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Meinungsfreiheit. Beobachtungen zum Zerfall einer Form

21. Juni 2011

Es fällt sehr schwer, weil es mit sehr viel Mühe verbunden ist, sich darüber Klarheit zu verschaffen, wie schwierig und anstrengend der Lernprozess der modernen Gesellschaft war, welcher in Erfahrung brachte, dass alle wahrheitsfähigen Aussagen über die Welt durch rationale Beweisverfahren möglich werden. Dieser Lernprozess musste in Laufe einiger hundert Jahre einige Hürden nehmen:

  • die Religionsfreiheit, welche möglich wurde, nachdem die Gesellschaft herausgefunden hatte, dass wenn alle Glaubenswahrheit kontingent ist, man es also dem Schicksal der Menschen überlassen kann, durch einen verfehlten Glauben das eigene Seelenheil zu verderben. Spätenstens die Erfahrungen des 30jährigen mussten dieses Zugeständnis machen.
  • die Wissenschaftsfreiheit, die, sobald die Ergebnisse der Forschung nicht nur für Staatszwecke relevant wurden, als Standortfaktor im europäischen Machtkampf um Stabilität unverzichtbar wurde.
  • Bürger- und Menschenrechte, die akzeptierbar waren, nachdem eine Geldwirtschaft sich über die Städte hinaus auf das ganze Territorium erstreckte und es erforderlich machte, Wirtschaftssubjekte zu formen, die vertragsfähig sind.
  • die Presse- und Meinungsfreiheit, die als Problem durch die Industrialisierung dringlich wurde, weil die globale Vernetzung die Ausgangsbedingungen einer Gesellschaft änderte, Bedingungen, die Information dringlicher schätzen lernten als Wahrheit.
  • die demokratische Freiheit, die wesentlich durch den Verzicht auf Blockaden herstellbar war, die vorher den Problemdruck mit unnachgiebiger Gewalt verstärkten.

Den Erben dieser Freiheiten, welche nichts zu ihrer Erarbeitung beigetragen haben, kommen diese schmerzhaften Lernprozesse nur sehr verschwommen zu Bewusstsein; und wenn dies geschieht, dann als Erfahrung eines Defizits für andere, weshalb man sich, belagert von einem schlechten Gewissen, für die gute Sache der Anderen einsetzen möchte, die von diesen Freiheiten ebenfalls Gebrauch machen wollen. Und entsprechend muss, um diesen Lernprozess in Erinnerung zu rufen, auch das eigene Engagement von Schmerz begleitet sein. Damit ist nicht unbedingt die Teilnahme an einer bewaffneten Intervention wie in Libyen gemeint; es reicht schon, die eigene Schmerzhaftigkeit in dem Fall zu inszenieren, in welchem ein raffinierter Internet-Troll Methoden findet, um solche Befreiungsillusionen bloß zu stellen, wie dies im Fall der syrischen Bloggern Amina passierte. Aber schon die Bomben auf Belgrad im Jahre 1999 machten deutlich, was von der demokratischen Brüderlichkeit noch zu halten ist, wenn sie sich ihrer jakobinischen Herkunft erinnert.
So haben wir es aktuell mit der Gleichzeitigkeit ungleichzeitiger Lernprozesse zu tun: während die einen noch immer das Recht auf demokratische Freiheit einfordern und durchsetzen, müssen die anderen schon anfangen, mit der Ausweglosigkeit zu recht zu kommen, die sich einstellt, wenn dieser Freiheit nichts mehr entgegenstellt ist, sobald sie zweiseitig akzeptiert wird. Denn das Internet ist die Erfüllung eines großen Versprechens: Freiheit in Wort, Schrift und Bild für alle, und zwar nicht mehr als utopisches Ziel oder unverbindliche Hoffnung, sondern als wirkmächtige Realität. Genau in dieser Situation entstehen Probleme, die zwar vorher schon immer bemerkbar waren, deren Dringlichkeit aber mit dem Hinweis auf noch zu bewältigende Defizite abgefedert werden konnten. Spätestens, wenn die Form der Meinungsfreiheit ihren Widerstand verliert, dessentwegen sie sich entfalten und als überlegene Form erhärten konnte, wird ihr Problem sichtbar: sie stört. Beobachtbar ist das an der allgemeinen Störkommunikation, wie sie durch Trolle und durch Trollbekämpfung entsteht. Denn der Troll kann nur dadurch auffallen, dass er damit anfängt, zurück zu schlagen, was bedeutet, dass der Eskalationsprozess in dem Augenblick seines ersten Höhepunktes beobachtbar wird und man feststellt, dass man dagegen etwas machen müsse. Und die Lösungsversuche wirken doch eher hilflos. (Aktuelles Beispiel: Umgang mit Leserkommentaren beim Handelsblog.) Aber wie soll man es denn machen, wenn man noch nicht weiß, wie es geht?
Ein erster und bislang nur wenig erprobter Erfahrungsschritt war im Vortrag von Sascha Lobo auf der rp11 enthalten, dessen Leistung wenigstens darin besteht, auf die Störung nicht mit widerwilliger Störkommunikation zu reagieren, sondern mit Neugier und Interesse an ihrer Funktionsweise. Wollten Kommunikationssysteme lernen, sich mit dieser Betrachtungsweise zu beschäftigen, brauchen sie auch eine dafür geeignete Umwelt, die sich u.a. in einem anderen Menschentypus zeigt, der möglicherweise im Habitus von Sascha Lobo einen Prototyp findet. Gemeint wäre ein Mensch, dessen übersteigerter Narzismus so weit geht, dass man ihn nicht mehr beleidigen kann, weil alle Beleidungsfähigkeit in diesem übersteigerten Narzismus schon enthalten ist, welcher schließlich, wenn er sich selbstreflexiv entlädt, sogar auf allen Egoismus verzichten muss, um der Trolligkeit der Internetkommunikation noch gewachsen zu sein.
Wie auch immer, eines scheint klar: schmerzlos wird eine der Meinungssfreiheit überlegene Form vermutlich nicht in Erfahrung gebracht werden können.

