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“Identitätsdienst” – Beobachtung der Fremdwerdung der Gesellschaft

4. September 2011

Bei Facebook konnte man einmal lesen, Facebook helfe einem dabei, Freunde zu finden, was vielleicht tatsächlich daran liegen kann, dass in manchen Gegenden der Bevölkerung keine anderen Probleme mehr zu finden sind, bei deren Lösung man die Hilfe anderer braucht.
In einer Gesellschaft, in der sich die Wertschätzung des Individuums in der Weise zeigt, dass Autonomie und Selbstbestimmung von größter Wichtigkeit ist, kann es nicht überraschen, wenn man feststellt, dass es gleichzeitig keine Chance gibt, auch nur ein geringes Maß an individueller Autonomie zu garantieren, was sich darin niederschlägt, dass nichts mehr gibt, was ein Individuum allein bewerkstelligen könnte. Wenn man zur Aufrechterhaltung der vitalen Organfunktion auf eine ganze Gesellschaft angewiesen ist, die genau das sicher stellen kann, kann es auch nicht wundern, wenn man schließlich sogar noch Sterbehilfe braucht. Das ist durchaus logisch. Wenn die Fortsetzung des Lebens bis über alle Grenzen des leiblich möglichen hinaus garantiert ist, wie könnte man noch sterben? Nicht nur allein weiter leben kann man nicht, man kann nicht einmal allein sterben. Die Wertschätzung der Autonomie steht im krassestem Gegensatz zu den Chancen der Verwirklichung derselben. Dies nicht zu bemerken oder, wenn doch, dies mit allerlei Ausflüchten zu kommentieren, und ein “jetzt-erst-recht” oder ein trotziges “dennoch” zu wagen hieße, sich auf Weltfremdheit festzulegen. Und diese Weltfremdheit ist keine Ausnahmebeobachtung, kein seltener Fall von kognitiver Dissonanz, sondern eher der Normalfall einer Gesellschaft, die lernen musste, dass stets anderes die Bedeutung von Bedeutung hervorbringt, dass also alle Bedeutsamkeit fremdreferenziert erfahrbar wird. Eine Gesellschaft, die das Überlebensrecht unverbindlich, weil unadressierbar als Menschenrecht behauptet, kann schließlich nichts anderes und besseres hervorbringen als den Versuch zu wagen, die Unbedingheit des Daseins für andere mit aller Macht durchzusetzen, weil keine ansprechbare Adresse auffindbar ist, die herstellen sollte, was jeder braucht. Stattdessen müssen dies alle für andere tun; und die liberalistische Hoffnung, dass damit am Ende allen gedient wäre, steht als Weltfremdheitserfahrung an der Wiege dieser Ideologie. Für andere zu arbeiten, anderen zu helfen und zu dienen, sich für das Wohl anderer zu engagieren, ja schließlich sogar nicht nur Menschen, sondern dem Leben überhaupt, der Natur Rechte zuzusprechen, deren Garantie nur durch das gleiche adressenlose Engagement möglich scheint, ist der Gipfelpunkt dessen, was bei Marx noch “Entfremdung” genannt wurde. Nur naive marxistische Humanisten würde in der Umeltverschmutzung und Verfiftung die Entfremdung des Menschen von der Natur und sich selbst erkennen. Vielmehr ist auch die nichtadressierbare Natur, die sich keinen Deut um Menschen kümmert, sofern sie als Gegenstand des Moralisierens genommen und welcher Schutzbedürftigkeit unterstellt wird, nur ein weiterer Gegenstand, an dem sich das weltfremde Engagemant des verzweifelten Subjekts heftet, um sich auf diese Weise seufzend von seiner eigenen Hilflosigkeit zu distanzieren, sich so zu entfremden, dass schließlich auch noch die Entfremdung selbst als Menschenrecht, ja schließlich als Humanismus verbrämt, zur Menschenpflicht degeneriert.
Welchen Aufwand müsste eine Gesellschaft erbringen, die anfängt, diese Weltfremdheit als merkwürdig und seltsam verstehbar zu machen? Dieser Aufwand dürfte kaum zu überschätzen sein, reichen doch alltäglich massenweise anfallende Beobachtungen nicht aus, um die Weltfremdheit der modernen Welt fremd werden zu lassen. Eine wie tausend andere unbedeutende Beobachtung besteht in der Bemerkung von Eric Schmidt, bei Google Plus handele es sich um einen “Identitätsdienst”. Auf diesem Planeten fällt es ganz leicht tausend verschiedene Meinung darüber äußern, was damit gemeint sein könnte. Und genauso schnell könnte man meinen, dass entweder jede zutrifft oder keine.
Aber wie weit müsste ein Planet von diesem hier entfernt sein, auf dem es die größten Schwierigkeiten bereitet, darüber auch nur nachdenken zu können? Was soll man dazu sagen? Was wird da angeboten und was wird gebraucht? Und hat so ein Identitätsdienst überhaupt noch irgendetwas zu tun mit einem Verhältnis von Angebot und Nachfrage? Was wird damit als Verständigkeit noch unterstellt? Und ich vermute, dass am Ende nur noch eine Zumtung bleibt, die darin besteht, sich von diesem Planeten so weit als möglich zu entfernen, um ihm auf diese Weise näher kommen zu können.

