Differentia

Tag: Identität

Politische Erfahrung 6

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Selbstverfremdungserfahrung als politische Herausforderung?

Davon hat noch keiner etwas gesagt und niemand wird so leicht erraten, was damit gemeint ist. Das gebe ich zu. Aber ich möchte darauf hinweisen, dass wir in dürftigen Zeiten leben, wo es in Sachen Politik fast schon egal geworden ist, was das Gesabbel eigentlich noch soll. Es gibt zum Beispiel den Begriff der Identitätspolitik. Ich kann zwar lesen, was in dem verlinkten Wikipedia-Artikel geschrieben steht, aber genauer befassen möchte ich mich damit nicht, denn ich fürchte, ich könnte davon Hautausschlag bekommen. Oder Zahnschmerzen. Oder Hirnerweichung. – IDENTITÄTSPOLITIK?

Soweit ich die Sache überschaue, geht es dabei um ein Recht auf Differenz, gemeint als ein gleiches Recht für alle auf Sonderbehandlung. Jeder ist anders, nur ich nicht. Ich bin anders als die anderen und deshalb nehme ich für mich in Anspruch, anders als die anderen betrachtet und behandelt zu werden? Der Filmausschnitt oben beschreibt die Kollektivform der Individualität und ist nicht lustig.
Wie auch immer man mit dieser Paradoxie umgehen will – und es kann ja sein, dass dabei unerwartet etwas ganz und gar Merkwürdiges herauskommt – so wird man doch einsehen müssen, dass es wenig gibt, was da durchgesetzt werden soll. Denn der Wille, sich den Zwängen nicht zu fügen, Widerstand zu leisten oder Widerspenstigkeit zu zeigen, Abweichung zu organisieren und Selbstausschluss in Kauf zu nehmen, lässt sich niemals verhindern. Im Gegenteil. Die Differenzierungsfähigkeit der Gesellschaft bemisst sich an der Kompetenz, jedem Widerwillen Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen zu eröffnen. Aber nur, weil ein Recht auf Differenz gefordert oder zugestanden wird, heißt das nicht, dass damit alles möglich ist.
Nachdem es nun die „Ehe für alle“ gibt, liegt beispielsweise der Gedanke nahe, dass dann auch eine „Ehe mit allen“, also nicht bloß zu zweit, sondern auch zu dritt oder zu viert gefordert werden kann. Aber auch das Zugänglichmachen von Ressourcen ist auf zugängliche Ressourcen, deren wichtigste soziale Erfahrung ist, angewiesen. Und Erfahrung kann man zwar fordern, aber ergeben muss sie sich von selbst. Denn es ist ja nun auch statthaft, der  Forderung nach einer „Ehe mit allen“ mit Widerwillen zu begegnen. Was also soll Identitätspolitik bewirken?
Ich vermute dabei handelt es sich lediglich um eine Art der symbolischen Affirmation, um die sozialen Prozesse der Differenzierung der Beobachtung zu entziehen, um also ein Lernen dessen zu verweigern, worauf jede Gesellschaft angewiesen ist: auf Erfahrung.
Das Stellen von Forderungen ist dabei die primitivste Maßnahme, um den Schwierigkeiten des Lernens, das immer ein soziales Lernen ist, aus dem Weg zu gehen.

Erfahrung also ist eine notwendige gesellschaftliche Ressource. Aber wie soll die erschlossen werden können? Wenn man es nicht mit der Naivität belassen kann, derzufolge es ausreiche, dass ich bestimmte Erfahrungen gemacht habe. Denn: wen sollte das besonders beeindrucken? Meinen Lehrer? Dem ist ziemlich egal, welche Erfahrung ich mache. Er gibt mir eine Note und geht nach Hause. Gilt auch für den Professor. Meinen Chef? Dem ist die Erfahrung nicht wichtiger als die Vorschrift, wenn ich im öffentlichen Dienst arbeite, oder nicht wichtiger als der Umsatz, wenn ich einem Wirtschaftsbetrieb arbeite. Wer sollte sich für meine Erfahrung besonders interessieren? Gleichgesinnte? Oh je! Man erkennt: sobald man anfängt mit Paradoxien zu arbeiten, wird vieles klarer.

