Das Internet in der Lernkurve. Eine Artikelsammlung zum Problem der Meinungsfreiheit #trollforschung

von Kusanowsky

Die Geschlechtskrankheit der Kommunikation
Für die Beobachtung der Internetkommunikation ergibt sich die Überlegung, dass die allseitig beobachtbare Trollkommunikation ein solches Übertreibungsphänomen ist, welche ihren Gipfelpunkt womöglich noch lange nicht erreicht hat. Die Trollkommunikation entsteht dadurch, dass die Beteiligten über einander in der Weise informiert sind, dass Klarheit selbst der Ankerpunkt ist, durch den sich die Kommunikation als wahrscheinlich fortsetzbar gestaltet, woraus sich aufgrund doppelter Kontingenz Erwartungen bilden, die die Wahrscheinlichkeit der Klarheit höher einschätzen als die Unklarheit und zwar aufgrund der trivial-empirischen Beobachtung, dass man ja die Sprache versteht (und versteht, dass andere sie verstehen). Dies ermutigt zur Fortsetzung und zu der Annahme, der Kommunikation jederzeit gewachsen zu sein.

Meinungsfreiheit. Beobachtungen zum Zerfall einer Form 2
Das Internet befördert die Erkenntnis der Probleme. Ihre Bekanntheit entsteht durch Massenmedien, die eine routinierte Wiederholung von Position und Gegenposition, von Argument und Gegenargument automatisieren. All das ist in den meisten Fällen von Ängsten und Hoffnungen angetrieben. Die Ängste entstehen, weil keine Zentralinstanz, keine Königsphilosophie auffindbar ist, die, mit Durchsetzungsfähigkeit ausgestattet, eingreifen könnte; die Hoffnungen, weil eine säkulare Gesellschaft einen Glauben eben nicht verloren hat, sie hat ihn nur, wie alles andere auch, durch Prozesse der Modernisierung neu eingekleidet. Menschen sollen seitdem sicher
stellen, was kein Gott mehr leisten kann. Inzwischen kann man am Internet beobachten, dass das sportliche Ideal des aufgeklärten
Disputierens in Dämlichkeit zerfällt.

Meinungsfreiheit und Störkommunikation
Das Internet eröffnet für diese Lösung nunmehr ein neues Problemfeld. Das neue Problem, das nun in Erfahrung gebracht wird, unterbaut dem Apriori der Information eine weitere Stufe, indem erkennbar wird, dass etwas anderes Apriori vorausgesetzt werden müsste, um Information zu verstehen, da alle Information Kontingenz zulässt. In dem Augenblick wird die Meinungsfreiheit unter veränderten Bedingungen selbst zu einem Problem. Sie fängt an zu stören. Aber warum?

Meinungsfreiheit. Beobachtungen zum Zerfall einer Form 1
Wir haben es aktuell mit der Gleichzeitigkeit ungleichzeitiger Lernprozesse zu tun: während die einen noch immer das Recht auf demokratische Freiheit einfordern und durchsetzen, müssen die anderen schon anfangen, mit der Ausweglosigkeit zu recht zu kommen, die sich einstellt, wenn dieser Freiheit nichts mehr entgegenstellt ist, sobald sie zweiseitig akzeptiert wird. Denn das Internet ist die Erfüllung eines großen Versprechens: Freiheit in Wort, Schrift und Bild für alle, und zwar nicht mehr als utopisches Ziel oder unverbindliche Hoffnung, sondern als wirkmächtige Realität. Genau in dieser Situation entstehen Probleme, die zwar vorher schon immer bemerkbar waren, deren Dringlichkeit aber mit dem Hinweis auf noch zu bewältigende Defizite abgefedert werden konnten. Spätestens, wenn die Form der Meinungsfreiheit ihren Widerstand verliert, dessentwegen sie sich entfalten und als überlegene Form erhärten konnte, wird ihr Problem sichtbar: sie stört.