8 Kommentare Eins hinterlassen →
  1. Rudi Permalink
    27. Juni 2011 09:13

    Zum viel verwendeten Ausdruck: “Lernprozess der modernen Gesellschaft war”#: Im Philosophischen Quartett mit Sloterdijk merkte Juli Zeh an (auf eine Erläuterung Cohn-Bendits hin, wie Gesellschaften “lernten”) der Ausdruck des Lernens setze immer ein didaktischen Lernziel voraus, in Abgleich mit welchem allein ein Lernerfolg zu messen sei.
    Sie schlug demgegenüber vor, von “Entwicklung” statt von Lernen zu sprechen. Dies erschien mir plausibel…

    • 27. Juni 2011 10:21

      @rudi – warum “muss” ein Lernbegriff ein didaktisches Lernziel voraussetzen? Es müsste vielleicht so sein, wenn man nicht lernen will, dass man Lernen aus anders verstehen könnte. Aber soweit man alle Didaktik auf ihre Zielerreichung überprüfen kann, wird man gewiss sehr viel lernen können und nicht nur, ob die Ziele der Didaktik erreicht wurden, sondern vielmehr, dass man beim Suchen und Verfolgen, beim Untersuchen und Erforschen notwendig ein Labyrinth betritt, aus welchem man nur heraus kommt, wenn man erkennt, dass Entwicklung (und übrigens auch: Verwicklung) ohne etwas zu lernen schlechterdings nicht geht. Wer dagegen meint, dass man Lernen nur als zielgerichtetes Operieren auffassen kann, kann auch annehmen, dass Computer lernen könnten. Und nur insofern könne man auch Lernerfolge messen. In dieser Hinsicht könnten Menschen gar nichts lernen, weil alles was als Lernerfolg messbar ist, die Messung einer Maschine ist, die über Möglichkeiten des Maschinenlernens Auskunft gibt. Aber wer sagt denn, dass eine Gesellschaft, die sich im Umgang mit Computern übt, nichts anderes lernen kann als Computern zu gehorchen?

  2. Rudi Permalink
    27. Juni 2011 17:08

    “Es müsste vielleicht so sein, wenn man nicht lernen will, dass man Lernen aus anders verstehen könnte.”

    Nun könnte man spitzfindig bemerken: Eben, der Satz beweist, dass Frau Zeh Recht hat.
    Dass man “Lernen” anders verstehen sollte, ist das vorausgesetzte Klassenziel des obigen Textes (und vielleicht auch vieler anderer dieser Seite), und der Autor (Lehrmeister) attestiert dem Schüler “Gesellschaft”, dass er es leider (noch) nicht erreicht hat.
    Wenn aber gilt:
    “dass Entwicklung (und übrigens auch: Verwicklung) ohne etwas zu lernen schlechterdings nicht geht.” oder “Man kann nicht nicht üben. Auch ein schlechter Schüler sein, will gelernt sein.” (Sloterdijk), kann es dann nicht sein, dass die Gesellschaft hervorragend gelernt hat, und immer wieder aufs neue lernt, NICHT lernen zu müssen? Was gäbe es dann aber für den Theorieschulmeister zu beklagen oder beanstanden? Die Gesellschaft wäre kein Musterschüler sondern der beste aller schlechten Schüler. Mehr kann man nicht erreichen.

