Die Zerrüttung der Dokumentform durch Massenmedien 1

Mehr als einmal habe ich auf diesem Blog die Annahme geäußert, dass es sich beim Internet nicht um ein Verbreitungsmedium handelt, aber als solches kann es, weil man es auf diese Weise noch nutzen kann, sehr wohl bezeichnet werden. Denn zunächst gilt für das Internet wie für jedes andere Verbreitungsmedium auch die Tatsache, dass räumlich verstreut lokalisierte Individuen ins kommunikative Geschehen einbezogen werden müssen. Sie müssen irgendwie zu Anschlussselektionen motiviert und zur Fortführung der Kommunikation verleitet werden. Damit entsteht das Problem der Erreichbarkeit, welches insbesondere dann größer wird, wenn der soziale Druck der Kopräsenz wegfällt, wenn also Kommunikationsteilnehmer nicht durch direkte Interaktion zur Annahme von Kommunikationsofferten gedrängt werden, sondern weit entfernt an einem Schreibtisch oder vor einem Bildschirm sitzen und ihre Beteiligungsbereitschaft jederzeit nach eigenem Ermessen abbrechen können.
Entscheidend ist mit Blick auf die strukturelle Kopplung der Kommunikation mit Individuen also weniger, dass Schrift, Buchdruck und elektronische Medien Kommunikationsinhalte transportieren; vielmehr geht es darum, dass eine Ermutigung zur Beteiligungsbereitschaft durch die spezifische Selektivität des Massenmediums erfolgt. Insofern könnte man die Überlegung anstellen, die besagt, dass der Kontingenzraum von Verbreitungsmedien nicht nur einen Unsicherheitsraum für die Annahme von Kommunikationsangeboten darstellt, sondern auch einen Möglichkeitsspielraum für die Wahl von Anschlussselektionen. Es sind die gängigen Verbreitungsmedien selbst, die eine Lösung des Erreichbarkeitsproblems bereitstellen, das durch ihren Einsatz erst hervorgerufen wird. Sie steigern einerseits zwar die innerhalb ihrer Sequenzialität stets vorhandene Ungewissheit, weil der Adressat sich jederzeit enthalten, das heißt das Buch beiseitelegen, den Brief unbeantwortet lassen, den Sender wechseln, den Computer ausschalten oder eine andere Seite anklicken kann. Gleichzeitig eröffnet der Einsatz von Verbreitungsmedien aber auch die Möglichkeit, sich zurückzuziehen, um Kommunikationsofferten eingehender zu prüfen, nachzudenken, sich zu vergewissern, zu beraten, weitere Quellen hinzuzuziehen und das Anschlusshandeln auf anders orientiertes Handeln zwischenzeitlich umzulenken.
Verbreitungsmedien führen entsprechend nicht nur zu einer räumlichen und zeitlichen Entkopplung von Mitteilung und Verstehen, sondern auch zu einem enormen Anstieg von Anschlussmöglichkeiten, wodurch sie die im Rahmen der Kommunikation vorhandenen Kontrollkapazitäten erweitern, allerdings nicht im Sinne einer determinierenden Steuerung des kommunikativen Geschehens, sondern im Sinne einer Reflexivitätssteigerung. Die Ausweitung der Kontrollkapazität beruht auf der Vermehrung der Adressaten, den erweiterten Vergleichsmöglichkeiten und der Möglichkeit, jederzeit zu anderen Themen, Quellen, Behauptungen, Ansätzen, Theorien, Angeboten, Partnern, Kooperationen usw. wechseln zu können. Es sind diese erweiterten Möglichkeiten, die freilich nicht erst mit dem Internet eingesetzt haben, die eine zunhemende und nicht rückgäng zu machende Wirkung auf die Zerrüttung der Dokumentform haben. Werden durch Verbreitungsmedien massenweise Dokumente erfolgreich verbreitet, führt dies notwendigerweise zu einem weiteren Anstieg von Verbreitungsnotwendigkeiten weiterer Dokumente.

So konnte schon im 16. Jahrhundert von Michel de Montaigne der ständig anwachsende Anstieg von Büchern als Plage bezeichnet werden, eine Klage die seitdem nichts von ihrer Eigenart verloren hat bis heute wiederholt zu werden.

 

Fortsetzung

Foto: Michel de Montaigne – Wikipedia

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5 Antworten

  1. [...] diese Dokumentation als Ergebnis eines Formbildungsprozesses selbst zum Ausgangsphänomen für die Zerrüttung der Dokumentform. Das ergibt sich auch einer, durch kein rationalisierbares Verfahren reduzierbaren Komplexität an [...]

  2. [...] formales Wissen hervorgebracht, die Fundamente dieses Wissens damit aber ebenso systematisch wieder ins Wanken gebracht und damit einen Anschauungsverlust ausgelöst, der sich überall, in der Mathematik, in der Physik, [...]

  3. [...] verstanden werden kann, liegt darin, dass das Internet die Dokumentstruktur entscheidend zerrüttet. Die Dokumenform entfaltet eine strukturierte und nichtrevidierbare Teilung des [...]

  4. [...] also Authentizität dringlich werden konnte. Mein Vermutung lautet, dass die Dringlichkeit mit der Zerrüttung derjenigen Form der Empirie wuchs, durch welche sich das Problemfeld [...]

  5. [...] Emprieform einer funktional differenzierten Gesellschaft katastrophal auseinanderbricht, weil der Zerrüttungsprozess seit der Industrialisierung durch das Internet auf einen Kulminationspunkt getrieben wird, kann [...]

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