Differentia

Monat: August, 2011

Definition der Dokumentform (Forts.)

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christorpheus add fragt:
1. Was ist die Dokumentenform nicht?
2. Wovon unterscheidest Du die Dokumentenform?
3. Wie ist der Zusammenhang zwischen blindem Fleck, optischer Täuschung und „Dokumentenform“ in diesem Text zu verstehen?

1. Die Dokumentform ist das evolutionäre Ergebnis eines Problemerfahrungsprozesses, der die Kontingenz aller Wahrheit aufdeckt (oder entdeckt) und welcher die Evidenz der Lösungsfindung in der Dokumentform (wieder-)erfindet. Die Dokumentform schließt Wahrheit weder ein noch aus; und ihre Behandlung lässt sich auf einen evolutionären Prozess ein, der die Dokumentform als ein voraussetzungsreiches Prozessieren dieser Lösung als apriorisches Problem nimmt und auf dieser Basis ihren Voraussetzungsreichtum begrenzt, so z.B. bei Leibniz die „fensterlosen Monaden“ oder bei Kant. Seine „synthetischen Urteile a priori“ und seine Kategorien der Anschauung (Raum und Zeit) erscheinen als dem Menschen angeboren, mitgegeben. Tatsächlich sind diese Kategorien der Anschauung nur das Schema als Möglichkeitsbedingung dieser Form, die sich aus ihrer Behandlung ergeben. Das heißt: Die Dokumentform liefert keine Lösung für die Probleme, die sie erzeugt, nämlich für diejenigen Probleme, die entstehen, wenn sich das Apriori durch den historischen Prozess verschiebt, sobald sich, wie schon bei Hegel und Marx beschrieben, Vernunft als kontingent und nicht als apriori erweist. Allenfalls liefert die Dokumentform schon Latenzen an, die auf die Verschiebung eines Beobachtungsschemas hindeuten. Aber wird ein solches verändertes Beobachtungsschema gefunden, so ist die Dokumentform passé und erst in dem Augenblick kann sie erklärt, weil beobachtet werden. Vorher scheitert alles irgendwie an den Annahmen, die sich durch die Dokumentform plausibilisieren, z.B. dass es eine Natur des Menschen gäbe, die für all das verantwortlich wäre. Tatsächlich gibt es keine Natur des Menschen, sondern nur die soziale Behandlung einer Erfahrungsbildung durch Schemtisierung von Differenzen, die sich in der Dokumentform sozial etablieren und damit die Form in ein Medium verkehren. Und solange dies noch nicht verstanden wurde, kann die Annahme über eine Natur des Menschen als Lösung für zurückreichende Problemfindungsprozesse genommen werden, aber nicht mehr, wenn dieser Abarbeitungsprozess sein Problem verloren hat. Wer weiß heute noch was es bedeuten könnte ein Mensch zu sein, der von der Erbsünde belastet ist?
Mit dem Scheitern der Dokumentform, also der Verkehrung der Form in ein Medium durch Trivialisierung, wiederholt sich nur der Selbstbeobachtungsprozess des „Weltgeistes“, aber unter gänzlich veränderten Bedingungen, indem ein anderes Apriori ermittelt wird, nämlich Information, statt Vernunft. Entsprechend müsste die Beobachtbarkeit der Dokumentform schon in dem Augenblick auffallen, indem dieser Verschiebeprozess des Aprioris beschrieben wird, so bei Marx als „Warenform“. (Oder bei Oswald Spengler in seinen Überlegungen zur faustischen Seele des Abendlandes.) Aber damit wird nur der Sonderfall des allgemeinen Falls  beschrieben, weil der Selbsterfahrungsprozess des Weltgeistes damit nicht abgeschlossen, sondern nur erkennbar ist. Wird nun Information als das apriorische Problem genommen, verschwindet auch der Weltgeist als Ordnungsmuster und man findet „Kommunikation“. Aber Kommunikation kann man jetzt nicht mehr dokumentieren.

