Die Geschlechtskrankheit der Kommunikation. Ein Nachwort

von Kusanowsky

Es gehört zu einer ebenso verbreiteten wie bekannten Kommunikationsroutine, in einer Diskussion Klarheit einzuforden. Da diese Forderung in diesem Blog schon viele Male gestellt wurde, und mit Sicherheit wieder aufkommen wird, soll dieser Artikel ein Nachwort zu allen zukünftigen Diskussionen sein, in denen ein Mangel an Klarheit problematisiert wird.
Diese Forderung nach Klarheit bezieht sich auf die Klarheit von Begriffen, Definitionen, Argumenten, Thesen, Behauptungen, Postulaten, Schlussfolgerungen, Theorien, auf die Klarheit von Betrachtungen, Beweisen, Programmen, Plänen, Meinungen und was auch immer durch die Kommunikation als Ankerpunkte ihrer Fortsetzung ermittelt wird. Seit es Internet gibt, wird übrigens auch die Klarheit des Namens gefordert; und in allen Fällen untersteht diese Forderung nach Klarheit einer von (fast) allen geteilten Annahme, dass es ohne eine solche nicht geht. Empirisch ist das nicht beobachtbar, weil die Kommunikation, sobald sie Irritationen über mangelnde Klarheit zulässig macht, trotzdem weiter geht, und sei es, dass sie Klarheit über Unklarheiten produziert.

Empirisch ist Klarheit als Ergebnis der Kommunikation genauso wahrscheinlich wie Unklarheit; dies nicht, obwohl der Unterschied von Klarheit und Unklarheit nirgendwo eindeutig geklärt wird, sondern, weil er keiner vorhergehenden Klärung bedarf. Denn die Kommunikation läuft ja immer schon, sobald Defizite der Luzidität beobachtet werden. Alles was vorhergeht, ist auch schon Kommunikation, wodurch sich keineswegs die Einsicht erhärtet, Kommunikation sei nur die Transformation von Unbestimmtheit in Bestimmtheit; sie transformiert auch immer Bestimmtheit in Unbestimmtheit. Denn wo sollten Klarheit und Unklarheit sonst herkommen?
Und trotzdem wird nachhaltig und mit einer beeindruckenden Hartnäckigkeit von einer Stelle aus die Forderung nach Klarheit an eine andere Stelle gerichtet, als ob es irgendwann einmal tatsächlich gelungen wäre, die Klarheit der Forderung nach Klarheit ein für alle mal in Stein zu meißeln; nicht einmal ist der Begriff der Klarheit klar definiert. Noch niemand konnte klar definieren, was ein Begriff ist, was eine Definition ist usw. Natürlich braucht die Kommunikation immer Irritationen um weiter zu gehen und kann darum streng genommen auf solche Foderungen nicht verzichten, solange Strukturen der Repoduktion von Erwartungen stabil bleiben, für die solche Irritationen attraktiv sind.
Daraus ergeben sich zwei Fragen. Die eine ist, wie ein solcher Attraktor im Laufe der Evolution symbolisch generalisert werden konnte und die andere ist, welche Durchsetzungschancen ein solcher Attraktor noch hat, wenn er Chancen der Anschlussfindung trivialisiert, sobald er sich über alle seine Einschränkungsmöglichkeiten hinaus verbreitet und die Unwahrscheinlichkeit von Kommunikation in Notwendigkeit umschlägt.
Um die zweite Frage soll es im folgenden gehen, spielt sie, wie ich vemute, für die Chancen der Anschlussfindung durch Internetkommunikation eine entscheidende Rolle.

