Plattformneutralität oder Beobachtung des Orwellschen Beobachters?

Bereits am 10. Mai hat Michael Seeman in seinem Blog einige programmatische Überlegungen zur Politik einer herrschaftsfreien Kommunikation formuliert, die man mit einiger Flappsigkeit als ein Habermas-Update unter erschwerten Bedingungen apostrophieren könnte. Tatsächlich ist das Anliegen gar nicht abwegig, wenn man bedenkt, wie sich durch die Akzeptanz des Internets die Beobachtungsverhältnisse ändern, unter denen die Beteiligten lernen müssen, mit geänderten Sozialstrukturzusammenhängen zurecht zu kommen.

In dieser Hinsicht liegt es nahe, angeschwemmte Reste bereits diskutierter Vorschläge wie sie von Habermas formuliert wurden, noch einmal aufzusammeln um zu schauen, welche Teile davon übernommen und welche modifiziert werden können. Die von Seemann skizierte Plattformneutralität „geht davon aus, dass jede Kommunikation auf mehreren Plattformen stattfindet. Jeder Markt, jedes Gespräch, jeder Telefonanruf und jeder Chat basiert auf mehr als einer sozialen, ökonomischen, technologischen Infrastruktur. Jede Kommunikation hat mehrere vertikal übereinander geschichtete Layer zur Grundlage und es reicht niemals aus, nur die Neutralität einer dieser Plattformen zu sichern, sondern man muss alle in den Blick nehmen. Plattformneutralität versucht jede Engführung, jeden Flaschenhals und jedes Machtgefüge auf den jeweiligen Layern der Kommunikation zu identifizieren und zu beseitigen.“ Soweit die vorgeschlagene Definition.

Die Argumente sind im ganzen gar nicht schlecht, insbesondere seine Analysen über die Notwendigkeit von Ablöseprozessen aus Strukturzusammenhängen wie sie durch die Entwicklung der Industriegesellschaft  entstanden sind und bis heute soziale Unterscheidungsroutinen verfestigen, die sich einer unerschrockenen Betrachtungen des Internets widersetzen. Gemeint sind hiermit Unterscheidungen wie Privatheit und Öffentlichkeit, Arbeit und Kapital, Freiheit und Sicherheit, die durch die veränderten Beobachtungsverhältnisse einer Neubewertung unterzogen werden müssen. Die bei Seeman formulierte Plattformneutralität wirkt in dieser Hinsicht als ein brauchbarer Begriff, weil er aufgrund eines Mangels an semantischer Belastung selbst als „neutral“ erscheint und damit gut geeignet ist, einen Horizont an neuen Beurteilungsmöglichkeiten aufzureißen, ohne dabei in Argumentationsschleifen zu geraten, die in der Vergangenheit dem Streit um des Kaisers Bart sehr ähnlich sahen.

In diesem Zusammenhang verwundert es dann aber doch, warum der längst abgebrandte Tempel einer „herrschaftsfreien Kommunikation“ noch einmal aus seinen Ruinen auferstehen sollte, da doch der Gedanke etwas exotisch erscheint, warum ausgerechnet mit der Entwicklung des Internets die Versprechungen erfüllt werden könnten, die durch keine normative Theoriebildung, auch nicht durch die Habermassche, jemals erfüllt wurden.
Freilich, Seemann geht es um den Freiheitsspielraum des Individuums, der sich durch Kontrollverlust erweitern könnte, sofern nur die sozialen Bedingungen vom Klammergriff monopolartiger Kontrollmechanismen eines Orwellschen Beobachters befreit werden könnten. Aber eine Politik, die sich solches vornimmt hat außerhalb der Bedingungen, unter denen sie sich durchsetzen kann, keine anderen anderen Möglichkeiten als diejenigen, die sich ihr historisch überliefert bieten. Sie müsste, will sie die Welt ändern, damit einverstanden, dass die Welt bleibt, wie ist. Wollte sie das nicht akzeptieren, unterwirft sich eine solche Politik selbst ein Kontrollzwang, der nicht zulässt, dass die Welt, so wie sie ist, auch ganz anders sein könnte.

Trotzdem ist die Problemstellung bei Seemann ernsthaft zu betrachten. Aber reicht es aus, bei Sisyphos Ratschläge zur Herstellung einer besseren Welt einzuholen? Mir scheint, dass die Bedingungen das gar nicht zulassen. Es geht unter dem Stichwort „next society“ um die Möglichkeit neuer Bedingungen von Kontingenzerfahrung, und es scheint wenig hilfreich zu sein, sich ausgerechnet von denen beraten zulassen, die die niedergehende Industriegesellschaft niemals vom Standpunkt ihrer Gesamtmöglichkeiten aus betrachteten, sondern nur so, wie sie zu sein habe: rational und humanistisch, nicht bemerkend, dass dies auch in theoretischer Hinsicht dem Nachdenken unzumutbare Hürden auferlegt. Wäre das ein guter Anfangspunkt, um damit einen so hübschen Begriff wie Plattformneutralität ohne Not zu kontaminieren?

Die Kontrollmechanismen eines Orwellschen Beobachters können nicht einfach überwunden werden, solange man sich ihnen gegenüber geringschätzend verhält, weil solche Art der Geringschätzung durch Angst getrieben scheint. Wollte man allerdings auch den Verlust der Angst zugestehen, dann bliebe die Möglichkeit übrig, die Schwachstellen des Orwelschen Beobachters auf ihre Anpassungsfähigkeit zu überprüfen. Ob dies eine Sache der Wahl ist, wird wohl nicht von Interesse sein können, weil niemand gefragt werden kann, was als nächstes passieren wird. Wäre es deshalb nicht besser, statt eine Plattformneutralität durchzusetzen, zuerst die Bedingungen zu verstehen, unter denen sie möglich wird, soll heißen: den Orwellschen Beobachter zu beobachten?