Es fing damit an, dass er zurück geschlagen hat

von Kusanowsky

Aus der Naturheilkunde weiß man, dass Entzündungssymptome Kennzeichen eines Heilungsprozesses sind. Die Entzündung ist nicht die Krankheit, sondern der Versuch des Organismus, sich selbst zu heilen, und für den Heilkundler käme es darauf an, diesen Selbstheilungsprozess zu stärken. Der Organismus der sozialen Welt, landläufig bekannt unter dem Begriff „Gesellschaft“, hat aber keinen Arzt, der sich um ihn kümmern könnte, sondern bleibt sich selbst überlassen, muss selbst schauen, wie er mit sich zurecht kommt. Aus Erfahrung weiß man, dass das gelingt, wenn auch nicht immer zum Vorteil der Menschen. Konflikte und Störungen sind darum nicht irgendeine defizitäre Wirklichkeit, die den normalen Ablauf der Kommunikation behindern würden, sondern sie gehören zum normalen Ablauf aller Kommunkation und verweisen ähnlich wie Enzündungssymptome darauf hin, dass da etwas vor sich geht, das durch Konflikt und Störung als etwas Ausgeschlossenes in den Fortgang der Kommunikation eingeschlossen ist.

Für eine Gesellschaft, die damit beginnt, eine digitale Basis ihrer Operativität zu entfalten, wird das Trollphänomen  unter einem spezifischen Beobachtungsstandpunkt auffällig, nämlich nicht als etwas Neues, denn Störkommunikation wird nicht erst durch das Internet beobachtbar. Vielmehr erzeugt Internetkommunikation eine gewisse Innovation aufgrund sehr spezifischer Bedingungen der Fortsetzbarkeit von Kommunikation. Eine Störkommunikation war in der modernen Gesellschaft immer eine Frage der Inklusion und Exklusion von Menschenkörpern gewesen. Störung war immer nur möglich in der Interaktion unter Anwesenden: das Schreien, Pfeifen, Buhrufen, das Erstürmen des Podiums, die Blockierung von Zuwegen oder Auswegen, Sichtbehinderungen, ganz allgemein die Störung aller Wahrnehmungskanäle durch Geräusch oder Geruch, dazu zählten aber auch Täuschungen und Manipulationen wie Fehlalarm. Man denke dabei auch an Schülerstreiche, Partygags und Unruhestiftung. In allen Fällen gelang die Störung als ein Ausnutzungsverhalten von Beobachtungsverhältnissen: man musste immer wissen, welche Empfindlichkeiten unter den Anwesenden erwartbar waren. Alle Störkommunikation war daher immer zu gleichen Teilen Folgewirkung einer Ordnung, die Inkulsions- und Exklusionsregeln hervorbrachte, und war immer auch Voraussetzung für das Entstehen solcher Ordnungen, indem durch Exkludierung des Störers die Inklusionsregeln nachträglich ermittelt werden konnten. All das gehört zum Standardforschungsprogramm einer Konfliktsoziologie, die bis heute ganze Wälder abgeholzt hat, um ihre Ergebnisse dokumentieren zu können.

Sascha Lobo hat auf der re:publica XI einen nicht übermäßig geistreichen, aber auch nicht sehr schlechten Vortrag über Trollforschung gehalten, der im Gegensatz zu der bourgeoisen Form der affektgehemmten Rhetorik ein Element der proletarischen Selbstreferenz miteingebracht hat: etwas pöbeln, um – und das wäre das Innovative daran – die Störkommunkation unter Anwesenden, also ein Interaktionsverhältnis zwischen Redner und Publikum, auszuschalten, denn diese Art der Kommunikation bleibt ganz dem Charakter der bürgerlichen Gesellschaft verhaftet, die ein Aufmerksamkeitsgefälle in ihren Unterscheidungsroutinen einbaut, das enorm störanfällig ist: wenn von Einzelmenschen erwartet wird, dass diese sich gegenüber einer Masse exponieren, sei es durch Unterhaltungskunst oder Gelehrsamkeit, so kann dies nur gelingen, wenn bestimmte Konventionen der Affektkontrolle eingehalten werden: das Publikum muss schweigen, darf nur an bestimmten Stellen Applaus spenden, das Aufstehen, Hinein- oder Hinausgehen, alle Behinderung von Wahrnehmungskanälen wie Schneuzen, Furzen oder Stöhnen muss als Störung ausgegrenzt werden, damit der Redner zur Geltung kommen kann, wodurch andersherum dann aber diese Art der Störanfälligkeit entsteht. Dies gilt übrigens auch für den Fall, dass der Unterhaltungskünstler eine Art anarchische Clownskunst vorstellt, die, wie jede andere Vortragskunst auch, einen enormen Aufwand der Affektbeherrschung voraussetzt, auch, wenn diese Kontrollen im Vortag selbst denunziert werden. Das bekannteste Beispiel ist der Clown Jango Edwards. (Hier ein kleines Youtube-Video als Kostprobe.)

