Zur Diskussion über Politik, Moral und Letztbegründungen

von Kusanowsky

Nachdem mein Artikel „Koch oder Kellner – Paradoxien der modernen Politik“ bei weissgarnix einige Diskussionen verursacht hat, wird es Zeit für eine Diskussion über diese Diskusssion.

Was man zunächst feststellen kann ist, dass sich eigentlich nichts Brisantes ereigent hat: verschiedene Beteiligte tragen verschiedene Meinungen über verschiedene Selektionsleistungen vor, deren Legitimität an keiner Stelle und von keinem der Beteiligten bestritten wird. Wie könnte das Gegenteil auch angehen? Weshalb sich einige Diskutanten, da Legitimitätsfragen im modernen Staat performativ nur schwer problematisierbar sind und Meinungsäußerungsverbote fast nicht durchgesetzt werden können, auf das moralische Diskutieren verlegen, indem sie dem kritisierten Autor die Wertschätzung versagen, wodurch der Fortgang der Diskussion aber keineswegs blockiert wird. Außerdem kann man feststellen, dass der performative Selbstwiderspruch nicht an der selben Stelle beobachtet werden kann, an welcher er entsteht: da die Legitimität der Gesprächspartizipation außer Frage steht, können nur Geringschätzungsurteile über Wortwahl, Stil und Sprachdesign moniert werden und dies auf einem stilistischen Niveau, das an seiner Untergrenze kaum eine weitere Ebene mehr zulassen kann. Das Recht auf Meinung wird hier wie woanders auch in demokratischen Verhältnissen mit dem Recht auf Urteilslosigkeit verwechselt. Und wo diese Beobachtung unzutreffend erscheinen mag kann man wenigstens noch von normalen Affektstörungen sprechen, die im Sprachhabitus beobachtbar werden, wenn den Beteiligten ihre intellektuelle Überforderung selbst suspekt erscheint.

Es wird einem ja auch sehr einfach gemacht, da der Verlust von Letztbegründungsvorbehalten keineswegs dazu führen muss, Letztbegründungen vorzutragen. Im Gegenteil. Ein Beobachter, der sich auf Normativität in Strukturbildungszusammenhängen bezieht kann jederzeit und berechtigtweise den Verzicht auf Normativität selbst als solche bezeichnen und seinem alter ego eben jenen Vorwurf machen, gegen welchen er sich selbst immunisiert. Das gewöhnliche daran ist ein beobachtbarer Mangel an Lernbereitschaft, wobei es sich allerdings nicht um ein unzulässiges Defizit handelt, dessen Behebung eine vordringliche Aufgabe sei. Ein Mangel an Lernbereitschaft ist auch funktional von Bedeutung, sorgt er doch dafür, dass die diesem Mangel unterliegenden Gewissheiten gleichsam selbst-parasitär ihren Kontext auf eine Weise strukturieren, der Abweichung durch Wiederholung derselben Gewissheiten immer wahrscheinlicher macht. Das scheint mit der wichtigste Grund dafür zu sein, weshalb das sogenannte „freie Wort“ unverzichtbar bleibt. Nicht mehr ist damit aber noch ein Recht auf Irrtum gemeint, wie dies im 18. Jahrhundert von Demokratieoptimisten postuliert wurde: „Ich verachte Ihre Meinung“, schrieb Voltaire, „aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen.“ Ein moderner Kämpfer für Meinungsfreiheit versteht einen solchen Optimismus nicht mehr.

Die zivilisatorischen Effekte der sozial konditionierten Veränderungen in der anthropogenen Umwelt lassen eine solche Affekthemmung nicht mehr zu. Stattdessen scheint gerade die Enthemmung der Affekte von einer typischen und systembedingten Trivialisierung der Umwelt zu zeugen, die, entgegen landläufiger Ansicht, nicht dazu führt, dass die Menschen immer dümmer werden. Vielmehr scheint mir die Überlegung bedenkenswert, dass wir es mit der Trivialisierung einer systeminternen Umwelt zu tun haben, die in der Konsequenz zu einer Verstärkung der Reflexivität führt, da Abweichung aufgrund dieser Trivialität mehr und mehr die Beobachtung zu faszinieren vermag. Die Verdummung der sozialen Systeme geht nicht notwendig einher mit der Verdummung von Menschen. Allerdings handelt es sich hier wie auch in anderen Fällen um die Inkaufnahme eine Risikos, da kein System seine Zukunft vorhersagen kann; und darum keineswegs gewiss ist, ob solche Systemstrategien tasächlich in der Überwindung eines überlieferten Paradigmas münden.

Keiner mehr kann seine Moral auf andere durchsetzen. Und was geschieht, wenn nicht einmal Geringschätzung und Beleidigung den Fortgang der Kommunikation zu blockieren vermögen? Daraus würde dann andersherum, durchaus in normativer Hinsicht, der Gedanke resultieren, dass man das, was ohnehin nicht unterbunden werden kann, auch nicht mehr als Defizit begreift, was heißen könnte: Alles als Argument zu betrachten, dazu zählte dann die einfache Beleidigung genauso wie der verleumderische Rufmord. Auch die Beschimpfung als Substitutionsmaßnahme der Verständigungsbereitschaft wäre dann legitim. Die Behauptung, dass die Entartung aller Moral nur degressiv wirken kann, hat bislang jedenfalls keine empirische Relevanz.

Vgl. dazu Koch oder Kellner – Paradoxien der modernen Politik

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