Differentia

Autorität, Experte, Humankapital

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Mit Performaten, in denen sich Wissenskondensate durch Simulationen konzentrieren, verändert sich die Ordnung der Formierbarkeit von Wissen. Der Ausgangspunkt für eine Wissensproduktion ist dann nicht mehr das, was als „gegeben“ erscheint, sondern besteht in einem operativen und prozeduralen Verständnis erforschbarer Realität, die als bereits auf dieses Verständnis als angepasst beobachtbar wird.
Das gilt wohl nicht nur für Soziologie, sondern auch Biologen können den „Quellcode“ des Lebens, die DNA, nicht mehr nur als gegebene Realität analysieren, sondern als Realität, die sich der beständigen Manipulation ausgesetzt wiederfindet, was sich auch die Rechtfertigung einer solchen Forschung verwenden lässt. Das hat für ein Beobachtungsschema, das Manipulation weder ein- noch ausschließt, entscheidende Folgen, weil die Vorstellung einer nicht mehr durchschaubaren Komplexität kognitive Strukturen erfordert, die vom Zeitverlauf abstrahieren und die Weiterverwendbarkeit zu anderen Zeitpunkten simulieren ohne dabei auf Rückblicke oder Nachweisbarkeiten Rücksicht nehmen zu müssen. Daraus resultieren für eine Theoriebildung zeitabstrakte Modelle, welche die Sequenzbildung, die von zeitabhängiger, also historisch-determinierter Evolution ausgehen, unterlaufen und den überlieferten Begriff der Bewegung nicht mehr als Differenz zu etwas Feststehendem erkennen lassen können.

Durch Stabilisierung performativer Möglichkeiten der Beschreibbarkeit von Sachverhalten haben Experten, denen Wissenskompetenzen als Humankapital zugerechnet werden können, nur geringe Chancen auf Bewährung, weil sich alles, was sich als Expertum noch manifestieren kann, der Aufmerksamkeitsökonomie der dauerfluktuierenden Intelligenz dieser Peformate zu unterwerfen hat. Wer nicht bemerkt wird, hat keine Ahnung. Stellt man aber fest, dass jemand keine Ahnung hat, dann nur, wenn er bemerkt wird. Trotzdem aber bleibt alle Beteiligungsfähigkeit auf Vertrauen angewiesen. Aber dieses Vertrauen lässt sich nicht mehr indvidualisieren und habitualisieren, sondern muss sich auf die regenerativen Möglichkeiten der Selbstorganisation verlassen können, was gelingen kann, sofern die Formen der Selbstorganisation durch die Simulationsbedingungen ihrer Möglichkeit die Erwartbarkeit der Fortsetzung garantieren.

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Die Autorität der Quelle

Das erste, was sich für den Buchdruck als Verbreitungsmedium ergab, war die Herausbildung einer „Autorität der Quelle“, da sich durch die Unterbrechung der Retroreferenz die Überprüfung von Sachverhalten nur durch das Dokument als die zu beurteilende Sache ergab. Entsprechend war die Sachreferenz der Information immer auch von der Kenntnis abhängig, von wem ein Dokument angefertigt wurde, denn nur wer darüber informiert war, konnte die Absicht der Mitteilung mit berücksichtigen und auf die Kommunikation reagieren, weil die „Autorität der Quelle“ entweder noch ausreichte oder schon nicht mehr den Erwartungen eines Lesers genügte. Die Dokumentform war wie kaum ein anderes Verfahren zur Reproduktion von Kommunikation ideal geeignet, die soziale Realität der Kommunikation – deren Bedingung schon längst die im Raum verteilten Menschenkörper war – zu individualisieren, worauf dann auch innerhalb einer Subjektphilosphie reagiert werden konnte. Durch die Individualisierung konnte das Subjekt als Träger und Verursacher von Handlung, das Dokument als Überträger der Kommunikation in Erscheinung treten mitsamt aller Erwartungen, die sich auf die Interessen der Beteiligten richteten oder – ganz allgemein formuliert – auf die Identifizierung von Habitualisierungen wie Rhetorik, Einfluß, Macht, Kompetenz und dergleichen mehr.
Auch für das Internet kann man immer noch diese Gewohneit bemerken, dass nicht so sehr das, was geschrieben wird, für die Weiterverwendung relevant ist, sondern dass noch auf Autorität bestanden wird, aller längst entfesselten Manipulationsmöglichkeiten zum Trotz. Tatsächlich aber wird man bei genauerer Betrachtung feststellen, dass allein das technische Funktionieren vernetzter Computer die Sachdimension der Kommunikation gewährleistet, insofern nur binäre Schaltoperationen als das einzige verbleiben, über das sachlich noch Gewissheit behauptet werden kann. In jeder anderen Hinsicht aber kann man von einer prinzipiellen Möglichkeit der ständigen Entkopplung von Kontexten ausgehen, die eine permanente Verschiebung von Rekontextualisierungen nach sich ziehen. Man hat eigentlich keine Möglichkeit mehr, in der Sachdimension noch „die selbe Information“ bemerken zu können. Das enorme Tempo der Zustandsänderungen in den Datennetzen hat längst dazu geführt, dass ein beliebiger Datensatz so schnell neu kontextiert wird, dass sein Informationswert trotz physikalischer Identität stets ein anderer ist. Insofern bleibt wenigstens die binäre Logik als identitätsstabilisierende Form erhalten.
Die „Autorität der Quelle“ kann auf diese Weise nichts mehr zur Urteilsildung innerhalb der Sachdimension beitragen, weil – so könnte man sagen – innerhalb der Sachdimension nur noch eines mit Gewissheit erkennt werden kann: 1 oder 0. Aber aufgrund der entfesselten Manipulationsmöglichkeiten kann die Berurteilung von Sachverhalten nicht mehr durch die Dokumentform vorgenommen werden. Und sofern Habitualisierungen, die ja auch nichts anderes sind als dokumentierte Sachverhalte sozialer Positionierung, ebenfalls der Manipulation unterzogen werden können, bleibt von einer „Autorität der Quelle“ nicht mehr viel übrig. Vielmehr kann man beobachten, dass auch die Autorität in die Simulation von Autorität überführt werden muss. Dabei geht es dann aber nicht mehr um die Sicherstellung von Glaubwürdigkeit, sondern um die Partzipation an Potenzialen zur Aufmerksamkeitssteigerung. (Weiter)

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