Was ist ein Argument? Der Troll als Aufklärer

von Kusanowsky

Kuinzig, das bedeutet, einen hinters Licht zu führen, aber anders als sonst das Wort gebraucht wird. Wenn du im Licht stehst, siehst du nichts; wenn du hinter dem Licht stehst, siehst du alles. Kuinzig sein bedeutet also: sich selbst oder einen anderen hinters Licht führen.

(„Heidegger minor“ in: Zimmermann, Martin und Fritz Heidegger. Philosophie und Fastnacht, zitiert nach: Kienzler, Kuinzig – Heideggers Umgang mit einem Wort)

(http://neonleuchte.blogspot.de/2012/11/ein-schelm-als-kuinziger-zeitgenosse.html)

Im Januar 2011 berichtete die Frankfurter Rundschau über einen amerikanischen Galeristen und Hobbymaler, der mit einem bemerkenswerten Trick Anerkennung fand: er fälschte Bilder von bekannten Malerpersönlichkeiten und bot sie über Mittelsmänner erfolgreich verschiedenen Museen als Geschenk an. Als man nach einiger Zeit schließlich herausfand, dass es sich um Fälschungen handelte, bemerkte man zugleich, dass kein Betrug vorlag, weil es unverbindliche Geschenke waren. Damit wurde die philosophische Nachdenklichkeit eines Museumsdirektors angeregt, der dann diesem Maler eine eigene Ausstellung widmen wollte.

Diese Geschichte macht den Unterschied zwischen einem Aufklärer und einem Betrüger deutlich. Beide maskieren sich, aber anders als der Betrüger rechnet der Aufklärer nicht damit, dass er dauerhaft unerkannt bleiben könnte, weshalb er im Voraus die Bereitschaft zeigt, sich selbst einen möglichen Schaden zuzurechnen. Wenn nun im Fall der Aufklärung bemerkbar wird, dass kein Schaden entstanden ist, bleibt nur der folgenlose Irrtum als Möglichkeit der Irritation und damit eröffnet sich ganz automatisch ein Horizont des Nachdenkens über die Bedingungen der Möglichkeit des Irrtums, aber auch über die Möglichkeit des Betrugs. Zu welchen neuartigen Ergebnissen das auch immer führen mag, der Betrüger vermag solches nicht. Warum eigentlich nicht?

Vermutlich liegt das daran, dass ein Betrug deutlich macht, wie sehr das beim Betrug verwendete Beobachtungsschema dem des ehrlichen Geschäftes ähnlich ist. In beiden Fällen wird die Unterscheidung von ehrlich und unehrlich benutzt und beiden Fällen wird eine Zurechnung im Falle des Erfolgs nur einseitig vorgenommen, nämlich in der Weise, dass der Betrüger die Schuld – und damit den Schaden – nur auf andere zurechnet, niemals auch auf sich selbst, sind doch die anderen selbst schuld, wenn sie sich täuschen lassen.

Im umgekehrten Fall wird der Gewinn einseitig zugerechnet gemäß der Maxime, dass die anderen gut daran taten, der Geschäftsofferte zu vertrauen: „Ich bin ja auch ehrlich“. Findet man aber heraus, dass die behauptete oder erwartete Ehrlichkeit gelogen war, rechnet man dem Betrüger wiederum einseitig das Scheitern der Beziehung zu, wodurch verdeckt wird wie „unehrlich“ diese Zurechnung ist. Und um diesen Zusammenhang zu verschleiern, kann die Aufklärung des Betrugs nicht aufklärerisch wirken, weil der Betrugs-Aufklärer alles daran setzen muss, sich dem Selbstverdacht der heimlichen Komplizenschaft zu entziehen.Der eingangs erwähnte Kunstfälscher entzieht sich diesem Beobachtungsgeschehen, in dem er sich diesem Beobachtungsschema verdeckt aussetzt, aber im Falle der Aufklärung zugleich eine doppelte Zurechnung eröffnet, wodurch etwas anderes als eine von beiden im Beobachtungsschema enthaltenen Optionen zum Vorschein kommt, also weder Ehrlichkeit noch Unehrlichkeit, sondern etwas, das sonst nur schwer anzubringen ist, nämlich: ein Argument. Daraus könnte allgemein folgern: ein Argument ist nur möglich, wenn Täuschung möglich wird, die keine Enttäuschung nach sich zieht.

Nimmt man diese Überlegungen ernst und behauptet man allgemein, dass nur argumentieren kann, wer nicht auf eine wie auch immer gerartete Vernunft der eigenen Meinung besteht, so könnte man sagen, dass Internet-Trolle besser geeignet sind, das Internet verstehbar zu machen als jeder Psychologie-Professor. Allerdings wären Methoden der Professinalisierung zu erlernen und ich möchte vermuten, dass die ersten Ansätze dazu im Bereich des cultural hacking zu finden sind, allerdings – wie mir scheint – kommen die ersten Versuche sehr keusch daher, was sicher kein Wunder ist, da selbst schon die keuscheste Form nicht risikolos ist und insbesondere auch Anforderungen der Reputationssteigerung gerecht werden muss, weil darin der entscheidende Attraktor besteht. Entsprechend müsste man damit rechnen, dass die erfolgreiche Professionalisierung von Internet-Trollen nicht durch universitäre Psychologen und Medienpädagogen ermöglicht werden kann, weil diese dort operierenden Programme Zurechnungen nur einseitig ermöglichen. Gewinn nur für den Professor und für diejenigen, die sich den Bedingungen unterwerfen, unter denen Beamten-Karrieren möglich sind. So aber funktioniert Aufklärung nicht. Alle Aufklärung muss doppelte Zurechnung und damit auch doppelte Erfolgschancen ermöglichen; und muss, wie eingangs erwähnter Kunstfälscher, aufgrund der eigenen Tarnung auch damit rechnen, erfolglos zu bleiben. Dieses Risiko ist aber keinem Wissenschaftsbeamten zuzumuten.

Aus diesem Grund ist der faustische Habitus der abendländischen Gelehrsamkeit nicht mehr argumentationsfähig.

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