Differentia

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Der Zeigefinger und seine Beziehung zum Nichtwissen @meikelobo @glsbank #konsum #kapitalismus

 

Der Zeigefinger, Geschlechtsorgan des Experten, Weltverstehers und Besserwissers (komplementär: der Mittelfinger)

 

„Und um den Kapitalismus zurechtzustutzen ist nur eine Sache wichtig: weniger Konsum. Nicht anderer Konsum, sondern weniger Konsum.“

Das schreibt Meiko Lobo hier; und wie immer ist das der Weisheit letzter Schluss, wenn es darauf ankommt, aus den fürchterlichen Auswirkungen des Kapitalismus klug zu werden. Damit weniger produziert würde, müsste weniger konsumiert werden. Die Rechnung ist für Schlümpfe ideal zum Nachrechnen geeignet. Die Rechnung geht so: Weniger hier ist gleich weniger da. Weshalb, wenn alle am selben Strang ziehen, die Sache gewuppt werden kann. Kapiert jeder Schlumpf, sogar diejenigen, die in Mathe früher immer eine 5 hatten.

Wenn man den oben verlinkten Text durchgeht, wird jeder unerschrockener Beobachter in den dort aufgeschriebenen Sätzen einen ziemlich weltfremden Lernpessimismus feststellen. Der Lernpessimismus besagt, dass die hinlängliche Bekanntschaft mit den Problemen der industriellen Warenproduktion völlig ausreicht, um die Lösung zu kennen und zu propagieren. Weil zu viel konsumiert wird, muss weniger konsumiert werden, sagt der erigierte Zeigefinger und weiß Bescheid, weil er sich über alles Entscheidende ausreichend informiert weiß. Der Zeigefinger ist kein bisschen ratlos, hilflos oder machtlos, sondern ist aufgrund seiner Bekanntschaft und Vertrautheit mit der Welt nicht über sich selbst irritiert, weshalb es allein an der Welt da draußen liegen müsse, die Wahrheiten der unmittelbaren Evidenz endlich zur Kenntnis zu nehmen. Das gelingt vorhersehbar nicht, weshalb – so der Lernpessimismus – der Zeigefinger sich erneut aufrichtet um erstens zu sagen, was jeder wissen sollte und zweitens um zu schimpfen, sollte sich mal wieder zeigen, dass einer aus der Reihe tanzt. Das gelingt vorhersehbar gewiss, weshalb ganz unverdrossen das Spiel von vorne beginnt. Es gibt ja nichts wichtiges mehr zu tun.

Der Zeigefinger wird in die Höhe gestreckt, um Nichtwissen nicht zur Kenntnis zu nehmen, denn, so die von enorm vielen Vorurteilen belastete Weisheit, dann könne man ja gar nichts tun. Auf diese Weise rechtfertigt sich jeder Lernpessimismus von selbst: Wer immer schon weiß was zu tun ist, kann und will nicht mehr lernen, dass eben dies erst noch erlernt werden müsse. Probleme zu erlernen, sie in Erfahrung zu bringen, heißt eben noch nicht, auch schon gelernt zu haben, wie sie gelöst werden können. Wer Probleme erlernt hat, hat noch keine Lösungen gelernt.

Wo aber das ignoriert wird, bedeutet das, dass der Zeigefinger zur Menge der bekannten Probleme gehört. Auch das Erheben des Zeigefingers müsste eine Verzichtsleistung sein, um lernen zu können, wie die Gesellschaft Verzicht produzieren könnte. Wo der Zeigefinger dies aber nicht sehen will, kann er keinen Lernoptimismus gewinnen. Denn ein Lernoptimismus könnte heißen, dass niemand die Probleme lösen kann, was nicht heißt, dass es nicht geht, sondern nur, dass noch nicht bekannt geworden ist, wie es gehen könnte. Man könnte also, statt aussichtslos mit dem Zeigefinger zu wedeln, mit Nichtwissen anfangen und die Verminderung von Nichtwissen in Aussicht stellen, wenn man nur die Bereitschaft hätte zuzugeben, dass alles bekannt gewordene Wissen noch nicht ausreicht. Denn das bekannt gewordene Wissen reicht nur aus, um sich nicht über den Zeigefinger zu wundern.

Ein Lernoptimismus könnte dagegen anfangen, dem Zeigefinder, statt ihn auf Plausibilität zu befragen, zu misstrauen und könnte stattdessen auf die Kreativität von Lernprozessen setzen. Und – sollte wer einwenden, dass es dafür längst zu spät ist, dann gilt: Wenn es so ist, dann muss es wohl so sein.