9 Kommentare Eins hinterlassen →
  1. Lusru Permalink
    4. September 2011 12:03

    @Kusanowsky

    Ich habe das Anliegen deiner Äußerung nicht verstanden.
    Ich habe verstanden, daß dich ein großer Unmut umtreibt, nur erkenne ich nicht, welcher, bzw. was genau.

    Jede “Gesellschaft” lebt in dem System, das von ihr geschaffen UND geduldet UND genährt wird.
    Damit ist DIESE (DEINE, MEINE) auch UNSERE Gesellschaft, unser System, mit ihren Subsysstemen.

    Systeme, sog. dynamische, wie das soziale Systeme sind, die sich nicht aufgrund ihrer Selbststeuerung und der über offene Schnittstellen zu / von ihren Umweltsystemen erhaltenen Wahrnehmungen / Informationen bewegen und verändern, sind der eigenen Implosion oder Explosion geweiht.

    Insofern stellst du doch “Bewegungen” / Veränderungen fest, was aus dieser Sicht zunächst nur positiv zu werten ist.

    Was Adressierbarkeit angeht, verstehe ich dich nicht.
    Was du als fehlende bzw. anonyme Adressierbarkeit ansiehst, solltest du erklären, in dem du sagst, WAS den nicht adressiert wird, dazu dann gleich von wem und wohin nicht.

    So wie dein Texr jetzt aussieht, entspricht / erfüllt er selbst offenbar in höchstem Maße dem / das, was du versuchst, “der Gesellschaft” als Mangel zu beschreiben.
    Damit bestätigst du lediglich, auch selbst als Teilsystem DIESER (so beklagten) Gesellschaft systemerhaltend für DIESES System Gesellschaft zu “funktionieren”: Du verhältst dich im selbst beschriebenen Sinne systemkonform.

    Auch redest du von “Weltfremdheitserfahrung an der Wiege dieser Ideologie” – bitte welche “Ideologie” meinst du hier?
    Ich kenne so viele in unserer Gesellschaft, kann aber keine ausmachen, die dieses System “als Gesellschaft” (allein) steuert, bitte erkläre es mir.

    Dann sagst du das:
    >Wenn man zur Aufrechterhaltung der vitalen Organfunktion auf eine ganze Gesellschaft angewiesen ist, die genau das sicher stellen kann, kann es auch nicht wundern, wenn man schließlich sogar noch Sterbehilfe braucht.< – Ja und?
    DAS war schon immer so!
    In jeder Entwicklungsphase des Systems Menschheit war / ist das so, es ist genau das, was Menschheit (als Gesellschaft wie als Teile / Gruppen davon) schon immer als SOZIALES System ausmachte und dafür zuständig ist, daß Evolution diese systemprägende Kooperation der Art Mensch bis heute hervorbrachte, entwickelte und erhält.
    Was soll daran problematisch sein?

    Ich glaube, du müßtest etwas konkreter den Mangel, dein Ziel, deinen Adressaten und den Weg bezeichnen, damit ich dich verstehen kann.

    • 4. September 2011 13:20

      “Ich habe das Anliegen deiner Äußerung nicht verstanden.” – Sehr gut. Doch erst wenn die ganze Gesellschaft, von jedem einzelnen, unverstanden bleibt, kann wieder Klarheit in die Sache kommen. Und ist auch noch nicht das letzte Wort in eine Hieroglyphen verwandelt, so befinden wir uns immer noch auf dem steinigen, mit Stolpergefahr gepflasterten Weg. Alles muss unverstanden und fremd werden, alles muss rätselhaft und seltsam wirken. Und solange noch irgendwer sich zutraut, über die Ereignisse auch nur ein verständiges Wort zu äußern, solange geht alles wieder auf Anfang zurück. Es ist wie in einem perfekten Konzert: ein einziger, unangebrachter, schräger Ton versaut das ganze Erlebnis. Es muss solange geübt werden bis alles stimmt, bis – wie in unserem Fall – gar nichts mehr stimmt. Streng genommen sollte man Grund zum Optimismus haben, wenn auf der Chefetage des erfolgreichsten Konzerns aller Zeiten die Trolle und Nonsense-Quatscher den Ton angeben.

