WIKI – Wie im Kindergarten 3
von Kusanowsky
Das Ringen um die Umformatierung der Dokumentstruktur
Bei Wikipedia geht es zu wie im Kindergarten. Diese Beobachtung könnte man auf doppelte Weise interpretieren. Erstens als Ausdruck der Geringschätzung über eine Trivialpraxis, die als Parodie der Wissenschaft, als gesunkenes Kulturgut beobachtbar wird. In dieser Hinsicht trifft die Beobachtung auf die Interpretation eines Geschehens zu, dass bemerkbar macht, wie sehr die Dokumentform, indem sie sich von physischen Trägermaterialien befreit hat, längst ihre strukturelle Intergrität eingebüsst hat. HTML-Seiten können durch Verlinkung zu Hypertexten nicht mehr als Dokument angesehen werden, sondern sind eigentlich schon Textsimulationen. Dass aber die Form des Dokuments trotzdem noch einigermaßen gehalten werden kann, indem die Geduld und die Nervenstärke von Wikiautoren im Diskussionsprozess belastet werden, führt zu der geringschätzenden Betrachtung. Diese Interpretation gilt aber für eine zurück liegende Praxis. Nimmt aber anders herum den Gedanken ernst, dass auch der Umgang mit Textsimulationen geübt werden muss, so wird man die Bemerkung, dass es dort zugeht wie im Kindergarten, notwendig auf das Fehlen von Erfahrungen im Umgang mit der Simulation von Texten zurechnen können. Pioniere sind immer Stümper, weil sie keine Lehrer haben.
Aber nicht nur bei Wikipedia, überall im Internet findet man Phänomene, die darauf schließen lassen, dass die Dokumentform durch das Internet nahezu vollständig zerrüttet wird. Begonnen hat dieser Prozess allerdings nicht mit dem Internet, sondern bereits mit der vorindustriellen Praxis der Verbreitungsmedien. Eine von vielen Paradoxien von Verbreitungsmedien besteht darin, dass sie die Dokumentform, die sie notwendig brauchen, um sich selbst als Verbreitungsmedien verbreiten zu können, parasitär zerstören. Dem Buchdruck waren darin noch sehr enge Grenzen gesetzt, wenn man bedenkt, welcher Aufwand mit dem Schreiben, Drucken und Transportieren von Büchern verbunden ist. Aber spätestens mit der Erfindung der Rotationspresse, dem Druck von Fotos, der Erweiterung und Beschleunigung durch Telegrafie, Telefon und später durch Rundfunk und Fernsehen – und den darin eingeschlossenen Möglichkeiten der Manipulation von Dokumenten – konnte die Dokumentform in ihrer Überzeugungskraft gemindert werden, ohne dass damit allerdings die Funktionsfähigkeit von Massenmedien beeinträchtigt wurde. Im Gegenteil. Die Macht der Medien tritt immer aufdringlicher in Erscheinung, weil dieser Ablöseprozess von der Dokumentform eine Reflexionssteigerung nach sich zieht, die zu ihrer Glaubwürdigkeitsstabilisierung wiederum auf unglaubwürdige Zustände angewiesen bleibt. Man hat schon lange keinen Grund mehr zu glauben, was man liest, hört oder sieht, aber diese Unglaubwürdigkeit vermittelt sich ebenfalls über Verbreitungsmedien. Das Internet stößt diese Prozesse also nicht an, aber schafft eine letztendliche Überbietung. Das Internet dürfte in seiner Entwicklung die Struktur von Massenmedien selbst zerrütten. Die klassischen Massenmedien bleiben angewiesen auf eine, wenn auch trivial gehandhabte Subjekt-Objekt-Unterscheidung, die insbesondere eine empfindliche Abneigung gegen alle Selbstreferenzialität zeigt. Nicht, dass Selbstreferenzialität empirisch unbeobachtet bliebe, sondern nur ihr obszöner Charakter hat noch nicht ihr Potenzial zur Skandalisierbarkeit verloren. Gerade dies wird man in den Diskussionen bei Wikipedia immer wieder bemerken: der unbeobachtete Beobachter wehrt sich gegen die Aufdringlichkeit seiner Beobachtungsmöglichkeit, die er selbst hartnäckig voran treibt.
Aber nicht nur bei Wikipedia, überall im Internet findet man Phänomene, die darauf schließen lassen, dass die Dokumentform durch das Internet nahezu vollständig zerrüttet wird. Begonnen hat dieser Prozess allerdings nicht mit dem Internet, sondern bereits mit der vorindustriellen Praxis der Verbreitungsmedien. Eine von vielen Paradoxien von Verbreitungsmedien besteht darin, dass sie die Dokumentform, die sie notwendig brauchen, um sich selbst als Verbreitungsmedien verbreiten zu können, parasitär zerstören. Dem Buchdruck waren darin noch sehr enge Grenzen gesetzt, wenn man bedenkt, welcher Aufwand mit dem Schreiben, Drucken und Transportieren von Büchern verbunden ist. Aber spätestens mit der Erfindung der Rotationspresse, dem Druck von Fotos, der Erweiterung und Beschleunigung durch Telegrafie, Telefon und später durch Rundfunk und Fernsehen – und den darin eingeschlossenen Möglichkeiten der Manipulation von Dokumenten – konnte die Dokumentform in ihrer Überzeugungskraft gemindert werden, ohne dass damit allerdings die Funktionsfähigkeit von Massenmedien beeinträchtigt wurde. Im Gegenteil. Die Macht der Medien tritt immer aufdringlicher in Erscheinung, weil dieser Ablöseprozess von der Dokumentform eine Reflexionssteigerung nach sich zieht, die zu ihrer Glaubwürdigkeitsstabilisierung wiederum auf unglaubwürdige Zustände angewiesen bleibt. Man hat schon lange keinen Grund mehr zu glauben, was man liest, hört oder sieht, aber diese Unglaubwürdigkeit vermittelt sich ebenfalls über Verbreitungsmedien. Das Internet stößt diese Prozesse also nicht an, aber schafft eine letztendliche Überbietung. Das Internet dürfte in seiner Entwicklung die Struktur von Massenmedien selbst zerrütten. Die klassischen Massenmedien bleiben angewiesen auf eine, wenn auch trivial gehandhabte Subjekt-Objekt-Unterscheidung, die insbesondere eine empfindliche Abneigung gegen alle Selbstreferenzialität zeigt. Nicht, dass Selbstreferenzialität empirisch unbeobachtet bliebe, sondern nur ihr obszöner Charakter hat noch nicht ihr Potenzial zur Skandalisierbarkeit verloren. Gerade dies wird man in den Diskussionen bei Wikipedia immer wieder bemerken: der unbeobachtete Beobachter wehrt sich gegen die Aufdringlichkeit seiner Beobachtungsmöglichkeit, die er selbst hartnäckig voran treibt.
