Die Struktur der modernen Arroganz. Ein Beitrag zur #Trollforschung

Die Welt ist nicht so, wie sie ist. Wie auch immer sie sonst noch sein mag: so, wie sie geworden ist, ist sie; nicht wie sie ist, ist sie geworden. Aber so, wie sie geworden ist, ist sie dann auch, auch dann, wenn man berücksichtigt, dass sie anders hätte werden können. Jedenfalls und immerhin: so wie die Welt ist, so wird sie nicht bleiben. Alle Welt ist Weltwerden.
Man kann das als eine besinnliche Rotwein-Meditationsübung hinnehmen und es ansonsten dabei belassen, die Welt so hinzunehmen, wie sie ist. Aber irgendwie klappt das nicht, es kommt immer etwas dazwischen.
Alle Welt ist Weltwerden heißt: wir haben es mit Evolution zu tun, mit einem hoch komplexen und riskantem Spiel, das sich aus sich selbst heraus entfaltet, bei seinem Verlauf die Regeln hervorbringt, nach welchen es funktioniert, diese Regeln ändert, vergisst, neu erfindet. Und schließlich handelt es sich um ein Spiel, das sich selbst in Erfahrung bringt und auch noch den Spieleinsatz herausfindet, dessentwegen das Spiel so anregend war: es ging immer schon um nichts. Aber das muss man erst einmal begreifen, was gar nicht so einfach ist wie man glauben möchte.
Wenn man deshalb, bei aller Besinnlichkeit und bei Erhaltung des konzentrierten Nachdenkens, alle Welt als Weltwerden beschreiben kann, so dürfte man, mag der Verdruss gelegentlich auch überhand nehmen, insbesondere dann, wenn die Götter ein Zeichen der Veränderung senden, allen Grund haben, dem Verlauf des Spiels mit Spannung zu folgen. Und wenn Ernüchterung eintritt, dann könnte man die Gelegenheit nutzen und fragen, woher denn eigentlich diese Spannung kommt, dieses hoffnungsfrohe Ausgreifen in die Zukunft, diese Erwartung des Heils, der vergnügliche Zustand künftiger Erfüllung.
Wie stets muss gar nicht viel passieren um Anlass zu komplizierter Grübelei zu finden. Bei Netzpiloten war ein Artikel von Jörg Wittkewitz erschienen, der sich mit einem Thesenpapier von Dirk Baecker beschäftigt, welches zuvor bereits bei autopoiet besprochen und diskutiert wurde. Sowohl da als auch dort ereignete sich im Anschluss ein Schwarmüberfall von Kommentaren, die weitere Kommentare nach sich zogen und welcher schließlich eine Diskussion erbrachte, die sich bald mit der Diskussion der Diskussion beschäftigte. Ergebnis: am besten ist, man lässt es sein: produktiver Abbruch und Verlagerung auf ein anderes mal. Und wer möchte glauben, dass es beim nächsten Mal besser wird? Was liegt in diesem Fall näher als eine Generalabrechnung mit dieser aussichtslosen Internetkommunikation? Interessant übrigens, dass auch dann, wenn etwa Stefan Schulz weiß oder wenigstens andeutet, dass solche Generalabrechnungen selbst schon zur Routine der Internetkommmunikation gehören, noch immer etwas dazu gesagt werden muss, obwohl man mit der Zeit vermuten kann, dass es wohl kaum noch Entscheidendes geben könnte, das vergessen wurde. Oder nicht?
Wie auch immer, die Kommunikation dreht am Rad, was vermutlich daher kommt, dass der Lernprozess, der akutell stattfindet, unbeobachtet bleibt, weil etwas anderes als Lernbereitschaft der Latenz der Beobachtung unterliegt. Die Rede wäre hier von einer spezifischen Struktur der Arroganz, wie sie durch moderne Kommunikationssysteme zustande kommt und sich durch diese selbstreferenziell erhärtet.
Als Ausgangspunkt für diese Überlegung könnte dieser Tweet genommen werden, den Stefan verlinkt:

Infolge dieser Bemerkung ließ sich Stefan, der ansonsten eine geduldige Art des Argumentierens pflegt, entmutigen, gleichwohl wissend, dass Entmutigungen zum Geschäft gehören. Wie anders könnte Kommunikation Anlässe zur Ermutigung ihrer Fortsetzung liefern, wenn sie nicht zugleich auch Entmutigungen zustande brächte? Und wie könnte die Entmutigung entstehen, resp. wie könnte man sich ermutigt fühlen, Entmutigung zu problematisieren?
Wie kann es gelingen, dass die Beobachtung der Arroganz anderer nicht zuerst selbst als arrogante Bemerkung beobachtet und als solche entsprechend kommuniziert wird? Wie kann es gelingen, dass im Anschluss an eine solche Bemerkung, das „Für und Wider“ ob ihrer Berechtigung, also ihr Beleidigungscharakter eher und ernstzunehmender ins Auge sticht als die Frage, aus welcher Quelle sich solche arroganten Bemerkungen speisen?
Nicht viel anders verhält es sich mit diesem erfolgreichen Entmutigungsversuch:

