Abweichung, Störung, Manipulation – Überlegungen zur Empirieform der modernen Gesellschaft 6

von Kusanowsky

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Der spezifische Charakter der Erfahrungsbildung der modernen Kulturform war schon immer von ihren Möglichkeiten abhängig, die es erlaubten, auf Abweichung, Störung und Manipulation durch Reintegration ihrer Erfahrungsstrukturen zu reagieren, indem es gelang die Obszönitäten, die durch Abweichung, Störung und Manipulation entstanden, auf einen noch unvollendeten Prozess der Entwicklung von Wissen zuzurechnen. Wenn sich nicht der Unverstand von Menschen als Ursache für Störungen aller Art erhärten ließ, was bis heute häufig genug als der Weisheit letzter Schluss betrachtet wird, so kam immerhin die Hoffnung auf die Entfaltung und Verwirklichung von „Menschenvernunft“ durch den Fortschritt des Wissens noch in Frage.

Es dürfte keineswegs eine riskante Vermutung sein, wenn man diese Fähigkeit der Verschiebens von Defiziten auf die spezifischen Bedingungen der Möglichkeit solchen Wissens auf die massenmediale Verbreitung der Erfahrungsbildung entlang der Dokumenstruktur zurück bezieht. Denn  Massenmedien schaffen im kantischen Sinne eine „transzendentale Illusion“, was nichts anderes heißt, als dass Massenmedien die Bedingung der Möglichkeit von Beobachtung der Welt sind, die es, wenn sie auf diese Weise entsteht, nicht zulässt, dass eine andere Möglichkeit der Beobachtung entstehen könnte. Denn es sind nicht Massenmedien der Grund für eine Verzerrung der Realität, so häufig dies auch immer durch diese selbst verbreitet werden konnte, sondern andersherum: alle Beobachtbarkeit einer verzerrten, manipulierten Realität unterstand immer den Stabilitätsgarantien von Unterscheidungsroutinen, die hartnäckig erwartbar machten, was als Defizit ausgeschlossen war: die Lücke, die Unvollständigkeit, der Widerspruch, aber auch Vertauschungen, Verdrehungen, Verwässerungen wie auch immer als mutwillig, fahrlässig oder irrtümlich unterstellbar.
Gemäß dieser spezifischen Empirieform der modernen Gesellschaft kommt es zu einer Verdopplung von Realität. Einerseits gibt es die Realität der massenmedialen Technologie: Es wird gedruckt, gesendet, gelesen, Sendungen empfangen. Diese technischen Operationen, gleichwohl strukturierend und begrenzend für die Massenkommunikation, sind keine Kommunikationen im Bereich des Systems der Massenmedien, obwohl sie andererseits als solche im Bereich der Massenmedien als Kommunikationen behandelt werden. Damit entsteht eine Differenz zwischen dem Gesagten und dem Gemeinten, für deren Herkunft notwendig Umweltressourcen haftbar gemacht werden müssen.
Die Massenmedien als einer Einrichtung der Gesellschaft, die sich zur Verbreitung ihrer Dokumente technischer Mittel der Vervielfältigung bedienen zeichnen, sich dadurch aus, dass zum Zeitpunkt der Produktion von Dokumenten ein noch weitgehend unbestimmter Adressatenkreis erwogen werden muss. Entscheidend dafür ist die Bedingung einer Verbreitungstechnologie der Serialität, denn erst die serielle Herstellung von Dokumenten – verstanden als ein die Kommunikation übertragendes Produkt –  schafft einen genügend großen Zeitspielraum, um sich über Störungen des kommunikativen Ablaufs irritieren zu können. Daher führt die große Zahl unbestimmter Adressaten für massenmediale Produkte zu einem Überschuss an Kommunikationsmöglichkeiten. Die so entstehende Kontingenz bedingt einen Zwang zur Selektion. Da die Empfänger des Produkts unbestimmt sind, kann der Sender nur Vermutungen über die Akzeptanz der Inhalte seiner Kommunikationen bei den Empfängern anstellen. Massenmedien müssen also ihre Produkte so gestalten, wie sie vermutlich vom Publikum akzeptiert, also gelesen, gesehen, gehört werden. Dies führt einerseits zu Standardisierung, andererseits auch zu Differenzierung der massenmedialen Kommunikation.

Standardisierte Kommunikation kommt im System der Massenmedien bei Nichtakzeptanz durch einige Empfänger nicht gleich zum Erliegen, denn sie hängt nicht mehr von direkter Interaktion ab. Sie kann sich ihre Empfänger suchen. Medienprodukte suchen sich ihr Zielpublikum. Jeder Empfänger kann sich aus dem Kommunikationsangebot auswählen was er will, bzw. was er aus irgendwelchen Gründen aufnehmen zu müssen glaubt. Die ausschlaggebende Errungenschaft, die zur Ausdifferenzierung eines Systems der Massenmedien führte, war die Erfindung von Verbreitungstechnologien, die die Relevanz von Interaktionen unter Anwesenden wirksam ausschließen. Das Gelingen von Kommunikation hängt damit nicht mehr von direkter Interaktion ab, sondern die Präsenz dieser neuen Kommunikationen wird nur noch quantitativ wahrgenommen. Das heißt die Präsenz von Massenkommunikation bemisst sich nach Auflagen, Einschaltquoten, Anschlüssen, nicht aber durch rückwirkende Kommunikation und Konnektivität. So entsteht ein unabhängiges, sich selbst reproduzierendes System, das seine Operationen nicht zur Herstellung von Kontakten zur Interaktion verwendet, sondern zur systemeigenen Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz mit allen dazugehörenden Quellen für für Abweichung, Störung und Manipulation. (Weiter)

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