2. Die Dokumentform als Problemlösung für die Kontingenz von Wahrheit unterscheidet sich damit von der Monumentform als Lösungsproblem, durch welches Wahrheit als Apriori und nicht-kontingent erfahren wurde (z.B. als logos).

3. Wie kommt man darauf zu behaupten, Wahrnehmung könnte sich täuschen, wenn man mit dem gleichen Beweisverfahren auch beweisen könnte, dass sie sich nicht täuschen kann? Wenn also Identität, nicht Differenz nachgewiesen würde? Gemäß der alten Monumentform wurde der Beweis der Täuschbarkeit der Sinne als Beweis der Unzuverlässigkeit von Menschen und ihren Fähigkeiten gesehen, was später in der christlichen Kultur als Erbsünde verstanden wurde. Die Behandlung der Dokumentform, die alle Beobachtungen auf die Fähigkeiten von Menschen zurechenbar macht, irritiert sich auf ganz andere Weise: nicht weil, wie Platon vermutet hätte, sondern obwohl Menschenwahrnehmung und Menschenmeinung manipuliert werden können, können Menschen vernünftig sein. So erscheint der Mensch schließlich durch die Dokumentform als ein Zauberwesen, das die Bedingungen der Möglichkeit von Kommunikation aus sich selbst heraus entwickeln könnte, und dies obgleich nach Maßgabe der Möglichkeiten dieser Erfahrungsform keine verlässliche Auskunft darüber zu finden ist. Luhmann würde sagen: es gibt auch nichts, was diese Verlässlichkeit garantiert, und nur deshalb kann Kommunikation funktionieren. Deshalb ist der Mensch bei Luhmann keine theoretische Größe, weil er keine praktische Größe ist. „Der Mensch“ ist eine Bedingung für Kommunikation, aber auch nur eine unter vielen innerhalb einer gigantischen Komplexität von Bedingungen.
Bezogen auf das Problem der Warhnehmungstäuschung könnte man sagen: Wahrnehmung widersetzt nicht dem Täuschungsversuch, aber auch nicht dem Wahrheitsfindungsversuch. Und damit könnte man sagen: Irren wir uns? Und wenn es so wäre: Na und?

Identität und Dokument – optische Täuschung

Optische Täuschung? Herkunft Wikipedia

Als das angeblich beste Beweismittel zur Plausibilisierung eines Schemas, durch das sich die Dokumentform erhärten konnte, gilt immer noch die optische Täuschung, die wie kein anderes Beweismittel, das auf Sinnestäuschung abzielt, die paradoxe Struktur des Beobachtungsverhaltens invisibilisiert und damit Irritationen über eine objektive Realität zulässig macht. Die gewöhnliche Definition für eine Wahrnehumungstäuschung lautet, dass die objektiven Merkmale einer Reizvorlage nicht in Übereinstimmung zu bringen sind mit den für das Gehirn wahrnehmbaren Merkmalen der selben Reizvorlage, wobei der Beweis darin besteht, dass das, was man sehen kann, wenn man die Linien des Bildes oben betrachtet, nicht identisch ist mit dem, was man bemerken kann, wenn man die Linien mathematisch berechnet. Mathematisch gesehen sind alle Linien gerade gezogen, aber wahrnehmbar ist das nicht. Wenn man auch nicht sagen könne, dass die Wahrnehmung falsche Schlüsse hinsichtlich des Wahrnehmbaren ermittelt, so könne man wenigstens feststellen, das die Schlüsse, die aus der Wahrnehmung resultieren, nicht wirklich zuverlässig sind. Die subjektive Wahrnehmung könne sich täuschen, das objektive Dokument aber nicht. Die mangelnde Identität zwischen subjektiver und objektiver Beurteilung sei ein Beweis für die Unzuverlässigkeit der Wahrnehmung. Tatsächlich ist diese mangelnde Identität nur ein Beweis für ein funktionierendes Täuschungsverfahren, das durch Dokumente vorgenommen wird, weil das Dokument – nicht die Wahrnehmung – die Täuschung zulässig macht, indem Identität unterstellt wird wo empirisch nur Differenz zu finden ist.