An der Klarnamensdiskussion kann man vielleicht ablesen, wie die Forderung nach Klarheit ihre Überzeugungskraft verliert, da ja beobachbar wird, wie unhaltbar die Forderung ist. Denkt man an globale Massenumsiedlungen und Bevölkerungsvermischungen, so wird man kaum noch mit Sicherheit sagen können ob etwa „Dag Obert“ ein Pseudonym darstellt oder nicht. Wie auch immer, es wird beobachtbar, dass es darauf bald nicht mehr ankommt, und zwar durch Übertreibungsmaßnahmen, wie sie etwa im Versuch von Google, ein Klarnamensgebot durchzusetzen, zum Ausdruck kamen. Das Kennzeichen dieser Übertreibung ist ja die Ignorierung einer empirischen Wahrscheinlichkeit der Durchsetzung eines solchen Gebots. Und möglicherwiese müssen solche Übertreibungen massenweise und gleichzeitig anfallen bis sie ihre Wahrscheinlichkeit auf Irritabilität verlieren. (Nebenbei: Hier übrigens ein schönes Beispiel für eine normale Übertreibung, wie sie durch Werbung für Waren betrieben wird. Man achte auf die Formulierungen wie „nachhaltiges Trinkkonzept“, „umweltfreundliches Design“.)
Für die Beobachtung der Internetkommunikation ergibt sich daraus die Überlegung, dass die allseitig beobachtbare Trollkommunikation ein solches Übertreibungsphänomen ist, welche ihren Gipfelpunkt womöglich noch lange nicht erreicht hat. Die Trollkommunikation entsteht dadurch, dass die Beteiligten über einander in der Weise infomiert sind, dass unterstellte Klarheit selbst als Ankerpunkt erscheint, durch den sich die Kommunikation als wahrscheinlich fortsetzbar gestaltet, woraus sich aufgrund doppelter Kontingenz Erwartungen bilden, die die Wahrscheinlichkeit der Klarheit höher einschätzen als die Unklarheit und zwar aufgrund der trivial-empirischen Beobachtung, dass man ja die Sprache versteht (und versteht, dass andere sie verstehen). Dies ermutigt zur Forsetzung und zu der Annahme, der Kommunikation jederzeit gewachsen zu sein. Und für den Fall der Erwartungenttäuschung wird in der Folge an die Form der Mitteilung angeschlossen, die Information tritt dagegen in den Hintergrund. Der Anschluss an die Mitteilung wird katalysiert durch die hochintegrative Verstärkung (oder Übertreibung) des Attraktors, der sich unter der Hand stabilisiert und dafür sorgt, dass die Unwahrscheinlichkeit von Klarheit um so weniger bemekt wird je wahrscheinlicher die Unklarheit wird. Alle Anschlussoptionen werden dann gegenseitig unter dem Gesichtspunkt dieser Erwartungsstabilisierung vorgenommen, und alle Entäuschung von jeder Seite auf die Gegenseite zugerechnet. So eskaliert ein Integrationssog der Kommunikation, der in der Folge alles, aber auch alles in die double-bind-Verwicklung überführt und den Beteiligten keine Chance mehr gibt, auch nur ein verständiges Wort zu äußern.
So hatte Sebastian neulich ganz trocken bemerkt, dass die Klarheit der Kommunikation, sobald sie als Defizit beobachtbar wird, wie eine Geschlechtskrankheit wirkt: einmal eingefangen wird man sie nie wieder los.
Es sei denn, diese Geschlechtskrankheit der Kommunikation wird nicht mehr als Problembehandlungsroutine vollzogen, sondern selbst als Möglichkeit einer Lösung, die darin besteht, die Trollkommunkation nicht hinsichtlich ihres pathologischen Charakters zu beobachten, sondern sie zu banalisieren, indem man sie inflationär thematisiert. Ein solche Änderung könnte sich darin äußern, sich selbst als Troll zu beschreiben oder wenigstens dem Vorwurf der Trollerei nicht mit einem Gegenvorwurf zu begegnen. Eine Trollforschung funktioniert dann nur, wenn die Trollforscher sich als Trolle zu erkennen geben.
Der Friedensvertrag wäre dann eine Kommunikation zwischen Trollen, die Trollforschung betreiben und es folglich merkwürdig finden, wie Trollerei als defizitär behandelt werden könnte, da sie sich doch durch die Internetkommunikation als völlig normal phänomenalisiert.

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