Differentia

Monat: Juli, 2011

Vergesslichkeit und Irrtum. Exkurs: Gedächtnisbildung durch Dokumente #systemtheorie

Bild links: Wikipedia: Zeittafel zur Philosophiegeschichte
Das Bild links zeigt eine sehr vertraute Anwendung des Dokumentschemas. Die Ordnung einer Welt, die nach Maßgabe dieses Schemas beschrieben werden kann, hat oben und unten, hat Anfang und Ende, hat vorher und nachher. Diese Differenzen werden durch Dokumente abrufbar gehalten; und durch Einübung von Abrufungsroutinen verstärken sie die Evidenz einer Ordnung, die sich auf solche Differenzen einlässt und alle Konsequenzen auf sich selbst zurück schreibt. Das geschieht durch Reproduktionsstrukturen, die sich nur dann entfalten können, wenn ein zirkulärer Zusammenhang zwischen einer Ordnung nach Maßgabe des Dokumentschemas und desselben Dokumentschemas nach Maßgabe dieser Ordnung zustande kommt. Entscheidend dafür ist aber die operative Unterbrechung des Zirkels, damit eine von zwei möglichen Seiten als Ausgangspunkt für den Verweis auf die andere Seite genommen werden kann. Insbesondere dann, wenn die Regeln dieses Schemas und das Schema dieser Regeln aus der gleichen Form abgeleitet werden können, ist diese so konstituierte Welt komplett und nahezu vollständig gegen jeden Angriff und gegen jede Erschütterung immunisiert um so mehr, da sich alle ernstzunehmenden Zerrüttungsversuche selbst durch die Dokumentform ergeben.
Selbstverständlich muss eine Vielfalt an themenspezifischen Variationen vorgenommen werden um die unwahrscheinliche Typik solcher Routinen beiseite zu drängen. Das Dokumentschema muss die Möglichkeit zulassen, eine Welt in ihrer Kommunikabilität ständig auszuweiten. Denn durch Ausweitung gelingt die Kombination von Differenzen und die folgenreiche Ermittlung von Beobachtungsdefiziten. So kann beispielsweise in wissenschaftlicher Hinsicht der Unterschied von oben und unten als ein theologischer und kosmologischer, als ein physikalischer und biologischer, als ein soziologischer und psychologischer betrachtet werden; diese wissenschaftlichen Unterschiede können sich dann von politischen oder künstlerischen Unterschieden unterscheiden und durch Unterscheidung mit ihnen kombiniert werden. Die Kombinationen verweisen dann auf Lücken, die Verwirrung aufdecken, Hypothesen aufwerfen, Definitionen erfordern, Methoden der Ermittlung von Ordnung diskutierbar machen und Maßnahmen der Planung und Systematisierung ermöglichen. Auf diese Weise entstehen Strukturen der Anreicherung und Ausweitung von Irritationsfähigkeit, die ein nahezu intransparentes Dickicht an Verweisungsmöglichkeiten anhäufen ohne, dass die Dokumentform an ihrer Attraktivität verliert. Denn wo immer Intransparenz auffällt, können aus ihr Differenzen entnommen werden, mit deren Hilfe diese Intransparenz noch einmal auf Ordnungsfähigkeit untersucht wird.