Was aber, wenn nicht?

Wer nicht lernen will, muss weinen.

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Sic et non @strippel @Sonntagssozio #soziologie

Sic et non – Ja und nein. Ist Soziologie eine Wissenschaft? Die Frage darf gestellt werden, aber nur, wenn man mit der vorschriftsmäßigen Antwort einverstanden ist. Die lautet überraschenderweise immer Ja. Nein ist auch möglich, aber wer so antwortet, wird entweder nicht befördert oder, wenn doch, dann nicht von einem Wissenschaftsbeamten für Soziologie. Will man also die ganze Wahrheit, sprich: eine soziale Ordnung, die ihre Möglichkeiten für die Wissensproduktion entwickelt, prüfen, dann muss man für Ja und Nein geteilte Zuständigkeiten innerhalb der Wissenschaftsbürokratie aufsuchen. Anders geht es nicht.

Daraus könnte man den Schluss ziehen, dass die Frage gar nicht mehr gestellt werden muss, wenn nur eine Antwort zulässig ist. Sie muss auch nicht gestellt werden, aber verhindern kann man diese Frage eben auch nicht. Verhindert werden kann nur, dass die unerwünschte Antwort für den Fortbestand der Soziologie von Bedeutung ist. Das heißt, dass um der Sicherheit ihres Fortbestands für die Soziologie nur die halbe Wahrheit akzeptabel ist, weil die ganze Wahrheit – so das Vorurteil, das durch keine Erfahrungstatsache gestützt wird – keine Entscheidung zulässig macht. Wenn die Mittel begrenzt sind, wenn die Konkurrenz unter den Aspiranten groß ist, wenn nun einmal die Intransparenz der Wissenschaft „die zweite Natur“ einer sozialen Ordnung ist, die keine Notwendigkeit sieht, sich über die Bedingungen ihrer Möglichkeit zu irritieren, wenn außerdem „das Formular“ und seine korrekte Ausfüllung das einzige ist, was als Rechtfertigungsgrundlage genommen werden kann, weil alles andere, obwohl genauso wirksam für Entscheidungsfindung (z.B. Habitus) nur auf eine nicht-objektivierbare Realität verweist, die sich den Formularzwängen entzieht, dann gibt es eben nur diese und keine anderen Kontrollzwänge um Entscheidungsfindung zu betreiben. Wer Nein sagt fliegt raus, oder kommt gar nicht erst herein. Also lautet die Antwort immer Ja, auch dann, wenn man mit der anderen Antwort genauso folgenreich die soziale Welt beschreiben, analysieren, interpretieren, erklären und verstehen kann.

Die Nein- und Ja-Sager werden also auf diese Weise von einander getrennt und finden nicht so einfach in eine Situation zurück, in der gelernt werden kann, dass es in der Wissenschaft zuerst aufs Lernen, nicht auf das Formular ankommt. Weil das nicht gelernt werden kann, sind Machtspiele diejenigen Vorgänge, die das Wissenskonzept trainieren. Gewusst kann nur werden, was innerhalb von Machtspielen erlernt wurde, womit zugleich das Spiel um Macht miterlernt wird, ohne jedoch zugleich erklären zu können, wie es denn funktioniert. Und schon gar nicht kann man verstehen, wie überflüssig solche Machtspiele sind. Die soziale Ordnung der Soziologen ist auf Zwang angepasst. Deshalb ist das Vertrauen auf den zwanglosen Zwang des besseren Arguments naiv. Das Vertrauen affirmiert seine Ordnung und macht sie zugleich verdächtig. Es könnte ja auch anders sein. Aber solchen Lernbeobachtungen sind die größten Hindernisse entgegen gestellt.

Das beschreibt die Quelle des Verdrusses, dem sich die Soziologie aussetzt. Sie hat es stets mit der ganzen Wahrheit zu tun, darf aber nur die Hälfte davon ernst nehmen. Könnte stattdessen ein „sic et non“ in einer Theorie soziologischer Erfahrung berücksichtigt werden, weil nur so Theorie selbst als Erfahrungstatsache erlernt werden kann, dann könnte man Soziologie als einen sozialen Lernalgorithmus auffassen, der nur darum Wissen herstellt, weil er so etwas wie „positives Wissen“ gar nicht braucht. Soziologie ist dann eben Wissenschaft, wenn sie kein positives Wissen herstellt. Und sie ist keine Wissenschaft, wenn doch.

Dieser Gedanke wird ungeprüft aussortiert. Also muss die Karambolage weiter gehen.

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