Danke, der Artikel zeigt dann auch mal, dass Erkenntnis und luhmanisierendes Gerede nicht unbedingt korrespondieren müssen. Kindergarten .. Parodie, dann das dauernde Aufführen von geisteswissenschaftlichen Begriffen – die Profilierungssucht, die der Autor bei den .. anderen vermutet, sie trifft vor allem ihn selbst, wie auch andere hier beschworene Geister.
Die simplen Fakten:
– Wikipedia ist nicht Wissenschaft, hat diesen Anspruch nicht und sagt das auch deutlich
– Dieser Text bzw. sein Autor würde die Relevanzhürde in der WP kaum überwinden
@Eberhard Doerr „Dieser Text bzw. sein Autor würde die Relevanzhürde in der WP kaum überwinden“ – Ha, ha, ha…!
„Faktum als uneindeutige Eindeutigkeit der Mitteilung, Meinung umgekehrt als eindeutige Uneindeutigkeit. Diese Verweisungsschema erzeugte die Beobachtbarkeit eines doppelt kontingent verteilten Unterschieds zwischen einem inkludierten Subjekt, das sich ob seiner Subjektivität exkludierend objektivierte, und einem exkludierten Objekt, dem allen Vorbehalten zum Trotz eine Differenzfähigkeit abgesprochen werden musste, da es als Objekt der subjektiven Faktenkonstruktion lediglich „meinungsfähig“ und damit als indifferent gegen andere als die eigene Beobachtungsposition aufgefasst wurde. Was für die einen noch Fakten waren, waren für die anderen schon Meinungen und andersherum.“ Siehe dazu: http://bit.ly/9AflkR
Der Wikiautor wird lernen müssen, Texte gründlicher zu lesen, weil ihm die Relevanz seiner Meinung abhanden kommen wird.
Unter klinischen Gesichtspunkten perfide, den „Kommentar“ nicht zu löschen. 😉 Der Wegfall institutioneller Grenzen im WWW (ausser in Design + Verlinkung) beschützt ja viele Menschen nicht mehr im Falle eines erheblichen Wissensgradienten. Kontextgrenzen, wie die Mauern einer Schule oder Uni oder anderer Institutionen sind ja auch dazu da Peinlichkeiten zu vermeiden, die auftreten können, wenn jemand von der Strasse in ein Oberseminar torkelt.
Die Schutzfunktion von Kontextgrenzen bei Lern- und Wissensprozessen für die Würde der Teilnehmer wird gern übersehen oder selbstzerstörerisch missachtet.
@siggi „Die Schutzfunktion von Kontextgrenzen bei Lern- und Wissensprozessen für die Würde der Teilnehmer wird gern übersehen oder selbstzerstörerisch missachtet.“ Ja, danke für den Hinweis. Vielleicht sollte ich darüber noch ergänzend einen extra Artikel schreiben?
Lohnen würde (ha!) sich das wohl. Wollte das Thema schon lange mal aufgreifen, aber mir selbst fehlen die begrifflichen Skalpelle ohne mich selbst zu verletzten (ha2!). Der Gedanke geht mir auf jeden Fall schon seit längerem durch den Kopp. Es gibt da viele Formen der Lächerlichkeit in die sich die Leutz da reinschmeissen, weil die Gradienten durch Kontexgrenzen im www nicht gekennzeichnet sind. Weitere Frage wäre wie diese Lächerlichkeiten, Peinlichkeiten in den Dimensionen Zeit oder Raum rationalisiert werden. Denn wirklich dumm dastehen will ja niemand. Da wird gelöscht, geschimpft, abgewertet, zensiert, ganze Domains werden „vergessen“ zu bezahlen (you know who you are). Ein weites Feld. Letztlich rekurieren Menschen, die ihre Standards aus institutionalisierten Kontextgrenzen beziehen in diesem Interndings auf den eigenen Horizont. Wat dä Bur nit kennt, dat friet er nich.
„Pioniere sind immer Stümper, weil sie keine Lehrer haben.“
Was Eberhard damit doch eigentlich sagen will ist: Dass er ein Stümper ist, weil er Pionier ist. Also muss man ihm seinen Mangel an Verstehensgenauigkeit verzeihen.
@detreo Ebi mag zwar Pionier und somit Stümper sein, dem man verzeihen kann. Mir aber, der sich über ihn totlachen kann, ist nicht zu verzeihen, weil mein erbärmliches Schneckenhaus unter meinem Harlekinsmantel zum Himmel stinkt…