Wer sich mit Beweisen für Wahrnehmungstäuschung beschäftigt kann feststellen, wie hartnäckig durch die Dokumentform ein blinder Fleck konstruiert wird, den man gewiss durch Wahrnehmung nicht einfach aus der Welt schaffen kann. Tatsächlich: die Wahrnehmung allein gibt keine Auskunft darüber, was gesehen, ja nicht einmal ob überhaupt etwas gesehen wurde. Denn Wahrnehmung kann keine Auskunft darüber geben, was nicht wahrgenommen wurde, oder dass man auch anders hätte wahrnehmen können. Alle Wahrnehmung verhält sich gegen die Differenz von wahrnehmbar/nicht- oder anders wahrnehmbar indifferent. Sie kann sich nicht durch sich selbst über sich selbst in der Weise irritieren, dass sie Wahrnehmung und Nichtwahrnehmung vergleichen könnte. Das ist der Grund, weshalb man nur durch einen Sehtest als Beobachtungsverfahren Unterschiede der Wahrnehmungsfähigkeit ermitteln kann, also nur dadurch, dass für ein Bewusstsein Vergleichsmöglichkeiten angeliefert werden, auf die hin es seine Wahrnehmung richten und sie beurteilen kann. Ohne solche angelieferten Vergleichsmöglicheiten könnte man nicht in Erfahrung bringen, dass man heute schlechter sehen kann als früher. Wahrnehmung ist für die Wahrnehmung nicht wahrnehmbar.

Entsprechend kann durch Wahrnehmung auch nicht Wahrnehmungstäuschung ermittelt werden, weil andernfalls die Wahrnehmung immer schon wüsste, was sie ermittelt hätte. Aber genau das kann sie nicht und nur das ermöglicht dann auch den Beweis, dass man sie täuschen kann. Aber die Täuschung geschieht nicht durch Wahrnehmung, sondern durch die Beobachtung von Wahrnehmung, welche im Gegensatz zur Wahrnehmung die Möglichkeit hat, sich selbst zu beobachten, also: Beobachtung zu beobachten. Erst durch Beobachtung können die Unterschiede, durch die sie möglich wird, beobachtet werden und das heisst: die Referenzierung der die Beobachtung ermöglichenden Unterschiede zu vertauschen.
Das geschieht, indem das Wahrnehmbare zuerst auf die Wahrnehmung bezogen wird und man auf das zeigt, was man dann wahrnehmen kann, hier: Linien, Quadrate, Kontraste. Und dann wird auf das Nichtwahrnehmbare gezeigt, nämlich auf gerade Linien, und es entsteht Eindruck, man könnte jetzt sehen, was man nicht sehen kann, nämlich: gerade Linien. Und dass man nun keine sieht, sei der Beweise dafür, dass sich die Wahrnehmung täuscht. Es wird aber nur die Referenz der Beobachtung einer Wahrnehmungsreferenz verschoben. Und freilich: dieser Verschiebungsvorgang ist nur beobachtbar und nicht wahrnehmbar.

Und sofern dieser Vertauschungsvorgang der Beobachtung durch Beobachtung entzogen wird, bleibt nur die Irritation über die Wahrnehmung zurück und das Resultat, dass es offensichtlich die Wahrnehmung sei, die sich täuscht. Tatsächlich geschieht nur eine Vertauschung des Verhältnisses von Beobachtung und Wahrnehmung; und Dokumente stellen diesen Vertauschungsvorgang, sobald er sich ereignet, als abrufbar bereit und ermöglichen dadurch die Beobachtung der Wahrnehmung, die sich in der Behandlung der Dokumentform schon ereignet hat, nämlich durch gegenseitiges Wissen um Unterstellbarkeit von Identität. Schließlich wird genau dasjenige als Beweismittel genommen, was durch das Beweisverfahren schon  ausgeschlossen wurde: man könne doch sehen, dass sich die Wahrnehmung täuscht. Aber: könnte man das sehen, wenn sich die Wahrnehmung täuscht?

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