Tricksen, täuschen, stören: Betrachtungen zur Internetkommunikation 3

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Die Unterscheidung von Stimmung und Ablauf dürfte daher für die Beurteilung einer Störkommunikation eine entscheidende Regelungsgröße sein, weil eine auf Funktionalität ausgerichtete Gesellschaft allen Operationen eine Funktion zuordnen kann. Das gilt auch für Störkommunikation, was nicht nur in der Wissenschaft, in Soziologie und Psychologie, nicht unbemerkt blieb, sondern überall, wo Konfliktkommunikation reflexiv funktionalisiert wurde. Man denke dabei an Stör- und Provokationskunst oder in der Politik, wo Störung in Debatten durch Regeln in Abläufe gebracht wird. Es geht dabei nicht darum, die Störung zu beseitigen, sondern darum, auch noch die Störung ordnungsfähig zu halten. Aber das geht, solange nur die Stimmung als störanfällig betrachtet wird. Diese Zugeständnisse an Störanfälligkeit sind vor allen Dingen da angebracht, wo Menschenkörper auf Menschenkörper treffen und wo entsprechende Affektbewegungen der Körper aufeinander ausgerichtet sind. Das gilt für Massenversammlungen genauso wie für überschaubare Gruppen und Zusammenkünfte. Diese Affektbewegungen, die dem einzelnen gar nicht vollständig zu Bewusstsein kommen, bilden in einer Gruppe oder in einer Masse die Mikrodiversität des erratischen Interaktionsgeschehen aus, das für ein Beobachtungsgeschehen Effekte für Stimmung erzeugt, welche auf die Körper affektiv und auf das Bewusstsein irritativ zurück wirkt. In jeder Versammlung sind solche Stimmungseffekte beobachtbar.
Das Störkommuniktion überhaupt als ordnungsfähig in Erfahrung gebracht werden konnte, hängt möglicherweise mit einem Beobachtungsschema zusammen, das Stimmung als durch Menschenkörper – und nicht allein nur Absichten und Motive – verursacht behandelbar macht, woraus sich der Schluss ziehen lässt, dass zur Ordnungsfindung der Menschenkörper selbst auf Ordnungstörung trainiert werden muss, damit die Störungsordnung funktioniert und als Regelung von Abläufen funktionalisiert wird. Ich denke dabei besonders an Trainingsmaßnahmen von Demonstranten, die vor Durchführung einer Sitzblockade das Weggetragenwerden von Polizisten einüben; übrigens sind es natürlich auch Polizisten, die ihrerseits das gleiche Training durchführen. Besonders auffällig wird ein solches Training zur Verhaltensabrichtung von Menschenkörpern im Bereich des sogenannten Personalcoachings für Unternehmen, durch welches die Stressfähigkeit der Mitarbeiter in Form von Stressexperimenten überprüft wird, was ja auch heißt mit Störung zu rechnen und entsprechendes Verhalten in Beobachtungsmuster niederzulegen um bemerken zu können wie Störung durch Stress funktioniert.
Könnte man diese Überlegung akzeptieren, dann wird beobachtbar, wie Systeme, die gelernt haben, auf Störung der Stimmung zu reagieren, gleichsam vollständig konfus reagieren, wenn statt der Stimmung die Abläufe gestört werden und eine enorme Beobachtungsunsicherheit hervor rufen. Als Beispiel dafür seien die jüngere Versuche der weißrussischen Opposition genannt, die es anlässlich einer Militärparade des Regimes geschafft hat, Applaus als akustisches Symbol der Ablehnung zu benutzen. Der Störungstrick bestand darin, mit Informationsdefiziten der Zuschauer zu rechnen, was dazu dazu führte, dass auch regimetreue Zuschauer, die über diesen Störungstrick der Opposition nicht informiert waren, die Gewalt der Staatsmacht zu spüren bekam, hatte diese doch den Applaus verboten. Der Sinn dieses Versuchs besteht darin, die autoritäre Staatsgewalt auch jenen Menschen vorzuführen, die der Opposition abgeneigt sind.
Ein anderes Beispiel könnte man an der Protestform einer ukrainischen Frauenbewegung ablesen. Dabei handelt es sich um junge Frauen, die mit Halbkörperentblößung ihren Unmut signalisieren. Hier geht es nicht nur darum, die Stimmung zu stören, was durch Zurschaustellung von Nackheit übrigens längst als eine Störungsordnung möglich machte. Erkennen kann man dies an den Irritationen um die Vollverschleierung von Frauen, die sich sehr zudringlich auf geregelte Abläufe im europäischen Geschlechterverhältnis auswirkt. Diese Protestform der ukrainischen Frauen hatte vor allen Dingen für Zuordnungsproblem in der Berichterstattung geführt, da schwer zu erkennen ist, wie eine Protestform, die dem Habitus nach eher auf Prostituierte schließen lässt, von Frauenrechtlerinnen betrieben wird.
Und besonders drastisch dürfte man die Störung von Abläufen an der neuesten Form des Terrorismus ablesen, der in seinen Auswirkungen die Frage aufwirft, ob dafür polizeiliche oder militärische Abläufe zuständig sind.
Meine Vermutung lautet, dass die Störung von Abläufen sich dämonisch, also unvorhersehbar und gleichsam durch keine Unterscheidungsroutine gedeckt, bemerkbar machen. Diese Störung von Abläufen kann umso besser und umso aufdringlicher irritieren, wenn nirgendwo eine Menschenversammlung affektiv auf Störung reagieren kann; und vermute daher, dass insbesondere das Internet solche Dämonien anhäuft. Es macht eine Form von Störkommunikation möglich, die Abläufe stört ohne auch Stimmung stören zu können, was insbesondere daher kommt, dass bei Internetkommunikaiton der Unterschied von Anwesenheit und Abwesenheit von Menschenkörpern nicht eindeutig ist.
Fortsetzung folgt