Die Struktur der modernen Arroganz
Die moderne Gesellschaft hat eine spezifische Form der Arroganz ausgebildet, welche sich durch ein historisches überliefertes Problem zunächst als Lösung entwickelte: die Erbsünde des Menschen. Diese altchristlichen Strukturen der grundsätzlichen Sündhaftigkeit des Menschen als Abstandsunterschied zwischen Welt und Gott lieferte das Medium, aus dem heraus sich eine Vorstellung von menschlicher Bedürftigkeit und Menschenrechten entwickelte. Was uns späteren Menschen möglicherweise nur schwer einleuchten kann ist, wie sehr die Befreiung aus dieser Zwangsjacke als hoffnungsfrohe Entwicklung die Ausgangsbedingung änderte, durch die solche Formenbildung attraktiv wurden. Kaum ein Mensch versteht noch was es heißen mag, mit einer Erbsünde belastet zu sein, weshalb man entsprechend schwer nachvollziehen kann, was es bedeutet, in diesen Irrtum Einsicht zu nehmen. Stattdessen ist den Erben diese Form der Menschenwürde überliefert und geschenkt worden. Die Evolution hatte in der Folge die Spielregeln geändert, insofern diese Form nun schließlich selbst problematisch werden muss, wenn sie legitim und geteilt in Anspruch genommen wird.

Zum ewigen Frieden und zur Störkommunikation zwischen Abwesenden
Das Internet jedenfalls erzwingt die Beschäftigung mit Computern um das zu leisten, was vorher auch ohne möglich war. So konnte man vorher den anderen seinen Hass ins Gesicht schreien, jetzt tippt man ihn in die Tastatur. Vorher hatte dies relativ einfache Konsequenzen: entweder man schrie zurück und ließ sich auf eine Eskalation ein oder man ging sich aus dem Weg.
Das Internet ermöglicht nun, dass man der Begegnung des anderen zwar ganz leicht aus dem Weg gehen kann, indem man sich hinter einer technischen Apparatur verschanzt. Das macht, dass man den Hass leichter, weil ungefährlicher äußern kann, aber zugleich ist man
dem Hass der anderen viel stärker ausgeliefert, weil der Apparat es nicht mehr zulässt, sich selbst aus dem Weg zu gehen, wenn man zur Kontaktaufnahme mit anderen gerade diesen Apparat braucht. Das Internet erzeugt damit eine Interaktion zwischen Abwesenden. Besser formuliert: der Unterschied zwischen Anwesenheit und Abwesenheit verläuft nicht mehr entlang einer lokalen Identität.

Es fing damit an, dass er zurück geschlagen hat
Für eine Gesellschaft, die damit beginnt, eine digitale Basis ihrer Operativität zu entfalten, wird das Phänomen des Trolls unter einem spezifischen Beobachtungsstandpunkt auffällig, nämlich nicht als etwas Neues, denn Störkommunikation wird nicht erst durch das Internet beobachtbar, sondern sie erzeugt eine gewisse Innovation aufgrund sehr spezifischer Bedingungen der Fortsetzbarkeit von Kommunikation. Eine Störkommunikation war in der modernen Gesellschaft immer eine Frage der Inklusion und Exklusion von Menschenkörpern gewesen.

Was ist ein Argument? Der Troll als Aufklärer
Internet-Trolle sind besser geeignet, das Internet verstehbar zu machen als jeder Psychologie-Professor. Allerdings wären Methoden der Professinalisierung zu erlernen.

Rumpelstilzchensimulationen
Das wichtigste Merkmal ist, dass durch das Internet die Zerrüttung der Dokumentform vollendet und diese durch eine andere Form der Urteilsbildung ersetzt wird. Solange aber Systeme das Internet als Verteilungsverfahren von Dokumenten betrachten, womit auch gemeint ist, die Verfahrensweisen zur Urteilsbildung unverändert beibehalten zu können, müssen spezifische und unlösbare Probleme auftreten.

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