  3. 28. Juni 2011 03:22

    Zur Meinungsfreiheit bilden sich langsam äußerst interessante neue Forschungsfelder heraus. Denn Viel-Leser können mittlerweile schon mit sehr hoher Treffgenauigkeit vorhersagen, welche Kommentare, welche immergleichen Argumente und Weltsichten sich unter einem Artikel tummeln werden. Oft werden diese Kommentarlisten binnen weniger Stunden mehrere Hundert Einträge lang, so dass jedem der sich dort verewigt eigentlich klar sein dürfte, dass niemand, wenn nicht vielleicht eine Handvoll Menschen überhaupt jemals seine Zeilen lesen wird. Für wen schreiben all die Menschen dann dort? Für sich? Oder für die Kommunkation? Auch hieran wird die Überschätzung des Subjekts erneut sichtbar: Die Subjekte sind nicht Träger der Meinung, sondern die Vielzahl möglicher Meinungen schwebt frei im kommunikativen Raum und jede Meinung wartet beharrlich bis ein Subjekt an sie andockt, sie gewissermaßen “abholt” und kommunikativ realisiert. Durch die “Freiheit” der Meinung im massenhaft benutzten Individualmedium Internet bricht sich nun die (ohne Arroganz bezeichenbare) “Dummheit” der breiten Masse bahn, so dass sich Trampelpfade der immer gleichen faden Geistesergüsse finden. Dies könnte man als Störung wahrnehmen, vielleicht auch als ein “Hintergrundrauschen” – vielleicht ist es auch so, dass man sich vom Lärm gestört fühlt wenn man an einer Autobahn steht. In der Abgeschiedenheit ausgewählter Blogs oder präzise eingestellter Facebook-Walls findet man dann die Ruhe und des öfteren im Bachlauf auch mal ein Goldnugget.

    Zu Sascha Lobo fällt mir nur ein: Sicher hat er einen besonderen “Habitus”, gewiss auch löffelweise Charisma (seine Neuinterpretation des Irokesen-Schnitts inspirierte Gruner&Jahr dazu, gleich ein ganzes Magazin “Business Punk” zu gründen), aber es ist faktisch unmöglich, einen Habitus oder auch nur: eine bestimmte Art mit der Umwelt umzugehen, zu kopieren. Es wäre Sache der nachwachsenden Generationen sich sanft in diese neuen Erfordernisse einzufügen und “ein dickes Fell” oder ähnliches zu entwickeln – doch (siehe Thema “lernen”) werden sie gerade dazu seitens der Pädagogik nicht befähigt und sind gerade dabei, gravierende Nachteile durch die neuen Medien zu erleiden. So zumindest mein Eindruck – doch die Jugend ist meist ja stärker als “die Alten” glauben, Unkraut vergeht nicht :)

    • 28. Juni 2011 09:43

      @ndee Hawkman “es ist faktisch unmöglich, einen Habitus oder auch nur: eine bestimmte Art mit der Umwelt umzugehen, zu kopieren” Mir scheint, dass die Entfaltung und Stabilisierung von Kommuniktionsstrukturen genau das schafft, nämlich differierende Übernahme, oder auch: Nachahmung. Habitusformen und der Weg ihr Formfindung sind darum morphologisch beschreibbare Struktureffekte, die Kopie und Orginal gleichzeitig zur Verfügung stellen, denn wie anders wäre es möglich Original und Kopie zu verwechseln, wenn nicht Verwechselungfähigkeit eine strukturell determinierte Beziehung zwischen Elementen (hier: Habitusformen) wäre? Allerdings scheint die Erfahrung etwas dadurch getrübt, dass man den Habitus als eine morphologische Struktur betrachtet, die man Zeichen-Ensemblierung ablesen kann wie z.B. bei Punks, Rocker und dergl. Tatsächlich wird aber die morphologische Struktur durch das Ablesen und Abrufen von Zeichen-Ensemblierungen, wie dies etwa die empirische Soziologie betreibt, verdeckt. Denn es sind morphologische Strukturen, die Habitualisierungen und ihre Nachahmung zulassen. Nachahmung ist nicht der Prozess der Morphogenese.
      Nachvollziehen kann man dies in Abwandlung einer Theorie der Morphogenese wie sie Alan Turing durch Aufstellung einer “Reaktionsdiffusionsgleichung” vesucht hat. Mit dieser Gleichung werden Operationen erfasst, bei denen eine lokale Wechselwirkung und zusätzlich eine Diffusion auftritt. Soziologisch müsste man das so auffassen: Die Wechselwirkung ist der Diffusionsvorgang, der die morphologische Strukturen beobachtbar macht.

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