Die Schwarmintelligenz der Verschwörer #verschwoerungstheorien

Will man Verschwörungen zum Gegenstand reflexiver statt rationaler Theorien machen, wird man feststellen, dass Theorien dieser Art entweder einen enormen Aufholbedarf haben oder furchtbar uninteressant sind. Uninteressant bleiben sie, solange sie sich irreflexiv gegen sich selbst verhalten; und solange ein Markt, der solche Irreflexivität handelbar macht und sich selbst nicht reflektieren kann, anspruchsvolle Theorieangebote als rationale Angebote unterbreitet, können Verschwörungstheorien nicht verschwinden, weil Märkte dieser Art an der Trivialität genauso leiden wie sie von diesem Leiden profitieren. Rational könnten sie erst wieder werden, wenn sie lernen, die Unwahrscheinlichkeit einer jeden Verschwörung als den normalen Fall aller wahrscheinlichen Möglichkeiten zu behandeln. Es käme in diesem Fall praktisch darauf an zu lernen, was unwahrscheinlicherweise im Normalfall geschieht.
Die Ausgangsbedingungen dafür sind vielleicht gar nicht so schlecht.
Nicht erst die Tötung eines prominenten Weg-Werf-Terroristen in letzter Zeit gab Anlass zu rechtschaffender, wenn auch nicht zu rechtfertigender Auffassung, dass da im Ganzen etwas nicht stimmen kann. Man erinnere sich an das Jahr 2003, indem vom deutschen Bundesverfassungsgericht ein Verbotsantrag der NPD abgelehnt wurde, nachdem bekannt wurde, dass die NPD mit V-Leuten des Verfassungsschutzes unterwandert sei. Die Frage, ob es sich bei der NPD um eine verfassungswidrige Partei handelte, konnte damals nicht geprüft werden, weil man aus rationalen Gründen nicht den Verdacht aufkommen lassen konnte, der Verfassungsschutz könne verfassungsfeindlich sein. Reflexiv konnte man ahnen, dass es so sei, wer dies aber behauptete, musste sich verdächtigen lassen, rational zu argumentieren, was in vielerlei Hinsicht unangenehme Folgen hätte haben können und sei es nur, dass man in der WG seltsam angeschaut wurde. Denn die Zeiten, in den die Rationalität einer derartigen politischen Auffassung in WGs irreflexiv behandelt wurde, waren lange schon vorbei. In den 70er Jahren wäre damit immerhin noch alles klar gewesen und zwar nicht nur in einer Studenten-WG. Verfolgt man die Berichterstattung über den Fall Buback und die Anklage gegen Verena Becker, so wird man, was Klarheit angeht, mindestens zu der Auffassung kommen können, dass da etwas ziemlich Wichtiges unklar bleiben soll. Wenn man auch nicht genau weiß was da passierte, so kann man immerhin sagen, dass staatliche Stellen im RAF-Terror verstrickt gewesen sein konnten; und das ist kein Verdacht, der rational gesehen übertrieben wirken mag. Aber reflexiv gesehen ist das nur eine Meinung, die jeder haben darf. Es käme auf Beweise an, die allerdings keiner kennt.
Wer möchte in diesem Zusammenhang ernsthaft glauben, dass der Al-Quaida-Terrorismus ein singuläres und unverbundenes Element im globalen Geschehen einer ansonsten hochgradig vernetzen Welt ist? Oder die CIA? Um jedes Missverständnis aufkommen zu lassen: ich selbst bin bekennender Verschwörungstheoretiker und glaube fest daran, dass die Weltverschwörung im Gange ist, wenn ich auch nicht daran glaube derjenige zu sein, der sie durchschaut, zumal ich längst vermute derjenige zu sein, der von ihr durchschaut wird.
Aber zurück zum Ernst der Sache: Ich kenne keine prominent und glaubwürdig behandelte Meinung über eine Publikation, die nachweist, dass amerikanische, europäische und asiatische Geheimdienste in den Al-Quaida-Terrorismus verstrickt sind, ja sogar diesen Terrorismus initiiert, finanziert und propagiert haben. Und ich wette meine ganze Unschuld darauf, dass es nicht mehr allzu lange dauert, bis solche Publikationen die Runde machen, indem sie sich gegen den trivialen verschwörungstheoretischen Mainstream durchsetzen und einige Peinlichkeiten enthüllen. Aber das könnte nur gelingen, wenn solche Publikationen ihr Design ändern.
