Differentia

Virtualität und strukturelle Koppelung

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Die spezifischen Elemente von psychischen Systemen sind Gedanken und Vorstellungen. Gedanken und Vorstellungen sind Ereignisse, die mit ihrem Auftauchen wieder verschwinden. Gedanke reiht sich an Gedanke. Das psychische System produziert die Gedanken, und als ein ein autopoietisches System wird es deshalb aufgefasst, weil es dauernd neue Gedanken produziert; und: es kann nur denken, sonst nichts. Wie auch andere Systeme, so kann das psychische System nicht ohne seine Umwelt existieren. Man kann ohne Gehirn, ohne Körper, ohne alle sonstige Umweltkomplexität keine Gedanken fassen. Dabei setzen psychische Systeme bestimmte Umweltbedingungen voraus. Das Gehirn befindet sich, systemtheoretisch gesprochen in der Umwelt des Bewusstseins und dieses existiert nur in der Umwelt des organischen Systems. Die Gehirntätigkeit besteht nicht darin, Gedanken zu produzieren; das Gehirn denkt nicht! Warum? Weil bei der Produktion von Gedanken das Bewusstsein auf bestimmte Gehirntätigkeiten angewiesen ist. Die Messung von Gehirnströmen verrät nicht, was das Bewusstsein denkt und von den Gedanken lassen sich keine Rückschlüsse ziehen, welche Gehirnprozesse aktiv sind. Andernfalls könnte keine Hirnforschung funktionieren, weil das Gehirn über sich selbst immer schon alles wüsste. Aber es weiß über sich selbst rein nichts, ist nicht zur Selbstbeobachtung fähig.

Das Gehirn ist für das Bewusstsein unzugänglich wie das Bewusstsein für das Gehirn. Sie gehören unterschiedlichen Systemen an: das Bewusstsein dem psychischen System, das Gehirn dem organischen System. Das Bewusstsein kann immer neue Ordnungsebenen erreichen, das Gehirn nicht. Das Erreichen qualitativ neuer Ordnungsebenen wird als Emergenz bezeichnet. Dabei wird im Sinne von Emergenz festgelegt, dass das Ganze etwas anderes ist als die Summe der Elemente, aus denen es hervorgegangen ist. Es enstehen qualitativ neue Eigenschaften aufgrund der spezifischen Form der Vernetzung seiner Elemente. Durch die funktionale Differenzierung entsteht eine Reduktion von Komplexität, um eine klare Abgrenzung zur Umwelt zu gewährleisten.

Dies berührt dann auch die Frage nach der Virtualität. Das psychische System braucht um sich entwickeln zu können, Einflüsse von außen, jedoch werden diese Einflüsse der Umwelt nicht einfach in das psychische System hineinprojiziert, sondern Eindrücke, die aus der Wahrnehmung von Unterschieden resultieren, erzeugen einen Impuls, der dann wiederrum eine Irritation im Gehirn verursacht. Damit das aber funktioniert muss gleichzeitig eine Auslagerung potenzieller Sinnverknüpfungen in schon entwickelten Sinnstrukturen erfolgen, die gebraucht werden, um eine Inversion zeitlicher Abfolgen zu ermöglichen. Der Impuls selbst findet nicht im psychischen System statt, sondern aktualisiert nur aus dem Bereich virtueller Sinnverknüpfungen die jeweils aktuell akzeptable Variante, die über die strukturelle Koppelung zur Herstellung jener Bedingungen beiträgt, durch die diese selbst erst wieder möglich werden.

Welchen Sinn macht das Gehirn

Noch immer finden sich ab und zu Gesprächszirkel, in denen verwirrende Diskussion über die Frage nach dem Verhältnis von neuronalen Strukturen und dem Zustandekommen von Gedanken geführt werden. Verwirrend sind solche Diskussion gerade deshalb, da der Aspekt der „Sinnhaltigkeit“ von Gedanken in dieser Diskussion nicht gesehen wird. Deshalb sei hier zum Versuch der Klärung einige Erläuterungen gegeben, die in der Sache vielleicht weiter helfen.

Sinn ist das Medium der psychischen und sozialen Bedeutungsgebung. Alles, was gedacht und kommuniziert wird, liegt in Form von Sinn vor. Das bedeutet, dass es innerhalb der beteiligten psychischen und sozialen Systeme eine aktuelle Bedeutung hat, die aus einer Vielfalt von möglichen Bedeutungen, die in Zukunft ebenfalls aktualisiert werden können, ausgewählt wurde. Das Medium Sinn leistet eine strukturelle Kopplung von Bewußtsein und Kommunikation. Sinn ist Medium insofern, als es Formbildungen in einem System ermöglicht und in Wahrscheinlichkeit transformiert, Formbildungen, die durch das Prozessieren des jeweils anderen Systems ausgelöst wurden. Damit wird die Gesamtmöglichkeiten des Mediums Sinn eingeschränkt.

Was als Medium bezeichnet wird, wird immer nur dort greifbar, wo strukturelle Kopplung in Sinn umschlägt und umgekehrt, wo strukturelle Kopplung Sinn erzeugt, der strukturelle Kopplung ermöglicht. Dabei kann man annehmen, dass diese Kopplung sich zunächst virtuell, dann aber real konkretisierbar externalisiert. Das Medium ist die zunächst virtuelle dritte Position, die Bewußtsein und Kommunikation strukturell koppelt. Will man sich Sinn wie eine Art Fluidum vorstellen, das beide Systemtypen umgibt, so schlägt das Medium jene Wellen, die gleichzeitig, also in demselben Phasenmoment, hier wie dort als Sinn anschlagen.
Medien leisten die strukturelle Kopplung so, dass Sinn aus struktureller Kopplung und aus dieser wiederum Sinn hervorgeht. In diesem Zusammenhang wird dann auch der Begriff der Autopoiesis zur Beschreibung von psychischen und soziale Systemen relevant. Auch Bewußtseinssysteme  operieren autopoietisch. Die kleinsten Einheiten in jenen Systemen sind ,Gedanken`. Diese werden ständig aufs Neue reproduziert, da sie, kaum dass sie aufgetaucht sind, auch schon wieder verschwunden sind. Damit das Bewußtseinssystem imstande ist, Gedanken herzustellen, bedarf es organischer Ressourcen. Diese Ressourcen beschafft das System aus seiner neuronalen Umwelt. Das heisst aber nicht, dass das Gehirn an sich Gedanken herstellt; dies macht das Bewußtseinssystem. Jedoch ist das Bewußtseinssystem auf Gehirntätigkeiten angewiesen; diese Beiträge sind Voraussetzung für die Gedankenproduktion. Trotzdem arbeiten Bewußtsein und Gehirn isoliert voneinander und sind füreinander Umwelt. Dieses Abhängigkeitsverhältnis bezeichnet man dann als „strukturelle Kopplung.“

Fortsetzung

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