Trivialität und Routine #soziologie #wissenschaft

von Kusanowsky

Mit großem Interesse  – wie man etwa einen seltenen Käfer beim Krabbeln beobachtet  – verfolge ich das Blog „W wie Wissenschaft„. Dabei handelt es sich um das Blog eines Professors für Soziologie, der auf diesem Wege den Studierenden die Regeln der Wissenschaft erklärt. Die Artikel enthalten eine unüberschaubare Komplexität an Regeln, Geboten und Verboten, deren Berücksichtigung und Einhaltung angeblich die Wissenschaftlichkeit von Texten garantiert. Liest man sich die Artikel durch und stellt man fest, wie lückenhaft und ausnahmeanfällig insbesondere die Zitierregeln der Wissenschaft dargestellt werden, so könnte man auf die Vermutung kommen, dass es nur eine Regel gibt, die immer gilt: dass nämlich keine Regel ausreicht, um die Regelhaftigkeit der Wissenschaft zu beschreiben.

Als wissenschaftliches Experiment stelle ich mir vor, eine Gruppe von Studenten damit zu beauftragen, einen wissenschaftlichen Text zu einem soziologischen Thema gemäß bestimmter Regeln zu verfassen, während es die Aufgabe einer anderen Gruppe wäre zu überprüfen, welche Regeln beim Abfassen der Texte der ersten Gruppe eingehalten wurden, und nicht, gegen welche Regeln verstoßen wurde. Vermutlich dürfte das Ergebnis darauf hinaus laufen, dass so ziemlich jeder Text wissenschaftlich ist, jedenfalls sofern diese Regeln der Wissenschaft als diejenigen Kriterien genommen werden, nach denen definierbar ist, was als „Wissenschaftlich“ gilt. Da das aber kaum sein kann, müsste man auch noch die Verstöße gegenrechnen und eine Regel definieren, nach der ein Verhältnis von Einhaltung und Verstoß Auskunft über die Wissenschaftlichkeit gibt. Eine solche Regel dürfte schwer bis gar nicht zu finden sein, was schon allein daran liegt, dass die Frage, welche Regeln eingehalten und welche verletzt wurden, keineswegs so eindeutig zu beantworten ist, wie dies in den Artikeln dieses Weblogs behauptet wird. Allein die Vielzahl der Artikel zeigt ja, wie unüberschaubar die Regeln sind.

Ergebnis: sind nun die Texte, die gemäß dieser Regeln verfasst wurden wissenschaftlich oder nicht? Die Antwort könnte lauten, dass es darauf nicht allein ankommen kann, zumal ja auch die Regeln der wissenschaftlichen Diskussion unterzogen werden dürfen; allerdings gilt auch hier wieder, dass diese Diskussionen, sofern sie sich in Texten niederschlagen, wiederum an die Regeln der Wissenschaft halten sollen. Entsprechend muss zur Überpfügung der Wissenschaftlichkeit von Texten etwas anderes hergenommen werden als die Regeln, aus denen sich Wissenschaftlichkeit ableiten lässt. Die Regeln der Wissenschaft lassen keine eindeutige Entscheidung zu.

Dieses Phänomen eines geschlossenen Systems, das die Elemente (hier: die Regeln) selbst erzeugt, aus denen es besteht, nennt man Autopoiesis. Es handelt es sich also um ein System aus Regeln, das sich reproduziert, sobald es seine Elemente benutzt, um die Reproduktion der Strukturen durch Kommunikation zu leisten. Das Interessante ist, dass sich ein System, sobald es sich unwahrscheinlicherweise aus seiner Umwelt ausdifferenziert, praktisch unfehlbar seine Operationen auf Dauer stellen kann, und dies um so besser, sobald sich das System aus Selbstbeobachtung einrichtet und, so sehr es auch immer auf Umweltbeobachtung angewiesen bleibt, sich fortan nur mit sich selbst beschäftigt.
Nimmt man diesen systemtheoretischen Ansatz ernst – wozu es keinem übergeordneten Grund gibt, man kann diesen Ansatz auch ignorieren, denn was sollte ein System sonst tun, wenn es sich auf Dauer stellen will? – so kommt man zu der Einsicht, dass die Produkte eines System immer trivial, weil wahrscheinlich sind. Das ist der Eindruck, den man in der Wissenschaft, in der Soziologie genauso beobachten kann wie etwa in der Kunst. Alles ist Kunst sobald es als Kunst beobachtbar wird.

Der konventionelle Wissenschaftsbeamte wird dieser Einsicht widersprechen. Der Selbstbeschreibung nach wäre Wissenschaft disziplinierte Intelligenz und alles andere als trivial. Diese Einschätzung steht in krassem Gegensatz zu der überbordenden Literaturproduktion zu einem x-bliebigen Forschungsgegenstand der Soziologie. Und die Frage ist, wie sich eine solche Selbstbeschreibung attraktiv machen kann, obwohl sie keine wissenschaftlich empirische Basis hat.

Die Überlegung könnte sein, dass dies nicht an den Regeln der Wissenschaft liegt, die ihre eigene Empirie ja dadurch garantieren, dass sie als Regeln kommuniziert werden. Es mag vielleicht eher an den Routinen der Wissenschaft liegen, die sich erst dann attraktiv ausbilden können, sobald der Prozess der Regelfindung, also der Weg der Selbsterfahrung der Wissenschaft, sich unbeobachtbar gestaltet, wenn er also irgendwie als Beobachtungsphänomen gelöscht wurde und folglich ignoriert werden kann. Die Routinen sind möglich, wenn der Weg der Regelfindung invisibilisiert und durch Invisibilisierung unmöglich nachvollziebar ist. Der Effekt als Selektionsergebnis ist dann, dass „Regeln der Wissenschaft“ routiniert behauptet werden können, wobei sich beides als „Wesenheit“ zu verstehen gibt: das Wesen der Regeln und das Wesen der Wissenschaft, beides wird an den so beobachtbaren Merkmalen erkennbar.

So sieht sich der Student schließlich von Wesenheiten aller Art umstellt, da sich die Wesenheiten auch in den Gegenständen der Wisenschaft konkretisieren. Was Wesen der Wissenschaft, das Wesen der Macht, das Wesen des Geldes, das Wesen des Menschen und allerlei andere dämonologische Erscheinungen, die ihre Berücksichtigung selektiv einfordern. So kann der Student nicht bemerken, dass sein Studium leichter und einfacher funktioniert als er es selbst beobachten kann, weil es viele Wesen sind, die ihm helfen und von welchen er nur die wenigsten verstehen kann. So erfordert die Beschäftgung mit dem Wesen der modernen Gesellschaft eben nicht auch, das Wesen der Religion oder der Musik zu verstehen. Und schon gar nicht muss er über das Wesen der Regeln nachdenken. Es könnte nämlich völlig reichen, sich an sie zu halten, um dem Wesen der Wissenschaft gerecht zu werden. Denn die Wesensmerkmale der Wissenschaft lassen sich nicht auf die Einhaltung von Regeln reduzieren.

Umso so interessanter und amüsierender ist es zu beobachten, wie eifrig dieser Käfer krabbelt.

Advertisements