  2. MissSixty Permalink
    4. September 2011 12:39

    Welt am Sonntag: Interessieren Sie sich für Facebook?

    Friedrich Kittler: Nein, damit habe ich nun wirklich nichts am Hut. Ich habe das unheimliche Gefühl, dass die Leute derart unwichtig geworden sind für die, die herrschen und wirtschaften, dass die Selbstdarstellung ihre letzte Rettung ist. Als ich das erste Mal in Kalifornien ankam und die Telegraph Avenue in Berkeley in Richtung Campus hochging, da kam ich an einer Spielwiese vorbei, auf der lauter Selbstdarsteller herumliefen. Leute, die sich als Harlekin verkleideten, bettelten oder kifften. Als ich dann den Campus betrat und die Leuten dort anschaute, schlugen sie die Augen nieder. Entweder sind die Menschen völlig depressiv, oder sie veranstalten eine riesige Selbstdarstellung und telefonieren im Zugrestaurant.

    http://www.welt.de/print/wams/kultur/article12385926/Wir-haben-nur-uns-selber-um-daraus-zu-schoepfen.html

  3. Lusru Permalink
    4. September 2011 16:32

    @ Kusanowsky
    und ich dachte, meine Fragen werden beantwortet ….
    - ? -
    Es ist leider alles von dir bisher hier nur nichtadressierte, allgemeine, literarisch gestylte Lamoryanz, soetwas, wie du oben selber an “der Gesellschaft” bemängelst.

    Solange die Mehrzahl der Mitglieder unserer Gesellschaft sich derart in “nichtadressierter allgemeiner anscheinend maulend resignierter Art” nur in Literatur “an wen auch immer, an die da oben oder an alle) üben, solange wird DADURCH unser SYSTEM so gestaltet, wie es ist, es sieht selber nur so aus, wie wir alle es machten.

    Hilfreicher wären Texte, die meine Fragen beantworten.
    Der Hinweis, daß da irgendwo in der Welt es gerade kalt ist und anderswo jemand etwas vermißt oder auch nicht (mehr sagst du leider nicht) ist überflüssig und stopft die Hirne genauso zu, verklebt sie mit derart Nonsens der Allgemeinlamoryanz, wie das andere “im Dschungel” oder mittels facebook-Scheinspaß tun.

    Das wissen wir doch:
    Alle paar Dekaden muß eine neue alte Sau durch die Dörfer der Hirne getrieben werden, damit niemand auf “negativ”- gestaltende Gedanken kommt.

    Im Osten war das damals das (damalige!!) “Neue Deutschland ” mit meterlangen inhaltsleeren aber wortreichen Texten, und heute machen das viele selber, im Moment gerade mal gern auch mit facebook.
    Wenn genügend persönliche Daten zum Schlachten unterwegs sind, frißt sich soetwas wie facebook selber auf oder integriert sich in Artigkeit, da eine anders Sau dabei ist, diesen Platz zu erobern.
    Die Sehn-SUCHT und die GEWÖHNUNG an “Freude” mit “fun aus dritter Hand, schon dreimal gekaut, verdaut und ausgespien”, entsteht nicht durch Konzerne und Chefetagen, die haben dafür weder Zeit noch Muße, sie entsteht mit dem gerade geborenem Kind, der statfindenden (Ver)Bildung und Abwendung von Eltern, dem Kampf gegen Kinderlärm und Spielplätze, gegen Jugendclubs, der Verdrängung der “Alten” aus dem Leben der Jungen zu Hause wie in der Schule und im Beruf usw. usw.

    Gesellschaften als soziale Systeme müssen Münchhausen spielen, wenn sie da raus wollen: Ganz unten anfangen, sich selbst an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen, ihr System selber regulieren, es gibt niemanden, der das tut, der das könnte.

    Irgendwelche Leute behaupten gelegentlich immer mal “Wir sind das Volk” – ja wenn sie es doch endlich wären – und: blieben, etwas täten dafür, daß sie das bleiben können, nit nur am Ballermann, in facebook oder im Dschungel – da holt sie niemand (mehr) raus,
    da bleiben sie kleben …, bis zum nächsten facebook, dschungel usw – auch von UNS gemacht, von richtigen Menschen …

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