Differentia

Die Zerrüttung der Dokumentform durch Massenmedien 1

eine erweiterte und ergänzte Fassung des Textes findet sich hier:

https://differentia.wordpress.com/2013/11/29/uber-die-moderne-form-der-empirie-6/

Bei Florian Tress: Zur Dokumentierbarkeit von Forschungsdaten

In einem Blog-Artikel von Florian Tress ist eine interessante Beobachtung zu finden, die ich zum Anlass nehmen möchte, noch einmal das gerade hier laufende Thema von einer anderen Seite zu beleuchten.
Florian Tress schreibt:

Mich fasziniert die Idee, dass Markt- und Meinungsforschung nur ein Sammelsurium bildgebender Verfahren für abstrakte Dinge sein könnte. Das legt den Fokus auf einen Aspekt, der wenig Beachtung findet: Der Forschungsprozess endet immer mit einer graphischen Darstellung der Ergebnisse (z.B. in Powerpoint). Diese Grafiken werden dann in Meetings zum Anlass für ausgiebige Diskussionen über ganz andere Dinge genommen (wie Qualitätsmanagement, Konkurrenzkampf, Mitarbeiterführung), während
all das nicht thematisiert wird, was zu diesen Grafiken eigentlich geführt hat
. Auf den Punkt gebracht: am Ende der Marktforschung geht es nicht mehr um die richtige Methode, sondern nur noch um die richtige Darstellung.

Ohne widersprechen zu wollen, würde ich diese Betrachtung in einem anderen Kontext noch einmal vornehmen. Es geht nicht um die richtige Dokumentationsmethode, sondern um die richtige Methode der Simulierbarkeit von Forschungsdaten. 

Die Einsicht, dass die Aussagefähigkeit von Daten von Selektionsregeln und Verknüpfungen abhängig ist, die selbst aus keinem statistischen Verfahren hervor gehen können, gehört nicht nur in der Statistik zu einer trivialen Weisheit. Diese Einsicht gehört schon im Mittelstufenunterricht zum Lernstoff, dass man Daten so oder auch anders erheben, verknüpfen und interpretieren kann. Daher auch der Verdacht einer von Demenzerscheinungen verursachten Diskussion in politischen Talkshows, wenn Politiker unverdrossen und zum x-ten Male irgendwelche „konkreten“ Zahlen, Fakten und Daten herbei zitieren, obwohl innerhalb der Diskussion jeder bemerken muss, dass keiner der Beteiligten die Möglichkeit hätte, auch nur eine einzige Angabe innerhalb eines sich schnell bewegenden Diskussionskontextes zu überprüfen.  Aber statt damit aufzuhören, Gegenstandslosigkeiten zu thematisieren, geht nach kurzer Zeit alles wieder von vorne los.
In gewerblichen Unternehmen können solche Demenzroutinen eher unterbrochen werden, weil die Zeit für Diskussionen auf eigene Kosten geht. Aber auch in solchen Diskussionskreisen kann das allseits bekannte Problem der „richtigen Dokumentation“ – also der Repräsentation des Erhebungsweges – nicht gelöst werden. Deshalb muss das Problem verschoben werden. Es wird dann weniger, wie Tress schreibt, auf die Frage der „richtigen Darstellung“ verschoben, weil im Grund auch die Darstellung eine Frage der Dokumentationsmethode ist, die über den Forschungsweg Auskunft geben könnte. Vielleicht könnte man stattdessen annehmen, der Kontext wird auf die „Vorführbarkeit“ dessen verschoben, was im Prinzip keiner der Beteiligten mehr leugnen kann: Da man ja alles irgendwie auch anders interpretieren könnte, wird innerhalb der Diskussion der Versuch gewagt, etwas zu finden, das dann als „nicht mehr anders“ beurteilbar in Erscheinung treten könnte. Man müsste das Gespräch auf Themen umlenken können, deren Relevanz sich nicht mehr aus Datenerhebungen oder anderweitigen Wissensdokumentationen ergeben kann und deren Überprüfbarkeit sich konkret performativ ergibt: Thematisiert man in diesem Kontext Konkurrenzkampf kann nur noch das „was man damit meint“ besprochen werden; der bei solchen Diskussionen gleichzeitig stattfindende Konkurrenzkampf kann aber auf einer performativen Ebene nur als „geht nicht anders“ beobachtet werden.
Nach soziologischer Schulmeinung würde man formulieren, dass die Kommunikation auf eine zweite Ordnungsebene einschwenkt, auf welcher nicht mehr beobachtet wird, was man beurteilen kann, sondern wie die Zusammenhänge durch Kommunikation zur Realitätsgewissheit erhärtet werden können, deren Relevanz sich aus keinem Dokumentationsverfahren ergibt. Beispiel: Mitarbeiterführung. Zwar gibt es eine riesige Zahl von Büchern, die über Mitarbeiterführung handeln, aber kein einziges könnte als Vergleichsdokumentation für die gängige Praxis in dem jeweiligen Unternehmen angeführt werden. Also thematisiert die Kommunikation „Mitarbeiterführung“ und lässt darüber auf der deskriptiven Ebene verschiedene Meinungen zu, aber über die gleichzeitig stattfindende „Führung“ gibt es praktisch keine Meinung. Die performative Ebene wird durch Entaltung der selbstreferenziellen Beobachtung praktisch unsichtbar gemacht. Es entsteht der überprüfbare Eindruck, dass die Dingen dann doch so sind wie sie sind.

Damit ist ein Aspekt angeprochen, der deutlich macht, dass man – will die performative Ebene der Erzeugung von Realitätsgewissheit dennoch thematisieren – methodisch nicht einfach wieder auf Verfahren der Analyse von Dokumenten zurück verweisen kann. Denn: würde man solche Gesprächssituationen mit Video aufzeichnen und sie so der Beurteilung wieder zugänglich machen, würde man eine Demenzroutine einleiten, die sich kein Unternehemen dauerhaft leisten kann. Man müsste sich stattdessen Dokumentschema selbst ablösen können. Aber: es gibt keine relvanten Dokumente, aus denen die Plausibilität solcher Überlegungen hervor geht.

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