Das proletarische Outift des Verhaltens-Design von Sascha Lobo ist darum wohl nur die Verlegenheitsposition eines sich exponierenden Vortragskünstlers, der schon eigentlich mit dieser bürgerlichen Rhetorik nicht mehr viel anzufangen weiß, der aber auch noch nicht weiß, wie es anders besser ginge. Woher sollte er es auch wissen, wenn eben dies erst noch das Ergebnis einer Trollforschung sein müsste, die den Troll als Störer ernst nimmt und damit seinen Beitrag zur „Heilung“ von Schäden, die durch Kommunikaiton entstehen, interpretiert.
Bei Lobo ist also immerhin die Innovation gelungen, dass ein sachkundlicher Vortrag über das Phänomen des Internettrolls diesen Gegenstand nicht nur fremdreferenziert, sondern diesen performativ selbstreferenzierend berücksichtigt, wobei allerdings die Risikostruktur der kommunikativen Siutation durch Übertreibung die Möglichkeit des Scheiterns nahezu vollständig ausgehebelt wird, was zur Folge hat, das die Inszenierung einer stümperhaften Vortragskunst nur die Fortsetzung der Stümperei erwartbar macht, wodurch diese Stümperei auch in ihrer Selbstreflexivität als banal erscheint.
Die Inszenierung der Stümperei erschleicht sich gleichsam ein Recht auf dieselbe, wodurch schließlich sogar die Fortsetzung der Stümperei nicht mehr vollständig überzeugt. Der Vortrag ist dementsprechend nicht einmal schlecht geraten. Bei diesem Vorttag handelt es sich praktisch um eine weitere Trivialisierung einer zur Kunst erhobenen Trivialform namens CAMP, ein Begriff, der in den 80er in Deutschland durch Susan Sontag Verbreitung fand.
Der Troll scheitert damit an seiner Selbstreferenz, aber immerhin kann sie unter Beibehaltung einer Trivialform bürgerlicher Vortragskunst schon operativ verwendet und damit dem Risiko der gelingenden Beobachtung ausgesetzt werden, ohne, dass Selbstreferenz nur als Thema des Vortrags vorkommen müsste.

Dies deckt sich übrigens sehr gut mit Lobos Ausführungen über Methoden der Behandlung von Internettrollerei die kommunikationstheoretisch gut gelungen sind. Ausgehend von der theoretisch recht interessanten Sentenz, dass ein Troll ist, wer dabei beobachtet wird, dass er anfängt zurück zu schlagen, entwickelt Lobo ein paar interessante Anknüpfungspunkte einer Ökologie der Kommunikation. Aber all diese Ausführungen können erst dann interessant sein, wenn die subjekttheoretischen Implikationen in der Beurteilung von Kommunikationsstrategien vernachlässigt werden, weil die Vermutung naheliegt, dass das Scheitern des Trolls daher kommt, dass er sich selbst immer noch als Subjekt beobachtet und erwarten kann, von anderen ob seiner Subjektivität beurteilt zu werden. Ob der Surfer, der Benutzer immer noch ein Subjekt ist? Immer noch als Handelnder zurechnungsfähig ist, mit Verstand, Vernunft, Talenten (oder Behinderungen?) begabt, immer noch ein Gesicht, eine soziale Stellung, eine Hautfarbe, ein Geschlecht hat? Wie könnte all das Gewissheit veranlassen, wenn gerade das täuschende Spiel mit solchen Zurechnungen eine Trollforschung motiviert, wenn also das Lügen, Täuschen, Ablenken, Hinterslichtführen – wie Lobo es ja ausführt – zur Methode einer ernstzunehmenden Forschung wird?
Und: mit welcher Art von Wissenschaft bekäme man es zu tun, wenn sich die Methoden der Trollforschung durch ihre Anwendung von Trollen professionalisieren?

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