Hier ist bemerkenswert, dass der Autor sich anschließend in die Diskussion einmischte und mehr Rationalität einforderte, ohne gleichwohl Auskunft darüber zu geben, wer diese Forderung zuerst erfülllen sollte. Die Verweigerung dieser Auskunft könnte möglicherweise daher rühren, dass sie bereits als „Gegeben“ vorausgesetzt wird, dass sich nämlich die „hochnäsig anderen“ zuerst darum bemühen sollten und nicht das arrogante Selbst, das sich hier bemerkbar macht.
Das hängt aber keineswegs mit den Charaktereigenschaften der beteiligten Menschen zusammen, denn über die ist kaum etwas Wahres bekannt. Alles, was bekannt ist, besteht allenfalls aus irregeleiteten Spekulationen, die ihren eigenen Verifikationshorizont ermitteln und sich anschließend zur Wahrheit erhärten. Beobachtbar sind hier zunächst nur verkettete Operationen, die für sie geeignete Beobachtungen zulassen. Und immer dann, wenn Beobachtungen beobachtbar werden, ist immer zugleich auch die andere Seite im Spiel, die durch die Beobachtung abgesondert wird; die andere, unsichtbare Seite, von welcher aus gesehen wird, was man sehen kann. Es geht um den blinden Fleck und um die Frage, warum an allen Stellen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit dasselbe Anschlussverhalten beobachtbar wird. Welche „verschworene Gemeinschaft“ zeigt sich beleidigt, wenn solche Geringschätzungsbekundungen aufkommen? Warum entmutigt das? Ich vermute, es liegt an diesem arroganten Selbst, das sich nicht selbst beoachten kann.
Die moderne Gesellschaft hat eine spezifische Form der Arroganz ausgebildet, welche sich durch ein historisches überliefertes Problem zunächst als Lösung entwickelte: die Erbsünde des Menschen. Diese altchristlichen Strukturen der grundsätzlichen Sündhaftigkeit des Menschen als Abstandsunterschied zwischen Welt und Gott lieferte das Medium, aus dem heraus sich eine Vorstellung von menschlicher Bedürftigkeit und Menschenrechten entwickelte. Was uns späteren Menschen möglicherweise nur schwer einleuchten kann ist, wie sehr die Befreiung aus dieser Zwangsjacke als hoffnungsfrohe Entwicklung die Ausgangsbedingung änderte, durch die solche Formenbildung attraktiv wurden. Kaum ein Mensch versteht noch was es heißen mag, mit einer Erbsünde belastet zu sein, weshalb man entsprechend schwer nachvollziehen kann, was es bedeutet, in diesen Irrtum Einsicht zu nehmen. Stattdessen ist den Erben diese Form der Menschenwürde überliefert und geschenkt worden. Die Evolution hatte in der Folge die Spielregeln geändert, insofern diese Form nun schließlich selbst problematisch werden muss, wenn sie legitim und geteilt in Anspruch genommen wird. Könnte das sein? Dass die moderne Vorstellung von Menschenwürde anfängt an die Grenze einer Menschenrechtsverletzung zu kommen?
Es kommt nicht darauf an, eine solche Überlegung als Übertreibung zurückzuweisen, sondern diese Übertreibung als den vielleicht harmlosen Problemfall zu betrachten: das Internet ermöglicht eine Vollinklusion von Menschen, wie man sie möglicherweise aus Systemen der Intimbeziehungen kennt, allerdings mit dem Unterschied, dass das Internet eine Intimität durch Anonymität schafft. Man bedenke, dass ein schnell geschriebener Tweet in ganz kurzer Zeit viele tausend Menschen erreichen kann und genauso schnell Reaktionen wahrscheinlich macht, wenn die Beteiligten von einander wissen, dass sie per Twitter erreichbar sind. Ruckzuck kann so ein Strukturphänomen blitzartig entstehen, welches allerdings nicht genau so schnell wieder verschwindet: eine Struktur, welche die Beobachtung des „Erwischtwordenseins“ beobachtbar macht und gleichzeitig dafür sorgt, dass man beim „Erwischtwordensein“ nicht erwischt werden kann. Das gelingt, indem anschließend darüber diskutiert wird, also eine Diskussion über die Diskussion in Gang kommt, die durch ein angepasstes Maß an Selbstreflexivität affirmativ diejenige Kritik verdeckt, durch welche sie möglich wurde.
Ergebnis: das arrogante Selbst kann seine Unbeobachtbarkeit gerade dadurch retten, dass es noch zulässt, sein Beleidigtsein kommunikativ zu reflektieren, um seine Stolz bewahren zu können, was zur Folge hat, dass das Rad, an dem die Kommunikation dreht, die Kommunikation weiter dreht als wäre nicht gewesen.
Und ich vermute, dass solche Strukturen der Arroganz eben jenes Medium bilden, aus dem sich interessante Formen der Internetkommunikation herausbilden.
Weiter mit: Das proteische Selbst als eine polymorph-perverse Masse
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