Erfahrung ist reflektierte Veränderung, die niemand allein bewirken kann. Erfahrung ist also nicht bloß eine leibseelische Selbstanpassung, genannt: Subjektivität. Denn in dem Fall wäre der Subjektivismus von der Vollnarkose nicht zu unterscheiden. Erfahrung ist aber auch keine Sache der Forderung. Genauso wie sich jede Normativität der (4) Empirizität von Handlung durch Verbote widersetzen kann, widersetzt sich jede Empirizität der Normativität durch Kontingenz. Erfahrung ist auf die Manipulation durch soziale Mitwirkungs- und Verständigungszusammenhänge angewiesen. Ohne geht es nicht, aber nur mit ihr auch nicht.

Fortsetzung

 

 

 

 

 

 

Die Alltäglichkeit paranoischer Beobachtung 6

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Der alltägliche Selbstverdacht des transzendentalen Subjetkts bezieht sich, sofern es nicht allein darum geht, die eigenen Schwächen zu kaschieren, auf beinahe alle entscheidenden Unterschiede, die für seine Lebensgestaltung von großer Wichtigkeit sind und durch die es seinen Stolz und seine moralische Selbstwertschätzung erarbeitet. Die Selbstbeobachtung des Subjekts bezieht sich dabei insbesondere auf Angelegenheiten der Identität, welche, wenn sie – wie auch immer ge- oder erfunden und beschrieben wird –  nicht ohne paranoische Beobachtung und Reflexion zustande kommen könnte. Die Frage, wer ich bin, kann nicht gestellt oder beantwortet werden, wenn nicht auch die Frage möglich wird, wer die anderen sind, oder was die anderen glauben, wer ich bin. So fällt Identitätsfindung mit allerlei Problemen zusammen, die nur dadurch gelöst werden, dass man sich entweder mit ihrer Unlösbarkeit abfindet, oder sie ein lebenlang zwecklos durcharbeitet.

Diese Probleme werden von allen zu jeder Zeit bearbeitet und finden folglich Eingang in die massenmedialen Erzählungen dokumentarischer oder fiktionaler Berichterstattung, die – zu Zwecken der Selbstauskunft geben – das paranoische Beobachten geradezu stimulieren. Es reicht daher, diese Probleme mit Stichworten zu bezeichnen, weil jeder sofort weiß worum es geht:
Erinnerungsschwierigkeiten, Vertauschung, Verwechselung, Verirrung, Verkleidung, Verstecken und Maskierung; Bekentnisse darüber, mit irgendetwas gescheitert zu sein; die Thematisierung und Erprobung von Doppelgängerei; auch Versuche, inkognito zu verreisen, zu veröffentlichen, Hochstapeleien und Schwindeleien aller Art, gleichviel ob mit oder ohne kriminelle Absichten; das Rollenspiel im Alltag, einmal jemand anders zu sein; absichtslos andere zu verführen oder auch, sich verführen zu lassen; das romantische Erleben einer ganz anderen Welt eines neuen Bekannten; das Gegenstück ist die ideosynkratische Abwehr, die auch dazu gehört; große oder kleine Pläne und Visionen zu erläutern und Herausforderungen wertzuschätzen.
All diese Dinge sind mit wechselvollen Gefühlen verbunden, ohne welche ein normales Leben gar nicht möglich wäre.

Das paranoische Beobachten und Selbstbeobachten bezieht sich darauf, dass das Subjekt rein prinzipiell mit nichts letztendlich zufrieden sein kann. Es müsste sich selbst ausgerätselt haben, um dies zu vermögen, aber in dem Fall würde sich nur wieder eine weitere Falle auftun, die dann ebenfalls paranoisch durchgearbeitet werden muss.
Dabei handelt es sich um die Illusion, sich von jeder Illusion über sich selbst verabschiedet zu haben.

Fortsetzung

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