Differentia

Monat: April, 2010

„Schauplätze“. Untersuchungen zur Theorie und Geschichte der Dispositive visueller Medien

Jörg Brauns: „Schauplätze“. Untersuchungen zur Theorie und Geschichte der Dispositive visueller Medien

Das zentrale Problem der Arbeit ist die Untersuchung der Rolle von Orten und Räumen für die Evolution bestimmter visueller Medien im 19. Jahrhundert. Die historische Schwelle wird mit der Erfindung des Panoramas, der Geburt der Passage und der Reform der Bibliothek um 1800 markiert. Ausgehend von der Systemtheorie Luhmanns und dem französischen Poststrukturalismus (Baudry, Lyotard, Foucault) entwickelt die Arbeit dazu einen Begriff des Dispositivs, der zur Untersuchung des Verhältnisses von Objekt, Betrachter und Apparat verwendet wird. Im Mittelpunkt steht dabei das Wechselverhältnis von Wahrnehmung und Kommunikation. Mit Bezug auf Kants »Kritik der Urteilskraft« wird dabei ein neuer Vorschlag für den Code des Kunstsystems ? gestaltet/nicht gestaltet ? entwickelt. Die zentralen Begriffe für die Definition des Dispositivs sind Abschirmung, Distanzierung und Inszenierung. Damit wird der Versuch unternommen, die Frage des Raumes in der Systemtheorie zu klären. Die historische Analyse beschreibt die Entwicklung vom Theater zum Kino im 19. und frühen 20. Jahrhundert und fokussiert dabei vor allem auf das Festspielhaus Wagners in Bayreuth. Abschließend wird der Beitrag der Warenhäuser und des Schaufensters zur Evolution des Wirtschaftsystems untersucht.

Der Zettelkasten der Gesellschaft

Carsten Zorn: Der Zettelkasten der Gesellschaft. Medientheorie als Gesellschaftstheorie: Eine Luhmann-Relektüre

Die Dissertation hat die – gegenwärtig noch buchstäblich ›gestückelte‹ – Medientheorie Niklas Luhmanns zum Gegenstand, seine zum Teil ausgesprochen heterogenen und bislang oft untereinander noch ganz unverbundenen Medienbegriffe bzw. medientheoretischen Teilstücke also: den funktionalen Bezug des Medienbegriffs auf die »Unwahrscheinlichkeit von Kommunikation«; die Theorie der »Verbreitungs-« und die der »Erfolgsmedien«; die Medium/Form-Unterscheidung; die Behandlung von Medien als »strukturelle Kopplungen« zwischen dem Gesellschaftssystem und seiner (vor allem menschlichen) Umwelt.

Ziel der Arbeit ist es zunächst, eine ganze Reihe bisher ungenutzt gebliebener kultur- und gesellschaftstheoretischer Erklärungspotentiale dieser Medientheorie(n) zu erschließen, also sichtbar und auch nutzbar zu machen. So wird im Laufe der Untersuchung dann aber vor allem deutlich, dass Luhmann mit seinen vielfältigen Anschnitten (seiner ›Verzettelung‹ gewissermaßen) des Medienbegriffs die Grundlagen für ein eigenes gesellschaftstheoretisches Programm gelegt hat: Es zeigt sich, dass sich auf ihrer Grundlage ein eigenständiger Zusammenhang von gesellschaftstheoretischen Problemstellungen und Hypothesen entwickeln lässt. Und dieses Programm erweist sich zudem insoweit auch als ein Gegenprojekt zum bisherigen gesellschaftstheoretischen Programm Luhmanns, als es unter anderem nahe legt, dass die Untersuchung der aktuellen gesellschaftlichen Differenzierungsform (»funktionale Differenzierung«), auf die Luhmann sich noch konzentriert hatte, eine – wenigstens langfristig – gesellschaftstheoretisch weitaus weniger aufschlussreiche Programmatik darstellt, als eine systematisierte Untersuchung medial bedingter evolutionärer Trends im Gesellschaftssystem etwa sie darstellen würde.

Um die in den vielfältigen Medientheorien Luhmanns bislang erst in ›verzettelter‹ Form sozusagen vorliegende alternative Theorieprogrammatik allmählich lesbar werden zu lassen, konzentriert sich die Arbeit zunächst darauf, neue Zusammenhänge und noch ungesehene Beziehungen zwischen den genannten Teilstücken von Luhmanns Medientheorie heraus zu arbeiten – in genauen Lektüren aller einschlägigen Texte Luhmanns zu diesen ›Theoriestücken‹ sowie vieler verstreuter Passagen, die sie im Kontext anderer Fragen und ›Theoriestücke‹ behandeln.

Um Luhmanns Medientheorie(n) als sein zweites Gesellschaftstheorie-Projekt, eine – zum Teil konkurrierende – Theorie in der Theorie gewissermaßen lesbar machen zu können, bedient die Arbeit sich außerdem eines spezifisch kulturwissenschaftlichen Verfahrens der Text-Lektüre. Ein bestimmter Ausschnitt von Luhmanns Wirken und Werk wird als Schlüssel zum Zusammenhang dieses Alternativprojekts gelesen: Man findet diesen theorieprogrammatischen Zusammenhang, so wird gezeigt, sozusagen vorweg genommen, allegorisch verdichtet und sinnbildlich verkörpert in Luhmanns ›Zettelkasteniana‹ – in seinen legendären Bemerkungen zu seinem Zettelkasten (in zahlreichen Interviews, aber auch in einer eigens diesem Thema gewidmeten Publikation) also sowie vor allem im dort dargelegten Anteil dieses »Universalinstruments« (Luhmann) an der Theorieentwicklung.

Wertvoll werden die ›Zettelkasteniana‹, genauer gesagt, vor allem wenn man die darin dargelegten Verhältnisse zwischen Zettelkasten, Theorieentwicklung und dem Theorie-Autor Luhmann als allegorische Veranschaulichung der – in Luhmanns Theorie verhandelten – Verhältnisse zwischen den Medien, dem Gesellschaftssystem und dessen (vor allem menschlicher) Umwelt liest: Nimmt man zur Kenntnis, wie sich demnach sein eigener Anteil und der Anteil seines Zettelkasten an der Theorieentwicklung allmählich verschoben hat (je länger Luhmann mit dem Zettelkasten arbeitete), so werden vor allem alle Theoreme und Formulierungen Luhmanns in noch einmal ganz anderer Weise entzifferbar, die medial bedingte evolutionäre Veränderungen im Verhältnis zwischen Gesellschaftssystem und menschlicher Umwelt behandeln.

Im Sinne und im Dienste der Grundhypothese – wonach in Luhmanns Medientheorien die Grundlagen gelegt sind für die Ausarbeitung einer ›anderen‹ Gesellschaftstheorie (einer Gesellschafts- als Medien-, bzw. einer Medien- als Gesellschaftstheorie) – richten sich die Suchbewegungen der Studie aber auch noch in andere Richtungen. Es geht darüber hinaus ganz allgemein darum, Kontingenzen in der Architektur wie in der Formulierung der Theorie auf eine entsprechende alternative Ausarbeitung hin zu befragen. So geht es etwa auch darum, dass Luhmanns Gesellschaftstheorie in ihrer aktuellen Anlage schon überall, in all ihren zentralen Problemstellungen, ganz unmittelbar auf den Medienbegriff als zentrale Antwort verweist.
Und nicht zuletzt geht es darum, »Mediengesellschaftswissenschaft« sozusagen als eine mögliche Alternative zur heutigen »Medienkulturwissenschaft« kenntlich zu machen.

http://opus.kobv.de/euv/volltexte/2008/25/

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