Denn der Grund, warum ein solches seriöses und glaubwürdiges Buch bislang nicht auf den Markt gekommen ist, mag an der „Schwarmintelligenz der Verschwörer“ liegen. Man frage sich einmal wieviele bekloppte Menschen es auf der Welt gibt, die ernsthaft und halsstarrig an Verschwörungstheorien glauben? Ich glaube, dass es zwar einige gibt, aber auch nicht übermäßig viele. Wo kämen dann aber die vielen Verschwörungstheorien her? Der klassische Verschwörungstheoretiker würde diese vielen Verschwörungstheorien als eine Leistung der Verschwörer bezeichnen, die verhindert, dass die Hintergründe seriös aufgeklärt werden können. Denn je mehr hirnrissige Verschwörungstheorien in Umlauf kommen umso schwerer wird es für Ermittler und Enthüllungsjournalisten, ihre Seriösität zu behaupten, weil man ganz schnell Gefahr läuft, in die Schublade der Verschwörungstheoretiker einsortiert und dann nicht mehr ernst genommen zu werden. Gerade dieses Schicksal widerfährt gerade Michael Buback, der emsig die Hintergründe des Attentats gegen seinen Vater aufklärt und immer Gefahr läuft, einsortiert zu werden. Und soweit ich das beurteilen kann, macht er alles richtig. Höchst peinlich würde es allerdings werden, wenn er einen Selbstverdacht äußern würde, eine Falle, in die alle Anfänger tappen, indem sie unaufgefordert zur Auskunft geben: „Ich bin kein Verschwörungstheoretiker, aber…“
Und solange Ermittlern diese Falle gestellt ist, kommen sie nicht zurecht. Denn alles, was sie wie auch immer und mit welchem Aufwand recherchieren wird als eine von vielen Verschwörungstheorien abgetan und anschließend durch das Internet trivialisiert. Der „Schwarm der Verschwörer“ blockiert dadurch, dass er alle Rationalität der Theorien in Trivialität auflöst, die Überzeugungkraft von Ergebnissen, die sich auf gleiche Weise rational beurteilbar machen wollen. Ich selbst bin zwar Verschwörungstheoretiker, aber ich glaube nicht, dass man das durchschauen kann. Denn wer verdunkelt? Und wer klärt auf? Wenn sich beide Seiten rational verstehbarer Methoden bedienen, um ihr Geschäft zu betreiben, bleibt am Ende nur Intransparenz und damit das nützliche Dickicht, dem alle ausgesetzt sind, um das Geschäft der Aufklärung und Gegenaufklärung fortzusetzen.
Zur Änderung eines Theoriedesigns müsste zuvor verstanden werden, dass dieser Schlamassel durch die trivale Verwendung einer ganz spezifischen Form der Erfahrung entsteht, welche überall in der Gesellschaft anschlussfähig ist, weil sie überall akzeptiert wird: die Dokumentform, welche Beweisbarkeit, Beherrschbarkeit und Durchschaubarkeit in Aussicht stellen konnte als ihr Grad der Akzeptanz noch steigerungsfähig war. Inzwischen dürfte der Abstieg dieser Akzeptanzkurve angefangen haben, aber es gibt noch keinen Ersatz.
Ersatz könnte vielleicht durch Forschungen über Schwarmintelligenz erarbeitet werden. Denn was wäre ein Schwarm anderes als die Koordination von Koordinationen, die nachweislich keine Mitte, keine Spitze, keine Adresse hat? Der Schwarm wäre eine Verschwörung ohne Konspiration. So lange aber Forscher die Schwarmintelligenz als Gegenstand betrachten, über den Aussagen getätigt werden könnten ohne ihn dadurch zu manipulieren, kommen sie nicht zurecht. Der Weg wäre, Schwarmintelligenz von innen zu betrachten, was die Betrachtungsweise eines operativen Konstruktivismus notwendig macht. Daraus ableitbare Theorien hätten Standards der Reflexivität zu erfüllen, um rational beurteilt werden zu können. Aber das erfordert eine von bekannten Verfahren abweichende Form der Erfahrungsbildung, die nur sehr langsam und mit dem Zutun aller, also dem ganzen Schwarm erbracht werden kann.

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