WIKI – Wie im Kindergarten 2

von Kusanowsky

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Das Ringen um die Umformatierung der Dokumentstruktur 

Am Beispiel von Wikipedia kann man zweierlei sehr deutlich erkennen. Erstens wird durch die Verfügbarmachung von Textvarianten, die sowohl Löschungen als auch Ergänzungen enthalten, und Diskussionsverläufen der kollektive Produktionsprozess von Textdokumenten selbst dokumentierbar. Und zweitens wird diese Dokumentation als Ergebnis eines Formbildungsprozesses selbst zum Ausgangsphänomen für die Zerrüttung der Dokumentform. Das ergibt sich auch einer, durch kein rationalisierbares Verfahren reduzierbaren Komplexität an Sinnverweisungs- und Verfolgungsmöglichkeiten von Textelementen, die für die Erstellung von Wikis genau das Gegenteil von dem bewirken, was durch Wikipedia entstehen soll. War das Scheitern des Enzyklopädie-Gedankens im 19. Jahundert bestimmt durch eine nicht mehr erweiterbare Ausdehnung von Kapazitäten, so wird die Neuaufnahme eines Enzyklopädieprojekts behindert durch die nahezu grenzenlose Erweiterung von Kapazitäten. Viele tausend Artikelschreiber, freigesetzt durch den Deindustrialisierungsprozess und durch ein gestiegenes Durchschnittsbildungsniveau der Gesellschaft, können über das Internet leicht auf Recherchemöglichkeiten zugreifen und ihre Ergebnisse in Texten festhalten, für die keine physische Grenze existieren. Worin besteht der Unterschied zwischen diesen beiden Formen des Scheiterns? Beide scheitern an der Dokumentstruktur. Das Enzyklopädieprojekt des 19. Jahrhunderts musste sich damit abfinden, dass alles, was dokumentiert werden kann, durch seine Dokumentierbarkeit weitergehende Erwartungen über Genauigkeit oder Abweichung zulässt. Die Dokumenstruktur verweist so auf die Unendlichkeit ihrer Form, die durch die Begrenzung physischer Trägermaterialien den Ausstoß von Dokumenten geradezu antreibt. Kann ein Ausstoß von Dokumenten aber ins Unendliche gesteigert werden, müssen Erwartungen über Präzision und Abweichung auf ein feststellbares Maß begrenzt werden, um die Erfüllung von Erwartungen noch beobachten zu können. Aber wodurch kann diese Begrenzung noch hergestellt werden, wenn nicht durch eine Organisationsstruktur wie bei Wikipedia, die ihre Haltbarkeit über die Motivation der Beteiligten prüft? Nicht über das, was geschrieben wird, kann letztendlich entschieden werden, sondern Entscheidungen über Textvarianten können fallen, wenn genügend Entmutigungen entstehen. Die Dokumentform kann in dieser Hinsicht noch über die Belastbarkeit menschlicher Körper hinweg gerettet werden, deren Konzentrationsfähigkeit durch nicht aufzuhaltende Komplexitätssteigerung eine vorerst funktionierende Grenze herstellt. Aber daraus resultiert nur die Frage, ob denn eine so funktionierende Organisationsstruktur überhaupt durchhaltbar ist, wenn man bedenkt, dass alle Entscheidungsfindung durch die Organisation selbst auf die Dokumentform angewiesen ist. Muss denn die Organisation tatsächlich über ein Rechtssubjekt wie eine Stiftung oder einen Verein sicher gestellt werden? Könnte es nicht sein, dass gerade durch den Erfolg des Internets Organisationsstrukturen möglich werden, die durch dezentrale Open-Access-Prozesse Differenzierungen ermöglichen, die auf Belastungsprüfungen von Menschenkörpern verzichten und trotzdem Begrenzungen und damit Reduktionen von Komplexität herstellen können?
Wenn man es für möglich halten möchte, dass ein Enzyklopädieprojekt alles Wissen für jeden zugänglich machen sollte, dann gibt es unter den Bedingungen, die das Internet zur Verfügung stellt, keinen Grund zu der Annahme, alles Wissen für jeden könnte nur durch „ein Subjekt“ verfügbar gemacht werden. Entsprechend liegt die Überlegung nahe, Wikipedia nach dem Vorbild der sozialen Netzwerke zu organisieren. Genau dieser Vorschlag wird auf dieser Internetseite unterbreitet. (Weiter

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