An diesem Bild der Ordnung einer Geschichte der Philosopie kann man das sehr gut ablesen. Die hier systematisierte Geschichte der Philosopie repräsentiert sich durch ein Dokument, in dem es ein Oben und ein Unten als Ausgangspunkt nimmt und verknüpft diesen Unterschied mit zweierlei Ordnungkriterien, nämlich erstens: Oben als Anfang und Unten als Ende; und zweitens: Oben als Vorher und Unten als Nachher. Oben, anfänglich und zuerst: Antike. Unten, endlich und später: Mittelalter. Dazwischen sieht man die Wiederholung des gleichen Schemas in einer Abstufung von Ebenen. Die Ebenen werden durch eine Epochenstaffelung markiert, die das Verfolgen eines Nacheinanders vom Übergeordneten ins Untergeordnete von oben nach unten deutlich machen. Dadurch entsteht eine senkrechte Liste, die einen horizontalen Zeitverlauf beobachtbar macht und damit eine Kontinuität, die umso plausibler wird, je mehr und je besser die Wahrnehmung auf diese Schema hin trainiert wird.
All das kann natürlich nur funktionieren, wenn die Defizite dieses Schemas durch die wiederholte Benutzung des gleichen Schemas in anderen Dokumenten wiedergefunden werden. So etwa die Kritik, dass die so dargestellt kontinuierliche Geschichte einer Philosophie nicht identisch ist mit der Kontinuität von Rezeptionsverläufen, eine Kritik, die sich über andere Dokumente vermittelt, die, wie für jeden Buchgebrauch ohnehin notwendig, mindestens wieder auf den Unterschied von vorn und hinten bezug nehmen kann. Der Unterschied von vorne und hinten einer Abhandlung muss dann zwar nicht identisch sein mit dem Unterschied von Anfang und Ende des Dargestellten, allein dieser Unterschied kommt operativ durch den Buchgebrauch zum Vorschein und verweist dadurch schon wieder auf Lücken, auf Defizite, die woanders genauso auffällig werden wie die Ordnung, die diese Lücken beseitigt.
Diese Detailanalyse zeigt wie wenig ein soziales System ein eigenes Gedächtnis braucht um sich stabilisieren zu können. Gedächtnisleistungen sind zwar unverzichtbar, aber das soziale System kann sich umso besser, um so differenzierter und verlässlicher stabilisieren, je weniger es eine Stabilisierungsnotwendigkeit als Bedingung erfüllen muss. Die Körperumwelt eines sozialen System muss zwar disziplinierungsfähig sein, um das Dokumentschema souverän handhaben zu können. Aber um dies zu können muss es nicht zuerst auf überkomplexe Ordnungsmuster treffen. Vielmehr reicht eine Einfachheit, die beispielsweise das noch wachsende Gehirn eines Kindes bewältigen kann, völlig aus, um anschließend im Verlauf eines Wachtumsprozesses genügend Eigenkomplexität entwickeln zu können, die dem Dokumentschema mit all seiner Ordnungskomplexität gewachsen ist.
Für die Evolution von sozialen Systemen dürfte deshalb der Befund gelten, dass die Dokumentform sich nur deshalb als Erfahrungsform einer funktional differenzierten Gesellschaft bewähren konnte, weil sie genauso einfach wie komplex ist und durch beides ihre Evidenzkraft entfalten kann. Man könnte das als naive Erkenntnis beiseite schieben, aber dann übersieht man eine wichtige Bedingung für den Aufbau von Komplexität der modernen Gesellschaft. Denn alle Beschreibung von Komplexität benötig einen bekannten und vertrauten Mechanismus für ihre Reduktion, der er auch von solchen Systmtheoretikern angewendet wird, die mit dem Vorwurf der „Unterkomplexität“ Anschlussmöglichkeiten zurückweisen. Sie bleiben mit diesem Vorwurf genauso unterkomplex wie die Beobachtung dessen, was damit beobachtet werden soll. Sie dürfen das und können das, weil sie sich der Dokumentform bedienen, deren Evidenzverstärkungsstrategien sie nicht analysieren.

