehindert sind, eine Selbstanwendung ihrer Wissensprodukte auf ihren Forschungsprozess in Funktion zu setzen. Das sei kurz erklärt.

Warum konnte die Soziologie (als eine Variante der Spaziergängeristik) überhaupt entstehen? In der Satire heißt es: „Stellen wir uns eine Gemeinschaft vor, in der die Bedeutung von Spazierengehen sich derart steigern konnte, dass wegen Zeitmangels beschlossen wurde, eine Gruppe allein für’s Spazierengehen abzustellen. Man gründet die Spaziergängeristik.“
Dieser Satz beschreibt eine bestimmte Etappe in einem gesellschaftlichen Problemerfahrungsprozess. Seitdem Menschen gehen können, können sie spazierengehen und haben das auch immer gemacht. Und schon immer konnte das Spazierengehen auf die eine oder andere Weise problematisiert und gelöst werden, ohne, dass die daraus resultierenden Folgen eine Problemverstärkung nach sich gezogen hätten. Bevor es eine Spaziergängeristik gab, gab es genügend Wissen, alle Probleme, die sich daran knüpften, genauso einfach herzustellen wie zu lösen.
Ausgerechnet im Vollzug der Industrialisierung änderte sich dies: Mit der vollständigen Auflösung der alten Gesellschaft gab es nun, was die Handlungsfähigkeit von Menschen (hier: Spazierengehen) anging, keine Verlässlichkeiten mehr und es gab eine schon hinreichend entwickelte und erprobte Wissensform der Behandlung von Unruhe, Störung und der Reflexion von Unsicherheit, nämlich der szientistische Subjekt/Objekt-Dualismus, der bis dahin bereits eine ungeheure Wissensproduktion mit höchst beeindrucken Ergebnissen zustande gebracht hatte. Wenn also zu diesem Zeitpunkt zweierlei Dinge zusammenfielen, erstens Verunsicherung über Handlungsfähigkeit und zweitens Vertrauen in Erforschbarkeit und Lösung der Probleme durch Übernahme dieses szientistischen Dualismus, dann kann sich eine soziale Ordnung bilden, die nun die Problematisierung von Handlung enorm verstärkt, weil eine Lösung, wenn auch noch nicht empirisch evident, aber mindestens hypothetisch ins Auge springt: Wenn Handlung von Menschen ein Problem ist, dann könnten handlungskompetente Menschen die Lösung sein. Und dann gilt, dass nun jeder, der als Handelnder mit Forschungsergebnissen auffällt, also Lösungen anbietet, niemanden so leicht überzeugen kann, weil der erprobte szientistische Dualismus bereits sehr viel angeliefert hat, das zur Begründung von Zweifeln herangezogen werden kann. Das führt nun innerhalb dieser sozialen Ordnung zu einer verstärken Differenzierung.

Das Ergebnis dieser Differenzierung ist das, was man ca. 100 Jahre später mit einem wenig überzeugenden Geringschätzungsurteil abtut, nämlich: Soziologengelaber. Tatsächlich aber konnte eine Soziologie deshalb eine Wissenschaft sein, weil sie etwas höchst unwahrscheinliches leisten konnte, nämlich eine Entnaivisierung von Handlungsfähigkeit. Und sie verliert ihre Wissenschaftlichkeit in dem Augenblick, in dem sie ihre Probleme löst, wenn mit der Differenzierung ihrer Lösungskompetenz immer mehr kompetent handelnden Menschen beobachtbar werden. Ein anderer Ausdruck dafür: die Menge derjenigen, die ihr Handeln kompetent rechtfertigen können, hat im Laufe von 100 Jahren ein Maß überstiegen, das nicht mehr zulässig macht, die Kompetenz einzelner, weniger oder bestimmter Menschen höher zu schätzen als die aller anderen, aka: Jodeldiplome. Oder auch: Zunahme der Entropie.
Die Menschen sind kompetent, können verantwortlich handeln und haben die Fähigkeit und die Bereitschaft, sich auf Probleme der Reflektion einzulassen. Aber nun? Das Problem war vor 100 Jahren ein anderes: ein autoritärer Staat, mit einer autoritären Wissenschaft ist verschwunden. Zurück geblieben sind soziale Ordnungen, die jederzeit die Möglichkeit beanspruchen, sich zu einander indifferent zu verhalten. Und die Soziologie kann nicht einfach zugeben, dass sich die Erfahrungsvoraussetzungen für das Gelingen von Gesellschaft verändert haben, weil ein Soziologe, der sehr geübt darin ist, sein Handeln zu rechtfertigen, nicht wüsste, wie er sein Nichtwissen dann rechtfertigen könnte. Also lassen sie es und machen weiter als wäre nichts gewesen.

Damit soll gesagt sein: die Soziologie ist deshalb eine kapitallose Wissenschaft, weil sie die Struktur des szientistischen Dualismus nach beiden Seiten hin aufgelöst hat: weder ist soziale Ordnung eine objektive Realität, weil sie sonst ihre Objektivierungsleistung objektivieren können müsste – was sie nicht kann – noch hat sie eine subjektive Realität, weil sonst eine soziale Ordnung die Subjektivität garantiert, subjektiv bestimmbar wäre, was eben auch nicht geht.

Die Soziologie wie alle anderen Varianten einer Spaziergängeristik ist das Ergebnis einer goßartigen Verschwendungsleistung der Gesellschaft: viel geschafft, nichts erreicht. Aber es muss weitergehen, als wäre nichts gewesen.

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