Kontrollverlust und Affektkontrolle #postprivacy

Stefan Schulz hat bei den Sozialtheoristen mal wieder einen sehr schönen Artikel über diese postprivacy-Diskussion geschrieben; und ich merke, dass ich mich in Zukunft, was Beifall und Zustimmung zu seinen Artikeln angeht, etwas zurückhalten muss, weil das irgendwie anfängt, verdächtig zu werden. Aber einmal darf ich noch, denn es sind in dem Artikel gute Sätze zu lesen; gefallen hat mir der:

„Gute Partys gehen in Mysterien über.“

So kommt man der Sache am nächsten.
Schon seit längerer Zeit, noch vor dieser Diskussion, von welcher man ja sagen kann, dass sie nicht mehr kantengenau Spaß und Ernst voneinander trennen will, habe ich angefangen darüber nachzudenken, was die Zukunft der bekannten „politischen Diskussion“ sein könnte. Die althergebrachte Form der politischen Diskussion zeichnete sich ja nicht nur durch eine halsbrecherische Humorlosigkeit aus, sondern vor allem dadurch, dass die Beteiligten sich gegenseitig mit überzogenen Ansprüchen an vernünftige Rede bedrängten, was konsequenterweise immer wieder die Affektkontrollen überprüfbar machte und damit die Eskalation unhaltbarer Erwartungen auf solche Ansprüche genauso anfeuerte wie unterdrückte. Die „politische Diskussion“ lieferte damit für Humoristen immer wieder Material bis man bald bemerken konnte, dass diese Diskussionsform selbst mit dem Geschäft von Humoristen und Kabarettisten konkurrierte. Damit wissen diese Künstler bis heute nicht umzugehen. Man könnte deshalb vermuten, dass mit dem Niedergang dieser Gesprächsform auch das Kabarett zerfällt.
Interessant an dieser Spackeria-Diskussion ist wohl, dass langsam gelernt wird, wie man mit dem performativen Selbstwiderspruch umgehen kann, der klassischerweise in der Erwartung zum Ausdruck kommt, von der Gegenseite nur vernünftige Argumente zu akzeptieren, womit fraglich wird, ob dieser Anspruch selbst vernünftig ist, weil diese Erwartung auch von der Gegenseite erbracht wird und notwendig die Skepsis steigert, wenn man bemerkt, dass beim Durchlauf durch diese Routine keiner mehr etwas Vernünftiges zu sagen hat. Was macht man also, wenn dieser Selbstwiderspruch immer aufdringlicher die Selbstbeobachtung dirigiert? Man vermeidet, man verschweigt ihn nicht mehr, sondern inszeniert ihn, womit letztlich das Problem der Diskussion in Indifferenz überführt wird. Wenn man in Erfahrung gebracht hat, dass erstens Argumente nicht mehr überzeugen wegen der prinzipiellen Kontingenz all dessen, was argumentierbar ist, und dass zweitens auch die Beschimpfung und Beleidung nichts anderes erbringt als die wiederholte Beobachtung der Unzugänglichkeit der Argumente für einander, so muss schließlich die Eskalation auf der Affektebene weiter geführt werden. Aber jetzt unter der Bedingung der Selbstbeobachtung der Affekte, was ja in dieser Spackeria-Diskussion dazu führt, dass die Geringschätzungen der Gegenseite durch Selbstwertschätzung reflektiert werden. Zweck der Diskussion ist dann nicht mehr ein Trainingsprogramm, das Vernunft heran züchten könnte um zu überzeugen, sondern eines, dass die Affektkontrolle selbst kontrolliert mit dem Ergebnis, dass, wer zuerst anfängt zu lachen, wer zuerst die Affektkontrolle fallen lässt, den unhaltbaren Humorcharakter einer solcher Diskussion entblößt. Kontrolliert würde dann der Kontrollverlust der Affektkontrolle.
Ich glaube, die Metapher der Party, wie Stefan sie benutzt, ist daher gut gewählt ist. Vielleicht können wir mit dieser Diskussion ein kleinwenig in die Zukunft schauen, in welcher dann die politische Diskussion als folkloristische Reminiszenz inszeniert würde. Ich würde dies als sozialen Fortschritt bewerten.

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