Tat und Täter

Verfolgt man die Irritationen über die Tat von Oslo (22. Juli 2011) und die Spekulationen über den Täter, dann kann man den Eindruck gewinnen, dass nichts so stumm verbleibt wie das, was von sich Reden machen will, und das, worüber geredet wird. Der Tat gehört angeblich zu einem Täter und beides, Tat wie Täter, erscheinen in den ablaufenden Kommunikationen als der Fix- und Anziehungspunkt von Unterscheidungsroutinen, die wie von selbst ihre Ursachen genauso vergeblich suchen wie sie ihre Wirkungen jederzeit erfolgreich finden. Neben die Unterscheidung von Tat und Täter treten Unterscheidungen wie Motiv und Gesinnung, Ideologie und Glaube, Handlung und Gewalt, Hass und Angst, Täter und Opfer, Schuld und Unschuld – und in all dem erkennen sich die Kommunikationen wieder, die diese Unterscheidungen hervorbringen und sich durch ein Referieren auf die Unterscheidung von Tat und Täter in ihrer Evidenz verstärken. So entsteht durch Wiedererkennung die Verlässlichkeit einer Ordnungsvermutung, die in den ablaufenden Kommunikationen genauso gut als Zerrbild auftritt. Die Ordnung ist dabei nur ein Schema der Reduktion, das gebraucht wird, um die Irritation in Schranken zu verweisen angesichts eines Schreckens, dessen Normalität in der modernen Gesellschaft nur auf Pathologien bezugnehmen darf. So wird die Normalität des Schreckens nur als eine fremdreferenzierbare Realität behandelt, nur als eine defizitäre Beschneidung von Ansprüchen an ein Verstehen der Welt, das von der Welt als heile Welt ausgeht. Aber nur im Ausnahmefall wird dieser Normalfall in Erinnerung gerufen und nur in diesem Fall kann man den Ausnahmefall als Normalfall erkennen. Und all dies nur, weil sich eine heile Welt von dieser Seite aus ihrer Zugänglichkeit entzieht.
Die Gewalt dient der Evidenzverstärkung einer solchen Ordnung. Der Schrecken blockiert Kontingenz und rechtfertigt das Festhalten an einem Ordnungsgefüge, das auf alle Träume und Alpträume gleichzeitig anspielen kann. Und nicht weniges davon richtet sich an die Unterstellung von „Menschlichkeit“. Menschlich soll es zugehen, obgleich nirgendwo eine Ordnung auffindbar wäre, die klar machen könnte, worum es dabei geht, abgesehen von jener Ordnung, welche entsteht, wenn die beständige Wiederholung von Differenzen der Menschlichkeit als Anspruch und Unterstellung auf Personen zugerechnet und von diesen als abrufbar bereit gestellt werden soll. Im schon bezeichneten Normalfall wird ein Scheitern an solchen Ansprüchen aber gar nicht bemerkt und kann auch gar nicht bemerkt werden, weil andernfalls alle Erwartungssicherheit vollständig blockiert würde. Wer hat sich denn zuletzt menschlich verhalten? Man stelle sich vor, dass das ganz genau gewusst werden müsse. Sich „menschlich“ zu verhalten geht nur dann, und auch dann sehr leicht, wenn die Erwartungssicherheit nicht allzu groß ist, wenn also das Scheitern im Erwartungsverhalten schon reflektiert ist. Und es scheint, dass die dafür notwendige Reflexivität nicht unbedeutend an der Intensität von Irritationen gebunden ist, welche im Falle eines Riesenschreckens praktisch sofort zusammenbricht. Jetzt wird evident, was vordem als Evidenzproblem gar nicht auftrat, dass nämlich der Schrecken durch eine „unmenschliche“ Tat verursacht wurde. Tatsächlich aber gibt es keine Möglichkeit durch Menschlichkeit den Schrecken zu verhindern, da ein menschliches Verhalten nur selten bemerkt wird.
So macht das Schreckensereignis eigentlich nur auf einen Irrtum aufmerksam, der allerdings durch das Ordnungsgefüge, das durch Minimierung von Kontingenz recht stabil bleiben kann, nicht ansprechbar ist. Man kann sich in einer heilen Welt wähnen oder noch glauben, sich auf eine solche hinzuzubewegen, solange dieser Wahn nicht verraten wird.

Die Kommunikation reflektiert aber genau dies: es bekommt nicht die heile Welt einen Riss, sondern der Wahn, der glauben machen möchte, eine heile Welt sei zu erwarten. Und wie jeder Wahn ist dieser Wahn radikalisierbar und in Fanatismus umsetzbar. So zeigt sich zuletzt, dass der Fanatiker, der Terrorist, der Unmensch nur an einer heilen Welt erkrankt ist, die er – wie alle anderen auch – nicht versteht. So ist der Täter nur ein Verräter, der wie alle anderen Verräter behandelt wird: als Unmensch, der eine Ordnung stört, die es gar nicht gibt. Die Schreckenstat ist eine Tat des Verrats, und nur deshalb kann er bestraft werden, weil nur so der Schrecken wieder gut gemacht werden kann. Die Strafe versöhnt und reguliert den Wahn.
Und so bleiben Tat wie Täter gerade angesichts der aufregten Diskussionen eben durch diesselben reichlich unerkannt.

%d Bloggern gefällt das: